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E ine der größten Kunstsorgen ist die Frage, ob es in der
Zukunft jemals wieder gelingen wird, so schöne Städte^
bilder zu schaffen, wie sie unsere Vorfahren schufen. Es
bestehen gar zu wenig Aussichten dafür. Vergleicht man
das Aussehen einer Stadt vor zehn Jahren mit dem heutigen,
dann hat man die klare Empfindung, als ob die lebende
Generation nichts Wichtigeres zu tun hätte, als das köstliche
Bild so gründlich wie möglich zu entstellen oder zu vernichten.
Man könnte den Zeitpunkt des künstlerischen Rückganges um
einige Jahrzehnte früher ansetzen, allein in den letzten zehn
Jahren ist die Niedergangskurve am stärksten. Zwar geschieht
alles unter dem Vorwand der „Stadtverschönerung“. Künst
lerisch betrachtet, sind keine Treffer, sondern fast ausnahmslos
Nieten zu verzeichnen. Die alten Stadtteile tragen ein im
dividuelles Gesicht, die neuen sind der Schablone verfallen.
Das hat die Großstadt getan. In den großen Städten hat
der Zuzug eines zahlreichen fremden und heimatlosen Eie--
mentes jene Sachlage geschaffen, die sich aus dem raschen
Bedürfnis nach Wohnungen für eine zum großen Teil
wurzellockere Bevölkerung mit wenig oder gar keinen Kultur^
ansprüchen ergibt. Spekulantenunwesen, Grundverteuerung,
einschränkende Baubestimmungen, schulmäßige Züchtung
einer öden Architekturmacherei haben zur Herrschaft der
Schablone geführt und die künstlerischen Regungen erstickt.
Selbst wo Verschönerungen versucht werden, schlagen sie
meistens ins Gegenteil um. Heute ist die Erkenntnis über diese
künstlerische Unkultur in vielen Köpfen bereits erwacht.
Aber die Provinzen, die gern großstädtisch tun, übernehmen
mit vielem Guten und Schlechten, urteilslos auch das schlimme
Geschenk großstädtischer Architekturschablone. Die heutige
Bautendenz, die daraufhinstrebt, unsere entzückenden Provinz
städte in kleine Großstadtschablonen zu verwandeln, erregt
berechtigte Besorgnisse. Die Kunstsorge ist mehr als eine
Das alte Rathaus in Jägerndorf mit dem Franz-Josephsplatz im Jahre 1900.
rein ästhetische Frage, sie ist zugleich auch eine kulturelle
und wirtschaftliche. Die Schönheit unserer alten Städte und
Dörfer ist aus örtlichen Traditionen hervorgegangen, aus
heimatlichen Industrien und handwerklichen Kunstfertigkeiten,
die im wohltuenden Gegensatz zu gewissen Industrie
bezirken, einen bescheidenen, aber gleichmäßigen Wohlstand
erzeugten. Diese Traditionen bestehen zum großen Teil noch
fort, wenn auch von der Fremdsucht und Heimatflucht
verdrängt und unterdrückt. Manche Quelle des Wohlstandes
ist verschüttet und könnte wieder erschlossen werden. Was
ist mit den zahlreichen Hausindustrien geschehen? Wieder
belebungsversuche werden ja neuerdings gemacht. Es frägt sich
nur, ob es immer auf die rechte Art geschieht. In der Bau
kunst spürt man nichts davon und das wäre doch das rechte
Mittel, das Heimatgefühl zu stärken. Es ist von grundlegender
Wichtigkeit, daß unsere Provinzen gegen den uniformierenden
Einfluß der Großstädte mißtrauischer werden und sich an
das Beispiel halten, das die Vorfahren gegeben haben.
In vielen Orten hat die Leichtfertigkeit oder der Unverstand
oder die Unselbständigkeit, mit der die wichtigen Fragen
des Städtebaues behandelt werden, zu unsühnbaren Schäden
geführt. An solchen beklagenswerten Fällen, die zahlreicher
sind, als man denkt, ist freilich nichts mehr zu ändern. Aber
es läßt sich daran zu Nutz und Frommen jener, die durch
fremden Schaden klug werden wollen, aufzeigen, was ge
schehen soll und was,nicht. Einen solchen Fall hat das
schlesische Städtchen JÄGERNDORF mit seinem Rathaus
bau geliefert. Die Stadt besitzt heute noch entzückende
Bauten der alten bürgerlichen Baukunst, Patrizierhäuser mit
Laubengängen und der Dreifensterfront, tief nach hinten
ziehend, in der Form, die man heute noch bis in den Norden
Deutschlands antrifft. Im Jahre 1900 besaß es noch sein altes
Rathaus, das ebenfalls der Zeuge einer künstlerischen Bau
periode war und vor allem durch die großzügigen, sachlichen
Formen auffällt. Es war freilich zu klein geworden. Was
an seine Stelle trat, ist eine konventionelle Großstadt
architektur, die in dem Kulturbild des alten Städtchens eine
üble Rolle spielt. Trotz alles Aufputzes öd und nüchtern,
steht der sperrige Kasten breit und protzenhaft da, einerseits
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