MAK

Full text: Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 1. Jahrgang 1904/05

Seitenansicht der neuen Land' 
kirche mit der Wohnung des 
□ □ Pastors. □□ 
Das Innere der neuen Land' 
kirche mit sichtbarem Dach' 
gebälk. (Architekt: Prof. Joseph 
Hoffmann.) Diese Kirche gehört 
einer evangelischen Holzhauer' 
n gemeinde in Hohenberg. □ 
In der Annäherung an den bestehenden Dorfkirchentypus 
liegt keine Absichtlichkeit. Die Verwendung von gutem, 
landesüblichem Material, die einfache, aber durchaus den 
Bedürfnissen und Anschauungen der Ortsbewohner ange' 
messene Bauweise, bilden den Architekturstil, der seit Jahr' 
hunderten in der guten Bauernhaus' und Landkirchentradition 
üblich ist und der zu jeder Zeit wiedergefunden werden kann. 
Guter, einfacher praktischer Sinn für die Notwendigkeiten 
des Lebens, Solidität und das Bestreben, darin das Beste zu 
tun, führen zu Lösungen, die sich harmonisch an das alte 
Bestehende anschließen, was wir in den obigen Bildern sinn' 
fällig machen wollen. Alle Stilmacherei, die in den neu' 
gotischen Normalkirchen ihren unerquicklichsten Ausdruck 
gefunden, hat mit heimischer Bauweise nichts zu tun. 
Tief im Gebirge versteckt, hat die schlichte Holzhauerge' 
meinde ein Beispiel gegeben, das weit in die Welt hinaus' 
gehen wird, um auch den katholischen, ratlos tagenden 
Konsistorien Mut zur Erkenntnis der Tatsache zu geben, 
daß zwischen KIRCHE UND MODERNER KUNST NOT' 
WENDIG KEIN GEGENSATZ ZU BESTEHEN BRAUCHT. 
LASSEN SIE SICH AUF EIN ANDERES 
MUSEUM HINWEISEN, DAS UNS NOCH 
GEBLIEBEN IST, UNSERE KIRCHEN AUF 
DEM LANDE. RICHTEN SIE IHR AUGEN' 
MERK DARAUF, UM ZU SEHEN, WIE JEDES 
DING VON KUNST DURCHDRUNGEN WAR; 
DENN SIE DÜRFEN SICH DURCH DEN 
NAMEN „KIRCHE“ NICHT IRREMACHEN 
LASSEN; IN ZEITEN WIRKLICHER KUNST 
BAUTEN DIE LEUTE IHRE KIRCHEN IN 
GENAU DEMSELBEN STIL WIE IHRE HÄU' 
SER; „KIRCHLICHE KUNST“ IST EINE ER' 
FINDUNG DER LETZTEN DREISSIGJAHRE. 
WILLIAM MORRIS. 
STANDESVORURTEILE. 
W enn man sagen hört, daß sich um diese oder 
jene kleine Schreiberstelle vierzig Doktoren und 
ungezählte Hunderte von sonstigen studierten 
Menschen beworben haben (vielleicht sind es 
Tausende) oder daß in Amerika eingewanderte Advokaten 
als Stiefelputzer oder Schankknechte ihr Brot verdienen 
müßten, so sagen die Leute, das sind ungesunde Zustände. 
Ich glaube vielmehr, daß diese Zeichen der Zeit einen Um' 
schwung bedeuten, eine Änderung der sozialen Struktur, die 
man genau untersuchen muß. Die Welt will sich von einer 
veralteten Wahrheit erholen, die überlebt und einseitig als 
Vorurteil verworfen wird. Alle überlebten Wahrheiten, die 
nicht mehr ganz zutrelfen, sind Vorurteile, die wie eine ver' 
dorrte Hülle abfallen, wenn die neue Wahrheit geboren ist. 
Die ungesunden Zustände kommen vielleicht daher, weil die 
verdorrte Hülle noch nicht abfallen will. Im ganzen XIX. Jahr' 
hundert, dem eigentlichen Jahrhundert der Gelehrsamkeit, 
stand es als unerschütterliche Lebensweisheit fest: WISSEN 
IST MACHT. Der ungeheuere Jammer des Bildungsprole' 
tariats zeigt mit erschreckender Deutlichkeit die Unzuläng' 
lichkeit dieses einst sieghaften Wahrspruches. Wissen ist 
längst keine Macht mehr, es ist bloß das unbedingt Not' 
wendige, das rein Selbstverständliche, ein unerläßliches Ge' 
meingut, in jedermanns Bereich wie Luft und Wasser, dem 
Durstigen mit unbeschränktem Reichtum zu Gebote, als eine 
alltägliche Voraussetzung, auf die alleinkeine Machtansprüche, 
keine Vorrechte geltend gemacht werden können. Das Leben 
hat eine andere Wahrheit als Königin auf den Thron er' 
hoben, die nach einer anderen Formel regiert: KÖNNEN 
IST MACHT. 
Aber die entthronte Wahrheit führte ein ketzerisches Regiment 
als Vorurteil weiter, dem der blinde Haufen anhängt. Eine 
ganze Reihe trauriger Erscheinungen, an denen die Welt heute 
leidet, nimmt hier ihren Ursprung. Mit Entrüstung pflegen 
die meisten Eltern auch der ärmsten Klassen die Zumutung 
zurückzuweisen, die Kinder einem anderen als einem halb' 
gelehrten Bildungsziel zuzuführen, dessen Schwerpunkt im 
dürftigen Wissen liegt, weitab von dem praktischen Können, 
gar nicht zu reden von einer handwerklichen Beschäftigung, 
die in den meisten Fällen als eine Art Erniedrigung empfunden 
wird. Eine Familie, die mehrere „studierte“ Kinder hat, schämt 
sich in der Regel des Sohnes, der ein Handwerk erlernt hat. 
41
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.