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Full text: Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 2. Jahrgang 1905/06

Freunde zu zeichnen? In deren Mitte waren längst revolu^ 
tionäre Vorstellungen über den damaligen Hausrat heran-- 
gereift. Rossetti hatte sich bei der Wahl seines Mobiliars 
zurück zur Kunst des XVIII. Jahrhunderts geflüchtet, er war 
der erste, der die Chippendale-Stühle wieder in Mode brachte. 
Zugleich rief er jene Vorliebe für blau und weißes chinesisches 
Porzellan hervor, die in den nächsten Jahrzehnten in England 
eine solche Rolle spielte, daß fast alles gute Porzellan dieser 
Richtung nach England gewandert ist. 
Brown hatte aber nicht nur vorher schon Möbel und Geräte 
gezeichnet, sondern diese sogar im Hogarth-Klub, einer 
kleinen Vereinigung zur Pflege persönlicher Kunst, aus 
zustellen versucht. Sie waren aber als „Nichtkunstwerke“ 
zurückgewiesen worden. Alle Freunde halfen an Morris’ Haus 
rat, Morris war voller Enthusiasmus, hatte die ganze Gesell 
schaft jeden Sonntag bei sich versammelt und übertrug 
seinen stürmischen Eifer, die Hausausstattung als würdiges 
Kunstziel zu betrachten, auf die anderen. Man schuf alles 
neu und aus dem Rohen heraus. Tapeten wurden nicht ge 
duldet, man beabsichtigte Wandbehang, und zwar wurden 
dazu einfarbige Stoffe von den Frauen mit aufgestickten 
Mustern versehen. Wirklich wurden auf diese mühsame 
Weise einige Zimmer ausgestattet. Die Möbel zeichnete Webb, 
es waren einfache Kastenmöbel mit schmiedeeisernen Bändern 
und mit großen, für Malereien bestimmten Füllungen. Diese 
Füllungen wollte man allmählich bemalen, einige sind be 
malt, einige noch heute unvollendet und es läßt sich nicht 
einmal feststellen, von wem die angefangenen Kompositionen 
herrühren. 
Bei diesen mit Eifer geführten Arbeiten entstand der Ge 
danke, die gemeinschaftlichen Ideale auch für die weitere 
Welt nutzbar zu machen. Man gründete ein Geschäft für 
Innendekoration, für das man 1861 Ankündigungen ver 
schickte. Der wahrscheinlich von Rossetti verfaßte Text sagt, 
daß „eine Anzahl historischer Künstler sich vereinigt habe, 
um Arbeiten in einer zugleich durchaus künstlerischen und 
wohlfeilen Weise auszuführen und daß sie beschlossen hätten, 
ihre Mußestunden zur Herstellung von allerhand kunsthand 
werklichen Erzeugnissen zu verwenden“. 
Es tritt aus der besonderen Hervorhebung, daß die Beteiligten 
„historische Künstler“ seien, zutage, daß man nicht nur vor 
hatte, in den Gleisen der historischen Kunst zu schaffen, 
sondern sogar für nötig hielt, dies besonders zu betonen; 
wie denn tatsächlich die erste Auszeichnung, die die Firma 
auf einer Ausstellung erhielt, für „Genauigkeit der Nach 
ahmung gotischer Kunst“ erteilt wurde. Es darf eben nicht 
vergessen werden, daß der Wunsch nach selbständiger, von 
der historischen Kunst absehender Gestaltung damals noch 
bei keinem Menschen, am wenigsten aber bei Morris, und 
das gilt für dessen ganzes Lebenswerk, vorlag. Man sah sein 
Ziel lediglich in der Erreichung der Vollkommenheit alter, 
in diesem Falle der mittelalterlichen Kunst. Die Ankündigung 
war von acht Mitgliedern gezeichnet: Rossetti, Brown, Burne- 
Jones, Morris, Webb, Artur Hughes (der bekannte Maler, 
er trat unmittelbar darauf aus), Faulkner und Marshall. Alle 
Mitglieder haben, soweit sie nicht schon, wie es bei Rossetti 
und Brown der Fall war, einen Namen hatten, die Welt 
später mit ihrem künstlerischen Ruhme erfüllt, mit Ausnahme 
der beiden letzten, von denen der eine ein Baubeamter, der 
andere ein Mitglied der Universität Oxford, beide persönliche 
Freunde von Morris waren. Aber auch ihre Mitgliedschaft 
ruhte auf ihrer Betätigung im kunstgewerblichen Entwurf, 
wie denn alle Mitglieder ängstlich darauf bedacht waren, das 
rein kaufmännische Element auszuschalten. 
