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Full text: Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 1. Jahrgang 1904/05

NOCHMALS: DER MODERNE ZEICHEN- 
UNTERRICHT. 
PÄDAGOGISCHE KONSEQUENZEN. 
(Fortsetzung aus vorigem Doppelheft Seite 372.) Wenn dies 
wirklich geschieht, im wahren Sinne des Wortes geschieht, 
wie kommt es, daß noch vor kurzer Zeit eine Umfrage in 
Berlin bei Kindern von mehr als sechs Jahren ergab*, daß 
70% keinen Sonnenuntergang, respektive -aufgang, 
75% keinen lebenden Hasen, 
64% kein Eichhorn, 
53% keine Schnecke, 
87% keine Birke, 
59% kein Ahrenfeld, 
98% keinen Fluß gesehen und 
82% nie eine Lerche gehört hatten? 
Ganz Ähnliches ergab eine Umfrage in Boston, Mass., bei 
Kindern von vier bis acht Jahren. Es hatten 
77% keine Krähe, 
65% keine Ente, 
57% keinen Spatz, 
50% keinen Frosch, 
20% keinen Schmetterling, 
66% keine Brombeeren, 
61 % kein Kartoffelfeld gesehen. 
Gibt es denn in der Nähe Berlins keinen Fluß, keine Ähren- 
felder, keine Schnecken??! 
Das Zeichnen sollte vor allen Dingen im Naturgeschicht- 
unterricht gepflegt werden. Das gezeichnete Tier, die gezeichnete 
Pflanze wird zweifellos besser im Gedächtnis haften, nicht 
nur im allgemeinen, sondern mit jeder Einzelheit. So weit 
als möglich sollen die Schüler alles auch mit den Händen 
untersuchen. Einen erfreulichen Ansporn geben die Zeichen 
tafeln in dem Zoologischen Lehrbuch von Vogel, Müllenhoff 
und Röseler. „Kinder behalten oft schwer die Bezeichnungen: 
erste und zweite Rückenflosse, Brust-, Bauch-, After und 
Schwanzflosse und andere schwierige technische Namen, wenn 
sie dieselben nicht auf irgend eine Weise reproduzieren 
können. Es ist unvernünftig, das Gedächtnis nur mit Namen 
zu belasten; wenn es jedoch zugleich mit der Zeichnung auf 
gefaßt wird, dann wird das Lernen ein Vergnügen und gern 
fortgesetzt."**) Hirth schlägt vor, der Lehrer solle sagen: 
„Wer von euch das Ding am besten und schnellsten nach 
zeichnet, bekommt einen Lobstrich. Den besonders Eifrigen 
schenke der Lehrer ein Skizzenbuch für den häuslichen Fleiß, 
falls nicht schon die Eltern dafür sorgen. Keinen Versuch 
der Kleinen, und wäre er noch so linkisch, achte er gering.“ ***) 
Geographie und Geschichte geben zahllose Gelegenheiten 
zum Zeichnen. Ebenso sollten die Kinder ein Gedicht, ehe 
sie es lernen, erst malen. Dasselbe bezieht sich auch auf die 
Lieder der Singstunde. Daß dies möglich ist und daß die Erfolge 
schöne sind, haben die auf meine Veranlassung gemachten 
Experimente bewiesen. Alle derartigen Übungen kommen 
natürlich auch dem Aufsatz zugute. Hier werden klare und 
richtige Ausdrucksweise zur Hauptsache. Soweit es das 
Thema zuläßt, sollte man wenigstens in der Volksschule und 
im Gymnasium, bis einschließlich Quarta, den Aufsatz erst 
in Bildern wiedergeben lassen. Man verlange natürlich, daß 
diese Bilder ebenso sauber seien und ebenso sorgfältig aus 
gedacht wie eine geschriebene Arbeit. Das erste Experiment 
hierzu erwies sich schon als wertvoll. Es handelt sich um 
* Otto Feld, „Das Kind als Künstler“, pag. 107. (In: „Die Kunst im 
Leben des Kindes“, Leipzig, Seemann.) 
