DIE VOLKSWIRTSCHAFT DES
TALENTES.
(Fortsetzung aus den Heften 21/22,23/24, Seite 353, beziehungs^
weise Seite 377.) Sie ist nur bedacht auf Fügsamkeit und Untere
würfigkeit. Sie will Ruhe haben und sicher sein. Vor dem Talent
gibt es keine Ruhe und Sicherheit. Und das soll nicht sein.
Alles geschieht verordnungsmäßig, Drill, Prüfung, Ausübung.
Jeder wird für ein bestimmtes Fach erzogen, alle sind Fadv
menschen, die bald über ihr Fach nicht mehr hinaussehen.
Dürfen wir uns wundern, daß wir heute so schlechte Haus^
bauer, schlechte Erzieher, schlechte Arzte, schlechte Anwälte,
schlechte Beamte, schlechte Priester, schlechte Arbeiter,
schlechte Künstler und noch schlechtere Fabrikanten und
Kaufleute haben? Werden nicht die edelsten und idealsten
Berufe aus der niedrigen Voraussetzung ergriffen, daß sie
ein gutes Geschäft zu werden versprechen oder daß sie zu^
mindest eine kärgliche, aber sichere Versorgung gewähren?
Tun nicht die Meisten die Arbeit, die sie tun, nur weil sie
müssen und nicht weil sie eine innere Notwendigkeit
und Begeisterung dazu treibt? Ist es nicht eine Bedingung
jeder guten Arbeitsleistung, daß die Arbeit gerne geschieht
und sollte nicht jede Arbeit gerne geschehen? Man ist leicht
geneigt zu sagen, daß es eine Menge Arbeiten gibt, die nur
gezwungenermaßen getan werden können. Ich gebe das für
unsere bestehende Wirtschaftsordnung gerne zu und be^
haupte auch, daß in dieser sonderbaren Ordnung das Meiste,
das geschieht, nur gezwungenermaßen geschieht. Es sieht
auch meistens danach aus. Eine andere Frage aber ist, ob
es nicht möglich sein sollte und ob es für die Menschheit
nicht fruchtbringender wäre, daß jegliche Arbeit gern getan
würde, eine Frage, die ich im Laufe dieser Auseinander^
Setzung zu beantworten hoffe. Freilich ist die Lösung nicht
möglich vom herrschenden Standpunkt des „Faches“ aus,
der es alsbald dahinbringt, die Gemeinnützigkeit und den Wert
jeglicher anständigen Arbeit zu übersehen und zu verkennen,
wenn sie nicht „ins Fach schlägt“. Bald hat jeder sein Fach,
in dem er flucht und stöhnt und schwitzt, und auf das er
dennoch hochmütig pocht, weil er wie in Scheuklappen
darin steckt und verlernt hat oder weil er nie gelernt hat,
den Blick aufs Ganze zu halten. Die Welt scheint alsdann
nur des Faches wegen da, was dienen soll, wird plötzlich
Herrin; bald ist nicht mehr der Lehrer wegen der Schüler
da, sondern die Schüler wegen des Lehrers, der Staat wegen
der Beamten, die Kranken wegen des Arztes, die Käufer
wegen des Händlers. Wir wollen auch leben! geht der Ruf.
Durch Verordnungen im Zaume gehalten, durch schuh
mäßigen Drill selbständigen Denkens und Schaffens ent'
wohnt, ohne jemals zur Erkenntnis, geschweige denn zur
Entfaltung der natürlichen und fruchtbaren Anlagen gelangt
zu sein, geht man im allgemeinen seinem Fach entgegen,
aus dem der möglichste Profit herausgequetscht wird oder
mit dem man sich eben abfindet. Hat einer sein Fach, dann
ist ihm alles andere Hekuba. Alles scheint richtig und gut
im frommen Untertanenverstand besorgt, nur eines hat man
dabei vergessen, das kostbarste und wertvollste Gut, den
Schrein aller Fruchtbarkeit und Werte, die das Leben erst
lebenswert machen: den Menschen.
