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Full text : Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 1. Jahrgang 1904/05

DIE  VOLKSWIRTSCHAFT  DES
TALENTES.
(Fortsetzung  aus  den  Heften  21/22,23/24,  Seite  353,  beziehungs^
weise  Seite  377.)  Sie  ist  nur  bedacht  auf  Fügsamkeit  und  Untere
würfigkeit.  Sie  will  Ruhe  haben  und  sicher  sein.  Vor  dem  Talent
gibt  es  keine  Ruhe  und  Sicherheit.  Und  das  soll  nicht  sein.
Alles  geschieht  verordnungsmäßig,  Drill,  Prüfung,  Ausübung.
Jeder  wird  für  ein  bestimmtes  Fach  erzogen,  alle  sind  Fadv
menschen,  die  bald  über  ihr  Fach  nicht  mehr  hinaussehen.
Dürfen  wir  uns  wundern,  daß  wir  heute  so  schlechte  Haus^
bauer,  schlechte  Erzieher,  schlechte  Arzte,  schlechte  Anwälte,
schlechte  Beamte,  schlechte  Priester,  schlechte  Arbeiter,
schlechte  Künstler  und  noch  schlechtere  Fabrikanten  und
Kaufleute  haben?  Werden  nicht  die  edelsten  und  idealsten
Berufe  aus  der  niedrigen  Voraussetzung  ergriffen,  daß  sie
ein  gutes  Geschäft  zu  werden  versprechen  oder  daß  sie  zu^
mindest  eine  kärgliche,  aber  sichere  Versorgung  gewähren?
Tun  nicht  die  Meisten  die  Arbeit,  die  sie  tun,  nur  weil  sie
müssen  und  nicht  weil  sie  eine  innere  Notwendigkeit
und  Begeisterung  dazu  treibt?  Ist  es  nicht  eine  Bedingung
jeder  guten  Arbeitsleistung,  daß  die  Arbeit  gerne  geschieht
und  sollte  nicht  jede  Arbeit  gerne  geschehen?  Man  ist  leicht
geneigt  zu  sagen,  daß  es  eine  Menge  Arbeiten  gibt,  die  nur
gezwungenermaßen  getan  werden  können.  Ich  gebe  das  für
unsere  bestehende  Wirtschaftsordnung  gerne  zu  und  be^
haupte  auch,  daß  in  dieser  sonderbaren  Ordnung  das  Meiste,
das  geschieht,  nur  gezwungenermaßen  geschieht.  Es  sieht
auch  meistens  danach  aus.  Eine  andere  Frage  aber  ist,  ob
es  nicht  möglich  sein  sollte  und  ob  es  für  die  Menschheit
nicht  fruchtbringender  wäre,  daß  jegliche  Arbeit  gern  getan
würde,  eine  Frage,  die  ich  im  Laufe  dieser  Auseinander^
Setzung  zu  beantworten  hoffe.  Freilich  ist  die  Lösung  nicht
möglich  vom  herrschenden  Standpunkt  des  „Faches“  aus,
der  es  alsbald  dahinbringt,  die  Gemeinnützigkeit  und  den  Wert
jeglicher  anständigen  Arbeit  zu  übersehen  und  zu  verkennen,
wenn  sie  nicht  „ins  Fach  schlägt“.  Bald  hat  jeder  sein  Fach,
in  dem  er  flucht  und  stöhnt  und  schwitzt,  und  auf  das  er
dennoch  hochmütig  pocht,  weil  er  wie  in  Scheuklappen
darin  steckt  und  verlernt  hat  oder  weil  er  nie  gelernt  hat,
den  Blick  aufs  Ganze  zu  halten.  Die  Welt  scheint  alsdann
nur  des  Faches  wegen  da,  was  dienen  soll,  wird  plötzlich
Herrin;  bald  ist  nicht  mehr  der  Lehrer  wegen  der  Schüler
da,  sondern  die  Schüler  wegen  des  Lehrers,  der  Staat  wegen
der  Beamten,  die  Kranken  wegen  des  Arztes,  die  Käufer
wegen  des  Händlers.  Wir  wollen  auch  leben!  geht  der  Ruf.
Durch  Verordnungen  im  Zaume  gehalten,  durch  schuh
mäßigen  Drill  selbständigen  Denkens  und  Schaffens  ent'
wohnt,  ohne  jemals  zur  Erkenntnis,  geschweige  denn  zur
Entfaltung  der  natürlichen  und  fruchtbaren  Anlagen  gelangt
zu  sein,  geht  man  im  allgemeinen  seinem  Fach  entgegen,
aus  dem  der  möglichste  Profit  herausgequetscht  wird  oder
mit  dem  man  sich  eben  abfindet.  Hat  einer  sein  Fach,  dann
ist  ihm  alles  andere  Hekuba.  Alles  scheint  richtig  und  gut
im  frommen  Untertanenverstand  besorgt,  nur  eines  hat  man

