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Full text: Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 1. Jahrgang 1904/05

Brunnen wäre nicht das erste und nicht das letztefGlied in 
der Erziehung der guten Fähigkeit und der schöpferischen 
Kraft gewesen und die Quellen, die versiegt sind, müßten 
heute noch hell sprudeln, zu aller Labung, wie in den besten 
Zeiten. Aber wie der Bürgermeister denkt, so denkt jeder 
einzelne, und wie jeder einzelne denkt, so denkt schließlich 
der Staat, und überall bietet sich das gleiche Bild einer 
achtlosen und brutalen Vernachlässigung dar, die nicht allein 
und nicht so sehr zum Untergang der Kunst, als zum Unter' 
gang des Menschenwohles führt. 
Statt daß die Armen leben könnten wie die Reichen (soweit 
es die allgemeinen Kulturmittel einer Zeit ermöglichen), 
leben die Reichen so wie die Armen. Von einem Plus an 
grobmateriellen Genüssen abgesehen, hat der wohlhabende 
Durchschnittsmensch nicht mehr höhere Bedürfnisse und 
Ansprüche als der unter dem Druck seiner Armut Ent 
behrende. Die allgemeine Lebensführung, die nach dem 
höchsten Stand der Kulturmöglichkeit bemessen sein sollte, 
ist in der Tat nach der tiefsten Kulturstufe eingerichtet. Die 
zahllosen unsichtbaren Verbindungsfäden, die durch das 
gegenseitige Geben und Nehmen entfalteter und freudig 
schaffender Kräfte hergestellt, und das soziologisch wichtige 
Moment der einenden Liebe und Freundschaft, entwickelt 
auf Grund der Achtung, Anerkennung, Hilfsbereitschaft und 
Gerechtigkeit, scheinen durchschnitten, die einzelnen isoliert, 
von Mißtrauen, Haß, Betrug und einer Scheingerechtigkeit 
umgeben, die den Gewalthaber schützt. Diese Folge mußte 
notwendig eintreten, als man anfing, das Genie zu fürchten, 
die Entwicklung und Leistungsfähigkeit der Begabung, die 
schöpferische Persönlichkeit gering zu achten, ihre Erziehung 
zu vernachlässigen und ihre Entfaltung zu hemmen. Die 
Wertquelle ist nicht nur getrübt und verunreinigt, sondern 
verschüttet. Ein großer Teil der Arbeit aus den letzten 
fünfzig Jahren würde, wenn er ungeschehen gemacht werden 
könnte, nicht vermißt werden; die Welt hätte nur gewonnen, 
wenn so viele Stoffe und Kräfte, die verarbeitet worden 
sind, einem besseren Gebrauche aufgespart worden wären. 
Die Versäumnisschuld, die die Besitzenden trifft, ist um so 
größer, als sie alle materiellen Mittel haben, sich zu bilden 
und empfänglich zu machen für die Unterscheidung des 
Guten und Schlechten, und als sie durch ihre Beispiele hätten 
erziehlich wirken müssen, so wie sie mit ihrer Flauheit, 
ihrer Teilnahmslosigkeit und Engherzigkeit verderblich ge- 
wirkt haben. Anstatt die Wertquellen im höchsten Sinne 
zu steigern und zu jedes einzelnen Arbeitenden Lust und 
Freude ergiebiger zu machen, haben sie aus mißtrauischer 
Furcht alle Zuläufe vermauert und Büttel vor alle Tore ge- 
stellt. Der Staat, die Schule, die Gesetze, die Verordnungen, 
sie leisten alle Bütteldienste für den satten Philister. Sie 
sorgen mit allen Mitteln, die doch immer wieder durch die 
Leistungsfähigkeit der werteschaffenden höheren Kraft des 
Talentes aufgebracht werden müssen, für die Züchtung der 
Unkraft, der Unfähigkeit und der unterwürfigen Mittelmäßig' 
keit, also gerade das, was die Welt am wenigsten braucht. 
Diese Klasse Menschen, die selbstgenügsam dahinlebt und 
an ihre äußere Umgebung keine Ansprüche zu stellen ge' 
wohnt ist, kein Schönheitsempfinden und vor allem kein 
Persönlichkeitsempfinden und kein Unterscheidungsvermögen 
besitzt, sich mit Surrogaten begnügt und einem ungefähren 
Schein, die also den heutigen Durchschnitt bildet, hat als 
einflußreiche Majorität alles nach ihrem Durchschnitt ein' 
gerichtet. Sie lebt schlecht, wohnt schlecht, hat schlechte 
Schulen, schlechte Verordnungen, schlechte Häuser, schlechte 
Wirtschaft, schlechte Leistungen auf allen Gebieten. 