Aus diesem Vergessen sind alle Übel entstanden. Was soll
nun geschehen?
Bevor ich mich auf diese Untersuchung einlasse, will ich
das Monstrum unserer Wirtschaftspolitik einmal auf eine
andere Seite hinwerfen, um ihre Blößen zu zeigen.
Ich leite die Gedanken auf jene Urstufe der Wirtschafts'
geschichte zurück, da der einsame Jäger und Fischer von
der Beute lebte, die ihm sein Werkzeug und seine Ge'
Schicklichkeit einbrachte. Er hatte den vollen Genuß seiner
Fähigkeiten und lebte auf der Kulturhöhe seiner Zeit. Er
lebte aber immer nur von dem einen Stück, das er erlegte,
und konnte auf seiner Stufe eine Wirtschaftstätigkeit größeren
Umfanges nicht entfalten, weil er erlegtes Wild in Vorrat
nicht aufspeichern konnte. Seine Existenz hing immer mehr
oder weniger von der Gunst oder Ungunst äußerer Umstände
ab. Erst als er anfing, die Tiere, statt sie zu töten, zu zähmen,
ihren Stand zu vermehren, ihre Milch, ihr Fleisch, ihre Felle
zu verwerten, hatte sein Dasein eine breitere und sicherere
Grundlage. Diese höhere Kulturstufe war aber erst durch
die gemeinsame Zusammenarbeit mehrerer Menschen er'
möglicht, durch eine ganze Familie, einen ganzen Stamm.
Diese gemeinsame Arbeit war so produktiv, daß eine Familie
Tausende von Herdentieren ihr eigen nennen konnte und
einen Überfluß besaß, den der einzelne nicht hätte aufbringen
können. Als der Stamm zu zahlreich wurde und der Herden'
stand zu groß, machte sich die Notwendigkeit fühlbar, den
Boden nicht einfach abzugrasen und andere Weideplätze auf'
zusuchen, sondern ihn in Ackerland zu verwandeln und
einen neuen, ungeahnten Reichtum zu erschaffen. Auch
hierin erblicken wir das Ergebnis eines umfangreicheren
Zusammenwirkens, das immer mehr Kräfte zur Entfaltung
und zur schöpferischen Tätigkeit bringt. Im Verstände der
nationalökonomischen Schule würde es heißen, daß in jenem
Zustand der Naturalwirtschaft Grund und Boden die Quelle
des wirtschaftlichen Wohlstandes war. „Die Erde allein ist
die Quelle aller Güter.“ Ich wage es, diese Behauptung als
eine nur sehr oberflächliche Definition zu bestreiten. Die
Erde als Quelle aller Güter war auch für den entbehrungS'
reichen einsamen Jäger und Fischer vorhanden, dem sie
nicht annähernd den gleichen wirtschaftlichen Wohlstand
gewährt hatte. Die Erde hätte auch dem Ackerbauer nicht
den höheren Wohlstand gegeben, wenn nicht eine andere
ursprünglichere Quelle vorhanden wäre, damit die Erde zu
befruchten, daß sie gäbe, dessen der Mensch bedarf. Der
Mensch allein ist das Maß der Dinge, Schöpfer und Be'
fruchter, ohne dessen Fähigkeit, zu erschaffen, die Dinge
gleichgültig sind und leblos, auch der Grund und Boden. Die
ewigen Zwecke und Absichten der Natur sind unbekannt;
Natur ist nur soweit bekannt, als sie der Mensch in seinem
Bewußtsein und seiner Tätigkeit erschaffen. Alles was ist,
ist seine Erfindung. Die schöngeformten Krüge, mit denen
Rahel zum Brunnen ging, und der steingefügte Brunnenrand
sind im Grunde genommen der gleichen Fähigkeit entsprungen.