dabei  vergessen,  das  kostbarste  und  wertvollste  Gut,  den
Schrein  aller  Fruchtbarkeit  und  Werte,  die  das  Leben  erst
lebenswert  machen:  den  Menschen.
Aus  diesem  Vergessen  sind  alle  Übel  entstanden.  Was  soll
nun  geschehen?
Bevor  ich  mich  auf  diese  Untersuchung  einlasse,  will  ich
das  Monstrum  unserer  Wirtschaftspolitik  einmal  auf  eine
andere  Seite  hinwerfen,  um  ihre  Blößen  zu  zeigen.
Ich  leite  die  Gedanken  auf  jene  Urstufe  der  Wirtschafts'
geschichte  zurück,  da  der  einsame  Jäger  und  Fischer  von
der  Beute  lebte,  die  ihm  sein  Werkzeug  und  seine  Ge'
Schicklichkeit  einbrachte.  Er  hatte  den  vollen  Genuß  seiner
Fähigkeiten  und  lebte  auf  der  Kulturhöhe  seiner  Zeit.  Er
lebte  aber  immer  nur  von  dem  einen  Stück,  das  er  erlegte,
und  konnte  auf  seiner  Stufe  eine  Wirtschaftstätigkeit  größeren
Umfanges  nicht  entfalten,  weil  er  erlegtes  Wild  in  Vorrat
nicht  aufspeichern  konnte.  Seine  Existenz  hing  immer  mehr
oder  weniger  von  der  Gunst  oder  Ungunst  äußerer  Umstände
ab.  Erst  als  er  anfing,  die  Tiere,  statt  sie  zu  töten,  zu  zähmen,
ihren  Stand  zu  vermehren,  ihre  Milch,  ihr  Fleisch,  ihre  Felle
zu  verwerten,  hatte  sein  Dasein  eine  breitere  und  sicherere
Grundlage.  Diese  höhere  Kulturstufe  war  aber  erst  durch
die  gemeinsame  Zusammenarbeit  mehrerer  Menschen  er'
möglicht,  durch  eine  ganze  Familie,  einen  ganzen  Stamm.
Diese  gemeinsame  Arbeit  war  so  produktiv,  daß  eine  Familie
Tausende  von  Herdentieren  ihr  eigen  nennen  konnte  und
einen  Überfluß  besaß,  den  der  einzelne  nicht  hätte  aufbringen
können.  Als  der  Stamm  zu  zahlreich  wurde  und  der  Herden'
stand  zu  groß,  machte  sich  die  Notwendigkeit  fühlbar,  den
Boden  nicht  einfach  abzugrasen  und  andere  Weideplätze  auf'
zusuchen,  sondern  ihn  in  Ackerland  zu  verwandeln  und
einen  neuen,  ungeahnten  Reichtum  zu  erschaffen.  Auch
hierin  erblicken  wir  das  Ergebnis  eines  umfangreicheren
Zusammenwirkens,  das  immer  mehr  Kräfte  zur  Entfaltung
und  zur  schöpferischen  Tätigkeit  bringt.  Im  Verstände  der
nationalökonomischen  Schule  würde  es  heißen,  daß  in  jenem
Zustand  der  Naturalwirtschaft  Grund  und  Boden  die  Quelle
des  wirtschaftlichen  Wohlstandes  war.  „Die  Erde  allein  ist
die  Quelle  aller  Güter.“  Ich  wage  es,  diese  Behauptung  als
eine  nur  sehr  oberflächliche  Definition  zu  bestreiten.  Die
Erde  als  Quelle  aller  Güter  war  auch  für  den  entbehrungS'
reichen  einsamen  Jäger  und  Fischer  vorhanden,  dem  sie
nicht  annähernd  den  gleichen  wirtschaftlichen  Wohlstand
gewährt  hatte.  Die  Erde  hätte  auch  dem  Ackerbauer  nicht
den  höheren  Wohlstand  gegeben,  wenn  nicht  eine  andere
ursprünglichere  Quelle  vorhanden  wäre,  damit  die  Erde  zu
befruchten,  daß  sie  gäbe,  dessen  der  Mensch  bedarf.  Der
Mensch  allein  ist  das  Maß  der  Dinge,  Schöpfer  und  Be'
fruchter,  ohne  dessen  Fähigkeit,  zu  erschaffen,  die  Dinge
gleichgültig  sind  und  leblos,  auch  der  Grund  und  Boden.  Die
ewigen  Zwecke  und  Absichten  der  Natur  sind  unbekannt;
Natur  ist  nur  soweit  bekannt,  als  sie  der  Mensch  in  seinem
Bewußtsein  und  seiner  Tätigkeit  erschaffen.  Alles  was  ist,
ist  seine  Erfindung.  Die  schöngeformten  Krüge,  mit  denen
Rahel  zum  Brunnen  ging,  und  der  steingefügte  Brunnenrand
sind  im  Grunde  genommen  der  gleichen  Fähigkeit  entsprungen.
            
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