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Full text : Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 1. Jahrgang 1904/05

jenem  Talente,  das  ich  die  wahre  Wertquelle  nenne,  wie  die
reiche  Frucht,  die  der  Acker  trägt,  und  die  nie  zu  stände  ge--kommen
  wäre,  ohne  sein  schöpferisches  Talent,  die  Pflug'
schar  zu  erfinden,  das  Feld  zu  bestellen,  das  Samenkorn  zu
ziehen  und  zum  höchsten  Ertrag  zu  bringen.  Es  ist  daher
ganz  falsch  zu  sagen,  die  Erde  allein  ist  produktiv.  Sie  ist
produktiv,  oder  sie  ist  es  nicht,  je  nachdem  es  der  Mensch
ist,  oder  nicht  ist.  Um  sie  produktiv  zu  machen,  mußten
eine  Fülle  anderer  Erfahrungen  gesammelt  und  positive
Werte  erzeugt  werden,  die  bis  auf  den  heutigen  Tag  gerade
so  wichtig  sind  und  produktiv  wie  der  Feldbau,  die  nötigen
Gerätschäften,  alles  was  das  Leben  umgibt  und  bereichert,
die  Worte  des  Trostes  und  der  Liebe,  die  Forderung  der
Gerechtigkeit,  die  Symbole  aller  Verehrung,  hohe  Kunst,
viele  Werte,  wenn  auch  zum  Teil  nicht  greifbar  oder  sicht'
bar,  doch  von  größter  Wichtigkeit  und  Fruchtbarkeit,  weil
sie  eine  geistige  oder  seelische  Besitzergreifung  bedeuten,
die  immer  vorausgeht,  wenn  je  eine  reale  Besitzergreifung
oder  Verwirklichung  erfolgen  soll.  Die  seelichen  Antriebe
und  Empfindungen,  als  die  fruchtbarsten  und  folgenschwersten
Mächte,  sind  als  unmeßbare  Größen  von  den  Volkswirten
grundsätzlich  aus  ihren  Betrachtungen  ausgeschieden,  wodurch
die  Fehler  und  Unzulänglichkeiten  ihrer  Systeme  einiger'
maßen  erklärlich  werden  und  zu  verstehen  ist,  daß  sie  der
Kunst  keine  Bedeutung  einräumen  wollen.
In  einem  ganz  schlechten  und  oberflächlichen  Buche  erklärt
Werner  Lombart  die  Kunst  als  das  Unnütze,  das  nicht  in
Betracht  kommt,  wenn  von  nützlicher  Arbeit  die  Rede  ist.
Zu  ihrem  eigenen  unnennbaren  Schaden  hat  die  Mensch'
lichkeit  vergessen,  daß  sie  nichts  wahrhaft  Dauerndes  und
Nützliches  tun  kann  ohne  die  Kunst,  daß  diese  es  ist,  die
den  Menschen  in  das  rauhe  Dasein  leitete,  ihn  lehrte,  die
Schale  zu  drehen,  das  Samenkorn  in  die  Erde  zu  legen,  das
Höchste,  dessen  er  fähig  ist,  zu  verwirklichen.  Die  Kunst
hätte  sich  nie  von  allem  Schaffen  und  Arbeiten  trennen
dürfen,  die  Kunst  als  Notwendigkeit,  als  Können,  als  Ge'
stalten  in  vollendetster  Form  und  als  Bilden  aller  materiellen
und  immateriellen  Werte.  Erst  wo  sie  verabschiedet  wird,
als  das  Entbehrliche,  Unnütze,  als  Angelegenheit  einer  be'
sonderen  Klasse  von  Nichtstuern,  beginnt  der  Niedergang
der  Menschlichkeit  mit  allen  furchtbaren  Folgeerscheinungen.
