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Länder hinzu: soviel neue Städte wir aufzählen könnten, so
viel neue Individuen würden wir nennen können.
Eine scheinbare Kleinigkeit genügt, um die Physiognomie
zweier Städte, die im allgemeinen in Geschichte, Lebensweise,
Lage oder sonstwie fast gleichgestellt erscheinen, völlig ver^
schieden zu gestalten — die Lage der einen ist mehr fluß--
aufwärts als die der andern, oder in die Einwohnerschaft
der einen ist zu dieser oder jener Stadt ein fremdes tüdv
tiges Element hineingekommen, seien es holländische Kauf
leute oder französische gewerbtüchtige Emigranten gewesen,
oder in der einen Stadt griff einstmals ein tüchtiger Mann
energisch ein — und die ähnlichen Städte erweisen sich als
zwei völlig verschiedene.
Man vergleiche nur einmal solche Städte, wie’s an der
TJnterelbe, z. B. Hamburg, Stade, Buxtehude, und alle
drei ehemaligen Hansastädte, sind sie (auch Hamburg
ursprünglich) nicht an der Elbe belegen, sondern da, wo
ein kleiner Nebenfluß aus der Geeste in die March ein-
tritt — Hamburg ist die erste Handelsstadt des europäischen
Kontinents geworden, Stade atmet erst jetzt auf von dem
Zwange, den ihm sein noch wohl erkennbarer Forschungs
charakter bis 1866 auferlegte, Buxtehude ist nie etwas anders
gewesen, als eine anmutige Kleinstadt! Das haben die Unter
schiede der Lage, der Bewohner und der Geschichte trotz
der ähnlichen Lage bewirkt.
Was haben Betrachtungen, wie diese, für einen Wert? Sind
sie reine belustigende Spielereien, vielleicht geeignet, dem
fremden Besucher eine Stadt interessanter zu machen?
Das wäre schon etwas sehr Gutes, wenn wir’s dahin brächten,
daß man sich nicht mehr begnügte, die im Reisehandbuch
mit einem Stern versehenen Sehenswürdigkeiten flüchtig zu
beschauen, um stolz sagen zu können, man „kannte“ die
und die Stadt, sondern das Kennenlernen einer fremden
Stadt tiefer aufzufassen, nicht als ein ganz amüsantes Spiel,
gut genug, um eine anderthalbstündige Unterhaltung der
Eisenbahnfahrt auszufüllen, sondern als ein ernstliches
Studium!
Es ist ein Studium, genau so wertvoll für unsere Kunst
erziehung, als das besuchen der jeweiligen Kunstausstellung
— ja, es ist vielleicht noch weit wertvoller!
Aber noch mehr! Sind wir alle erst einmal mehr im stände,
unsere Städte nicht nur als zufällige Ansammlungspunkte
von so und soviel Menschen zu betrachten, die sich so und
soviel Häuser gebaut haben, um nicht naß zu werden oder
zu sonst welchen Zwecken, irgendwo, wo gerade Platz war,
eine Kirche oder ein Rathaus oder einen Bahnhof, sondern
in der Stadt das lebendige eigenartige Kunstwerk zu sehen,
das gerade so viel Pietät und Hochachtung und Aufmerk
samkeit verdient, wie dies oder das teuer bezahlte Gemälde
des Museums, bei dem wir scharf aufpassen, daß nicht dieser
oder jener Pfuscher hineinpinselt, um es zu verbessern oder
zu ergänzen, so würden wir ein gut Stück auf dem Wege
zu einer wirklich in unserm Leben wurzelnden modernen
Kunst weiter sein.
Wir würden in dem Widerstreit zwischen alterhaltenem und
neuem Leben den richtigen Weg leichter gehen lernen: hier
muß das Alte, sei's eine Straßenlinie, ein einzelnes Haus, eine
Baumgruppe, erhalten bleiben, denn es ist da ein Heiligtum,
da kann dies und das fallen, denn es ist für die Charak
teristik der Stadt nicht wesentlich. Und in dem Neuhinzu-
zufügenden würden wir gleichfalls den Weg leichter finden:
herzliche Liebe zu der Eigenart unserer Stadt muß unser
Tun beseelen, wie sie jeder wahre Künstler zu seiner Auf
gabe, die er sich gestellt, empfindet. Weder Altertümelei,
Kleben am Alten — das haben die Alten, denen wir unsere
alten Stadtkleinode danken, ja auch nicht getan! — noch
herzlos aus Auffallsucht, aus Geschäft oder dergleichen dem
Wesen wahrer Kunst widersprechenden Beweggründen nach
geäfftes Modernistisches, sondern einfach: herzliche Kunst
nach bestem Gewissen und Können des Einzelnen als guter,
der Vaterstadt oder Heimatstadt in all ihrer Eigenheit in
Treue ergebener Sohn.
DIE PFERDESCHWEMMEN IN SALZBURG.
