MAK

Full text: Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 2. Jahrgang 1905/06

3 DICHTUNG [ 
SILIS. 
VON FIONA MACLEOD.* 
s waren zwei Männer, die liebten ein Weib. Der Name 
des Weibes war Silis; die Namen der Männer waren 
Sheumas und Isla. Als junges Mädchen war sie schön 
gewesen, aber jetzt war sie berückend. Für manche war ihr 
Reiz nur ein verwirrender Glanz, der sie umstrahlte. Sie 
war dunkel und ihre Schönheit bestand aus Licht und 
Schatten wie die Dämmerung; aber wie man im Zwielicht 
nicht sehen kann, was fern darin ist, so sah niemand in die 
Dämmerung dieser Frauenseele. 
Eines Nachts waren die beiden Männer auf dem Wasser. 
Es war eine Totenstille und die Netze waren ausgeworfen. 
Keine Spur von Mond war da und nur ein oder zwei Sterne 
droben in dem schwarzen Winkel am Himmel. Die See 
hatte wandernde Flammen in ihrem Innern; und wenn die 
großen Seequallen vorbeitrieben, waren sie wie die Flutlampen, 
welche die Ertrunkenen auf ihren Totengesichtern tragen, 
wie einige erzählen. 
„Eines Tages könnte ich dir etwas Seltsames erzählen, 
Sheumas," sagte Isla, das lange Schweigen brechend, das 
geherrscht hatte, seit das letzte Netz eine Funkenwolke aus 
den Strudeln emporsendete. 
„Ja?“ sagte Sheumas, indem er seine Pfeife aus dem Munde 
nahm und nach der Rauchsäule blickte, die sich dicht vor 
dem Mast erhob. Nur die Flut tastete sich ihren Weg die 
Meerlagune hinauf, kein Hauch von Wind war zu spüren. 
Hier und dort zeigten sich dämmerige Schatten; die Boote 
der Fischerleute von Inchghumais. Jedes führte ein rotes 
Licht und auf einigen waren grüne Laternen in halber Höhe 
an den Mast gelascht. 
Lange Zeit wurde kein Wort weiter gesprochen. 
„Und ich wundere mich,“ sagte Isla endlich; „ich wundere 
mich, was du von jener Geschichte denken wirst.“ 
Sheumas gab darauf keine Antwort. Er rauchte und starrte 
ins dunkle Wasser. 
Nach einer Weile stand er auf und lehnte sich an den Mast. 
Obwohl kein Licht da war, weder vom Mond noch von 
einer Lampe, legte er seine Hand über die Augen, wie es 
seine Gewohnheit war. 
„Ich denke, die Makrele wird heute nacht diesen Weg 
kommen. Dies ist das dritte Mal, daß ich den Pollack habe 
schnarchen hören — weit dort drüben, hinter Peter Macallums 
Boot.“ 
„Nun, Sheumas, ich will ein bißchen schlafen. Die ganze 
vorige Nacht habe ich wach gelegen.“ 
Damit klopfte Isla die Asche aus seiner Pfeife, legte sich 
hintenüber auf eine Rolle Tauwerk und schloß seine Augen, 
aber er konnte keinen Schlaf finden über dem erschlaffenden, 
dumpfen Leide des heimatlosen Mannes, der er war — ein 
Heim, ein Heim und Silis sein Name. 
Als er nach einer Stunde oder länger steif wurde, regte 
er sich und öffnete die Augen. Sein Maat saß am Steuer 
und hielt die Pfeife in seinem Mund, aber das Feuer in 
seiner Pfeife war erloschen und seine Augen waren weit geöffnet. 
„Ich würde mir jene Geschichte nicht erzählen, Isla,“ sagte er. 
Isla antwortete nichts, sondern legte sich trotz seines er^ 
starrten Beines in die frühere Lage zurück. Er schloß wieder 
seine Augen. 
* Siehe Seite n6: „BÜCHER, DIE MAN LESEN SOLL“. 
Bei Hochwasser, in der dunklen Stunde vor der falschen 
Dämmerung, wie der erste Schimmer genannt wird, der 
Schimmer, der kommt und wieder geht, standen beide 
Männer auf und gingen herum, mit den Füßen stampfend. 
Jeder steckte seine Pfeife an, und der Rauch hing lange in 
kleinen Wölkchen, so totenstill war es. 
Auf der „Brudhearg", dem Boot John Macalpines, sang der 
junge Neil Macalpine. Die beiden Männer auf der „Eala“ 
konnten seinen Gesang hören. Es war eines der seltsamen 
gälischen Lieder von Jan Mor: 
Oh, ob auch schön ihr Angesicht, ihr Herz ist tief und kühl, 
So tief und kühl, wie wenn darauf der Locken Schatten fiel' 
Ein Geist, der nicht ein weißer Geist, wohnt in der Locken 
Schwall, 
In jenes Geistes Himmelskuß liegt einer Hölle Qual. 
Sie hält zwei Männer in der Hand, in ihrer weichen Hand, 
Nimmt ihre Seelen, bläst sie fort, wie unstät treibt der 
Sand: 
Der fällt zurück an ihre Brust, und Heimatruh gewinnt, 
Und jener geht in finstre Nacht, wie Schaum verweht vom 
Wind. 
Sheumas lehnte an der Ruderpinne der „Eala“ und blickte 
Isla an. Er sah einen Schatten auf seinem Gesicht. Mit 
seinem rechten Fuß tippte der Mann gegen eine lose Spiere, 
die am Steuerbord auf dem Deck lag. 
Als der Sänger verstummte, starrte Isla unverwandt über 
das Wasser dorthin, wo die „Brudhearg“ lag. 
Worte schwebten ihm auf den Lippen, aber sie erstarrten, 
als Neil Macalpini das Liebeslied „Mo nighean donn“ 
(„Mein braunes Mädchen“) anstimmte. 
„Kannst du mir sagen, Isla,“ sagte Sheumas, „wer der 
Mann war, der jenes Lied vom heimatlosen Mann dichtete?“ 
„Jan Mor.“ 
„Jan Mor von den Hügeln?“ 
Ja.“ 
„Sie sagen, der Schatten lag auf ihm?“ 
„Nun, was soll das?“ 
„Kam das von Liebe?“ 
„Es kam von Liebe.“ 
„Liebte ihn das Weib?“ 
Ja.“ 
„Ging sie zu ihm?“ 
„Nein.“ 
„War es das, warum er den düsteren Sinn hatte?“ 
Ja.“ 
„Aber er liebte sie und sie liebte ihn?“ 
„Er liebte sie und sie liebte ihn.“ 
Eine Zeitlang schwieg Sheumas. Dann sprach er wieder. 
„Sie war das Weib eines andern?“ 
„Ja, sie war das Weib eines andern.“ 
„Liebte er sie?“ 
„Ja, gewiß.“ 
„Liebte sie ihn?“ 
„Ja . . . ja.“ 
„Wen liebte sie dann? Denn ein Weib kann nur einen Mann 
lieben.“ 
„Sie liebte beide.“ 
„Das ist nicht möglich: nicht mit der einen tiefen Liebe. Es 
ist eine Lüge, Isla Macleod.“ 
„Ja, es ist eine Lüge, Sheumas Maclean.“ 
„Welchen Mann liebt sie?“ 
Isla schüttelte langsam die Asche aus seiner Pfeife und sah 
ein oder zwei Sekunden nach einem momentanen Zucken 
am nordöstlichen Himmel. 
106
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.