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Full text: Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 1. Jahrgang 1904/05

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Länder hinzu: soviel neue Städte wir aufzählen könnten, so 
viel neue Individuen würden wir nennen können. 
Eine scheinbare Kleinigkeit genügt, um die Physiognomie 
zweier Städte, die im allgemeinen in Geschichte, Lebensweise, 
Lage oder sonstwie fast gleichgestellt erscheinen, völlig ver^ 
schieden zu gestalten — die Lage der einen ist mehr fluß-- 
aufwärts als die der andern, oder in die Einwohnerschaft 
der einen ist zu dieser oder jener Stadt ein fremdes tüdv 
tiges Element hineingekommen, seien es holländische Kauf 
leute oder französische gewerbtüchtige Emigranten gewesen, 
oder in der einen Stadt griff einstmals ein tüchtiger Mann 
energisch ein — und die ähnlichen Städte erweisen sich als 
zwei völlig verschiedene. 
Man vergleiche nur einmal solche Städte, wie’s an der 
TJnterelbe, z. B. Hamburg, Stade, Buxtehude, und alle 
drei ehemaligen Hansastädte, sind sie (auch Hamburg 
ursprünglich) nicht an der Elbe belegen, sondern da, wo 
ein kleiner Nebenfluß aus der Geeste in die March ein- 
tritt — Hamburg ist die erste Handelsstadt des europäischen 
Kontinents geworden, Stade atmet erst jetzt auf von dem 
Zwange, den ihm sein noch wohl erkennbarer Forschungs 
charakter bis 1866 auferlegte, Buxtehude ist nie etwas anders 
gewesen, als eine anmutige Kleinstadt! Das haben die Unter 
schiede der Lage, der Bewohner und der Geschichte trotz 
der ähnlichen Lage bewirkt. 
Was haben Betrachtungen, wie diese, für einen Wert? Sind 
sie reine belustigende Spielereien, vielleicht geeignet, dem 
fremden Besucher eine Stadt interessanter zu machen? 
Das wäre schon etwas sehr Gutes, wenn wir’s dahin brächten, 
daß man sich nicht mehr begnügte, die im Reisehandbuch 
mit einem Stern versehenen Sehenswürdigkeiten flüchtig zu 
beschauen, um stolz sagen zu können, man „kannte“ die 
und die Stadt, sondern das Kennenlernen einer fremden 
Stadt tiefer aufzufassen, nicht als ein ganz amüsantes Spiel, 
gut genug, um eine anderthalbstündige Unterhaltung der 
Eisenbahnfahrt auszufüllen, sondern als ein ernstliches 
Studium! 
Es ist ein Studium, genau so wertvoll für unsere Kunst 
erziehung, als das besuchen der jeweiligen Kunstausstellung 
— ja, es ist vielleicht noch weit wertvoller! 
Aber noch mehr! Sind wir alle erst einmal mehr im stände, 
unsere Städte nicht nur als zufällige Ansammlungspunkte 
von so und soviel Menschen zu betrachten, die sich so und 
soviel Häuser gebaut haben, um nicht naß zu werden oder 
zu sonst welchen Zwecken, irgendwo, wo gerade Platz war, 
eine Kirche oder ein Rathaus oder einen Bahnhof, sondern 
in der Stadt das lebendige eigenartige Kunstwerk zu sehen, 
das gerade so viel Pietät und Hochachtung und Aufmerk 
samkeit verdient, wie dies oder das teuer bezahlte Gemälde 
des Museums, bei dem wir scharf aufpassen, daß nicht dieser 
oder jener Pfuscher hineinpinselt, um es zu verbessern oder 
zu ergänzen, so würden wir ein gut Stück auf dem Wege 
zu einer wirklich in unserm Leben wurzelnden modernen 
Kunst weiter sein. 
Wir würden in dem Widerstreit zwischen alterhaltenem und 
neuem Leben den richtigen Weg leichter gehen lernen: hier 
muß das Alte, sei's eine Straßenlinie, ein einzelnes Haus, eine 
Baumgruppe, erhalten bleiben, denn es ist da ein Heiligtum, 
da kann dies und das fallen, denn es ist für die Charak 
teristik der Stadt nicht wesentlich. Und in dem Neuhinzu- 
zufügenden würden wir gleichfalls den Weg leichter finden: 
herzliche Liebe zu der Eigenart unserer Stadt muß unser 
Tun beseelen, wie sie jeder wahre Künstler zu seiner Auf 
gabe, die er sich gestellt, empfindet. Weder Altertümelei, 
Kleben am Alten — das haben die Alten, denen wir unsere 
alten Stadtkleinode danken, ja auch nicht getan! — noch 
herzlos aus Auffallsucht, aus Geschäft oder dergleichen dem 
Wesen wahrer Kunst widersprechenden Beweggründen nach 
geäfftes Modernistisches, sondern einfach: herzliche Kunst 
nach bestem Gewissen und Können des Einzelnen als guter, 
der Vaterstadt oder Heimatstadt in all ihrer Eigenheit in 
Treue ergebener Sohn. 
