DIE KUNST DES THEATERS.
cnn die Fähigkeit, zu SEHEN, so verbreitet wäre
wie die Fähigkeit, zu HÖREN, dann würde die
Welt des Sichtbaren längst eine gründliche
Säuberung erfahren haben. Ein großer Teil der
Bildungsmängel kommt von der schlechten Erziehung des
Auges her. Zwar sehen alle Leute so gut, um nicht an einen
Laternenpfahl anzurennen; viele können sich sogar rühmen,
den Laternenpfahl aus großer Entfernung zu erkennen, woraus
man zu schließen pflegt, daß es „gute Augen“ sein müssen.
Ich möchte die Probe versuchen, und von den Leuten ver^
langen, aus dem Gedächtnis einen Laternenpfahl mit allen
sichtbaren Merkmalen und den daran haftenden albernen
Zieraten aufzuzeichnen oder ihn genau zu beschreiben. Es
würde sich herausstellen, daß die guten Augen eigentlich
nichts wert sind. Das Ohr ist in viel höherem Grade geschult,
Werte zu unterscheiden und Eindrücke wahrzunehmen.
Die Fähigkeit, eine Melodie zu erfassen und mit annähernder
Richtigkeit wiederzugeben, ist ziemlich verbreitet; in der
Musik ist man sogar an hohe Anforderungen gewöhnt. Aber
der sichtbaren Kunst gegenüber müssen die meisten überhaupt
erst HÖREN oder SAGEN HÖREN, bevor sie SEHEN,
und häufig genug begnügen sie sich mit dem Sagenhören.
Das abstrakte Wissen ersetzt die lebendige Anschauung. In
diesem Falle befindet sich das Theater. Das Wort des Dichters
herrscht, beherrscht alles. Man hört den Schauspieler, ist
„Aug’ und Ohr“ für ihn und ist blind dafür, daß alles um
ihn her elender Dekorationspofel ist. Man merkt gar nicht,
daß das Wort auf dem Theater buchstäblich allein ist, daß
es gar keinen künstlerischen Zusammenhang mit der Umgebung
hat, in der es gesprochen wird. Wer sich dabei auf
die Bühne zu Shakespeares Zeit beruft, die gar nur Tafeln
mit der Aufschrift: „Wald“, „Garten“ etc. mangels realistischer
Dekorationen verwenden mußte, beweist nur, daß diese Not
eine Tugend war. Die Aufschrifttafeln lähmten wenigstens
die Illusion nicht, die der Zuschauer mitbrachte. In dieser
Einfachheit stand das Wort des Dichters nicht allein, so
wenig, wie es im antiken Theater allein stand. In diesem
Punkt ist es Vorbild, wie wenig es auch sonst mit dem
heutigen Abendtheater gemeinsam haben kann. Denn das
antike Theater ist eine Verbindung von Deklamation, Chor
und Reigen, hervorgegangen aus der Leidenschaft der Bewegung,
der inneren und äußeren, des Tanzes und ihres
beredten Ausdrucks, geradezu mit architektonischer Strenge
und Gesetzmäßigkeit kunstvoll aufgebaut und mit der antiken
Baukunst als Schauplatz eine stilistische Einheit bildend.
Hier stehen alle Mittel in künstlerischem Zusammenhang.
Wer noch ein anderes Beispiel von einer Kunst des
Theaters kennen lernen will, der beachte doch, was die
Jesuiten der Reformation aus dem Gottesdienst gemacht
haben: eine imposante Schauwirkung, die alle Mittel
des Jesuitenbarocks zu einer künstlerischen Einheit verschmilzt:
Architektur, Malerei, Plastik, Musik, Gesang,
Goldornate, Weihrauchwolken; überwältigend zwar, aber von
der Frömmigkeit des Herzens so weit entfernt wie die Päpste
von Petrus. Ja, und das ist der besondere Trumpf: sogar
die Andachtsgäste werden zur Mitwirkung herangezogen,
sie nehmen teil an der heiligen Handlung, am Chorgesang,
sie agieren wirklich mit, sie sind mit einem schlauen Kniff
in dieser Einheit verstrickt, nicht nur durch ihr Zeitkostüm,
sondern auch durch ihren Anteil an der Handlung. So verstaubt
und überlebt die barocken Requisitenscherze auch
heute sind, in der alten Pracht vor hundertfünfzig Jahren
beweisen sie eine bedeutende Kunst der Regie, eine Zusammen-Entwurf
für ein Kostüm. E. Gordon Craig.
fassung aller Werte zu einer künstlerischen Einheit, die auch
Richard Wagner erträumt hatte und gegen die aber Baireuth
mit den Pappendeckelkulissen eine reine Stümperei ist. Auf
dem heutigen Theater ist RegieKUNST mit Betonung des
Grundwortes nur dem Namen nach bekannt. Ein Direktor,
dem ich erklärte, daß die amerikanischen Police-men, die
er in einem Stücke auf die Bühne bringt, jeden Amerikaner
zum Lachen reizen müßten, rechtfertigte sich mit den Worten,
daß die Amerikaner, wenn sie einen österreichischen Wachmann
auf die Bühne brächten, wahrscheinlich uns auch zum
Lachen reizen würden, was ich übrigens gern zugeben will.
Für die heutige ^Kunst des Theaters“ ist der Standpunkt
bezeichnend. Die Miß Duncan tanzte vor wenigen Jahren in
einem Wiener Theater ihre Tänze nach der Antike vor
einem Hintergrund, der das Ärgste an Dekorationsschmierage
darstellte. Es ist niemandem aufgefallen. Wir sehen täglich
in den Variétés ausgezeichnete Akrobatik, Leistungen formvollendeter
körperlicher Gymnastik; niemand stößt sich an
der aufreizend albernen Dekorationsmalerei solcher Bühnen;
man ahnt nicht die Wirkungen, die sich ergeben müßten,
wenn die Kunst der Bewegung eine gleich hochentwickelte
Regiekunst fände, die alles, Wort, Bewegung als Gebärde,
Tanz und Akrobatik, Farbe, Lichtwirkung und die festen
Linien und Flecken der Dekoration, in eine höhere
künstlerische Einheit auflösen würde. Wir können heute
höchstens Einzelwirkungen wahrnehmen. Der Blick geht
nicht aufs Ganze. Darum finden wir nur Einzelleistungen,
die ein gesondertes Leben führen. Wir haben bestenfalls
eine Dichtkunst, eine Schauspielkunst, eine Tanzkunst, eine
Kunst der Akrobatik, aber wir haben keine Kunst des
Theaters oder, als Abart, des Variétés.
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