MAK

Full text: Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 1. Jahrgang 1904/05

Dem Handwerk werden die Söhne meistens erst dann zugeführt, 
wenn sie sich für alle anderen Berufe als vollkommen um 
tauglich erwiesen haben. Der törichte Ehrgeiz der Eltern 
wird einigermaßen entschuldigt und gerechtfertigt durch den 
Bildungsdünkel der Massen, der die körperliche Arbeit geringe 
schätzt und eine gewisse Art von Kastengeist züchtet. Die 
Kluft, die sich zwischen den sogenannten Gebildeten und den 
Ungebildeten auftut, läßt den vielverbreiteten Irrtum zu Jahren 
kommen, daß die Haupttreffer des Lebens nur auf der einen 
Seite wären und die Nieten auf der anderen. Im Gegensatz 
zum wahrhaft Gebildeten, den Wissen bescheiden macht, 
bestimmt der aufgeblähte Bildungsphilister den gesellschaft 
lichen Wert oder Unwert einseitig nach dem akademischen 
Grad, oft im lächerlichen Widerspruch mit dem praktischen 
Leben. Über hundert Jahre nach der Proklamierung der 
Menschenrechte ist der Einzelne, gesellschaftlich betrachtet, 
nicht freier als im feudalen XVIII. Jahrhundert, wo der Mensch 
erst beim Baron anfing. Nur die Formel hat sich geändert. 
Nach dem stillschweigenden Urteil der Gesellschaft fängt der 
Mensch beim Doktor an. Der Kastengeist ist geblieben. Es 
nützt einem Tischler oder einem sonstigen Handwerker nichts, 
daß er der gebildetste und tüchtigste Mensch sei; er ist, wenn 
er seinen Stand bekennt, in der sogenannten guten Gesell 
schaft unmöglich. Mit den Worten: „Ach, nur ein Tischler!“ 
werden sich die Damen des Hauses enttäuscht von ihm ab- 
wenden und jeder Windbeutel, wofern er den Doktortitel 
führt oder gar Baron ist, wird hohnlächelnd über ihn trium 
phieren. Hier liegen in Wahrheit die ungesunden Zustände, 
in den gesellschaftlichen Scheinwerten, in der vertrackten 
Weltanschauung der halbgebildeten Durchschnittsstädter, die 
sich, um ein weiteres alltägliches Beispiel anzuführen, auch 
gern über den „ungebildeten“ Bauern lustig machen. Sie 
ahnen nicht, daß ihnen ein Durchschnittsbauer an Wissen 
und Können turmhoch überlegen ist. Der Mann muß, um 
sein Leben zu behaupten, nicht nur in allen Handwerken 
sattelfest sein, darin er vielfach als Künstler hervorragt, er 
muß mit allen Zweigen des Wirtschaftslebens vertraut sein 
und eine ungeahnte Fülle von Kenntnissen besitzen, die, 
wie seine Wetterkunde oder seine Arzeneikunde, zum 
guten Teil von der modernen Wissenschaft bestätigt werden. 
Seine Kenntnisse beruhen auf der Weisheit einer uralten 
Tradition, auf den Erfahrungen ungezählter Menschenge 
schlechter, sie sind also nach einer anderen Methode als nach 
dem Formelkram des Schultrichtersystems eingerichtet, und 
dieser kostbare Umstand läßt ihn dem oberflächlichen Bildungs 
philister ungebildet und lächerlich erscheinen. 
Aber nebst der Züchtung der Standesvorurteile hat der ein 
seitige Bildungsdünkel noch viel beklagenswertere Folgen 
gehabt. Das ist vor allem der Verfall des Könnens. Die 
Verachtung der manuellen Arbeit hat der Schönheit unserer 
Erde und folglich unseres Lebens den schwersten Schaden 
zugefügt. Es ist für das XIX. Jahrhundert bezeichnend, daß 
es künstlerisch von der Nachahmung früherer Zeitstile lebte, 
weil es ihm an eigener formschöpferischer Kraft gebrach, 
und daß es hinsichtlich der formalen Kultur., tiefer steht als 
alle früheren Jahrhunderte. In allen formalen Äußerungen un 
seres Lebens, von den elenden Mietskasernen angefangen 
bis zum Unrat eines lächerlichen, auf bloßen Schein berech 
neten Luxus, rächt sich der Mangel einer wahrhaft künst 
lerischen Weltanschauung, derzufolge die beseelte Hand 
arbeit, die den höchsten Einsatz des Könnens und der 
Arbeitsfreude fordert, den richtigen und einzigen produktiven 
Wert bilden und zugleich eine Vermehrung der Schönheit 
des Weltantlitzes und der Daseinsfreuden bedeutet. Die 
Maschine als Helferin des Fortschrittes ändert nichts an 
dieser Tatsache, sie bestätigt sie vielmehr. Die beseelte 
Handarbeit ist zugleich der stärkste wirtschaftliche Faktor, 
nicht allein im Sinne der ziffermäßigen Handelsstatistik, 
sondern vielmehr eines gerecht verteilten Volkswohlstandes, 
der um so größer ist, je mehr solche gediegene Handarbeit 
geschaffen wird, so daß man von diesen Gütern gar nicht 
genug hervorbringen kann. Heute liefert nur mehr Japan 
ein Beispiel dafür, in der europäischen Entwicklung ist es 
die gotische Kultur, die ein einheitliches wunderbares Bild 
einer auf ausgebildeter Handwerklichkeit beruhenden Volks 
kunst und Volkswirtschaft darbietet. Auf diesem Hinter 
grund mag die Erinnerung verständlich sein, die sich im 
alten Nürnberg heute noch an der Stätte befindet, wo einst 
ein Künstler, ein Schuster und ein Weltumsegler gemeinsam 
den Abendschoppen tranken und keinen anderen Standes 
unterschied kannten als den zwischen Könnern und Nicht 
könnern. Richard Wagners Mahnung: „Verachtet nicht den 
Meister und ehrt mir seine Kunst“, ist von ewiger Gültig 
keit. Sie ist am dringendsten in einer Zeit wie heute, da 
sich einerseits für eine armselige Schreiberstelle oder einen 
kleinen Beamtenposten Hunderte und Tausende von stu 
dierten oder halb studierten Menschen melden und anderseits 
ein in jeder Richtung tüchtiger, geschulter Handwerker zu 
den Seltenheiten gehört. 