Wenn  also  die  Zusammenarbeit  mehrerer  und  schließlich
vieler  Menschen  die  wertbildende  Kraft  ihrer  Talente  so
befruchtete,  daß  sie  einen  solchen  Überfluß  hervorbrachte,  um
wieviel  größer  mußte  der  Wohlstand  werden,  wenn  sich
ihre  Zahl  verzehm  oder  verhundertfacht.  Man  stelle  nun  zum
Vergleich  neben  die  vorigen  Beispiele  eine  Menschenansamni'
lung,  wie  sie  etwa  eine  der  berühmten  Städte  des  gotischen
Mittelalters  mit  10.000  bis  20.000  Einwohnern  darbot.  Ich
glaube  nicht,  damit  gerade  das  idealste  Beispiel  gewählt  zu
haben;  trotzdem  wird  man  zugeben  müssen,  daß  diese  nach
heutigen  Begriffen  geringfügige  Einwohnerzahl  in  ihrer  Kunst'
und  Gewerbetätigkeit  einen  solchen  Reichtum  an  Werten
hervorgebracht  hat,  der  heute  noch  unsere  Bewunderung  er'
regt.  Noch  größer  ist  das  Staunen,  wenn  man  die  hohen
Arbeitslöhne,  die  allgemein  bezahlt  wurden,  erfährt.  Ums
Jahr  1400  erhielt  ein  gewöhnlicher  Taglöhner  6—8  Groschen
Wochenlohn.  Nach  dem  damaligen  Geldwert  kostete  ein
Schaf  4  Groschen,  ein  Paar  Schuhe  2  Groschen;  der  Wochen'
lohn  entsprach  daher  einem  heutigen  Geldwert  von  M  30.—.
Für  die  Lohnbezüge  der  damaligen  Handwerksgesellen
setzte  z.  B.  die  sächsische  Landesordnung  fest:  „Für  einen
Handarbeiter  mit  Kost  wöchentlich  9  neue  Groschen,  ohne
Kost  16  Groschen.  Den  Werkleuten  sollten  zu  ihrem  Mittag'
und  Abendmahle  nur  vier  Essen,  an  einem  Fleischtag  eine

Suppe,  zwei  Fleisch  und  ein  Gemüse;  auf  einen  Freitag
und  einen  andern  Tag,  da  man  nicht  Fleisch  isset,  eine
Suppe,  ein  Essen  grüne  und  dörre  Fische,  zwei  Zugemüse;
so  man  fasten  müsse,  fünf  Essen,  eine  Suppe,  zweierlei  Fisch
und  zwei  Zugemüse  und  hierüber  18  Groschen,  den  gemeinen
Werkleuten  aber  14  Groschen  wöchentlicher  Lohn  gegeben
werden,  so  aber  dieselben  Werkleute  bei  eigener  Kost  arbeiten, ­
  so  solle  man  dem  „Polierer“  über  27  Groschen  und
dem  gemeinen  Maurer  u.  s.  w.  über  23  Groschen  nicht  geben.“
Da  außer  den  streng  geheiligten  Sonn'  und  Feiertagen  auch
der  Montag  als  sogenannter  „blauer  Montag“  von  den  Gesellen
als  freier  Tag  zur  Besorgung  ihrer  eigenen  Angelegenheiten
beansprucht  wurde,  so  ergab  sich  pro  Woche  eine  bloß
viertägige  Arbeitszeit,  die  auch  an  diesen  Tagen  geregelt
war.  Zur  weiteren  Beurteilung  der  Lohnhöhe  mag  der  Preis'
wert  eines  ganzen  Scheffels  Korn  dienen,  der  nur  6  Groschen
4  Pfennig  kostete.  Güte  und  Preis  der  Lebensmittel  standen
unter  Stadtaufsicht.  Gewicht,  Preis,  Qualität  waren,  bei  sonstiger
strenger  Strafe,  genau  vorgeschrieben.  Besonderes  Gewicht
legten  die  Genossenschaften  auf  die  Qualität  der  Erzeugnisse
in  Material  und  Ausführung.  „Den  Meistern,  die  unehrlich
in  Arbeit  und  Handel  waren,  wurde  das  Recht  des  Hand'
Werksbetriebes  genommen  und  die  Ware  selbst  verbrannt.“
So  lebte  die  arbeitende  Menschheit  in  den  Städten  des  gotischen
Mittelalters  auf  der  Kulturhöhe  ihrer  Zeit,  so  wie  der  eim
zelne  der  Jäger'  und  Fischervölker,  der  Hirtenvölker  und
Ackerbauvölker  seiner  Arbeit  und  der  durch  seine  Arbeit
geschaffenen  allgemeinen  Kulturhöhe  gemäß  leben  konnte.
