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Full text : Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 1. Jahrgang 1904/05

Das  neue  Meraner  'Stadttheater.

Erbaut  vom  Architekten  Prof.  Martin  Dülfer,  München.

wertig  ersetzt,  ohne  eine  sklavische  Kopie  des  früheren,  noch
eine  Kopie  von  irgend  etwas  anderem,  Fremdartigem  zu  sein,
wie  es  die  meisten  modernen  Barocktheater  sind.  Man  lasse
also  wieder  einmal  einen  neuen  Künstler  sich  an  einer
neuen  Aufgabe  versuchen.  Man  sage  mir  nicht,  daß  ein
solcher  Künstler  schwer  zu  finden  sei.  Ich  garantiere,  daß
der  rechte  Mann  gefunden  wird,  wofern  man  ihn  finden
will.  Daß  es  möglich  ist,  etwas  Neues  und  künstlerisch
Selbständiges  zu  schaffen,  das  sich  an  das  Heimatliche  am
schließt,  will  ich  mit  der  Ansicht  des  MERANER  STADT-THEATERS,
  das  von  dem  Münchener  Architekten,  Professor
MARTIN  DULFER  erbaut  wurde,  belegen.  Ohne  in  die
Schablone  oder  in  eine  Stilkopie  zu  geraten,  hat  der  Architekt
ein  Werk  geschaffen,  dessen  Gesamterscheinung  sich  verwandt ­
  an  die  guten  alten  Beispiele  anschließt.  Es  hält  einen
Vergleich  mit  diesen  ruhig  aus.
Ich  bin  scheinbar  von  dem  ursprünglichen  Thema,  dem  künftigen ­
  LANDSTRASSER  THEATER,  abgekommen.  Aber
alles,  was  sich  über  die  bürgerliche  Tradition  des  Theaterbaues,
bei  Gelegenheit  des  Badener  Theaters  oder  des  Meraner
Theaters  sagen  läßt,  ist  auch  in  bezug  auf  das  Wiener  Theater
im  III.  Bezirk  zu  sagen.  Derselbe  Appell,  der  an  die  Badener
gerichtet  ist,  muß  an  die  Wiener  gerichtet  werden.  An  diese
um  so  eindringlicher,  als  sie  mit  dem  Schlagwort  „ein  Bürgertheater ­
  im  Barockstil“  bereits  eine  gefährliche  Prämisse
geschaffen  haben.  Wie  verlautet,  soll  in  dem  künftigen  Theater
dem  Volksstück  ein  breiter  Raum  gegeben  werden.  Es  wäre
direkt  lächerlich,  wenn  ich  fragen  würde,  ob  die  Schauspieler
in  den  Volksstücken  eine  Allongeperücke  tragen  werden,
oder  ob  die  Volksstücke  in  französischen  Alexandrinern
geschrieben  werden  müssen.  Ein  vernünftiger  Mensch,  wird
man  sagen,  kann  nicht  so  fragen,  weil  es  selbstverständlich
ist,  daß  Volksstücke  in  der  heutigen  Sprache  gesprochen  und

im  Kostüme  der  heutigen  Zeit  gespielt  werden.  Gut  denn.
Aber  ist  es  nicht  ebenso  lächerlich  zu  verlangen,  daß  eine
solche  Bühne  der  Gegenwart  mit  einem  Gehäuse  umgeben
werde,  dessen  Formen  samt  Allongeperücke  und  Alexandrinern ­
  einer  längst  vergangenen  Zeit  angehören.  Vom  Dichter
und  vom  Schauspieler  muß  verlangt  werden,  daß  er  Neues
schaffe,  womöglich  aus  der  Gegenwart  für  die  Gegenwart.
Soll  das  Gesamtkunstwerk  harmonisch  sein,  so  muß  man
auch  vom  Architekten  verlangen,  daß  er  als  Künstler  schöpferisch ­
  sei  und  Neues  gebäre.  Keine  Bizarrerie;  der  Genius
loci,  der  im  Schauspiele  herrschen  soll,  muß  auch  das  Bauwerk ­
  mit  seinem  Geiste  erfüllen.  Ich  habe  auf  ein  Beispiel
hingewiesen,  das  diesen  Heimatsgeist  so  recht  klar  verkörpert.
Aber  er  darf  um  keinen  Preis  als  eine  Stilvorlage  wirken.
Man  braucht  es  nur  zu  wiederholen:  die  Technik  des  Theaterwesens, ­
  die  Forderungen  der  Sicherheit  und  der  Bequemlichkeit, ­
  die  optischen  und  akustischen  Bedingungen,  gute
Licht-  und  Farbenwirkungen,  das  Um  und  Auf  der  sachlichen
Notwendigkeiten,  auf  die  nächstliegende,  einfachste  und
solideste  Weise  gelöst,  muß  zu  einer  formalen  Lösung  führen,
die  jede  Stilnachahmung  ausschließt  und  unverkennbar  als
ein  Werk  unserer  Zeit,  eine  wohltuende  Verwandtschaft  mit
den  bodenständigen  Überlieferungen  unterhält.  Das  kommt
daher,  weil  man  vor  ioo  Jahren  dasselbe  gewollt  hat.  Damals
begannen  die  Anfänge  des  bürgerlichen  Theaters,  das  sich
von  der  überflüssigen  Repräsentanz  des  höfischen  Barock-Theaters
  lossagte,  und  eine  spätere  Entwicklung  auf  streng
sachlicher  Grundlage  vorbildete.
Es  ist  also  aufs  dringendste  zu  warnen,  daß  die  Gelegenheit
verabsäumt  werde,  im  künstlerischen  Sinne  das  Rechte  zu
tun.  Im  Theaterbau  muß  heute  endlich  wieder  der  Weg  zur
Heimat  und  zur  wahren  Bürgerlichkeit  gefunden  werden,  und
dieser  Weg  führt  gewiß  nicht  über  den  neumodischen
            
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