MAK

Full text: Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 1. Jahrgang 1904/05

nicht eher spreche als das Alter korrekter Sprache komme. 
Das Kind muß eben naturgemäß mit unförmlichen Lauten 
anfangen und nach und nach eine korrekte Sprache lernen. 
Viele Erwachsene lernen eine neue Kunst eben deshalb 
nicht, weil sie sich vor der Periode ihrer grotesken Schöpfungen 
fürchten. Ein zweiter Einwand, der mir gemacht werden 
könnte, wäre dieser: Das Kind muß zuerst die elementaren 
Begriffe von Lage, Richtung und Entfernung lernen, denn 
ohne dieses gibt es kein wahres Zeichnen, also muß das 
Kind zuerst Punkte und Linien fixieren können. Aber dies 
ist ja sozusagen die Grammatik des Zeichnens. Ebenso wie 
die Grammatik der Sprache ist sie nützlich und notwendig, 
aber sie bildet doch nicht den Anfang des Zeichnens. Das 
Kind spricht schon geläufig, wenn auch nicht korrekt, wenn 
man ihm die Grammatik beibringt. An derselben Krank' 
heit hat bis noch vor kurzem der neusprachliche Unterricht 
gelitten. Während die sogenannte „direkte Methode“ den 
Kindern von Anfang an Vergnügen bereitet, ganz einfach 
weil sie von der ersten Stunde an selbstschöpferisch tätig 
sind, gab es nur Ach- und Wehrufe, als man jahrelang nur 
trockene Grammatik verschlucken mußte. Statt daß das Fran 
zösisch und Englisch als etwas Lebendiges angesehen wurde, 
packten es die Schüler in eine Schachtel mit dem Latein 
und Griechisch. 
Man frage nur die Kinder von heute, wie ihnen die Zeichen 
stunde gefällt! Man erkundige sich doch, wieviel Kinder in 
ihr so viel Anregung empfingen, womit natürlich richtige 
Anregung gemeint ist, daß sie nach dem Verlassen der 
Schule auch nur gelegentlich von selbst etwas zeichneten. 
Wenn Mittentzwey sagt: „Die Volksschule hat aber kaum 
Raum für einen genügenden Zeichenunterricht“, so urteilt 
er nach den sogenannten Oster-Zeichenausstellungen und 
den Berichten der Lehrer, welche jammern, wie wenig 
künstlerische Begabung ihre Schüler haben. Es wird höchste 
Zeit, daß man den Fehler dieser Behauptung erkennt. An 
der Begabung fehlt es nicht, sondern der Unterricht ist, wie 
bereits gesagt, methodisch und zeitlich falsch angelegt, ja so 
falsch, daß er die Begabung tötet. Dasselbe Urteil findet sich 
bei Konrad Lange: 
„Wie die Sachen jetzt liegen, findet bei den meisten Kindern 
in der Zeit der Adoleszenz infolge eines unzweckmäßig ge 
leiteten Zeichenunterrichtes ein völliges Aussetzen der 
künstlerischen Triebe statt . . . Jedenfalls tritt die Fähigkeit 
zum Zeichnen in den meisten Fällen schon im vorschul 
pflichtigen Alter auf; diese Tatsache allein sollte genügen, 
um ein Hinausschieben des Zeichenunterrichtes bis zum ii. 
oder i2. Jahre zu verhindern. Man soll einen Trieb, der ein 
mal vorhanden ist und zu dessen Beförderung das Kind auch 
die Fähigkeit besitzt, nichts bis 6 Jahre brachliegen lassen, sonst 
wird er Gefahr laufen, vollständig einzurosten. Man klagt 
so viel über die mangelhafte Begabung für das Zeichnen, aber 
man gehe der Sache nur auf den Grund und man wird 
finden, daß es sich in den meisten Fällen nicht um einen 
Mangel an Begabung, sondern um eine frühzeitige Vernach 
lässigung von Vorhandenem handelt.“' 1 ' 
Wie tot, wie leblos sind doch die österlichen Zeichenaus 
stellungen mit ihren Tausenden von riesigen getünchten 
Quadraten und Dreiecken, Kreisen und Pyramiden, deren 
Unterschied nur in der Sauberkeit der Ausführung liegt. 
Und irgendwo, der Eingangstür gegenüber, hat man einige 
für das Kind uninteressante, komplizierte bunte Flachornamente 
aufgehängt, welche der Lehrer mit Stolz als den Erfolg seiner 
Bemühungen aufweist. Der arme Mann, er möchte gerne 
* Lange, „Das Wesen der Kunst“, pag. 36 und „Die künstlerische Er 
ziehung“, pag. 74. 
etwas anderes zu zeigen haben, aber die Vorschriften und 
die Zeicheninspektoren befürchten, ein Unglück möchte ent 
stehen, wenn sie einem Lehrer gestatteten, es einmal zu ver 
suchen, mehr Leben in das „Schema“ zu bringen. 
