jenem Talente, das ich die wahre Wertquelle nenne, wie die
reiche Frucht, die der Acker trägt, und die nie zu stände ge--kommen
wäre, ohne sein schöpferisches Talent, die Pflug'
schar zu erfinden, das Feld zu bestellen, das Samenkorn zu
ziehen und zum höchsten Ertrag zu bringen. Es ist daher
ganz falsch zu sagen, die Erde allein ist produktiv. Sie ist
produktiv, oder sie ist es nicht, je nachdem es der Mensch
ist, oder nicht ist. Um sie produktiv zu machen, mußten
eine Fülle anderer Erfahrungen gesammelt und positive
Werte erzeugt werden, die bis auf den heutigen Tag gerade
so wichtig sind und produktiv wie der Feldbau, die nötigen
Gerätschäften, alles was das Leben umgibt und bereichert,
die Worte des Trostes und der Liebe, die Forderung der
Gerechtigkeit, die Symbole aller Verehrung, hohe Kunst,
viele Werte, wenn auch zum Teil nicht greifbar oder sicht'
bar, doch von größter Wichtigkeit und Fruchtbarkeit, weil
sie eine geistige oder seelische Besitzergreifung bedeuten,
die immer vorausgeht, wenn je eine reale Besitzergreifung
oder Verwirklichung erfolgen soll. Die seelichen Antriebe
und Empfindungen, als die fruchtbarsten und folgenschwersten
Mächte, sind als unmeßbare Größen von den Volkswirten
grundsätzlich aus ihren Betrachtungen ausgeschieden, wodurch
die Fehler und Unzulänglichkeiten ihrer Systeme einiger'
maßen erklärlich werden und zu verstehen ist, daß sie der
Kunst keine Bedeutung einräumen wollen.
In einem ganz schlechten und oberflächlichen Buche erklärt
Werner Lombart die Kunst als das Unnütze, das nicht in
Betracht kommt, wenn von nützlicher Arbeit die Rede ist.
Zu ihrem eigenen unnennbaren Schaden hat die Mensch'
lichkeit vergessen, daß sie nichts wahrhaft Dauerndes und
Nützliches tun kann ohne die Kunst, daß diese es ist, die
den Menschen in das rauhe Dasein leitete, ihn lehrte, die
Schale zu drehen, das Samenkorn in die Erde zu legen, das
Höchste, dessen er fähig ist, zu verwirklichen. Die Kunst
hätte sich nie von allem Schaffen und Arbeiten trennen
dürfen, die Kunst als Notwendigkeit, als Können, als Ge'
stalten in vollendetster Form und als Bilden aller materiellen
und immateriellen Werte. Erst wo sie verabschiedet wird,
als das Entbehrliche, Unnütze, als Angelegenheit einer be'
sonderen Klasse von Nichtstuern, beginnt der Niedergang
der Menschlichkeit mit allen furchtbaren Folgeerscheinungen.
Wenn also die Zusammenarbeit mehrerer und schließlich
vieler Menschen die wertbildende Kraft ihrer Talente so
befruchtete, daß sie einen solchen Überfluß hervorbrachte, um
wieviel größer mußte der Wohlstand werden, wenn sich
ihre Zahl verzehm oder verhundertfacht. Man stelle nun zum
Vergleich neben die vorigen Beispiele eine Menschenansamni'
lung, wie sie etwa eine der berühmten Städte des gotischen
Mittelalters mit 10.000 bis 20.000 Einwohnern darbot. Ich
glaube nicht, damit gerade das idealste Beispiel gewählt zu
haben; trotzdem wird man zugeben müssen, daß diese nach
heutigen Begriffen geringfügige Einwohnerzahl in ihrer Kunst'
und Gewerbetätigkeit einen solchen Reichtum an Werten
hervorgebracht hat, der heute noch unsere Bewunderung er'
regt. Noch größer ist das Staunen, wenn man die hohen
Arbeitslöhne, die allgemein bezahlt wurden, erfährt. Ums
Jahr 1400 erhielt ein gewöhnlicher Taglöhner 6—8 Groschen
Wochenlohn. Nach dem damaligen Geldwert kostete ein
Schaf 4 Groschen, ein Paar Schuhe 2 Groschen; der Wochen'
lohn entsprach daher einem heutigen Geldwert von M 30.—.
