Hof eines alten Hauses.
Die Höfe neuer Miethäuser (in den Rückseiten des hinter den alten Häusern aufragenden
□ □ unvollendeten Baublockes sichtbar). □ □
lerischen Ohnmacht verurteilt, wird der moderne Architekt
bestenfalls vor die unwürdige Aufgabe gestellt, im Dienste
der Spekulation, die eines lockenden Aushängeschildes bedarf,
eine vielversprechende Fassade zu machen, hinter der sich
das alte Wohnungselend verbirgt. Der wirtschaftlich schwache
Mensch ist lebenslänglich an den großstädtischen Wohnungs^
kerker gekettet und jeder Aussicht benommen, das einzig
menschenwürdige und der geistigen, körperlichen und sitt^
liehen Entwicklung der Familie fördernde Wohnen im
eigenen Häuschen zu erreichen, weil auch die im weiten
Umkreis der Stadt emporschnellenden Grundpreise jeden
solchen Gedanken grundsätzlich ausschließen. In jenem Unv
kreis der Stadt, wo ländliche Verhältnisse vorherrschen und
eine Bevölkerung von Weinbauern und Ackerbürgern eine
gewisse bodenständige Kultur und Tradition behüteten, löst
der zersetzende Einfluß der Großstadt alte wertvolle Sitten
und Kulturbestände auf. Die ohne jedes Zutun oder persön^
liches Verdienst des Besitzers emporschnellende Grundrente
macht den friedsamen Ackerbürger über Nacht zum geld'
gierigen Miethausspekulanten. Die einst so herrlichen Garten^
Vorstädte, die Freude, Schönheit und Gesundheit der Städte,
ist größtenteils verschwunden, und keine Andeutung des
einstigen entzückenden Bildes blieb in den öden groß'
städtischen Straßenzeilen erhalten, die an ihrer Stelle aus
dem Boden wuchsen.
Wenden wir uns wieder der Straße zu. Der übliche Stadt'
regulierungsplan hatte durch eine regelmäßige Anlage mit
breiten geraden Straßen etwas Besseres schaffen wollen als
die unregelmäßen Alt'Städte oder alten Innenstädte, und er
hatte sich dabei wesentlich auf die Forderungen der Hygiene
und Verkehrsfreiheit gestützt. Mehr oder weniger deutlich
erwacht heute das Bewußtsein, daß man eine vollkommen
verfehlte Stadtanlage erzielt hat. Man hat lauter Verkehrs'
Straßen geschaffen und keine Wohnstraßen. Die meisten der
breiten Straßen müssen naturgemäß verkehrsarm bleiben,
und weil keine übersichtliche Trennung von Verkehrsstraßen
und Wohnstraßen vorgesehen war, so erhielt der Verkehr
eine unübersichtliche Zersplitterung, die sich auch auf das
großstädtische Geschäftsleben bezieht, dem sich ebensowenig
genügende Geschäftsadern wie für das öffentliche Leben
notwendige Sammelpunkte bieten. Auch die schnurgerade
verlaufenden Straßenzüge und die weiten offenen Plätze er'
weisen sich sowohl in gesundheitlicher als künstlerischer
Hinsicht als vollständig unzulänglich. Als rechte Zug' und
Stauberzeuger vermögen sie nicht mehr wie die alte Stadt'
anlage die klimatischen Differenzen auszugleichen und die
Wetterunbilden zu mildern, und sie behindern endlich infolge
ihrer gleichförmigen Geradlinigkeit jede künstlerische Ent'
faltung, die im alten Stadtbild unbeschränkte Möglichkeit
besaß. Im alten Stadtbild gehen die Straßen in leichten
Kurven aus und ein, und man gewann in wechselnden
Bildern den Anblick der individuell belebten Häuserfronten.
Im neuen Stadtbild gleitet der Blick, von keinerlei Aug'
ruhepunkten unterstützt und erfrischt, die lang durch'
gehenden und nichtssagenden Straßenzeilen hinab. Es mag
sich zum Teil daraus erklären, daß die meisten Menschen
heutzutage architekturblind und in einem weiteren Sinne
kunstblind geworden sind, denn wenn sie es nicht wären,
würden sie sich nie und., nimmer an solche Verödungen
gewöhnen können. Diese Odigkeit einigermaßen zu beleben,
ist man auf den übrigens ebenfalls ganz unkünstlerischen
Ausweg verfallen, die Häuser durch ganz zwecklose Blech'
türmchen, Filigranwetterfähnchen und sonstige Nichtigkeiten,
die dem Scheinwesen unserer Zeit entsprechen, herauszu'
putzen. Um es kurz zu sagen, was das Ergebnis der groß'
städtischen Bauweise ist: DIE STÄDTE HABEN UNTER
IHREM EINFLUSS NACH INNEN UND AUSSEN AUF'
GEHÖRT, WOHNLICH ZU SEIN. DIE BAUTÄTIGKEIT
DER LETZTEN JAHRZEHNTE HAT ZUSTANDE GE'
SCHAFFEN, DIE KEINESWEGS DEN ANFORDE'
RUNGEN ENTSPRECHEN, WELCHE DIE NEUZEIT
AN GESUNDES WOHNEN FÜR ALLE BE VOLKE'
RUNGSKLASSEN UND AN DIE ENTWICKLUNG DES
ÖFFENTLICHEN UND GESCHÄFTLICHEN VER'
KEHRS STELLEN MUSS.
Eine Sorte von Leuten ist aufgetreten, die sich Boden'
reformer nennen. Kongresse werden einberufen, und mit
der Sentimentalität des unaufrichtigen Fortschritts Vor'
Schläge zur angeblichen Besserung des Wohnungselendes
S emacht. Eine Unsumme unnützer Arbeit wird verrichtet.
lie Unfruchtbarkeit solcher Anstrengungen hat immerhin
eine Frucht gereift, nämlich die Erkenntnis, daß dieWohnungS'
und Städtebaufragen in sozialer und künstlerischer Beziehung
nicht auf Grund der bestehenden wirtschaftlichen Verfassung
gelöst werden können. Mit Recht erkennt man den Boden'
wucher als die Quelle des großstädtischen Wohnungselends.
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