(Schluß folgt.) 
L.: DIE VOLKSWIRTSCHAFT 
DES TALENTES. 
Fortsetzung aus den Heften 21 und 22, 23 und 24, 25 und 26, Seite 353, 
bezw. 377, bezw. 401, Jahrg. I, und Heft 1, 2, 3, 4, 5, 7 und 8, Seite 2, 
bezw. 17, 33, 49, 65, 86, 102, Jahrg. II.) 
Die künstlerische Kraft ist eine seherische, sie geht den Er 
eignissen voraus oder führt sie herbei. Sie nimmt den hohen 
Flug der Dichtung und zeigt der Menschheit den Weg, den 
sie gehen wird. 
Die Wissenschaft geht hinterdrein, auf ungezählte Krücken 
von Beweisen gestützt, und stellt fest, daß der Weg gangbar ist. 
Die freiesten Geister huldigen stillschweigend und unbewußt 
einer Weltanschauung, die man im besten Sinne eine anarchi 
stische nennen kann. Sie ist die seelische Heimat, die geistige 
Höhenluft, die man atmen muß, um nicht in der er 
bärmlichen Enge und Tyrannei der gesellschaftlichen und 
parteimäßigen Zwangsordnungen zu ersticken. 
Das Leben wäre unerträglich, könnte man nicht einen Fleck 
Erde lieben mit seinen Hütten, Gärten, Ackerfurchen, Wiesen, 
Weinbergen oder Wäldern und einem weiten Stück Himmel 
zu Häupten oder im Spiegel eines fließenden Gewässers, und 
sich gleichzeitig als Bürger einer über die Erde verstreuten 
spärlichen (vielleicht zahlreichen) Gemeinde fühlen, die jene 
Höhenluft geistiger Freiheit atmet. 
Die hohen Gesinnungen allein machen nicht den Künstler 
aus; aber sicher ist, daß aus einer niedrigen und gemeinen 
Gesinnung heraus niemals ein Kunstwerk entstehen kann. 
Niedrige und gemeine Gesinnung ist durchaus unkünstlerisch. 
Die edelsten Gesinnungen und die größten menschlichen 
Erbärmlichkeiten habe ich bei Künstlern gefunden, Lauterkeit 
bei einigen, Neid, Bosheit, Eitelkeit, Habsucht, Kriecherei 
und Titelsucht bei den anderen, bei den meisten dieses und 
jenes in seltsamen Mischungen. Sicherlich ist es in den 
meisten Fällen nur eine Reagenz auf die Niederträchtigkeiten 
des äußeren Lebens. Aber ebenso sicher ist, daß kein Künstler 
jemals Großes vollbracht hat, wenn es nicht zugleich auch 
in seinem Innern ein Sieg der GUTE war. 
Soll die Erde schön, das Volk gesund, das Leben freudig, 
der Staat gerecht sein, dann sei das Ziel der Arbeit SELBST 
BEGLÜCKUNG. 
(Das VI. und letzte Kapitel: „Von den Aufgaben der Erziehung“ wird 
in unserer nächsten Sondernummer für Schule und Erziehung 
erscheinen.) 
EIN URTEIL ÜBER DIE VOLKS 
WIRTSCHAFT DES TALENTES. 
STEPHAN GROSSMANN, Theaterkritiker 
der Arbeiter-Zeitung und Theaterschriftsteller: 
„DIE VOLKSWIRTSCHAFT DES TALEN 
TES IST DAS WERK EINES ALLZU VER- 
WIENERTEN, ENGHERZIGEN, ZÜNFT- 
LERISCH VERSIMPELTEN MENSCHEN.“ 
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