Wie ganz anders mutet uns dagegen die populäre Kunst der 
Japaner an! Hier atmet alles, auch an den bescheidensten 
Werken der Handarbeit, wirkliches Leben; menschliche und 
Tierfiguren in allen erdenklichen Bewegungen sind diesen 
natürlichen Menschen so geläufig, wie ihre Handschrift. Man 
merkt es ihren Arbeiten förmlich an, daß von der ersten Übung 
der Kinderstube bis zur Meisterschaft ein ununterbrochener 
Fortschritt bestanden hat.' 1 ' Hirth bemerkt sehr richtig: „Beim 
größten Respekt vor der Theorie scheint es mir, als ob die 
Zeichenschule, wenn sie das Wissen dem Können voran 
stellt, das Roß beim Schwänze aufzäumen wollte.“** 
In England hat man dies bereits erkannt und verlangt der 
Lehrplan für das erste Schuljahr als Minimum der Leistungen 
Unterricht im Lesen, Schreiben. Rechnen und ZEICHNEN. 
Jeder Zeichenunterricht hat aber den Zweck, das Gefühl für 
optische Wirkung der Natur zu entwickeln. „Das Kind 
zeichnet, wie man sagen könnte, nicht mit den Augen, sondern 
mit dem Verstände. Die Aufgabe des Zeichenunterrichts 
besteht also eigentlich darin, das Kind von dieser, wenn ich 
so sagen darf, logischen Art des Zeichnens zur optischen 
überzuführen.“*** Dies soll aber nicht bedeuten, daß man 
dem Kinde keine Symbole erlauben dürfte, im Gegenteil, das 
Symbol enthält eben das optisch Charakteristische. Man gebe 
dem Kinde unbesorgt im Anfang schematische Lebensformen. 
„Auch geometrische Formen gehören in den Zeichen 
unterricht, aber sie sind Abstraktionen; ehe Kinder mit 
diesen Abstraktionen zu Jun haben, müssen sie mit den 
natürlichen Formen, von denen die typischen Formen ab 
geleitet sind, den Geist bereichern. Wenn ein Kind mit der 
Form des Apfels, der Seifenblase u. s. w. vertraut ist, dann 
kann es die abstrakte Kugelform bilden.“ J- Die Kinder 
aber sollen nicht nur mit den Augen, sondern auch mit den 
Händen untersuchen und in Ton oder Plastelina nachbilden. 
Erst dann sollten sie den Apfel zeichnen. Die Versuche 
Direktor Dr. Kiesslings in Leipzig und Franz Hertels in 
Zwickau haben erwiesen, daß der Erfolg bei deutschen 
Kindern ein ebenso bedeutender ist wie in England und 
Amerika. Natürlich darf man bei jungen Kindern keine ab 
solute Genauigkeit verlangen. Einige Lehrer glauben leider, 
daß gerade Linien und Symmetrie das Akme pädagogischer 
Kunst sei. „Berühmte Zeichner“, sagt Ruskin, „können, so 
weit meine Erfahrungen gehen, jede Linie, mit Ausnahme 
einer geraden, zeichnen.“ Vor allem muß der erste Zeichen 
unterricht viel Abwechslung bringen, um möglichst viele 
Formen kennen zu lernen. Hirth sagt: „Meiner Ansicht nach 
hat der elementare Unterricht die Aufgabe, nicht sowohl zum 
Schönzeichnen, als vielmehr zum Richtigsehen und zum 
Schnellskizzieren und namentlich zur Übung des Formen 
gedächtnisses Anleitung zu geben.“ f-]- 
Ës ist hier nicht am Platze, eine Methode für den Zeichen 
unterricht festzulegen, aber es hat Berechtigung, einige der 
wichtigeren Gesichtspunkte anzugeben. 
Vor allem sind nicht nur fertige Zeichnungen herzustellen, 
sondern auch flüchtige Skizzen. Vor allem das Gedächtnis 
zeichnen müßte neben dem anderen Zeichnen fortlaufend 
betrieben werden, und es wird ganz besonders zur Schärfe 
* Hirth, loc. cit„ pag. 14. 
** Hirth, loc. cit., pag. 20. 
*** Lange, „Das Wesen der Kunst“., pag. 33. 
f Liberty Tadd, loc. cit., pag. 20. 
ff Hirth, loc. cit., pag. 3. 
398
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.