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Full text: Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 1. Jahrgang 1904/05

DER KAMPF GEGEN DEN STAUB. 
VON DR. WILHELM STEKEL (WIEN). 
ndlich scheint sich in den weitesten Kreisen die Uber' 
zeugung Bahn zu brechen, daß die Gesellschaft den 
Kampf gegen die Staubplage im eigenen Interesse führen 
muß, daß eine Regeneration der Menschheit ohne 
Lösung dieser Frage unmöglich ist. Sowohl in München als 
auch in Wien hat sich eine Gesellschaft zur Bekämpfung 
des Straßenstaubes gebildet, die die bedeutendsten Fachmänner 
auf hygienischem und technischem Gebiete zu ihren Mitgliedern 
zählt. Bei der großen Bedeutung dieser Frage für das soziale 
Wohl wollen wir versuchen, die wichtigsten Standpunkte, 
entsprechend den modernen Forschungen der Hygiene, hier 
klarzulegen. 
Der Staub kann in zweifacher Weise dem Organismus 
gefährlich werden, erstens auf rein mechanische Weise, 
dadurch, daß er die feinen Flimmerepithelien der Respirations' 
Organe schädigt und so das Einbrechen gefährlicher Mikro' 
Organismen ermöglicht und zweitens dadurch, daß er diese 
Mikroorganismen direkt mit sich trägt und in der Lunge 
oder an anderen Stellen des Körpers ablagert. Zahlreiche 
Berufe sind direkt darauf angewiesen, im Staube zu arbeiten, 
und der moderne Gewerbeschutz hat, soweit es möglich ist, 
auf diese Verhältnisse Rücksicht zu nehmen. Zeugschmiede, 
Gelbgießer, Schlosser, Schleifer, Schriftgießer, Uhrmacher, 
Feilenhauer u. s. w. haben mit metallischem Staube zu tun, 
der ganz besonders gefährlich ist, Kohlenhändler, Maurer 
mit mineralischem Staube, Müller, Zimmerleute, Zigarren' 
arbeiter mit vegetabilischem, Friseure, Kürschner mit ani' 
malischem. 
Statistische Untersuchungen von Sommerfeld — ich folge 
hier den lehrreichen Ausführungen von Prausnitz (Grund' 
züge der Hygiene) — haben ergeben, daß die Arbeiter' 
kategorien, die im Staube arbeiten müssen, viel häufiger an 
Lungenschwindsucht sterben als andere. So kommen beispiels' 
weise auf Berufe ohne Staubentwicklung von 1000 Sterbe' 
fällen 381 auf Tuberkulose, während bei Berufen mit Staub' 
entwicklung 480, d. i. um 100 Personen mehr an Tuberkulose 
sterben. Bei Arbeitern, die mit Tabakstaub zu tun gehabt 
hatten, kommen von 1000 Sterbefällen 598 auf Tuberkulose, 
bei Porzellanarbeitern 591. 
Ich will hier nicht mit Anführung statistischer Daten ermüden. 
Eines geht daraus unbedingt hervor, daß der Staub geradezu 
die Lungentuberkulose züchtet, daß ein großer Teil der 
Kranken, die jährlich an Lungenschwindsucht sterben, als 
Opfer des Staubes dahingerafft wird. 
Der Kampf gegen den Staub muß auf allen Linien auf' 
genommen werden. Ein jeder einzelne Mensch ist imstande, 
etwas in diesem Kampfe beizutragen. Wieviel Gutes würde 
das Aufgeben der furchtbaren, im wahrsten Sinne des Wortes 
männertötenden Schleppen stiften. Als segensreicher Fort' 
schritt auf diesem Gebiete ist es zu betrachten, daß sich in 
verschiedenen öffentlichen Lokalen die Sitte eingebürgert 
hat, den Fußboden mit Stauböl zu bestreichen und so die 
Entwicklung des Staubes in den kleinen engen Lokalen zu 
hindern. Auch die immer häufigere Verwendung des Vakuum 
Cleaner muß hier erwähnt werden. Die Stauböle bestehen 
meist aus Petroleum, das auf die Weise wirkt, daß das öl 
die Staubpartikelchen bindet, sie schwerer macht und auf 
diese Weise ein Auffliegen derselben verhindert. Leider 
versagen sie nach kurzer Zeit ihre Wirkung. Hat sich die 
oberflächliche Fettschicht mit Staub vollgesogen, so ist es 
unbedingt nötig, den Überzug zu erneuern. Immerhin sind 
sie als ein gutes Hilfsmittel zu betrachten und ist es nur 
zu wünschen, daß diese Stauböle sich überall in Turnhallen, 
Schulen, Restaurants u. s. w. einbürgern. Speziell das 
Turnen in geschlossenen Sälen halte ich, bei der Staub' 
entwicklung, wie sie jetzt meist vor sich geht, geradezu für 
schädlich. 
