nicht eher spreche als das Alter korrekter Sprache komme.
Das Kind muß eben naturgemäß mit unförmlichen Lauten
anfangen und nach und nach eine korrekte Sprache lernen.
Viele Erwachsene lernen eine neue Kunst eben deshalb
nicht, weil sie sich vor der Periode ihrer grotesken Schöpfungen
fürchten. Ein zweiter Einwand, der mir gemacht werden
könnte, wäre dieser: Das Kind muß zuerst die elementaren
Begriffe von Lage, Richtung und Entfernung lernen, denn
ohne dieses gibt es kein wahres Zeichnen, also muß das
Kind zuerst Punkte und Linien fixieren können. Aber dies
ist ja sozusagen die Grammatik des Zeichnens. Ebenso wie
die Grammatik der Sprache ist sie nützlich und notwendig,
aber sie bildet doch nicht den Anfang des Zeichnens. Das
Kind spricht schon geläufig, wenn auch nicht korrekt, wenn
man ihm die Grammatik beibringt. An derselben Krank'
heit hat bis noch vor kurzem der neusprachliche Unterricht
gelitten. Während die sogenannte „direkte Methode“ den
Kindern von Anfang an Vergnügen bereitet, ganz einfach
weil sie von der ersten Stunde an selbstschöpferisch tätig
sind, gab es nur Ach- und Wehrufe, als man jahrelang nur
trockene Grammatik verschlucken mußte. Statt daß das Fran
zösisch und Englisch als etwas Lebendiges angesehen wurde,
packten es die Schüler in eine Schachtel mit dem Latein
und Griechisch.
Man frage nur die Kinder von heute, wie ihnen die Zeichen
stunde gefällt! Man erkundige sich doch, wieviel Kinder in
ihr so viel Anregung empfingen, womit natürlich richtige
Anregung gemeint ist, daß sie nach dem Verlassen der
Schule auch nur gelegentlich von selbst etwas zeichneten.
Wenn Mittentzwey sagt: „Die Volksschule hat aber kaum
Raum für einen genügenden Zeichenunterricht“, so urteilt
er nach den sogenannten Oster-Zeichenausstellungen und
den Berichten der Lehrer, welche jammern, wie wenig
künstlerische Begabung ihre Schüler haben. Es wird höchste
Zeit, daß man den Fehler dieser Behauptung erkennt. An
der Begabung fehlt es nicht, sondern der Unterricht ist, wie
bereits gesagt, methodisch und zeitlich falsch angelegt, ja so
falsch, daß er die Begabung tötet. Dasselbe Urteil findet sich
bei Konrad Lange:
„Wie die Sachen jetzt liegen, findet bei den meisten Kindern
in der Zeit der Adoleszenz infolge eines unzweckmäßig ge
leiteten Zeichenunterrichtes ein völliges Aussetzen der
künstlerischen Triebe statt . . . Jedenfalls tritt die Fähigkeit
zum Zeichnen in den meisten Fällen schon im vorschul
pflichtigen Alter auf; diese Tatsache allein sollte genügen,
um ein Hinausschieben des Zeichenunterrichtes bis zum ii.
oder i2. Jahre zu verhindern. Man soll einen Trieb, der ein
mal vorhanden ist und zu dessen Beförderung das Kind auch
die Fähigkeit besitzt, nichts bis 6 Jahre brachliegen lassen, sonst
wird er Gefahr laufen, vollständig einzurosten. Man klagt
so viel über die mangelhafte Begabung für das Zeichnen, aber
man gehe der Sache nur auf den Grund und man wird
finden, daß es sich in den meisten Fällen nicht um einen
Mangel an Begabung, sondern um eine frühzeitige Vernach
lässigung von Vorhandenem handelt.“' 1 '
Wie tot, wie leblos sind doch die österlichen Zeichenaus
stellungen mit ihren Tausenden von riesigen getünchten
Quadraten und Dreiecken, Kreisen und Pyramiden, deren
Unterschied nur in der Sauberkeit der Ausführung liegt.
Und irgendwo, der Eingangstür gegenüber, hat man einige
für das Kind uninteressante, komplizierte bunte Flachornamente
aufgehängt, welche der Lehrer mit Stolz als den Erfolg seiner
Bemühungen aufweist. Der arme Mann, er möchte gerne
* Lange, „Das Wesen der Kunst“, pag. 36 und „Die künstlerische Er
ziehung“, pag. 74.
etwas anderes zu zeigen haben, aber die Vorschriften und
die Zeicheninspektoren befürchten, ein Unglück möchte ent
stehen, wenn sie einem Lehrer gestatteten, es einmal zu ver
suchen, mehr Leben in das „Schema“ zu bringen.
