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Full text: Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 1. Jahrgang 1904/05

Links: Straße 
einer neuen 
□ Vorstadt. □ 
Rechts: Straße 
□ der alten □ 
Innen - Stadt. 
Die ganze Hoffnungslosigkeit besteht aber darin, daß die 
Bodenspekulation eine der stärksten Säulen der heutigen 
Wirtschaftsverfassung ist und daher zum Teil auch Mit' 
träger an dem kommunalen und staatlichen Haushalt. Unsere 
öffentlichen und privaten Machtverhältnisse, die wirtschaftliche 
und ethische Struktur unseres Lebens, ist wesentlich von 
Erwerbsinteressen bestimmt, die auch den Wucher in seinen 
zahllosen Abarten heiligen. Daß es Gesetze gibt, die ver' 
bieten, mehr als 6°/ 0 Zinsen zu nehmen, besagt nichts da' 
gegen. Unsere gesamten Machtbefugnisse, Ehren und Titel 
sind auf dieses Erwerbsinteresse zugeschnitten. Es leuchtet 
ein, daß die Mehrzahl derjenigen, die infolge ihres Amtes, 
ihres wirtschaftlichen Einflusses und ihrer sozialen Stellung 
in der bürgerlichen Weit, sich bei den Kongressen zur Reform der 
Wohnungsfrage einfinden und das große Wort führen, gar kein 
Interesse haben können, daß etwas ernstlich reformiert werde. 
Was von diesen wirtschaftlichen Machthabern zur Abwehr 
des Elends vorgeschlagen wird, sind Bettelsuppen, unzu' 
längliche Wohltätigkeitsakte, zwecklos und verschwenderisch 
wie alle Wohltätigkeitsakte, die mehr oder weniger ein 
Betrug an der sozialen und menschlichen Gerechtigkeit sind. 
Sie sind ein Symptom unseres betrügerischen Fortschrittes, 
der mit den Ergebnissen der Wissenschaft, der Kunst und 
des humanen Denkens wie ein unehrlicher Handelsmann 
Mißbrauch treibt. Unter seiner Herrschaft ist die große und 
wohltätige Dienerin der Menschheit, die Maschine, zur Tyrannin 
geworden, die Sklaven erzieht und Surrogatwerte erzeugt. 
Der unlautere Wettbewerb mit der soliden und individuell 
beseelten Handarbeit hat das künstlerische Empfinden des 
Volkes arg geschädigt und jene pseudokünstlerische Stimmung, 
die zugleich eine antikünstlerische ist, erzeugt, von der unser 
ganzes formales Leben, vom Hausrat bis zum Städtebau, ein 
bedauerlicher Beweis ist. Die mißbräuchliche Umwertung 
wissenschaftlicher und künstlerischer Werte zu unlauteren 
Handelszwecken nennt man Popularisierung der Kunst und 
Wissenschaft. In wirtschaftlicher Auffassung ist es gleich' 
bedeutend mit Bewucherung. Das Publikum ist gut gedrillt 
darauf. Die schlechte Erziehung des Publikums in allen 
Dingen des Geschmacks und weiterhin des ästhetischen und 
ethischen Lebens hängt mit dieser Bewucherung zusammen. 
Die überwiegend große Mehrzahl unserer Bau' und Roh' 
Stoffe, mit denen wir das nackte Leben umkleiden und jene 
Formen schaffen, die in ihren solidesten und tüchtigsten 
Ausführungen Kunst bedeuten, erweist sich heutzutage als 
billige und geringwertige Fälschung. Dasselbe gilt von einem 
erheblichen Teil unserer Nährstoffe. Das sind Fälle, in denen 
der Mißbrauch der chemischen und technischen Wissenschaft 
zutage liegt. Logisch betrachtet, sind jene lügenhaften Stuck' 
Verzierungen unserer Mietkasernen, so wie das WohnungS' 
elend überhaupt, nur ein Glied in der folgerichtigen Ent' 
wicklung, die auf das Unsolide, Täuschende und Schwindel' 
hafte gerichtet ist. Die Kongruenz der Erscheinungen läßt 
sich auf allen Gebieten nachweisen, in einer Zeit, die das 
Surrogat oder die Bewucherung zu einer erwerbsmäßigen 
Potenz erhoben hat. Künstlerischerseits macht sich im ein' 
zelnen das Ringen nach einer Moderne geltend, die nichts 
weiter ist als gutes und solides Neuschaffen. Als ein paar 
Künstler damit anfingen, bemächtigte sich die Industrie der 
Sache, nicht um eine Moderne zu schaffen in dem Sinne 
von guter und solider Arbeit, sondern um eine Mode zu 
kreieren, bei der man reichlich zu verdienen hoffte und die 
in der unsoliden Nachäffung einiger mißverstandenen Außer' 
lichkeiten bestand. Diesmal war das Publikum besser als 
seine Erzieher, es ging auf den Schwindel nicht ein, und 
der große Gewinn blieb aus. Das Beispiel ist ergötzlich, als 
eine Geschichte vom überlisteten Teufel. Die Fabrikanten 
erklärten, die Sache sei ein Schwindel, weil sich kein Geschäft 
damit machen ließ, und die Handels' und Gewerbekammer 
erklärte es auch. Sicherlich, sie war ein Schwindel, eine 
jener mißbräuchlichen Umwertungen künstlerischer Ideen zu 
bloßen Handelszwecken, eine jener Ausschindungen, die 
sich der Pöbelverstand als „gemäßigte Moderne“ oder der 
unsolide Händler als Sezession fürs Publikum zurechtrichten. 
Diese Mode mußte kommen und gehen, damit jene Moderne, 
die gute und solide Arbeit bedeutet, im einzelnen und um 
behelligt für sich wirken kann. 
Es könnte einer fragen, was diese Erörterungen mit Städte' 
bau und Bodenwucher zu tun haben. Sehr viel haben sie 
damit zu tun. Es leuchtet ein, daß die Mehrzahl unserer 
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