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Full text: Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 1. Jahrgang 1904/05

DER JAHRESBERICHT DER NIEDERÖSTER, 
REICHISCHEN HANDELS^ UND GEWERBE, 
KAMMER. 
EINE ENTGEGNUNG. 
er Jahresbericht der Niederösterreichischen Handels, 
und Gewerbekammer ist eine interessante Lektüre. 
Ich könnte für die Umwertung unserer Wirtschaft, 
liehen Anschauungen kein besseres Beweismaterial 
finden, als diesen Bericht. Diese Umwertung geht von dem 
Grundsatz aus, daß die Kunst einen der stärksten Wirtschaft, 
liehen Faktoren bildet. Das ist eine alte und einfache Wahr, 
heit, die nie aus der Welt kommt, obzwar sie zu Zeiten viel 
verkannt wird. Sie wird vollständig verkannt in allen Teilen 
des Berichtes, soweit sie von jenen Wirtschaftszweigen handeln, 
die in Beziehung zur Kunst stehen. Das muß freilich bewiesen 
werden. Ich tue es gerne, in der Hoffnung, eine nützliche 
Erkenntnis zu verbreiten und eine Sachlage zu klären, über 
die der Wirtschaftsbericht der Handels, und Gewerbekammer 
nur einseitige und irrige Aufschlüsse gibt. Er klagt an vielen 
Stellen über den wirtschaftlichen Rückgang gewisser kunst, 
gewerblicher Industrien und bezeichnet die heutige Kunst, 
weise als die Ursache des Verfalls. In tendenziöser Weise 
ausgebeutet, was zum Teil bereits geschehen ist, kann das 
verkehrte Urteil zu verhängnisvollen Folgen führen. Wenn 
ein Übel mit Erfolg bekämpft werden soll, so muß man 
zuvor genau wissen, wo das Übel sitzt. Der Berichterstatter 
über die Bronzewarenindustrie weiß es leider nicht. Er sagt 
wörtlich auf Seite 61 des genannten Berichtes: 
„In den letzten Jahren hatte Wien, namentlich in den 
„kleineren Phantasieartikeln, dank der ,SEZESSION', eine 
„führende Rolle übernommen, und da die wirtschaftlichen 
„Verhältnisse in den konsumierenden Staaten günstige waren, 
„machte sich dies auch aus den Exportausweisen bemerkbar. 
„Leider hat diese ,Mode' rasch ihr Ende erreicht, der ,neue 
„Stil* brachte nichts, was Früheres an Schönheit und Reiz 
„übertroffen hätte und ist dadurch unmodern geworden. Die 
„alten Stile sind aber abgebraucht und bieten keinen Reiz 
„mehr für den Käufer. Führende Kräfte, die, an Vorhandenes 
„anknüpfend, durch WeiterentwicklungNeues schaffen würden, 
„fehlen uns, in Wien nicht minder als anderwärts. Diesem 
„Umstande ist es, neben den schon erwähnten ungünstigen 
„wirtschaftlichen Verhältnissen, teilweise zuzuschreiben, daß 
„der Export im vergangenen Jahre abnahm.“ 
Diese Stelle des Berichtes hat durch die Tagesblätter bereits 
eine gewisse Popularität erlangt. Für die Scheinwahrheit, 
die er verbreitet, ist nichts bezeichnender, als die synonyme 
Anwendung der sehr unterschiedlichen Begriffe „Sezession“, 
„Mode“ und „Neuer Stil“. Nach reinlicher Scheidung der 
Begriffe kommt man auf den wahren Sachverhalt, der 
folgendermaßen lautet. Die Bronzewarenindustrie hat vor 
einigen Jahren deshalb eine führende Rolle übernommen, 
weil sie „dank der Sezession“, oder wie man sich richtiger 
ausdrücken müßte, dank einiger tüchtiger Künstler, ge-- 
schmackvollere Erzeugnisse hervorgebracht hatte. Die Bronze^ 
waremFabrikanten hatten sich eben vor einigen Jahren mit 
modernen wirklichen Künstlern in Verbindung gesetzt und 
deren Entwürfe ausgeführt. Die künstlerisch höherstehende 
Leistung hatte denn auch unverzüglich einen wirtschaftlichen 
Aufschwung zur Folge gehabt. Das ist eine geradezu gesetz 
mäßige Erscheinung. 
