Freunde zu zeichnen? In deren Mitte waren längst revolu^
tionäre Vorstellungen über den damaligen Hausrat heran--
gereift. Rossetti hatte sich bei der Wahl seines Mobiliars
zurück zur Kunst des XVIII. Jahrhunderts geflüchtet, er war
der erste, der die Chippendale-Stühle wieder in Mode brachte.
Zugleich rief er jene Vorliebe für blau und weißes chinesisches
Porzellan hervor, die in den nächsten Jahrzehnten in England
eine solche Rolle spielte, daß fast alles gute Porzellan dieser
Richtung nach England gewandert ist.
Brown hatte aber nicht nur vorher schon Möbel und Geräte
gezeichnet, sondern diese sogar im Hogarth-Klub, einer
kleinen Vereinigung zur Pflege persönlicher Kunst, aus
zustellen versucht. Sie waren aber als „Nichtkunstwerke“
zurückgewiesen worden. Alle Freunde halfen an Morris’ Haus
rat, Morris war voller Enthusiasmus, hatte die ganze Gesell
schaft jeden Sonntag bei sich versammelt und übertrug
seinen stürmischen Eifer, die Hausausstattung als würdiges
Kunstziel zu betrachten, auf die anderen. Man schuf alles
neu und aus dem Rohen heraus. Tapeten wurden nicht ge
duldet, man beabsichtigte Wandbehang, und zwar wurden
dazu einfarbige Stoffe von den Frauen mit aufgestickten
Mustern versehen. Wirklich wurden auf diese mühsame
Weise einige Zimmer ausgestattet. Die Möbel zeichnete Webb,
es waren einfache Kastenmöbel mit schmiedeeisernen Bändern
und mit großen, für Malereien bestimmten Füllungen. Diese
Füllungen wollte man allmählich bemalen, einige sind be
malt, einige noch heute unvollendet und es läßt sich nicht
einmal feststellen, von wem die angefangenen Kompositionen
herrühren.
Bei diesen mit Eifer geführten Arbeiten entstand der Ge
danke, die gemeinschaftlichen Ideale auch für die weitere
Welt nutzbar zu machen. Man gründete ein Geschäft für
Innendekoration, für das man 1861 Ankündigungen ver
schickte. Der wahrscheinlich von Rossetti verfaßte Text sagt,
daß „eine Anzahl historischer Künstler sich vereinigt habe,
um Arbeiten in einer zugleich durchaus künstlerischen und
wohlfeilen Weise auszuführen und daß sie beschlossen hätten,
ihre Mußestunden zur Herstellung von allerhand kunsthand
werklichen Erzeugnissen zu verwenden“.
Es tritt aus der besonderen Hervorhebung, daß die Beteiligten
„historische Künstler“ seien, zutage, daß man nicht nur vor
hatte, in den Gleisen der historischen Kunst zu schaffen,
sondern sogar für nötig hielt, dies besonders zu betonen;
wie denn tatsächlich die erste Auszeichnung, die die Firma
auf einer Ausstellung erhielt, für „Genauigkeit der Nach
ahmung gotischer Kunst“ erteilt wurde. Es darf eben nicht
vergessen werden, daß der Wunsch nach selbständiger, von
der historischen Kunst absehender Gestaltung damals noch
bei keinem Menschen, am wenigsten aber bei Morris, und
das gilt für dessen ganzes Lebenswerk, vorlag. Man sah sein
Ziel lediglich in der Erreichung der Vollkommenheit alter,
in diesem Falle der mittelalterlichen Kunst. Die Ankündigung
war von acht Mitgliedern gezeichnet: Rossetti, Brown, Burne-
Jones, Morris, Webb, Artur Hughes (der bekannte Maler,
er trat unmittelbar darauf aus), Faulkner und Marshall. Alle
Mitglieder haben, soweit sie nicht schon, wie es bei Rossetti
und Brown der Fall war, einen Namen hatten, die Welt
später mit ihrem künstlerischen Ruhme erfüllt, mit Ausnahme
der beiden letzten, von denen der eine ein Baubeamter, der
andere ein Mitglied der Universität Oxford, beide persönliche
Freunde von Morris waren. Aber auch ihre Mitgliedschaft
ruhte auf ihrer Betätigung im kunstgewerblichen Entwurf,
wie denn alle Mitglieder ängstlich darauf bedacht waren, das
rein kaufmännische Element auszuschalten.
