Dem Handwerk werden die Söhne meistens erst dann zugeführt,
wenn sie sich für alle anderen Berufe als vollkommen um
tauglich erwiesen haben. Der törichte Ehrgeiz der Eltern
wird einigermaßen entschuldigt und gerechtfertigt durch den
Bildungsdünkel der Massen, der die körperliche Arbeit geringe
schätzt und eine gewisse Art von Kastengeist züchtet. Die
Kluft, die sich zwischen den sogenannten Gebildeten und den
Ungebildeten auftut, läßt den vielverbreiteten Irrtum zu Jahren
kommen, daß die Haupttreffer des Lebens nur auf der einen
Seite wären und die Nieten auf der anderen. Im Gegensatz
zum wahrhaft Gebildeten, den Wissen bescheiden macht,
bestimmt der aufgeblähte Bildungsphilister den gesellschaft
lichen Wert oder Unwert einseitig nach dem akademischen
Grad, oft im lächerlichen Widerspruch mit dem praktischen
Leben. Über hundert Jahre nach der Proklamierung der
Menschenrechte ist der Einzelne, gesellschaftlich betrachtet,
nicht freier als im feudalen XVIII. Jahrhundert, wo der Mensch
erst beim Baron anfing. Nur die Formel hat sich geändert.
Nach dem stillschweigenden Urteil der Gesellschaft fängt der
Mensch beim Doktor an. Der Kastengeist ist geblieben. Es
nützt einem Tischler oder einem sonstigen Handwerker nichts,
daß er der gebildetste und tüchtigste Mensch sei; er ist, wenn
er seinen Stand bekennt, in der sogenannten guten Gesell
schaft unmöglich. Mit den Worten: „Ach, nur ein Tischler!“
werden sich die Damen des Hauses enttäuscht von ihm ab-
wenden und jeder Windbeutel, wofern er den Doktortitel
führt oder gar Baron ist, wird hohnlächelnd über ihn trium
phieren. Hier liegen in Wahrheit die ungesunden Zustände,
in den gesellschaftlichen Scheinwerten, in der vertrackten
Weltanschauung der halbgebildeten Durchschnittsstädter, die
sich, um ein weiteres alltägliches Beispiel anzuführen, auch
gern über den „ungebildeten“ Bauern lustig machen. Sie
ahnen nicht, daß ihnen ein Durchschnittsbauer an Wissen
und Können turmhoch überlegen ist. Der Mann muß, um
sein Leben zu behaupten, nicht nur in allen Handwerken
sattelfest sein, darin er vielfach als Künstler hervorragt, er
muß mit allen Zweigen des Wirtschaftslebens vertraut sein
und eine ungeahnte Fülle von Kenntnissen besitzen, die,
wie seine Wetterkunde oder seine Arzeneikunde, zum
guten Teil von der modernen Wissenschaft bestätigt werden.
Seine Kenntnisse beruhen auf der Weisheit einer uralten
Tradition, auf den Erfahrungen ungezählter Menschenge
schlechter, sie sind also nach einer anderen Methode als nach
dem Formelkram des Schultrichtersystems eingerichtet, und
dieser kostbare Umstand läßt ihn dem oberflächlichen Bildungs
philister ungebildet und lächerlich erscheinen.
Aber nebst der Züchtung der Standesvorurteile hat der ein
seitige Bildungsdünkel noch viel beklagenswertere Folgen
gehabt. Das ist vor allem der Verfall des Könnens. Die
Verachtung der manuellen Arbeit hat der Schönheit unserer
Erde und folglich unseres Lebens den schwersten Schaden
zugefügt. Es ist für das XIX. Jahrhundert bezeichnend, daß
es künstlerisch von der Nachahmung früherer Zeitstile lebte,
weil es ihm an eigener formschöpferischer Kraft gebrach,
und daß es hinsichtlich der formalen Kultur., tiefer steht als
alle früheren Jahrhunderte. In allen formalen Äußerungen un
seres Lebens, von den elenden Mietskasernen angefangen
bis zum Unrat eines lächerlichen, auf bloßen Schein berech
neten Luxus, rächt sich der Mangel einer wahrhaft künst
lerischen Weltanschauung, derzufolge die beseelte Hand
arbeit, die den höchsten Einsatz des Könnens und der
Arbeitsfreude fordert, den richtigen und einzigen produktiven
Wert bilden und zugleich eine Vermehrung der Schönheit
des Weltantlitzes und der Daseinsfreuden bedeutet. Die
Maschine als Helferin des Fortschrittes ändert nichts an
dieser Tatsache, sie bestätigt sie vielmehr. Die beseelte
Handarbeit ist zugleich der stärkste wirtschaftliche Faktor,
nicht allein im Sinne der ziffermäßigen Handelsstatistik,
sondern vielmehr eines gerecht verteilten Volkswohlstandes,
der um so größer ist, je mehr solche gediegene Handarbeit
geschaffen wird, so daß man von diesen Gütern gar nicht
genug hervorbringen kann. Heute liefert nur mehr Japan
ein Beispiel dafür, in der europäischen Entwicklung ist es
die gotische Kultur, die ein einheitliches wunderbares Bild
einer auf ausgebildeter Handwerklichkeit beruhenden Volks
kunst und Volkswirtschaft darbietet. Auf diesem Hinter
grund mag die Erinnerung verständlich sein, die sich im
alten Nürnberg heute noch an der Stätte befindet, wo einst
ein Künstler, ein Schuster und ein Weltumsegler gemeinsam
den Abendschoppen tranken und keinen anderen Standes
unterschied kannten als den zwischen Könnern und Nicht
könnern. Richard Wagners Mahnung: „Verachtet nicht den
Meister und ehrt mir seine Kunst“, ist von ewiger Gültig
keit. Sie ist am dringendsten in einer Zeit wie heute, da
sich einerseits für eine armselige Schreiberstelle oder einen
kleinen Beamtenposten Hunderte und Tausende von stu
dierten oder halb studierten Menschen melden und anderseits
ein in jeder Richtung tüchtiger, geschulter Handwerker zu
den Seltenheiten gehört.