„Leider hat diese ,Mode‘ rasch ihr Ende erreicht.“ 
Was für eine „Mode“?! Kann eine tüchtige Kunstleistung, 
die unverlierbaren Wert besitzt, jemals Gegenstand einer 
schnell vergänglichen Mode sein? Gewiß nicht! Die „Mode“ ist 
von anderen Leuten gemacht worden, nicht von den Künstlern. 
Die Bronzewaren-Industriellen haben trotz ihrer in den 
Exportausweisen bezifferten Mehrerfolge, an den Künstler 
honoraren sparen wollen und die Regel ausgebildet, von 
obskuren, hergelaufenen Leuten Entwürfe zu kaufen, die 
halbwegs „sezessionistisch“ oder „modern“ aussehen und für 
den Durchschnittspreis von 5 Gulden zu haben sind. Ab 
gesehen davon, daß für 5 Gulden keine Originalkunst zu 
erlangen ist, liefert der Vorgang das Beispiel eines großen 
Händlerunverstandes, der nicht zu erkennen vermag, daß 
er in dem billigen Entwurf eine mehr oder weniger miß 
lungene oder karikierte Nachahmung irgend eines künst 
lerischen Originals, oder irgend ein schwindelhaftes und auf 
Täuschung berechnetes Machwerk erwirbt. Auf diese Weise 
ist das entstanden, was der Bericht „die Mode“ nennt. Nicht 
Künstler, sondern Nachtreter und andere Schwindler haben 
den Industriewert geschaffen, der als „der neue Stil“ an 
gepriesen wird und der, wie der Bericht eingesteht, „nichts 
hervorbrachte, was Früheres an Schönheit und Reiz über 
troffen hätte, und dadurch unmodern geworden ist“. Was in 
der Industrie unter dem Schlagworte „Sezession“, „Mode“, 
„Neuer Stil“ angepriesen wird, ist zum großen Teil von 
Schwindlern geschaffen worden, die die Arbeiten von ernsten und 
wirklichen Künstlern brandschatzten. Daß die Fabrikanten es 
nicht verstanden oder verstehen wollten, einen Unterschied 
zu machen, ist recht bedauerlich; um so erfreulicher ist es, 
daß das Publikum, von besseren Instinkten geleitet, auf den 
Schwindel nicht einging. Das ist ein deutlicher Fingerzeig. 
Der Händler pflegt die Schundware gewöhnlich mit den 
Worten zu rechtfertigen: „Das Publikum verlangt es so“; 
aber hier liegt einmal ein unverkennbares Anzeichen vor, 
daß es das Publikum in Wahrheit doch anders verlangt. Die 
Behauptung des Berichtes, daß es bei uns an führenden 
künstlerischen Kräften mangle, ist gleichfalls ein Armuts 
zeugnis für die Angehörigen des betreffenden Industrie 
zweiges. Wenn sie schon nicht die künstlerischen Qualitäten 
eines Entwurfes zu prüfen vermögen, so müßten sie doch 
die rechten Kräfte zu finden wissen, deren es gerade bei uns 
die reiche Menge gibt. Den wirtschaftlichen Rückgang teil 
weise der wirtschaftlichen Ungunst des konsumierenden Aus 
landes zuzuschreiben, ist natürlich eine Phrase. Der größere 
Export ist immer die Prämie für die künstlerisch höhere 
Leistung. 
Der Mangel der wertbildenden Kraft ist nirgends so aus 
gesprochen, als in der Gold- und Silberwarenbranche. In 
dem Bericht wird hervorgehoben, daß „die Fassonpreise be 
dauerlicherweise noch immer sinken“. Es entspricht der
	        
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