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Full text: Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 1. Jahrgang 1904/05

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E ine der größten Kunstsorgen ist die Frage, ob es in der 
Zukunft jemals wieder gelingen wird, so schöne Städte^ 
bilder zu schaffen, wie sie unsere Vorfahren schufen. Es 
bestehen gar zu wenig Aussichten dafür. Vergleicht man 
das Aussehen einer Stadt vor zehn Jahren mit dem heutigen, 
dann hat man die klare Empfindung, als ob die lebende 
Generation nichts Wichtigeres zu tun hätte, als das köstliche 
Bild so gründlich wie möglich zu entstellen oder zu vernichten. 
Man könnte den Zeitpunkt des künstlerischen Rückganges um 
einige Jahrzehnte früher ansetzen, allein in den letzten zehn 
Jahren ist die Niedergangskurve am stärksten. Zwar geschieht 
alles unter dem Vorwand der „Stadtverschönerung“. Künst 
lerisch betrachtet, sind keine Treffer, sondern fast ausnahmslos 
Nieten zu verzeichnen. Die alten Stadtteile tragen ein im 
dividuelles Gesicht, die neuen sind der Schablone verfallen. 
Das hat die Großstadt getan. In den großen Städten hat 
der Zuzug eines zahlreichen fremden und heimatlosen Eie-- 
mentes jene Sachlage geschaffen, die sich aus dem raschen 
Bedürfnis nach Wohnungen für eine zum großen Teil 
wurzellockere Bevölkerung mit wenig oder gar keinen Kultur^ 
ansprüchen ergibt. Spekulantenunwesen, Grundverteuerung, 
einschränkende Baubestimmungen, schulmäßige Züchtung 
einer öden Architekturmacherei haben zur Herrschaft der 
Schablone geführt und die künstlerischen Regungen erstickt. 
Selbst wo Verschönerungen versucht werden, schlagen sie 
meistens ins Gegenteil um. Heute ist die Erkenntnis über diese 
künstlerische Unkultur in vielen Köpfen bereits erwacht. 
Aber die Provinzen, die gern großstädtisch tun, übernehmen 
mit vielem Guten und Schlechten, urteilslos auch das schlimme 
Geschenk großstädtischer Architekturschablone. Die heutige 
Bautendenz, die daraufhinstrebt, unsere entzückenden Provinz 
städte in kleine Großstadtschablonen zu verwandeln, erregt 
berechtigte Besorgnisse. Die Kunstsorge ist mehr als eine 
Das alte Rathaus in Jägerndorf mit dem Franz-Josephsplatz im Jahre 1900. 
rein ästhetische Frage, sie ist zugleich auch eine kulturelle 
und wirtschaftliche. Die Schönheit unserer alten Städte und 
Dörfer ist aus örtlichen Traditionen hervorgegangen, aus 
heimatlichen Industrien und handwerklichen Kunstfertigkeiten, 
die im wohltuenden Gegensatz zu gewissen Industrie 
bezirken, einen bescheidenen, aber gleichmäßigen Wohlstand 
erzeugten. Diese Traditionen bestehen zum großen Teil noch 
fort, wenn auch von der Fremdsucht und Heimatflucht 
verdrängt und unterdrückt. Manche Quelle des Wohlstandes 
ist verschüttet und könnte wieder erschlossen werden. Was 
ist mit den zahlreichen Hausindustrien geschehen? Wieder 
belebungsversuche werden ja neuerdings gemacht. Es frägt sich 
nur, ob es immer auf die rechte Art geschieht. In der Bau 
kunst spürt man nichts davon und das wäre doch das rechte 
Mittel, das Heimatgefühl zu stärken. Es ist von grundlegender 
Wichtigkeit, daß unsere Provinzen gegen den uniformierenden 
Einfluß der Großstädte mißtrauischer werden und sich an 
das Beispiel halten, das die Vorfahren gegeben haben. 
In vielen Orten hat die Leichtfertigkeit oder der Unverstand 
oder die Unselbständigkeit, mit der die wichtigen Fragen 
des Städtebaues behandelt werden, zu unsühnbaren Schäden 
geführt. An solchen beklagenswerten Fällen, die zahlreicher 
sind, als man denkt, ist freilich nichts mehr zu ändern. Aber 
es läßt sich daran zu Nutz und Frommen jener, die durch 
fremden Schaden klug werden wollen, aufzeigen, was ge 
schehen soll und was,nicht. Einen solchen Fall hat das 
schlesische Städtchen JÄGERNDORF mit seinem Rathaus 
bau geliefert. Die Stadt besitzt heute noch entzückende 
Bauten der alten bürgerlichen Baukunst, Patrizierhäuser mit 
Laubengängen und der Dreifensterfront, tief nach hinten 
ziehend, in der Form, die man heute noch bis in den Norden 
Deutschlands antrifft. Im Jahre 1900 besaß es noch sein altes 
Rathaus, das ebenfalls der Zeuge einer künstlerischen Bau 
periode war und vor allem durch die großzügigen, sachlichen 
Formen auffällt. Es war freilich zu klein geworden. Was 
an seine Stelle trat, ist eine konventionelle Großstadt 
architektur, die in dem Kulturbild des alten Städtchens eine 
üble Rolle spielt. Trotz alles Aufputzes öd und nüchtern, 
steht der sperrige Kasten breit und protzenhaft da, einerseits 
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