Brunnen wäre nicht das erste und nicht das letztefGlied in
der Erziehung der guten Fähigkeit und der schöpferischen
Kraft gewesen und die Quellen, die versiegt sind, müßten
heute noch hell sprudeln, zu aller Labung, wie in den besten
Zeiten. Aber wie der Bürgermeister denkt, so denkt jeder
einzelne, und wie jeder einzelne denkt, so denkt schließlich
der Staat, und überall bietet sich das gleiche Bild einer
achtlosen und brutalen Vernachlässigung dar, die nicht allein
und nicht so sehr zum Untergang der Kunst, als zum Unter'
gang des Menschenwohles führt.
Statt daß die Armen leben könnten wie die Reichen (soweit
es die allgemeinen Kulturmittel einer Zeit ermöglichen),
leben die Reichen so wie die Armen. Von einem Plus an
grobmateriellen Genüssen abgesehen, hat der wohlhabende
Durchschnittsmensch nicht mehr höhere Bedürfnisse und
Ansprüche als der unter dem Druck seiner Armut Ent
behrende. Die allgemeine Lebensführung, die nach dem
höchsten Stand der Kulturmöglichkeit bemessen sein sollte,
ist in der Tat nach der tiefsten Kulturstufe eingerichtet. Die
zahllosen unsichtbaren Verbindungsfäden, die durch das
gegenseitige Geben und Nehmen entfalteter und freudig
schaffender Kräfte hergestellt, und das soziologisch wichtige
Moment der einenden Liebe und Freundschaft, entwickelt
auf Grund der Achtung, Anerkennung, Hilfsbereitschaft und
Gerechtigkeit, scheinen durchschnitten, die einzelnen isoliert,
von Mißtrauen, Haß, Betrug und einer Scheingerechtigkeit
umgeben, die den Gewalthaber schützt. Diese Folge mußte
notwendig eintreten, als man anfing, das Genie zu fürchten,
die Entwicklung und Leistungsfähigkeit der Begabung, die
schöpferische Persönlichkeit gering zu achten, ihre Erziehung
zu vernachlässigen und ihre Entfaltung zu hemmen. Die
Wertquelle ist nicht nur getrübt und verunreinigt, sondern
verschüttet. Ein großer Teil der Arbeit aus den letzten
fünfzig Jahren würde, wenn er ungeschehen gemacht werden
könnte, nicht vermißt werden; die Welt hätte nur gewonnen,
wenn so viele Stoffe und Kräfte, die verarbeitet worden
sind, einem besseren Gebrauche aufgespart worden wären.
Die Versäumnisschuld, die die Besitzenden trifft, ist um so
größer, als sie alle materiellen Mittel haben, sich zu bilden
und empfänglich zu machen für die Unterscheidung des
Guten und Schlechten, und als sie durch ihre Beispiele hätten
erziehlich wirken müssen, so wie sie mit ihrer Flauheit,
ihrer Teilnahmslosigkeit und Engherzigkeit verderblich ge-
wirkt haben. Anstatt die Wertquellen im höchsten Sinne
zu steigern und zu jedes einzelnen Arbeitenden Lust und
Freude ergiebiger zu machen, haben sie aus mißtrauischer
Furcht alle Zuläufe vermauert und Büttel vor alle Tore ge-
stellt. Der Staat, die Schule, die Gesetze, die Verordnungen,
sie leisten alle Bütteldienste für den satten Philister. Sie
sorgen mit allen Mitteln, die doch immer wieder durch die
Leistungsfähigkeit der werteschaffenden höheren Kraft des
Talentes aufgebracht werden müssen, für die Züchtung der
Unkraft, der Unfähigkeit und der unterwürfigen Mittelmäßig'
keit, also gerade das, was die Welt am wenigsten braucht.
Diese Klasse Menschen, die selbstgenügsam dahinlebt und
an ihre äußere Umgebung keine Ansprüche zu stellen ge'
wohnt ist, kein Schönheitsempfinden und vor allem kein
Persönlichkeitsempfinden und kein Unterscheidungsvermögen
besitzt, sich mit Surrogaten begnügt und einem ungefähren
Schein, die also den heutigen Durchschnitt bildet, hat als
einflußreiche Majorität alles nach ihrem Durchschnitt ein'
gerichtet. Sie lebt schlecht, wohnt schlecht, hat schlechte
Schulen, schlechte Verordnungen, schlechte Häuser, schlechte
Wirtschaft, schlechte Leistungen auf allen Gebieten.
