BÜCHER, DIE MAN LESEN SOLL.
WALT WHITMAN.
oviel auch in den letzten Jahren über die Vereinigten Staaten von
Amerika geschrieben, soviel Treffendes auch im einzelnen gesagt
worden ist — den Geist des Landes und seiner Bewohner hat noch
kein deutscher Schriftsteller dem deutschen Publikum erschlossen.
Wer sich nur sechs Monate lang in Amerika aufhält, wie Polenz, oder
wie Münsterberg als Akademiker mit dem Durchschnittsvolk gar nicht
in Berührung kommt, kann den Kern des amerikanischen Wesens
nicht erfassen. Und was nützen alle Einzelbeobachtungen, wenn das
Prinzip ganz oder zum größten Teil unverstanden geblieben ist? Der
deutsche Leser erfährt wohl etwas über New York und Boston, Niagara
Falls, Chicago und St. Louis, über Hochbahnbetrieb, industrielle Unter'
nehmungen, Rockefeiler und Standard Oil Compagny, Carnegie und
Volksbibliotheken, allenfalls aber auch über die „Psychologie“ der
oberen Zehntausend: in das Leben der großen Masse bekommt er keinen
Einblick. Zweck und Ziel der demokratischen Union bleiben ihm
verschlossen.
Walt Whitman ist von den besten Amerikanern als der Genius der
amerikanischen Nation erkannt worden. Kein anderer hat so wie er
in die Tiefen der Volksseele geschaut, kein anderer hat so wie er den
Ausdruck gefunden für die Ideale der werdenden Neuen Welt.
In Europa ist Walt Whitman durch Federns Übersetzung der „Gras
halme“ einigermaßen bekannt geworden. Die Leser der Hohen Warte
haben Proben dieser Dichtungen kennen gelernt, in denen der Rhythmus
der neuen Zeit atmet. Bei R. Piper & Co. in München erscheinen Whit-
mans Prosaschriften, in Auswahl übersetzt und eingeleitet von O. E.
Lessing, „DIE FRUCHTSCHALE“, eine Sammlung, die Tagebücherliches
enthält und kleine Aufsätze, ein reiches und oft wundervolles Erleben.
Ein solches ist „Beethovens Septett“, im folgenden wiedergegeben, das
Buch und die Seele, die es schuf, anzudeuten.
BEETHOVENS SEPTETT.
I n einem guten Konzert, im Foyer des Opernhauses
Philadelphia — das Orchester klein, aber ersten Ranges.
Niemals ergriff, besänftigte und erfüllte mich Musik
mehr, niemals erwies sie so ihre seelenerhebende Gewalt,
ihre Unaussprechlichkeit wie heute abend. Besonders bei
der Wiedergabe eines der Meisterseptette Beethovens durch
die trefflich gewählten und vollkommen kombinierten In
strumente (Violinen, Viola, Klarinett, Horn, Cello und Kontra
baß) wurde ich hingerissen und schaute und nahm ich viele
Wunder in mich auf. Liebliches Schwärmen, manchmal als
lachte die Natur an einem Hügelabhang; ernste und an
haltende Eintönigkeiten wie von Winden; Hörnerklang im
Waldesdickicht und ersterbender Widerhall; kosendes Fluten
von Meereswogen, die aber plötzlich als Brandung empor
schnellen, schwer, mit zornigem Peitschen und Murren; durch
dringendes Gelächter dazwischen; dann und wann gespenstisch,
wie die Natur selbst in gewissen Stimmungen — meistens
jedoch spontan, leicht, sorglos — oft eine Empfindung wie
von Gestalten nackter Kinder, die spielen oder schlafen. Es
tat mir schon wohl, den Geigern zuzusehen, wie sie ihre
Bogen so meisterhaft führten — jede Bewegung Kunst. Ich
ließ mich, wie so manchesmal, ganz gehen. Ich hatte die
Vorstellung von einem üppigen Hain voller Singvögel, und
in ihrer Mitte ein einfaches, harmonisches Paar, zwei mensch
liche Seelen im ruhigen Genuß ihres Glücks und ihrer Träume.