Auf diese Weise wird sich schon vieles leisten lassen, wenn' 
gleich das Übel, soll es sicher bekämpft werden, mit der 
Wurzel ausgerottet werden muß. Woher kommt der Staub? 
Er dringt von der Straße her in unsere Zimmer, er haftet 
an unseren Kleidern und unseren Sohlen. Wollen wir der 
Staubplage ein Ende machen, so müssen wir die Entwicklung 
des Staubes unmöglich machen. 
Ein Vorkämpfer auf diesem Gebiete ist Prof. Dr. Büttner' 
Pfänner. Er meint, die Staubplage sei, mit Ausnahme des 
uralten Samum oder Chamsin der Wüste, der den feinen 
Sand als Scirocco bis nach Italien herwehe, eine Errungen' 
Schaft der modernen Zeit (Schweizerische Monatshefte für 
Medizin). Eigentlich verstehe man unter Staub nur jene 
kleinsten Staubpartikelchen, die leichter sind als die Luft 
und infolgedessen nicht mehr den Fallgesetzen unterliegen, 
sondern in der Luft herumschwirren. Dieser Staub verur' 
Sache im allgemeinen keine Plage. Von ihm unterscheiden 
sich jedoch jene Staubmassen, die in ihrer wachsenden 
Ungeheuerlichkeit zur Plage der Menschheit geworden sind. 
Diese Massen bestehen meist aus zermalmtem Erd' und Stein' 
reich und verdanken ihren Ursprung dem modernen rasenden, 
nimmer rastenden Weltgetriebe. 
Jeder Fortschritt der Menschheit führt irgend einen Rück' 
schritt auf anderen Gebieten herbei. Jedes Aufwärtsschreiten 
der Kultur erfordert regelmäßige Opfer. Welche ungeheure 
Erfindung ist nicht das Rad gewesen, das in seiner Entwicklung 
vom einfachen Rad bis zur Lokomotive, zum Automobil, 
die ganze Welt umgestaltet hat, und die Ursache der Staub' 
plage sieht Dr. Büttner mit Recht im Rade. 
Das Wassersprengen ist sicherlich nicht der Weg, um den 
Staub zu bekämpfen, denn den erweichten Boden wühlt das 
rollende Rad noch mehr auf, so daß nach dem Bespritzen 
die Staubplage sicherlich größer ist als vorher. Nebenbei 
bemerkt, ist das Automobil als solches, infolge seiner Gummi' 
räder, an der Erzeugung von Staub eigentlich unschuldiger 
und wird nur durch das Aufwirbeln des schon vorhandenen 
Staubes gefährlich. Da das Waschen der Straßen mit Wasser 
sich gegen die Staubplage als machtlos erwiesen hat — wir 
sprechen hier nicht von den gepflasterten und asphaltierten 
Straßen, sondern von den makadamisierten — so machte 
man den Versuch, durch Erd' und Mineralöle die Staub' 
entwicklung zu verhindern. Amerika machte den Anfang, 
weil der Preis des Rohöles daselbst ein minimaler ist. Dann 
folgten verschiedene umfassende Versuche in Europa, die 
zu einem ganzen System führten, ohne aber das Ziel der 
Vollkommenheit zu erreichen. 
Ein auf der Dresdener Städtebauausstellung im kleinen 
gemachter Versuch mit ASPHALTIN bewies zunächst die 
ungeheuer intensive staubbindende Kraft des Rohöles, das 
hier noch durch die Zersetzung des Asphaltin verstärkt war. 
So konnte man 6 Wochen lang die Wirkung beobachten, 
bis die bindende Kraft der Massen auf ein Minimum ge' 
sunken war. Die Straße war nämlich nur einmal behandelt 
worden, und der enorme Verkehr brachte täglich und stündlich 
neue Massen Staub hinzu, die aber völlig vom Asphaltin 
angesogen wurden. Man hatte während der ganzen 6 Wochen 
weder gesprengt, noch gekehrt, noch sonst irgendwie den 
Staub entfernt, so daß sich nach 6 Wochen eine zirka 5 cm 
hohe Schicht Staub angesammelt hatte, die völlig gebunden 
wurde. 
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