DER  WERT  WAR  DIE  ARBEITSLEISTUNG  UND  DIE
LEISTUNG  HATTE  IHREN  LOHN  NACH  IHREM
WERTE.  Die  Arbeit  mußte  den  Preis  wert  sein,  ABER
DER  PREISWERT  BILDETE  SICH  NIE  AUF  KOSTEN
DES  ARBEITERS.  Die  Grundlage  des  Preiswertes  bildeten
vielmehr  jene  Ansprüche  auf  einen  angemessenen  Unterhalt
und  die  solide  Arbeitsleistung,  die  solche  Ansprüche  recht'
fertigt.
Je  mehr  Menschen  nun  zu  produktiver  Arbeit  sich  zusammen'
tun,  desto  reichlicher  werden  die  Lebensführung  und  die  Am
Sprüche  auf  einen  dem  vorhandenen  Güterreichtum  am
gemessenen  Unterhalt  sein  können,  weil  die  gemeinsame
Arbeit  immer  mehr  Güter  hervorbringt  als  der  einzelne  zu
seiner  Existenz  unbedingt  benötigt.  Wie  herrlich  muß  es
nun  erst  in  volkreichen  Ländern  oder  Städten  aussehen,  die  eine
hundert'  oder  tausendmal  größere  Bevölkerung  aufweisen  und
infolge  ihrer  ungeheuren  Kräftesteigerung,  ihrer  besseren  Ar'
beitsmittel  und  sonstigen  Vorteile,  die  sich  nur  aus  der  Massem
Organisation  ermöglichen  lassen,  einen  unendlich  größeren
Güterstrom,  zu  aller  Freude  und  Überfluß,  hervorbringen
müssen,  als  er  in  Wirklichkeit  gebraucht  wird,  und  die  daher
ihren  Überfluß  zu  besonderer  Verfeinerung  und  Veredlung  aller
und  jeglicher,  die  am  Weltbau  mittun,  anzuwenden  vermögen.
Wendet  man  nun  seinen  Blick  in  die  volkreichen  Länder
und  Städte  der  Jetztzeit,  so  findet  man  trotz  der  Massem
haftigkeit  an  Gütern  eine  Menschheit,  die  zum  größten  Teil
in  einem  Zustand  der  Entbehrung  und  Kulturlosigkeit  lebt,
daß  sich  jeder  auf  der  Urstufe  lebende  Samojede  dankend
abwenden  und  froh  zu  seinen  Renntieren  und  in  seine  talg'
lichterhellte  Halbjahresnacht  zurückkehren  würde.  Wie  konnte
jemals  ein  solcher  Mißton  in  die  Welt  kommen?  Durch
geraume  Zeit  und  an  vielen  Beispielen  konnte  man  die
Folgerichtigkeit  bestätigt  finden,  daß  die  allgemeine  und
persönliche  Wohlfahrt  mit  der  Vermehrung  der  wertbildenden
Kräfte  steigen  mußte.  Wenn  ich  die  Gesetze  von  Angebot
und  Nachfrage,  nach  denen  die  heutige  nationalökonomische
Wissenschaft  die  Preisbildung  erklärt,  hier  anwende,  so  will

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