Das Haus Fives
Court in Pinner
□ bei London. □
Erbaut von Cecil
P Brewer. D
Aus Hermann
Muthesius’: „Das
englische Haus“,
□ Band I. □
quartier. Der gesamte Adel, jeder wohlhabende Bürger
wohnt auf dem Lande in seinem eigenen wohleingericlv
teten und meist in trefflicher Naturumgebung, aber in eim
samer Entfernung gelegenen Landsitze, der sich in vielen
Fällen bis zu königlichem Maßstabe erhebt. In der Haupte
Stadt besitzt er ein kleineres Stadthaus, in dem er bei Be^
suchen absteigt und in der Gesellschaftszeit (der sogenannten
Season, d. h. in den Frühlingsmonaten) auch auf kurze Zeit
wohnt. Wen seine tägliche Beschäftigung in die Stadt führt,
der sucht sich seinen Wohnort in möglichst ferner Vor^
stadt, die sich noch ein ländliches Gepräge bewahrt hat, und
scheut die Opfer, die sich ergeben, keineswegs. Wer aber not'
wendigerweise in der Stadt wohnen muß, der mietet sich
wenigstens entweder für die Sommermonate oder für das
ganze Jahr in irgend einem schön gelegenen Dorfe ein
Bauernhaus, in welchem er regelmäßig die Zeit von Sonm
abend bis Montag verbringt und wo er in der warmen
Jahreszeit seine Familie überhaupt wohnen läßt. Alles läßt
die Flucht aus der Großstadt erkennen und den instinktiven
Drang jedes einzelnen, seinen unmittelbaren Zusammen'
hang mit der Natur aufrecht zu erhalten und nirgends
anders als in seinem eigenen Hause sein Lebensglück zu
suchen.
Von rein klimatischen Einflüssen, die die Liebe zum Hause
zu fördern geeignet sind, sind sicherlich die feuchte Luft und
der ewig bedeckte Himmel als bedeutungsvoll anzuführen.
Zwar gemäßigt und hohe Grenzzahlen ist das Klima doch
unfreundlich und die stets mit Feuchtigkeit gesättigte Luft
übt einen drückenden Einfluß auf das Gemüt aus. In der
Zurückgezogenheit des Zimmers, um das Kaminfeuer ge'
schart, sucht die Familie Zuflucht und Behaglichkeit. Denn
der Aufenthalt im Freien ist nicht einladend, wie in süd'
liehen Ländern und die Natur verleitet nicht wie dort zum
wegelagernden Müßiggang. Dagegen ruft der Druck auf das
Gemüt entschieden eine Gegenwirkung hervor, die jeder,
der in England gelebt hat, an sich selbst erfahren haben
wird: das Verlangen nach körperlicher Bewegung. Die körper'
liehe Bewegung allein hilft auf die Dauer über das Nieder'
beugende des englischen Klimas hinweg. Die seit altersher
geübten, neuerdings zur wahren Leidenschaft ausgearteten
Spiele im Freien, die Lust am Jagen, Fischen, Wandern,
Radeln lassen sich auf diese Weise leicht aus den klimati'
sehen Verhältnissen des Landes ableiten. Das Klima verbietet
den müßigen Aufenthalt auf der Straße, selbst in der Stadt
und würde jenes stundenlange Herumlungern auf der Piazza,
dem sich die Südländer hingeben, ebenso unmöglich machen,
wie das Schlendern des Parisers auf den Boulevards, selbst
wenn der englische Charakter zu solchen Vergnügungen
neigte. So drängt das Bedürfnis nach körperlicher Bewegung
in der freien Natur von selbst zum Wohnen auf dem Lande
hin.
Zur Bevorzugung des Landlebens trägt indessen auch noch
ein anderer Umstand bei: die Schönheit der englischen Natur.
Der starke Feuchtigkeitsgehalt der Luft, verbunden mit der
durch den Golfstrom gemilderten und infolge der insularen
Natur des Landes sehr gleichmäßigen Temperatur, haben
hier eine Üppigkeit des Pflanzenwuchses hervorgebracht, dem
kein kontinentales Land etwas Ähnliches an die Seite setzen
kann. Es kommt hinzu, daß die feuchte Luft das saftigste
Grün ununterbrochen und bis spät in den Herbst hinein
erhält und Staubablagerungen ebenso ausschließt als das
frühe Verdorren der Blätter, das wir in den kontinentalen
Ländern schon im Hochsommer erleben. Deshalb sieht eine
englische Hecke, jedes englische Gärtchen vor der Hütte des
Bauern stets so ungemein frisch und rein aus. Müssen
die klimatischen Verhältnisse der Natur zu allen Zeiten eine
große Anziehungskraft verliehen haben, so ist diese in der
Gegenwart noch besonders gesteigert durch den Umstand,
daß jetzt der Ackerbau immer weiter in den Hintergrund
getreten und damit fast das ganze Land in eine weite
Wiesenfläche verwandelt worden ist. Diese Wiesen prangen
Sommer und Winter in gleich frischem Grün und die auf
ihnen verteilten Baumgruppen, teils einzeln, teils in Reihen
angeordnet, prächtige satte Laubmassen entwickelnd, machen
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