Wie ganz anders mutet uns dagegen die populäre Kunst der
Japaner an! Hier atmet alles, auch an den bescheidensten
Werken der Handarbeit, wirkliches Leben; menschliche und
Tierfiguren in allen erdenklichen Bewegungen sind diesen
natürlichen Menschen so geläufig, wie ihre Handschrift. Man
merkt es ihren Arbeiten förmlich an, daß von der ersten Übung
der Kinderstube bis zur Meisterschaft ein ununterbrochener
Fortschritt bestanden hat.' 1 ' Hirth bemerkt sehr richtig: „Beim
größten Respekt vor der Theorie scheint es mir, als ob die
Zeichenschule, wenn sie das Wissen dem Können voran
stellt, das Roß beim Schwänze aufzäumen wollte.“**
In England hat man dies bereits erkannt und verlangt der
Lehrplan für das erste Schuljahr als Minimum der Leistungen
Unterricht im Lesen, Schreiben. Rechnen und ZEICHNEN.
Jeder Zeichenunterricht hat aber den Zweck, das Gefühl für
optische Wirkung der Natur zu entwickeln. „Das Kind
zeichnet, wie man sagen könnte, nicht mit den Augen, sondern
mit dem Verstände. Die Aufgabe des Zeichenunterrichts
besteht also eigentlich darin, das Kind von dieser, wenn ich
so sagen darf, logischen Art des Zeichnens zur optischen
überzuführen.“*** Dies soll aber nicht bedeuten, daß man
dem Kinde keine Symbole erlauben dürfte, im Gegenteil, das
Symbol enthält eben das optisch Charakteristische. Man gebe
dem Kinde unbesorgt im Anfang schematische Lebensformen.
„Auch geometrische Formen gehören in den Zeichen
unterricht, aber sie sind Abstraktionen; ehe Kinder mit
diesen Abstraktionen zu Jun haben, müssen sie mit den
natürlichen Formen, von denen die typischen Formen ab
geleitet sind, den Geist bereichern. Wenn ein Kind mit der
Form des Apfels, der Seifenblase u. s. w. vertraut ist, dann
kann es die abstrakte Kugelform bilden.“ J- Die Kinder
aber sollen nicht nur mit den Augen, sondern auch mit den
Händen untersuchen und in Ton oder Plastelina nachbilden.
Erst dann sollten sie den Apfel zeichnen. Die Versuche
Direktor Dr. Kiesslings in Leipzig und Franz Hertels in
Zwickau haben erwiesen, daß der Erfolg bei deutschen
Kindern ein ebenso bedeutender ist wie in England und
Amerika. Natürlich darf man bei jungen Kindern keine ab
solute Genauigkeit verlangen. Einige Lehrer glauben leider,
daß gerade Linien und Symmetrie das Akme pädagogischer
Kunst sei. „Berühmte Zeichner“, sagt Ruskin, „können, so
weit meine Erfahrungen gehen, jede Linie, mit Ausnahme
einer geraden, zeichnen.“ Vor allem muß der erste Zeichen
unterricht viel Abwechslung bringen, um möglichst viele
Formen kennen zu lernen. Hirth sagt: „Meiner Ansicht nach
hat der elementare Unterricht die Aufgabe, nicht sowohl zum
Schönzeichnen, als vielmehr zum Richtigsehen und zum
Schnellskizzieren und namentlich zur Übung des Formen
gedächtnisses Anleitung zu geben.“ f-]-
Ës ist hier nicht am Platze, eine Methode für den Zeichen
unterricht festzulegen, aber es hat Berechtigung, einige der
wichtigeren Gesichtspunkte anzugeben.
Vor allem sind nicht nur fertige Zeichnungen herzustellen,
sondern auch flüchtige Skizzen. Vor allem das Gedächtnis
zeichnen müßte neben dem anderen Zeichnen fortlaufend
betrieben werden, und es wird ganz besonders zur Schärfe
* Hirth, loc. cit„ pag. 14.
** Hirth, loc. cit., pag. 20.
*** Lange, „Das Wesen der Kunst“., pag. 33.
f Liberty Tadd, loc. cit., pag. 20.
ff Hirth, loc. cit., pag. 3.
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