Seitenansicht der neuen Land'
kirche mit der Wohnung des
□ □ Pastors. □□
Das Innere der neuen Land'
kirche mit sichtbarem Dach'
gebälk. (Architekt: Prof. Joseph
Hoffmann.) Diese Kirche gehört
einer evangelischen Holzhauer'
n gemeinde in Hohenberg. □
In der Annäherung an den bestehenden Dorfkirchentypus
liegt keine Absichtlichkeit. Die Verwendung von gutem,
landesüblichem Material, die einfache, aber durchaus den
Bedürfnissen und Anschauungen der Ortsbewohner ange'
messene Bauweise, bilden den Architekturstil, der seit Jahr'
hunderten in der guten Bauernhaus' und Landkirchentradition
üblich ist und der zu jeder Zeit wiedergefunden werden kann.
Guter, einfacher praktischer Sinn für die Notwendigkeiten
des Lebens, Solidität und das Bestreben, darin das Beste zu
tun, führen zu Lösungen, die sich harmonisch an das alte
Bestehende anschließen, was wir in den obigen Bildern sinn'
fällig machen wollen. Alle Stilmacherei, die in den neu'
gotischen Normalkirchen ihren unerquicklichsten Ausdruck
gefunden, hat mit heimischer Bauweise nichts zu tun.
Tief im Gebirge versteckt, hat die schlichte Holzhauerge'
meinde ein Beispiel gegeben, das weit in die Welt hinaus'
gehen wird, um auch den katholischen, ratlos tagenden
Konsistorien Mut zur Erkenntnis der Tatsache zu geben,
daß zwischen KIRCHE UND MODERNER KUNST NOT'
WENDIG KEIN GEGENSATZ ZU BESTEHEN BRAUCHT.
LASSEN SIE SICH AUF EIN ANDERES
MUSEUM HINWEISEN, DAS UNS NOCH
GEBLIEBEN IST, UNSERE KIRCHEN AUF
DEM LANDE. RICHTEN SIE IHR AUGEN'
MERK DARAUF, UM ZU SEHEN, WIE JEDES
DING VON KUNST DURCHDRUNGEN WAR;
DENN SIE DÜRFEN SICH DURCH DEN
NAMEN „KIRCHE“ NICHT IRREMACHEN
LASSEN; IN ZEITEN WIRKLICHER KUNST
BAUTEN DIE LEUTE IHRE KIRCHEN IN
GENAU DEMSELBEN STIL WIE IHRE HÄU'
SER; „KIRCHLICHE KUNST“ IST EINE ER'
FINDUNG DER LETZTEN DREISSIGJAHRE.
WILLIAM MORRIS.
STANDESVORURTEILE.
W enn man sagen hört, daß sich um diese oder
jene kleine Schreiberstelle vierzig Doktoren und
ungezählte Hunderte von sonstigen studierten
Menschen beworben haben (vielleicht sind es
Tausende) oder daß in Amerika eingewanderte Advokaten
als Stiefelputzer oder Schankknechte ihr Brot verdienen
müßten, so sagen die Leute, das sind ungesunde Zustände.
Ich glaube vielmehr, daß diese Zeichen der Zeit einen Um'
schwung bedeuten, eine Änderung der sozialen Struktur, die
man genau untersuchen muß. Die Welt will sich von einer
veralteten Wahrheit erholen, die überlebt und einseitig als
Vorurteil verworfen wird. Alle überlebten Wahrheiten, die
nicht mehr ganz zutrelfen, sind Vorurteile, die wie eine ver'
dorrte Hülle abfallen, wenn die neue Wahrheit geboren ist.
Die ungesunden Zustände kommen vielleicht daher, weil die
verdorrte Hülle noch nicht abfallen will. Im ganzen XIX. Jahr'
hundert, dem eigentlichen Jahrhundert der Gelehrsamkeit,
stand es als unerschütterliche Lebensweisheit fest: WISSEN
IST MACHT. Der ungeheuere Jammer des Bildungsprole'
tariats zeigt mit erschreckender Deutlichkeit die Unzuläng'
lichkeit dieses einst sieghaften Wahrspruches. Wissen ist
längst keine Macht mehr, es ist bloß das unbedingt Not'
wendige, das rein Selbstverständliche, ein unerläßliches Ge'
meingut, in jedermanns Bereich wie Luft und Wasser, dem
Durstigen mit unbeschränktem Reichtum zu Gebote, als eine
alltägliche Voraussetzung, auf die alleinkeine Machtansprüche,
keine Vorrechte geltend gemacht werden können. Das Leben
hat eine andere Wahrheit als Königin auf den Thron er'
hoben, die nach einer anderen Formel regiert: KÖNNEN
IST MACHT.
Aber die entthronte Wahrheit führte ein ketzerisches Regiment
als Vorurteil weiter, dem der blinde Haufen anhängt. Eine
ganze Reihe trauriger Erscheinungen, an denen die Welt heute
leidet, nimmt hier ihren Ursprung. Mit Entrüstung pflegen
die meisten Eltern auch der ärmsten Klassen die Zumutung
zurückzuweisen, die Kinder einem anderen als einem halb'
gelehrten Bildungsziel zuzuführen, dessen Schwerpunkt im
dürftigen Wissen liegt, weitab von dem praktischen Können,
gar nicht zu reden von einer handwerklichen Beschäftigung,
die in den meisten Fällen als eine Art Erniedrigung empfunden
wird. Eine Familie, die mehrere „studierte“ Kinder hat, schämt
sich in der Regel des Sohnes, der ein Handwerk erlernt hat.
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