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Full text : Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 1. Jahrgang 1904/05

Hof  eines  alten  Hauses.

Die  Höfe  neuer  Miethäuser  (in  den  Rückseiten  des  hinter  den  alten  Häusern  aufragenden
□  □  unvollendeten  Baublockes  sichtbar).  □  □

lerischen  Ohnmacht  verurteilt,  wird  der  moderne  Architekt
bestenfalls  vor  die  unwürdige  Aufgabe  gestellt,  im  Dienste
der  Spekulation,  die  eines  lockenden  Aushängeschildes  bedarf,
eine  vielversprechende  Fassade  zu  machen,  hinter  der  sich
das  alte  Wohnungselend  verbirgt.  Der  wirtschaftlich  schwache
Mensch  ist  lebenslänglich  an  den  großstädtischen  Wohnungs^
kerker  gekettet  und  jeder  Aussicht  benommen,  das  einzig
menschenwürdige  und  der  geistigen,  körperlichen  und  sitt^
liehen  Entwicklung  der  Familie  fördernde  Wohnen  im
eigenen  Häuschen  zu  erreichen,  weil  auch  die  im  weiten
Umkreis  der  Stadt  emporschnellenden  Grundpreise  jeden
solchen  Gedanken  grundsätzlich  ausschließen.  In  jenem  Unv
kreis  der  Stadt,  wo  ländliche  Verhältnisse  vorherrschen  und
eine  Bevölkerung  von  Weinbauern  und  Ackerbürgern  eine
gewisse  bodenständige  Kultur  und  Tradition  behüteten,  löst
der  zersetzende  Einfluß  der  Großstadt  alte  wertvolle  Sitten
und  Kulturbestände  auf.  Die  ohne  jedes  Zutun  oder  persön^
liches  Verdienst  des  Besitzers  emporschnellende  Grundrente
macht  den  friedsamen  Ackerbürger  über  Nacht  zum  geld'
gierigen  Miethausspekulanten.  Die  einst  so  herrlichen  Garten^
Vorstädte,  die  Freude,  Schönheit  und  Gesundheit  der  Städte,
ist  größtenteils  verschwunden,  und  keine  Andeutung  des
einstigen  entzückenden  Bildes  blieb  in  den  öden  groß'
städtischen  Straßenzeilen  erhalten,  die  an  ihrer  Stelle  aus
dem  Boden  wuchsen.
Wenden  wir  uns  wieder  der  Straße  zu.  Der  übliche  Stadt'
regulierungsplan  hatte  durch  eine  regelmäßige  Anlage  mit
breiten  geraden  Straßen  etwas  Besseres  schaffen  wollen  als
die  unregelmäßen  Alt'Städte  oder  alten  Innenstädte,  und  er
hatte  sich  dabei  wesentlich  auf  die  Forderungen  der  Hygiene
und  Verkehrsfreiheit  gestützt.  Mehr  oder  weniger  deutlich
erwacht  heute  das  Bewußtsein,  daß  man  eine  vollkommen
verfehlte  Stadtanlage  erzielt  hat.  Man  hat  lauter  Verkehrs'
Straßen  geschaffen  und  keine  Wohnstraßen.  Die  meisten  der
breiten  Straßen  müssen  naturgemäß  verkehrsarm  bleiben,
und  weil  keine  übersichtliche  Trennung  von  Verkehrsstraßen
und  Wohnstraßen  vorgesehen  war,  so  erhielt  der  Verkehr
eine  unübersichtliche  Zersplitterung,  die  sich  auch  auf  das
großstädtische  Geschäftsleben  bezieht,  dem  sich  ebensowenig
genügende  Geschäftsadern  wie  für  das  öffentliche  Leben
notwendige  Sammelpunkte  bieten.  Auch  die  schnurgerade
verlaufenden  Straßenzüge  und  die  weiten  offenen  Plätze  er'
weisen  sich  sowohl  in  gesundheitlicher  als  künstlerischer

Hinsicht  als  vollständig  unzulänglich.  Als  rechte  Zug'  und
Stauberzeuger  vermögen  sie  nicht  mehr  wie  die  alte  Stadt'
anlage  die  klimatischen  Differenzen  auszugleichen  und  die
Wetterunbilden  zu  mildern,  und  sie  behindern  endlich  infolge
ihrer  gleichförmigen  Geradlinigkeit  jede  künstlerische  Ent'
faltung,  die  im  alten  Stadtbild  unbeschränkte  Möglichkeit
besaß.  Im  alten  Stadtbild  gehen  die  Straßen  in  leichten
Kurven  aus  und  ein,  und  man  gewann  in  wechselnden
Bildern  den  Anblick  der  individuell  belebten  Häuserfronten.
Im  neuen  Stadtbild  gleitet  der  Blick,  von  keinerlei  Aug'
ruhepunkten  unterstützt  und  erfrischt,  die  lang  durch'
gehenden  und  nichtssagenden  Straßenzeilen  hinab.  Es  mag
sich  zum  Teil  daraus  erklären,  daß  die  meisten  Menschen
heutzutage  architekturblind  und  in  einem  weiteren  Sinne
kunstblind  geworden  sind,  denn  wenn  sie  es  nicht  wären,
würden  sie  sich  nie  und.,  nimmer  an  solche  Verödungen
gewöhnen  können.  Diese  Odigkeit  einigermaßen  zu  beleben,
ist  man  auf  den  übrigens  ebenfalls  ganz  unkünstlerischen
Ausweg  verfallen,  die  Häuser  durch  ganz  zwecklose  Blech'
türmchen,  Filigranwetterfähnchen  und  sonstige  Nichtigkeiten,
die  dem  Scheinwesen  unserer  Zeit  entsprechen,  herauszu'
putzen.  Um  es  kurz  zu  sagen,  was  das  Ergebnis  der  groß'
städtischen  Bauweise  ist:  DIE  STÄDTE  HABEN  UNTER
IHREM  EINFLUSS  NACH  INNEN  UND  AUSSEN  AUF'
GEHÖRT,  WOHNLICH  ZU  SEIN.  DIE  BAUTÄTIGKEIT
DER  LETZTEN  JAHRZEHNTE  HAT  ZUSTANDE  GE'
SCHAFFEN,  DIE  KEINESWEGS  DEN  ANFORDE'
RUNGEN  ENTSPRECHEN,  WELCHE  DIE  NEUZEIT
AN  GESUNDES  WOHNEN  FÜR  ALLE  BE  VOLKE'
RUNGSKLASSEN  UND  AN  DIE  ENTWICKLUNG  DES
ÖFFENTLICHEN  UND  GESCHÄFTLICHEN  VER'
KEHRS  STELLEN  MUSS.
Eine  Sorte  von  Leuten  ist  aufgetreten,  die  sich  Boden'
reformer  nennen.  Kongresse  werden  einberufen,  und  mit
der  Sentimentalität  des  unaufrichtigen  Fortschritts  Vor'
Schläge  zur  angeblichen  Besserung  des  Wohnungselendes
S emacht.  Eine  Unsumme  unnützer  Arbeit  wird  verrichtet.
lie  Unfruchtbarkeit  solcher  Anstrengungen  hat  immerhin
eine  Frucht  gereift,  nämlich  die  Erkenntnis,  daß  dieWohnungS'
und  Städtebaufragen  in  sozialer  und  künstlerischer  Beziehung
nicht  auf  Grund  der  bestehenden  wirtschaftlichen  Verfassung
gelöst  werden  können.  Mit  Recht  erkennt  man  den  Boden'
wucher  als  die  Quelle  des  großstädtischen  Wohnungselends.

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