] HAUSMUSIK [
UNSERE NOTENBEILAGE.
ie von uns gebrachten Lieder entstammen der im
Verlag der Gebrüder Hug & Co., Leipzig und Zürich,
erschienenen Sammlung „Aus des Knaben Wunder
horn“. Die Texte der Lieder sind in dem unter diesem
Namen erschienenen Volksliederbuch von Arnim und Bren
tano zu finden, während die ursprünglichen Melodien nach
den Quellenwerken der ältesten Liedermusik wiedergegeben
werden. Die erste Blütezeit des deutschen Volksliedes beginnt
nach dem Versiegen der höfischen Minnesängerkunst am
Ende des XIV. und zu Beginn des XV. Jahrhunderts.
Während des XV. Jahrhunderts, nach Erfindung der Buch
druckerkunst, wurden die ersten Volkslieder Sammlungen
herausgegefcen. Vom Ende des XVI. Jahrhunderts an
scheint das Volk viel von seiner Sangesfreudigkeit einzu
büßen und während der Schrecknisse des Dreißigjährigen
Krieges tönen durch die verwüsteten deutschen Lande neben
den inbrünstigen geistlichen Gesängen nur die rohen Lieder
einer heimatlosen Soldateska. Erst zu Ende des XVII. Jahr
hunderts fängt das Volkslied wieder zu blühen an. Der
Weg zu ihm war aber verwildert und verwachsen und nie
mand wollte sich so recht ins Dickicht hineinwagen, bis nach
weiteren hundert Jahren einige große Deutsche, Herder und
vor allem Goethe, dringlich zum Nachforschen nach dem alten
Wunderbaum aufforderten. Dem nun anhebenden eifrigen
Ausspähen nach dem Paradiese der Volksliederkunst war
bald Erfolg beschieden und in den Jahren 1806—1808 konnten
zwei mit dichterischem Seherblick begabte Pfadfinder, Bren
tano und Arnim, ihre Volksliedersammlung „Aus des Knaben
Wunderhorn“ herausgeben, die eine wesentliche Grundlage
alles Wissens von der altdeutschen Volkslieddichtung ist.
Das „Heideröslein“ erinnert in Form und Aufbau sehr an
Gedichte des Mittelalters und an Sprüche Walthers von der
Vogelweide. Die Tabulaturregel:
Ein Gesätz besteht aus zweien Stollen,
Die gleiche Melodei haben sollen.
Der Stoll aus etlicher Vers gebaut
Der Vers hat seinen Reim am End.
Darauf erfolg der Abgesang,
Der sei auch etlich Verse lang
Und hab’ sein besonder Melodei
Als nicht im Stollen zu finden sei,
ist nicht ganz genau und streng eingehalten, da Stollen und
Abgesang den gleichen Abschluß in der Melodie aufweisen.
Das Lied war wohl auch schwerlich als Meistersingerlied gedacht.
Die Begleitung ist der schlichten Melodie wunderbar angepaßt.
Das Lied „Der schwere Traum“ steht, was seinen Bau betrifft,
unserer Zeit viel näher: eine einfache achttaktige Periode ist
die einzelne Strophe, die dreimal wiederkehrt; in der Mitte
ist die Liederstrophe von einer durch den Takt bedingten
Cäsur unterbrochen.
Diesem Hefte ist eine vierseitige Musikbeilage beigeheftet.
U nregelmäßigkeiten in der Zustellung wollen dem Verlag der „HOHEN
WARTE“ gefälligst sofort bekanntgegeben werden.
NACHDRUCKVERBOT für sämtliche in den Heften der „HohenWarte“
erscheinenden Artikel und Illustrationen.
Alle Zuschriften und Sendungen Wien, XIX. Grinzingerstrafle No. 57. Telephon 21.847.
Verlag „Hohe Warte“ (Lux & Lässig). Für die Redaktion Joseph Aug. Lux.
Druck von Christoph Reisser’s Söhne, Wien V.
Papier von der Neusiedler Aktiengesellschaft für Papierfabrikation, Wien.
Jahrgang I der „HOHEN WARTE“, I. und II. Halbjahr, ist in
einigen gebundenen Exemplaren noch zum alten Preis zu haben.
Später Preiserhöhung!
Einbanddecken für den I. Jahrgang werden auf Bestellung
nachgeliefert.
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