Links: Straße
einer neuen
□ Vorstadt. □
Rechts: Straße
□ der alten □
Innen - Stadt.
Die ganze Hoffnungslosigkeit besteht aber darin, daß die
Bodenspekulation eine der stärksten Säulen der heutigen
Wirtschaftsverfassung ist und daher zum Teil auch Mit'
träger an dem kommunalen und staatlichen Haushalt. Unsere
öffentlichen und privaten Machtverhältnisse, die wirtschaftliche
und ethische Struktur unseres Lebens, ist wesentlich von
Erwerbsinteressen bestimmt, die auch den Wucher in seinen
zahllosen Abarten heiligen. Daß es Gesetze gibt, die ver'
bieten, mehr als 6°/ 0 Zinsen zu nehmen, besagt nichts da'
gegen. Unsere gesamten Machtbefugnisse, Ehren und Titel
sind auf dieses Erwerbsinteresse zugeschnitten. Es leuchtet
ein, daß die Mehrzahl derjenigen, die infolge ihres Amtes,
ihres wirtschaftlichen Einflusses und ihrer sozialen Stellung
in der bürgerlichen Weit, sich bei den Kongressen zur Reform der
Wohnungsfrage einfinden und das große Wort führen, gar kein
Interesse haben können, daß etwas ernstlich reformiert werde.
Was von diesen wirtschaftlichen Machthabern zur Abwehr
des Elends vorgeschlagen wird, sind Bettelsuppen, unzu'
längliche Wohltätigkeitsakte, zwecklos und verschwenderisch
wie alle Wohltätigkeitsakte, die mehr oder weniger ein
Betrug an der sozialen und menschlichen Gerechtigkeit sind.
Sie sind ein Symptom unseres betrügerischen Fortschrittes,
der mit den Ergebnissen der Wissenschaft, der Kunst und
des humanen Denkens wie ein unehrlicher Handelsmann
Mißbrauch treibt. Unter seiner Herrschaft ist die große und
wohltätige Dienerin der Menschheit, die Maschine, zur Tyrannin
geworden, die Sklaven erzieht und Surrogatwerte erzeugt.
Der unlautere Wettbewerb mit der soliden und individuell
beseelten Handarbeit hat das künstlerische Empfinden des
Volkes arg geschädigt und jene pseudokünstlerische Stimmung,
die zugleich eine antikünstlerische ist, erzeugt, von der unser
ganzes formales Leben, vom Hausrat bis zum Städtebau, ein
bedauerlicher Beweis ist. Die mißbräuchliche Umwertung
wissenschaftlicher und künstlerischer Werte zu unlauteren
Handelszwecken nennt man Popularisierung der Kunst und
Wissenschaft. In wirtschaftlicher Auffassung ist es gleich'
bedeutend mit Bewucherung. Das Publikum ist gut gedrillt
darauf. Die schlechte Erziehung des Publikums in allen
Dingen des Geschmacks und weiterhin des ästhetischen und
ethischen Lebens hängt mit dieser Bewucherung zusammen.
Die überwiegend große Mehrzahl unserer Bau' und Roh'
Stoffe, mit denen wir das nackte Leben umkleiden und jene
Formen schaffen, die in ihren solidesten und tüchtigsten
Ausführungen Kunst bedeuten, erweist sich heutzutage als
billige und geringwertige Fälschung. Dasselbe gilt von einem
erheblichen Teil unserer Nährstoffe. Das sind Fälle, in denen
der Mißbrauch der chemischen und technischen Wissenschaft
zutage liegt. Logisch betrachtet, sind jene lügenhaften Stuck'
Verzierungen unserer Mietkasernen, so wie das WohnungS'
elend überhaupt, nur ein Glied in der folgerichtigen Ent'
wicklung, die auf das Unsolide, Täuschende und Schwindel'
hafte gerichtet ist. Die Kongruenz der Erscheinungen läßt
sich auf allen Gebieten nachweisen, in einer Zeit, die das
Surrogat oder die Bewucherung zu einer erwerbsmäßigen
Potenz erhoben hat. Künstlerischerseits macht sich im ein'
zelnen das Ringen nach einer Moderne geltend, die nichts
weiter ist als gutes und solides Neuschaffen. Als ein paar
Künstler damit anfingen, bemächtigte sich die Industrie der
Sache, nicht um eine Moderne zu schaffen in dem Sinne
von guter und solider Arbeit, sondern um eine Mode zu
kreieren, bei der man reichlich zu verdienen hoffte und die
in der unsoliden Nachäffung einiger mißverstandenen Außer'
lichkeiten bestand. Diesmal war das Publikum besser als
seine Erzieher, es ging auf den Schwindel nicht ein, und
der große Gewinn blieb aus. Das Beispiel ist ergötzlich, als
eine Geschichte vom überlisteten Teufel. Die Fabrikanten
erklärten, die Sache sei ein Schwindel, weil sich kein Geschäft
damit machen ließ, und die Handels' und Gewerbekammer
erklärte es auch. Sicherlich, sie war ein Schwindel, eine
jener mißbräuchlichen Umwertungen künstlerischer Ideen zu
bloßen Handelszwecken, eine jener Ausschindungen, die
sich der Pöbelverstand als „gemäßigte Moderne“ oder der
unsolide Händler als Sezession fürs Publikum zurechtrichten.
Diese Mode mußte kommen und gehen, damit jene Moderne,
die gute und solide Arbeit bedeutet, im einzelnen und um
behelligt für sich wirken kann.
Es könnte einer fragen, was diese Erörterungen mit Städte'
bau und Bodenwucher zu tun haben. Sehr viel haben sie
damit zu tun. Es leuchtet ein, daß die Mehrzahl unserer
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