DAS ENGLISCHE HAUS. VON HERMANN
MUTHESIUS. BD. I.
F ür uns hat das englische Haus die Bedeutung eines
Beispiels, das die Anknüpfung an die volkstümliche
und nationale Überlieferung im Hausbau zeigt. Die
englischen Wohnungsverhältnisse bieten nicht so sehr
Interesse für die Nachahmung des englischen Hauses, sondern
vielmehr für die Gesinnung, die diesem zugrunde liegt.
In einer erschöpfenden und gediegenen Schilderung hat
HERMANN MUTHESIUS, der bekannte Architekt und
Kunstschriftsteller, die Aufgabe gelöst, das Wesen des eng'
lischen Hauses dem deutschen Leser zu erschließen. Der
erste Band dieser ausgezeichneten Arbeit, die im Verlag von
Ernst Wasmuth in Berlin erschienen ist, liegt bereits vor.
Bei Bearbeitung des großen und interessanten Gebietes war
es das Bestreben des Autors, das breitere Publikum für das
Interesse an dem Stoff zu gewinnen, weil gerade an dem
englischen Hause viel für die Art zu lernen ist, wie man den
heimatlichen Überlieferungen gegenüberstehen soll.
Mehr als in allen anderen Kulturländern ist in England das
Wohnhaus der Ausgangspunkt aller Kunst und Kultur. Die
verblüffenden Ausstellungsleistungen fehlen dort, und von
Jugendstil ist keine Spur zu finden. Alles atmet Einfachheit,
Bürgerlichkeit, Ländlichkeit, ja, hie und da wird das Bäurische
gestreift. Aber ein frischer Hauch der Natürlichkeit weht über
das Haus und ein gesunder Sachlichkeitssinn vermählt sich
mit dem sicheren Takt für das Schickliche. Statt der
gemachten, in schnörkelhaften Künstlichkeiten sich ergehen'
den Modernität erblickt man hier die rein zweckliche um
affektierte Gestaltung, die mancher vielleicht schon heute für
moderner halten wird als alle phantastischen Auswüchse
eines sogenannten modernen Stils. In England hat die Ent'
wicklung einen ruhigen Verlauf genommen und in dem
Einzelwohnhaus eine nationale Kulturleistung geschaffen, die
einzig in ihrer Art ist.
Eine Schilderung des englischen Hauses führt daher
weiter, zu den nationalen Grundlagen, zur Lebensauf'
fassung und zur Entwicklungsgeschichte des Volkes. Als
gründlicher Kenner Englands schildert Hermann Muthesius
in trefflichen Kulturbildern die Liebe des Engländers
zum Landleben und zum eigenen Heim, die mit dem
stark ausgeprägten Persönlichkeitsgefühl zusammenhängt und
zum großen Teil auf stammliche Veranlagung zurückgeht.
Mit dem stark ausgeprägten Persönlichkeitsgefühl des eim
zelnen hängt die hohe Schätzung des eigenen Hauses und
Herdes zusammen, die sich die englische Bevölkerung bis
auf den heutigen Tag bewahrt hat. Im Hause verkörpert
sich für den Engländer der ganze Lebensinhalt. Hier, im
Kreise seiner Familie, sich selbst genügend und ohne wesent'
liehen Geselligkeitstrieb seinen besonderen Neigungen beinahe
in Einsamkeit nachgehend, findet, er sein Glück und seine
wirkliche seelische Behaglichkeit. Äußere Vergnügungen, das
Treiben in der großstädtischen Straße, der Aufenthalt im
Bier' und Kaffeehaus sind ihm eher verhaßt, und er hat für
sie ganz und gar kein Verständnis. Dies ist, nebenbei bemerkt,
der Grund für die von jedem Festländer empfundene öde
Langeweile englischer Städte, für das hastige, rein geschäft'
liehe Treiben auf den städtischen Straßen, die Abwesenheit
von einladenden Stätten für Trunk und Rast, die auf dem
Festlande in so hoher Ausbildung vorhanden sind. Der Eng'
länder eilt nur in die Stadt, um Geschäfte zu erledigen. Am
Abend kehrt er eilig in den Kreis seiner Familie zurück
und scheut selbst eine Eisenbahnfahrt bis zu einer Stunde
nicht, um möglichst fern von dem Großstädtischen seine,
wenn auch spärlich bemessenen Mußestunden verbringen zu
können. Man „wohnt“ in England nicht in der Stadt, man
hält sich nur da auf.
Abweichend von allen Ländern der Welt war bisher selbst
die englische landesherrliche Residenz nicht in der Haupt'
stadt, sondern weitab im Lande gelegen, und der könig'
liehe Stadtpalast ist auch jetzt noch nur ein Absteig'
Altenglisches Wohnhaus. (Aufg. mit Kodoid'PIatten von Kodak Ltd.)
n □ Aus der Halle eines altenglischcn Cottage. □ □
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