3 DICHTUNG [
SILIS.
VON FIONA MACLEOD.*
s waren zwei Männer, die liebten ein Weib. Der Name
des Weibes war Silis; die Namen der Männer waren
Sheumas und Isla. Als junges Mädchen war sie schön
gewesen, aber jetzt war sie berückend. Für manche war ihr
Reiz nur ein verwirrender Glanz, der sie umstrahlte. Sie
war dunkel und ihre Schönheit bestand aus Licht und
Schatten wie die Dämmerung; aber wie man im Zwielicht
nicht sehen kann, was fern darin ist, so sah niemand in die
Dämmerung dieser Frauenseele.
Eines Nachts waren die beiden Männer auf dem Wasser.
Es war eine Totenstille und die Netze waren ausgeworfen.
Keine Spur von Mond war da und nur ein oder zwei Sterne
droben in dem schwarzen Winkel am Himmel. Die See
hatte wandernde Flammen in ihrem Innern; und wenn die
großen Seequallen vorbeitrieben, waren sie wie die Flutlampen,
welche die Ertrunkenen auf ihren Totengesichtern tragen,
wie einige erzählen.
„Eines Tages könnte ich dir etwas Seltsames erzählen,
Sheumas," sagte Isla, das lange Schweigen brechend, das
geherrscht hatte, seit das letzte Netz eine Funkenwolke aus
den Strudeln emporsendete.
„Ja?“ sagte Sheumas, indem er seine Pfeife aus dem Munde
nahm und nach der Rauchsäule blickte, die sich dicht vor
dem Mast erhob. Nur die Flut tastete sich ihren Weg die
Meerlagune hinauf, kein Hauch von Wind war zu spüren.
Hier und dort zeigten sich dämmerige Schatten; die Boote
der Fischerleute von Inchghumais. Jedes führte ein rotes
Licht und auf einigen waren grüne Laternen in halber Höhe
an den Mast gelascht.
Lange Zeit wurde kein Wort weiter gesprochen.
„Und ich wundere mich,“ sagte Isla endlich; „ich wundere
mich, was du von jener Geschichte denken wirst.“
Sheumas gab darauf keine Antwort. Er rauchte und starrte
ins dunkle Wasser.
Nach einer Weile stand er auf und lehnte sich an den Mast.
Obwohl kein Licht da war, weder vom Mond noch von
einer Lampe, legte er seine Hand über die Augen, wie es
seine Gewohnheit war.
„Ich denke, die Makrele wird heute nacht diesen Weg
kommen. Dies ist das dritte Mal, daß ich den Pollack habe
schnarchen hören — weit dort drüben, hinter Peter Macallums
Boot.“
„Nun, Sheumas, ich will ein bißchen schlafen. Die ganze
vorige Nacht habe ich wach gelegen.“
Damit klopfte Isla die Asche aus seiner Pfeife, legte sich
hintenüber auf eine Rolle Tauwerk und schloß seine Augen,
aber er konnte keinen Schlaf finden über dem erschlaffenden,
dumpfen Leide des heimatlosen Mannes, der er war — ein
Heim, ein Heim und Silis sein Name.
Als er nach einer Stunde oder länger steif wurde, regte
er sich und öffnete die Augen. Sein Maat saß am Steuer
und hielt die Pfeife in seinem Mund, aber das Feuer in
seiner Pfeife war erloschen und seine Augen waren weit geöffnet.
„Ich würde mir jene Geschichte nicht erzählen, Isla,“ sagte er.
Isla antwortete nichts, sondern legte sich trotz seines er^
starrten Beines in die frühere Lage zurück. Er schloß wieder
seine Augen.
* Siehe Seite n6: „BÜCHER, DIE MAN LESEN SOLL“.
Bei Hochwasser, in der dunklen Stunde vor der falschen
Dämmerung, wie der erste Schimmer genannt wird, der
Schimmer, der kommt und wieder geht, standen beide
Männer auf und gingen herum, mit den Füßen stampfend.
Jeder steckte seine Pfeife an, und der Rauch hing lange in
kleinen Wölkchen, so totenstill war es.
Auf der „Brudhearg", dem Boot John Macalpines, sang der
junge Neil Macalpine. Die beiden Männer auf der „Eala“
konnten seinen Gesang hören. Es war eines der seltsamen
gälischen Lieder von Jan Mor:
Oh, ob auch schön ihr Angesicht, ihr Herz ist tief und kühl,
So tief und kühl, wie wenn darauf der Locken Schatten fiel'
Ein Geist, der nicht ein weißer Geist, wohnt in der Locken
Schwall,
In jenes Geistes Himmelskuß liegt einer Hölle Qual.
Sie hält zwei Männer in der Hand, in ihrer weichen Hand,
Nimmt ihre Seelen, bläst sie fort, wie unstät treibt der
Sand:
Der fällt zurück an ihre Brust, und Heimatruh gewinnt,
Und jener geht in finstre Nacht, wie Schaum verweht vom
Wind.
Sheumas lehnte an der Ruderpinne der „Eala“ und blickte
Isla an. Er sah einen Schatten auf seinem Gesicht. Mit
seinem rechten Fuß tippte der Mann gegen eine lose Spiere,
die am Steuerbord auf dem Deck lag.
Als der Sänger verstummte, starrte Isla unverwandt über
das Wasser dorthin, wo die „Brudhearg“ lag.
Worte schwebten ihm auf den Lippen, aber sie erstarrten,
als Neil Macalpini das Liebeslied „Mo nighean donn“
(„Mein braunes Mädchen“) anstimmte.
„Kannst du mir sagen, Isla,“ sagte Sheumas, „wer der
Mann war, der jenes Lied vom heimatlosen Mann dichtete?“
„Jan Mor.“
„Jan Mor von den Hügeln?“
Ja.“
„Sie sagen, der Schatten lag auf ihm?“
„Nun, was soll das?“
„Kam das von Liebe?“
„Es kam von Liebe.“
„Liebte ihn das Weib?“
Ja.“
„Ging sie zu ihm?“
„Nein.“
„War es das, warum er den düsteren Sinn hatte?“
Ja.“
„Aber er liebte sie und sie liebte ihn?“
„Er liebte sie und sie liebte ihn.“
Eine Zeitlang schwieg Sheumas. Dann sprach er wieder.
„Sie war das Weib eines andern?“
„Ja, sie war das Weib eines andern.“
„Liebte er sie?“
„Ja, gewiß.“
„Liebte sie ihn?“
„Ja . . . ja.“
„Wen liebte sie dann? Denn ein Weib kann nur einen Mann
lieben.“
„Sie liebte beide.“
„Das ist nicht möglich: nicht mit der einen tiefen Liebe. Es
ist eine Lüge, Isla Macleod.“
„Ja, es ist eine Lüge, Sheumas Maclean.“
„Welchen Mann liebt sie?“
Isla schüttelte langsam die Asche aus seiner Pfeife und sah
ein oder zwei Sekunden nach einem momentanen Zucken
am nordöstlichen Himmel.
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