Der enorme Andrang zu den sogenannten gebildeten Ständen 
hat natürlich die weitere Folge gehabt, daß dem Hand 
werkerstand die intelligenten Kräfte, die er nicht entbehren 
kann, größtenteils entzogen wurden und dadurch dem herr 
schenden Vorurteil ein Schein von Berechtigung zukommt. 
Die beobachteten Fälle von Roheit, Mißbrauch der Lehr 
lingskraft, Verrohung der Sitten und andere Mißstände 
halten vielfach die Eltern gegen ihre bessere Meinung davon 
ab, ihre Söhne ein Handwerk ergreifen zu lassen. Aber diese 
Mißstände sind nicht von Dauer und verschwinden in dem 
Augenblick, wo sich unser Verhältnis zur Handarbeit ändert. 
Seit Jahren sieht man den besseren Teil der Arbeiterschaft 
mit Erfolg tätig, alle Bildungsmittel zu ergreifen und aus 
ihrem Stande Elitemenschen zu erziehen und überdies ent 
wickelt sich aus dem kunstgewerblichen Arbeiter eine Klasse, 
die berufen sein kann, die Mauern des lächerlichen Standes 
vorurteils niederzuschleifen. Indessen veraltete Konventionen 
als leere Daseinsformen vorderhand noch bestehen, hat sich 
das Gefüge der Lebensmächte allmählich zu gunsten jener 
verändert, die am Weltbau werktätig mit produktiver Arbeit 
mittun und die mit der Zeit auch eine gänzliche Umwertung 
der gesellschaftlichen Begriffe herbeiführen werden. 
Ein Beweis für diese Verschiebung des Schwerpunktes sind 
die Heerscharen der Enttäuschten, die zielverloren über eine 
verfehlte Existenz klagen und als Warner die ausgetretenen 
Straßen füllen. Der Strom des Lebens geht in anderer 
Richtung. Die Scharen der Nachzügler werden umkehren, 
wofern sie die Gelegenheit nicht versäumt haben, und jene 
Arbeitsberufe füllen, die der Intelligenzen dringend bedürfen. 
Die drängenden Massen haben allerdings eine nicht zu 
unterschätzende Kulturarbeit geleistet: die Verallgemeinerung 
des Wissensmaterials. Nachdem alle Kreise damit gesättigt 
werden können und Wissen als kein Verdienst, sondern 
als Selbstverständlichkeit gilt, drängt die Zukunft auf Ent 
wicklung des Könnens. Der Schulplan enthält bereits einige 
neue Ansätze, die zur vollständigen Reorganisation führen 
müssen. Nicht auf den Wissenskram kommt es an, sondern 
auf die Erziehung des Charakters, der Sinne und der Lebens 
freude. Alle, die im Leben stehen, bezeugen, daß sie ihr 
Wissen ein zweitesmal erwerben mußten, um es wirklich 
zu besitzen, einmal in der Schule und dann im Leben als 
Autodidakten. Was sie erreichten, konnten sie nur als Auto 
didakten erreichen. Wissen allein ist toter Ballast, wenn er 
nicht aus dem Können fließt oder unmittelbar für das 
Können fruchtbar gemacht werden kann als Vermehrung 
der Lebensgüter. Lernende müssen wir bleiben bis ans 
Lebensende, nicht Lernende um des Lernens, sondern um 
des Könnens willen. Vor 150 Jahren hat Jean Jacques Rousseau 
das moderne Erziehungsideal in seinem „Emile“ entworfen, 
darin er einen Menschen zeichnet, der durch Erfahrung und 
Notwendigkeit sein reiches Wissen erlangte und gleichzeitig 
ein Handwerk erlernen mußte, mit dem er sein Leben er 
halten konnte. Rousseaus Ideen werden lebendig in dem 
künstlerischen Jahrhundert, an dessen Anfang die Worte 
stehen: Können ist Macht. 
42
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.