** Liberty Tadd, „Neue Wege u. s. w.“, pag. 84. 
***' Hirth, loc. cit., pag. 5. 
die „Farm am Missouri“ nach dem Gedicht „Die Auswanderer“ 
von Freiligrath. Das Gedicht war bereits gelernt worden. Es 
wurden nun Bilder gezeichnet und erst dann der Aufsatz 
geschrieben. Sämtliche Bilder waren besser als der sonstige 
Durchschnitt. Fortgesetzte Versuche zeigten, daß der Erfolg 
ein stetig wachsender war. In England kommt man jetzt davon 
ab, den Aufsatz damit anzufangen, daß man die Kinder eine 
gelesene oder erzählte Geschichte wiedergeben läßt. Man 
druckt ihnen Bilder ins Lesebuch und sagt ihnen, sie sollen 
die dargestellte Geschichte erzählen. Nach mehrfacher Übung 
in solchen „Erzählungsbildern“ legt man ihnen ein „Stim 
mungsbild“ vor und verlangt von ihnen: „Erzählt von diesem 
Bilde.“ Auf diese Weise erhält man das Zeichnen als eine 
Sprache, auf diese Weise geht dieses so wertvolle Ausdrucks 
mittel nicht verloren. 
Liberty Tadd verwendet in Amerika ein sehr ähnliches 
System und schreibt: „Besonders für zurückgebliebene Schüler 
sind unsere Methoden von wunderbarem Nutzen; sehr häufig 
sind diese Schüler, von denen jede große Schule eine immer 
hin beträchtliche Zahl hat, scheinbar geistig rückständig, 
haben aber besonderes Geschick für Fingerfertigkeit und 
Beobachtung der Natur.“* Übungen wie die eben angedeuteten, 
würden auch dem Zeichenunterrichte zugute kommen. 
Ich betone nochmals, das Zeichnen ist eine Sprache des 
Kindes. Als solche sollte es auch anfangs der Zeichenunter 
richt behandeln. Nach dem Vorangegangenen wird der Leser 
wohl kaum daran zweifeln. Ich führte aus, daß die Technik 
das kleine Kind nicht stört, daß Kinder leicht zu Symbolen 
und konventionellen Formen greifen. Die Fähigkeit, in Bildern 
zu erzählen, steigt bis zur Pubertät. Dann verliert sie sich, 
da das Kind das Ich-Bewußtsein gewinnt und sich nicht 
lächerlich machen will. Dies ist der Zeitpunkt, in welchem 
Malen dem Menschen als Sprache verloren geht, weil er sie 
von selbst nicht mehr übt. Die Entwicklung des Malens 
ist der Sprachenentwicklung SEHR ähnlich, geht derselben 
jedoch im jüngeren Alter voraus. Die Methode der Kinder 
ist, einen Umriß zu zeichnen, welcher, falls möglich, farbig 
ausgefüllt wird. Einen Unterschied zwischen Knaben- und 
Mädchenzeichnungen bis zum 12. Jahre zu finden, ist bisher 
nicht gelungen. Inwieweit sich dieselben nachher differenzieren, 
kann aus dem bisher vorhandenen Material nicht geschlossen 
werden. Daß sich vom 12. oder 13. Jahre ab ein Unterschied 
entwickelt, ist man wohl berechtigt anzunehmen. Earl Barnes 
sagt: „Die Mädchen zeichnen ,mehr' als Knaben, um das 
Gleiche zu sagen.“ Den Beweis hierzu erbringt er allerdings 
nicht. 
Wenn dem allen so ist, so liegt die praktische, pädagogische 
Verwertung des Malens nicht fern. Zunächst ergibt sich, 
daß das Bilderschreiben gerade dort aufhört, wo unser Schul 
zeichnen anfängt und dabei wird mit leblosen Linien an 
gefangen. Diese HELFEN das Malvermögen zu töten unter 
den Umständen. Systematisches Zeichnen ist notwendig, 
aber es erscheint geraten, die Zeichenstunde viel eher an 
zufangen, und zwar mit lebendigen Formen. Dann wird im 
ii. Jahre das systematische Zeichnen leichter und die Zeichen 
stunde wird wirklich Kunststunde. Es könnte mir entgegnet 
werden: Die Kinder werden aber Karikaturen zeichnen und 
groteskes Zeug und diese schlechten Formen werden ihr 
künstlerisches Gefühl zerstören. Das Kind muß aber doch 
in allen anderen Ausdrucksweisen auch eine groteske Periode 
durchmachen. Wir können das Kind unmöglich darüber 
hinwegheben, noch es darum herumführen. Mit der ge 
schriebenen und gesprochenen Sprache geht es gerade so, 
wir legen doch dem Kinde kein Schweigen auf, damit es 
* Liberty Tadd, loc. cit., p. 192. 
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