ERHALTUNG DES BESTEHENDEN ODER
WIEDERHERSTELLUNG?
D ie alte Streitfrage dürfte in absehbarer Zeit neu ent
brennen. Es handelt sich um die Pferdeschwemmen
in Salzburg. Jeder kennt sie, der die alte Bischofs
residenz je gesehen. Wir können uns daher kurz
fassen. Jeder Stein ist dort Chronik. Und unantastbares Ver
mächtnis, wie sehr auch gewalttätige Zeiten daran gesündigt
haben mochten. Ein unvergleichliches Bild: die rauhe Höhen
feste und am Fuß des Burgfelsens ein Denkmal höfischer
Kunst, die sogenannte Kapitelschwemme in weißem Marmor
der Fontana Trevi in Rom nachgebildet. Ein hoher Fronton
von jonischen Säulen getragen, die Gestalt Neptuns auf einem
Hippokampen, gewaltige Tritonen, breite Kaskaden und
Wasserstrahlen, die in das Bassin hinunter rauschen.
Die andere Pferdeschwemme am Siegmundsplatz, dicht an der
Mönchswand, trägt in dem in Felder eingeteilten Hintergrund
heute noch sichtbare Spuren von Freskomalereien. Unbehütet
sind sie unter dem Einfluß der Witterung ganz verblaßt
und die Barbarei späterer Zeiten hat das Ihrige dazu bei
getragen, das Zerstörungswerk fortzusetzen. Als aus dem
herrlichen Marstalle eine Kaserne wurde, baute man hinter
der Freskenwand eine Militärbackstube, und brach durch die
Freskenfelder kleine vergitterte Magazinsfenster durch. In
Salzburg, wo die Steine reden, gehört auch diese Gewalttat
zur lapidaren Kulturchronik. Heute besinnt man sich eines
Besseren. Man will retten, was zu retten ist. Man will nicht
aber nur dies, sondern noch viel mehr tun. Man will wieder
gut machen, was die Barbarei der jüngsten Vergangenheit
verbrochen. Hier liegt eine eminente künstlerische Gefahr,
eine Art zweite Zerstörung durch ein Zuviel des Guten.
Eine Aktion hat sich in Salzburg gebildet, die das Verdienst
besitzt, auf die Ehrwürdigkeit der alten Freskenspuren hinzu
weisen; aber sie tritt mit einem Rekonstruierungsplan hervor
und macht den Vorschlag, die alten Fresken in Mosaik wieder
herzustellen. Von anderer Seite verlautet, man gehe mit der Ab
sicht um, die alten Bilder in Freskomalerei neu hersteilen zu
lassen. Angeblich sollen die ursprünglichen Zeichnungen für
die alten Fresken aufgefunden worden sein, die als Vorlage
für die beabsichtigte Nachahmung benützt werden sollen.
Das wäre schlimmer als der militärische Utilitarismus,
der die Fenster durchbrach, roher als alle mutwilligen
oder boshaften Beschädigungen, unter denen die Wand
malereien gelitten haben, unbarmherziger als die Unbilden
des nordalpinen Klimas, das die Fresken erblassen machte —
das wäre, kurz gesagt, die endgültige Vernichtung. Alle
menschlichen und außermenschlichen Gewalten haben es
bisher nicht vermocht, das verblichene Bild gänzlich zu ver
wischen, das der aufmerksame, kunstfreundliche Beschauer
im Geiste leicht ergänzen konnte, in dem Bewußtsein, ein
wenn auch nur teilweise vorhandenes ORIGINAL WERK
vor sich zu haben. Auch das ist eine wichtige Angelegenheit
des Heimatschutzes, daß der gegenwärtige Bestand von Kunst
denkmälern erhalten bleibe und durch keinerlei Zutaten in
seiner Echtheit und Wertbarkeit beeinträchtigt werde. Die
Erhaltung des Bestehenden ändert nichts an dem Kunstwert,
soweit er noch vorhanden, sie hält nur den Fortgang der
Zerstörung auf. Auch das Fehlende ist Geschichte. Die
Rekonstruktion oder Wiederherstellung, die hier beabsichtigt
ist, setzt an Stelle eines verwitterten, schicksalsreichen, echten
Kunstwerkes, an dem niemand teilnahmslos vorübergeht,
eine Nachahmung, die jedes Gefühls- und Geschichtswertes
und fast auch immer jedes Kunstwertes entbehrt. Nur mehr
eine verschimmerte Spur der alten Malerei ist vorhanden,
eine leise Andeutung des einstigen Bildes. Aber dieser Hauch
ist als künstlerisches und historisches Denkmal mehr wert,
als jede sklavische Kopie, die man an seine Stelle setzen will.
Diese verblaßte Spur setzt uns in Berührung mit dem Werk
einer vorväterlichen Zeit, wie eine Geisterhand, die aus der
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