(Schluß folgt.)
L.: DIE VOLKSWIRTSCHAFT
DES TALENTES.
Fortsetzung aus den Heften 21 und 22, 23 und 24, 25 und 26, Seite 353,
bezw. 377, bezw. 401, Jahrg. I, und Heft 1, 2, 3, 4, 5, 7 und 8, Seite 2,
bezw. 17, 33, 49, 65, 86, 102, Jahrg. II.)
Die künstlerische Kraft ist eine seherische, sie geht den Er
eignissen voraus oder führt sie herbei. Sie nimmt den hohen
Flug der Dichtung und zeigt der Menschheit den Weg, den
sie gehen wird.
Die Wissenschaft geht hinterdrein, auf ungezählte Krücken
von Beweisen gestützt, und stellt fest, daß der Weg gangbar ist.
Die freiesten Geister huldigen stillschweigend und unbewußt
einer Weltanschauung, die man im besten Sinne eine anarchi
stische nennen kann. Sie ist die seelische Heimat, die geistige
Höhenluft, die man atmen muß, um nicht in der er
bärmlichen Enge und Tyrannei der gesellschaftlichen und
parteimäßigen Zwangsordnungen zu ersticken.
Das Leben wäre unerträglich, könnte man nicht einen Fleck
Erde lieben mit seinen Hütten, Gärten, Ackerfurchen, Wiesen,
Weinbergen oder Wäldern und einem weiten Stück Himmel
zu Häupten oder im Spiegel eines fließenden Gewässers, und
sich gleichzeitig als Bürger einer über die Erde verstreuten
spärlichen (vielleicht zahlreichen) Gemeinde fühlen, die jene
Höhenluft geistiger Freiheit atmet.
Die hohen Gesinnungen allein machen nicht den Künstler
aus; aber sicher ist, daß aus einer niedrigen und gemeinen
Gesinnung heraus niemals ein Kunstwerk entstehen kann.
Niedrige und gemeine Gesinnung ist durchaus unkünstlerisch.
Die edelsten Gesinnungen und die größten menschlichen
Erbärmlichkeiten habe ich bei Künstlern gefunden, Lauterkeit
bei einigen, Neid, Bosheit, Eitelkeit, Habsucht, Kriecherei
und Titelsucht bei den anderen, bei den meisten dieses und
jenes in seltsamen Mischungen. Sicherlich ist es in den
meisten Fällen nur eine Reagenz auf die Niederträchtigkeiten
des äußeren Lebens. Aber ebenso sicher ist, daß kein Künstler
jemals Großes vollbracht hat, wenn es nicht zugleich auch
in seinem Innern ein Sieg der GUTE war.
Soll die Erde schön, das Volk gesund, das Leben freudig,
der Staat gerecht sein, dann sei das Ziel der Arbeit SELBST
BEGLÜCKUNG.
(Das VI. und letzte Kapitel: „Von den Aufgaben der Erziehung“ wird
in unserer nächsten Sondernummer für Schule und Erziehung
erscheinen.)
EIN URTEIL ÜBER DIE VOLKS
WIRTSCHAFT DES TALENTES.
STEPHAN GROSSMANN, Theaterkritiker
der Arbeiter-Zeitung und Theaterschriftsteller:
„DIE VOLKSWIRTSCHAFT DES TALEN
TES IST DAS WERK EINES ALLZU VER-
WIENERTEN, ENGHERZIGEN, ZÜNFT-
LERISCH VERSIMPELTEN MENSCHEN.“
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