DIE PFERDESCHWEMMEN IN SALZBURG. 
ERHALTUNG DES BESTEHENDEN ODER 
WIEDERHERSTELLUNG? 
D ie alte Streitfrage dürfte in absehbarer Zeit neu ent 
brennen. Es handelt sich um die Pferdeschwemmen 
in Salzburg. Jeder kennt sie, der die alte Bischofs 
residenz je gesehen. Wir können uns daher kurz 
fassen. Jeder Stein ist dort Chronik. Und unantastbares Ver 
mächtnis, wie sehr auch gewalttätige Zeiten daran gesündigt 
haben mochten. Ein unvergleichliches Bild: die rauhe Höhen 
feste und am Fuß des Burgfelsens ein Denkmal höfischer 
Kunst, die sogenannte Kapitelschwemme in weißem Marmor 
der Fontana Trevi in Rom nachgebildet. Ein hoher Fronton 
von jonischen Säulen getragen, die Gestalt Neptuns auf einem 
Hippokampen, gewaltige Tritonen, breite Kaskaden und 
Wasserstrahlen, die in das Bassin hinunter rauschen. 
Die andere Pferdeschwemme am Siegmundsplatz, dicht an der 
Mönchswand, trägt in dem in Felder eingeteilten Hintergrund 
heute noch sichtbare Spuren von Freskomalereien. Unbehütet 
sind sie unter dem Einfluß der Witterung ganz verblaßt 
und die Barbarei späterer Zeiten hat das Ihrige dazu bei 
getragen, das Zerstörungswerk fortzusetzen. Als aus dem 
herrlichen Marstalle eine Kaserne wurde, baute man hinter 
der Freskenwand eine Militärbackstube, und brach durch die 
Freskenfelder kleine vergitterte Magazinsfenster durch. In 
Salzburg, wo die Steine reden, gehört auch diese Gewalttat 
zur lapidaren Kulturchronik. Heute besinnt man sich eines 
Besseren. Man will retten, was zu retten ist. Man will nicht 
aber nur dies, sondern noch viel mehr tun. Man will wieder 
gut machen, was die Barbarei der jüngsten Vergangenheit 
verbrochen. Hier liegt eine eminente künstlerische Gefahr, 
eine Art zweite Zerstörung durch ein Zuviel des Guten. 
Eine Aktion hat sich in Salzburg gebildet, die das Verdienst 
besitzt, auf die Ehrwürdigkeit der alten Freskenspuren hinzu 
weisen; aber sie tritt mit einem Rekonstruierungsplan hervor 
und macht den Vorschlag, die alten Fresken in Mosaik wieder 
herzustellen. Von anderer Seite verlautet, man gehe mit der Ab 
sicht um, die alten Bilder in Freskomalerei neu hersteilen zu 
lassen. Angeblich sollen die ursprünglichen Zeichnungen für 
die alten Fresken aufgefunden worden sein, die als Vorlage 
für die beabsichtigte Nachahmung benützt werden sollen. 
Das wäre schlimmer als der militärische Utilitarismus, 
der die Fenster durchbrach, roher als alle mutwilligen 
oder boshaften Beschädigungen, unter denen die Wand 
malereien gelitten haben, unbarmherziger als die Unbilden 
des nordalpinen Klimas, das die Fresken erblassen machte — 
das wäre, kurz gesagt, die endgültige Vernichtung. Alle 
menschlichen und außermenschlichen Gewalten haben es 
bisher nicht vermocht, das verblichene Bild gänzlich zu ver 
wischen, das der aufmerksame, kunstfreundliche Beschauer 
im Geiste leicht ergänzen konnte, in dem Bewußtsein, ein 
wenn auch nur teilweise vorhandenes ORIGINAL WERK 
vor sich zu haben. Auch das ist eine wichtige Angelegenheit 
des Heimatschutzes, daß der gegenwärtige Bestand von Kunst 
denkmälern erhalten bleibe und durch keinerlei Zutaten in 
seiner Echtheit und Wertbarkeit beeinträchtigt werde. Die 
Erhaltung des Bestehenden ändert nichts an dem Kunstwert, 
soweit er noch vorhanden, sie hält nur den Fortgang der 
Zerstörung auf. Auch das Fehlende ist Geschichte. Die 
Rekonstruktion oder Wiederherstellung, die hier beabsichtigt 
ist, setzt an Stelle eines verwitterten, schicksalsreichen, echten 
Kunstwerkes, an dem niemand teilnahmslos vorübergeht, 
eine Nachahmung, die jedes Gefühls- und Geschichtswertes 
und fast auch immer jedes Kunstwertes entbehrt. Nur mehr 
eine verschimmerte Spur der alten Malerei ist vorhanden, 
eine leise Andeutung des einstigen Bildes. Aber dieser Hauch 
ist als künstlerisches und historisches Denkmal mehr wert, 
als jede sklavische Kopie, die man an seine Stelle setzen will. 
Diese verblaßte Spur setzt uns in Berührung mit dem Werk 
einer vorväterlichen Zeit, wie eine Geisterhand, die aus der 
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