(Fortsetzung im nächsten Hefte.)
DARMSTADT.
EIN BEISPIEL MODERNER KUNSTPOLITIK.
as war Darmstadt noch vor zehn Jahren? Eine
kleine deutsche Residenz, von der man nicht viel
mehr als den Namen kannte. Und heute ist sie
fast eine große Residenz der Kunst, ein künst'
lerischer Sammelpunkt, auf den alle Blicke gerichtet sind.
Neben der alten Kunststadt München hat es sich zu einem
schnellen Ansehen aufgeschwungen; gegen das kleine Darm'
stadt gehalten, erscheint verhältnismäßig selbst das riesige
Berlin, künstlerisch betrachtet, zwergenhaft.
Wie kam dieses Wunder zu stände?
Darmstadt ist ein Beweis für die wirtschaftliche Tragweite
verständnisvoller Kunstförderung. Der Großherzog Ernst
Ludwig, der vor wenigen Jahren eine Anzahl hervorragender
moderner Künstler berief, hat in der richtigen Erkenntnis
gehandelt, daß nur die stärksten produktiven Kräfte der
Stadt geben können, was sie zu ihrer Entwicklung braucht.
Das Problem der modernen Kunstpflege im größeren Stile
ist hier nahezu ganz geglückt. Betriebsame Hände haben
voll zu tun, die von den Künstlern gestellten Aufgaben zu be'
wältigen, das Stadtbild entwickelt sich in durchwegs künst'
lerischer Weise und lockt von Jahr zu Jahr mehr Besucher
nach Darmstadt. Die ganze Stadt hat ein prächtiges Gedeihen.
Das hat sie vor allem den Künstlern zu danken, die von
der weisen Kunstpolitik des Regenten gefördert, ein reiches
Wirkungsfeld gefunden haben. Darmstadt ist auf dem besten
Wege, eine der am besten und schönsten ausgebauten Städte
zu werden. Um einen alten Stadtkern ziehen die neuen
architektonisch hervorragenden Anlagen; wenn auch zahl'
reiche alte Bauwerke eingehende Beachtung verdienen, so
sind sie es doch nicht, die den Schwerpunkt des Interesses
bilden; Darmstadt wirkt anziehend durch die neue Kunst,
die ihr das Wesen eines der lieblichsten Wohnorte zu geben
verspricht und zum großen Teil schon gegeben hat.
Auf diese Art ladet die Stadt nicht nur zu flüchtigem Be'
suche, sondern zu dauerndem Verweilen und Ansiedeln ein.
So wirkt die Kunst, die das Leben dort angenehm und
schön macht, auch in dem weiteren Sinne wirtschaftlich, als
sie denen, die sich’s leisten können, Veranlassung gibt, ihr
Geld im Lande oder vielmehr in dieser Stadt zu verzehren.
Wenn das doch die Gemeindepolitiker aller Städte begreifen
würden! Aber noch in einem anderen Sinne ist Darmstadt
belehrend. Hier sieht man Altes und Altertümliches mit
den modernsten baukünstlerischen Formen Zusammenstößen,
ohne es anders zu empfinden als durchaus gerecht und har'
monisch.
Es ist durchaus gerecht und kann gar nicht anders wirken
als harmonisch, wenn der Künstler nur den Gesetzen seiner
Aufgabe, seines Materiales und seines Geistes, der der Geist
der Sachlichkeit und Gerechtigkeit ist, folgt; sein Werk
kann ruhig neben dem Alten stehen, es wird diesem keine
Beeinträchtigung zufügen, aber es wird selbst von ihm nicht
beeinträchtigt werden. Denn was an den alten Werken gut
und edel erscheint, ist ja wieder nichts anderes als jener
Geist der Sachlichkeit und Gerechtigkeit, allerdings der Auf
fassung und den Bedingungen einer anderen Zeit ent
sprungen, und darum naturgemäß anders gestaltet. Der Zu
sammenhang der beide, Altes und Neues, im Nebeneinander
und im Kontrast verbindet, liegt wo anders, als er gewöhnlich
gesucht wird; vor allem liegt er nicht im Nachahmen von
Äußerlichkeiten. Aus der heute noch leider allgemein gel
tenden Forderung von der „stilvollen Anpassung des Neuen
an die Formen der alten Umgebung“ ist noch niemals
380