Der enorme Andrang zu den sogenannten gebildeten Ständen
hat natürlich die weitere Folge gehabt, daß dem Hand
werkerstand die intelligenten Kräfte, die er nicht entbehren
kann, größtenteils entzogen wurden und dadurch dem herr
schenden Vorurteil ein Schein von Berechtigung zukommt.
Die beobachteten Fälle von Roheit, Mißbrauch der Lehr
lingskraft, Verrohung der Sitten und andere Mißstände
halten vielfach die Eltern gegen ihre bessere Meinung davon
ab, ihre Söhne ein Handwerk ergreifen zu lassen. Aber diese
Mißstände sind nicht von Dauer und verschwinden in dem
Augenblick, wo sich unser Verhältnis zur Handarbeit ändert.
Seit Jahren sieht man den besseren Teil der Arbeiterschaft
mit Erfolg tätig, alle Bildungsmittel zu ergreifen und aus
ihrem Stande Elitemenschen zu erziehen und überdies ent
wickelt sich aus dem kunstgewerblichen Arbeiter eine Klasse,
die berufen sein kann, die Mauern des lächerlichen Standes
vorurteils niederzuschleifen. Indessen veraltete Konventionen
als leere Daseinsformen vorderhand noch bestehen, hat sich
das Gefüge der Lebensmächte allmählich zu gunsten jener
verändert, die am Weltbau werktätig mit produktiver Arbeit
mittun und die mit der Zeit auch eine gänzliche Umwertung
der gesellschaftlichen Begriffe herbeiführen werden.
Ein Beweis für diese Verschiebung des Schwerpunktes sind
die Heerscharen der Enttäuschten, die zielverloren über eine
verfehlte Existenz klagen und als Warner die ausgetretenen
Straßen füllen. Der Strom des Lebens geht in anderer
Richtung. Die Scharen der Nachzügler werden umkehren,
wofern sie die Gelegenheit nicht versäumt haben, und jene
Arbeitsberufe füllen, die der Intelligenzen dringend bedürfen.
Die drängenden Massen haben allerdings eine nicht zu
unterschätzende Kulturarbeit geleistet: die Verallgemeinerung
des Wissensmaterials. Nachdem alle Kreise damit gesättigt
werden können und Wissen als kein Verdienst, sondern
als Selbstverständlichkeit gilt, drängt die Zukunft auf Ent
wicklung des Könnens. Der Schulplan enthält bereits einige
neue Ansätze, die zur vollständigen Reorganisation führen
müssen. Nicht auf den Wissenskram kommt es an, sondern
auf die Erziehung des Charakters, der Sinne und der Lebens
freude. Alle, die im Leben stehen, bezeugen, daß sie ihr
Wissen ein zweitesmal erwerben mußten, um es wirklich
zu besitzen, einmal in der Schule und dann im Leben als
Autodidakten. Was sie erreichten, konnten sie nur als Auto
didakten erreichen. Wissen allein ist toter Ballast, wenn er
nicht aus dem Können fließt oder unmittelbar für das
Können fruchtbar gemacht werden kann als Vermehrung
der Lebensgüter. Lernende müssen wir bleiben bis ans
Lebensende, nicht Lernende um des Lernens, sondern um
des Könnens willen. Vor 150 Jahren hat Jean Jacques Rousseau
das moderne Erziehungsideal in seinem „Emile“ entworfen,
darin er einen Menschen zeichnet, der durch Erfahrung und
Notwendigkeit sein reiches Wissen erlangte und gleichzeitig
ein Handwerk erlernen mußte, mit dem er sein Leben er
halten konnte. Rousseaus Ideen werden lebendig in dem
künstlerischen Jahrhundert, an dessen Anfang die Worte
stehen: Können ist Macht.
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