(Fortsetzung im nächsten Hefte.) 
DARMSTADT. 
EIN BEISPIEL MODERNER KUNSTPOLITIK. 
as war Darmstadt noch vor zehn Jahren? Eine 
kleine deutsche Residenz, von der man nicht viel 
mehr als den Namen kannte. Und heute ist sie 
fast eine große Residenz der Kunst, ein künst' 
lerischer Sammelpunkt, auf den alle Blicke gerichtet sind. 
Neben der alten Kunststadt München hat es sich zu einem 
schnellen Ansehen aufgeschwungen; gegen das kleine Darm' 
stadt gehalten, erscheint verhältnismäßig selbst das riesige 
Berlin, künstlerisch betrachtet, zwergenhaft. 
Wie kam dieses Wunder zu stände? 
Darmstadt ist ein Beweis für die wirtschaftliche Tragweite 
verständnisvoller Kunstförderung. Der Großherzog Ernst 
Ludwig, der vor wenigen Jahren eine Anzahl hervorragender 
moderner Künstler berief, hat in der richtigen Erkenntnis 
gehandelt, daß nur die stärksten produktiven Kräfte der 
Stadt geben können, was sie zu ihrer Entwicklung braucht. 
Das Problem der modernen Kunstpflege im größeren Stile 
ist hier nahezu ganz geglückt. Betriebsame Hände haben 
voll zu tun, die von den Künstlern gestellten Aufgaben zu be' 
wältigen, das Stadtbild entwickelt sich in durchwegs künst' 
lerischer Weise und lockt von Jahr zu Jahr mehr Besucher 
nach Darmstadt. Die ganze Stadt hat ein prächtiges Gedeihen. 
Das hat sie vor allem den Künstlern zu danken, die von 
der weisen Kunstpolitik des Regenten gefördert, ein reiches 
Wirkungsfeld gefunden haben. Darmstadt ist auf dem besten 
Wege, eine der am besten und schönsten ausgebauten Städte 
zu werden. Um einen alten Stadtkern ziehen die neuen 
architektonisch hervorragenden Anlagen; wenn auch zahl' 
reiche alte Bauwerke eingehende Beachtung verdienen, so 
sind sie es doch nicht, die den Schwerpunkt des Interesses 
bilden; Darmstadt wirkt anziehend durch die neue Kunst, 
die ihr das Wesen eines der lieblichsten Wohnorte zu geben 
verspricht und zum großen Teil schon gegeben hat. 
Auf diese Art ladet die Stadt nicht nur zu flüchtigem Be' 
suche, sondern zu dauerndem Verweilen und Ansiedeln ein. 
So wirkt die Kunst, die das Leben dort angenehm und 
schön macht, auch in dem weiteren Sinne wirtschaftlich, als 
sie denen, die sich’s leisten können, Veranlassung gibt, ihr 
Geld im Lande oder vielmehr in dieser Stadt zu verzehren. 
Wenn das doch die Gemeindepolitiker aller Städte begreifen 
würden! Aber noch in einem anderen Sinne ist Darmstadt 
belehrend. Hier sieht man Altes und Altertümliches mit 
den modernsten baukünstlerischen Formen Zusammenstößen, 
ohne es anders zu empfinden als durchaus gerecht und har' 
monisch. 
Es ist durchaus gerecht und kann gar nicht anders wirken 
als harmonisch, wenn der Künstler nur den Gesetzen seiner 
Aufgabe, seines Materiales und seines Geistes, der der Geist 
der Sachlichkeit und Gerechtigkeit ist, folgt; sein Werk 
kann ruhig neben dem Alten stehen, es wird diesem keine 
Beeinträchtigung zufügen, aber es wird selbst von ihm nicht 
beeinträchtigt werden. Denn was an den alten Werken gut 
und edel erscheint, ist ja wieder nichts anderes als jener 
Geist der Sachlichkeit und Gerechtigkeit, allerdings der Auf 
fassung und den Bedingungen einer anderen Zeit ent 
sprungen, und darum naturgemäß anders gestaltet. Der Zu 
sammenhang der beide, Altes und Neues, im Nebeneinander 
und im Kontrast verbindet, liegt wo anders, als er gewöhnlich 
gesucht wird; vor allem liegt er nicht im Nachahmen von 
Äußerlichkeiten. Aus der heute noch leider allgemein gel 
tenden Forderung von der „stilvollen Anpassung des Neuen 
an die Formen der alten Umgebung“ ist noch niemals 
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