Für die Lohnbezüge der damaligen Handwerksgesellen
setzte z. B. die sächsische Landesordnung fest: „Für einen
Handarbeiter mit Kost wöchentlich 9 neue Groschen, ohne
Kost 16 Groschen. Den Werkleuten sollten zu ihrem Mittag'
und Abendmahle nur vier Essen, an einem Fleischtag eine
Suppe, zwei Fleisch und ein Gemüse; auf einen Freitag
und einen andern Tag, da man nicht Fleisch isset, eine
Suppe, ein Essen grüne und dörre Fische, zwei Zugemüse;
so man fasten müsse, fünf Essen, eine Suppe, zweierlei Fisch
und zwei Zugemüse und hierüber 18 Groschen, den gemeinen
Werkleuten aber 14 Groschen wöchentlicher Lohn gegeben
werden, so aber dieselben Werkleute bei eigener Kost arbeiten,
so solle man dem „Polierer“ über 27 Groschen und
dem gemeinen Maurer u. s. w. über 23 Groschen nicht geben.“
Da außer den streng geheiligten Sonn' und Feiertagen auch
der Montag als sogenannter „blauer Montag“ von den Gesellen
als freier Tag zur Besorgung ihrer eigenen Angelegenheiten
beansprucht wurde, so ergab sich pro Woche eine bloß
viertägige Arbeitszeit, die auch an diesen Tagen geregelt
war. Zur weiteren Beurteilung der Lohnhöhe mag der Preis'
wert eines ganzen Scheffels Korn dienen, der nur 6 Groschen
4 Pfennig kostete. Güte und Preis der Lebensmittel standen
unter Stadtaufsicht. Gewicht, Preis, Qualität waren, bei sonstiger
strenger Strafe, genau vorgeschrieben. Besonderes Gewicht
legten die Genossenschaften auf die Qualität der Erzeugnisse
in Material und Ausführung. „Den Meistern, die unehrlich
in Arbeit und Handel waren, wurde das Recht des Hand'
Werksbetriebes genommen und die Ware selbst verbrannt.“
So lebte die arbeitende Menschheit in den Städten des gotischen
Mittelalters auf der Kulturhöhe ihrer Zeit, so wie der eim
zelne der Jäger' und Fischervölker, der Hirtenvölker und
Ackerbauvölker seiner Arbeit und der durch seine Arbeit
geschaffenen allgemeinen Kulturhöhe gemäß leben konnte.
DER WERT WAR DIE ARBEITSLEISTUNG UND DIE
LEISTUNG HATTE IHREN LOHN NACH IHREM
WERTE. Die Arbeit mußte den Preis wert sein, ABER
DER PREISWERT BILDETE SICH NIE AUF KOSTEN
DES ARBEITERS. Die Grundlage des Preiswertes bildeten
vielmehr jene Ansprüche auf einen angemessenen Unterhalt
und die solide Arbeitsleistung, die solche Ansprüche recht'
fertigt.
Je mehr Menschen nun zu produktiver Arbeit sich zusammen'
tun, desto reichlicher werden die Lebensführung und die Am
Sprüche auf einen dem vorhandenen Güterreichtum am
gemessenen Unterhalt sein können, weil die gemeinsame
Arbeit immer mehr Güter hervorbringt als der einzelne zu
seiner Existenz unbedingt benötigt. Wie herrlich muß es
nun erst in volkreichen Ländern oder Städten aussehen, die eine
hundert' oder tausendmal größere Bevölkerung aufweisen und
infolge ihrer ungeheuren Kräftesteigerung, ihrer besseren Ar'
beitsmittel und sonstigen Vorteile, die sich nur aus der Massem
Organisation ermöglichen lassen, einen unendlich größeren
Güterstrom, zu aller Freude und Überfluß, hervorbringen
müssen, als er in Wirklichkeit gebraucht wird, und die daher
ihren Überfluß zu besonderer Verfeinerung und Veredlung aller
und jeglicher, die am Weltbau mittun, anzuwenden vermögen.
Wendet man nun seinen Blick in die volkreichen Länder
und Städte der Jetztzeit, so findet man trotz der Massem
haftigkeit an Gütern eine Menschheit, die zum größten Teil
in einem Zustand der Entbehrung und Kulturlosigkeit lebt,
daß sich jeder auf der Urstufe lebende Samojede dankend
abwenden und froh zu seinen Renntieren und in seine talg'
lichterhellte Halbjahresnacht zurückkehren würde. Wie konnte
jemals ein solcher Mißton in die Welt kommen? Durch
geraume Zeit und an vielen Beispielen konnte man die
Folgerichtigkeit bestätigt finden, daß die allgemeine und
persönliche Wohlfahrt mit der Vermehrung der wertbildenden
Kräfte steigen mußte. Wenn ich die Gesetze von Angebot
und Nachfrage, nach denen die heutige nationalökonomische
Wissenschaft die Preisbildung erklärt, hier anwende, so will
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