MAK

Full text: Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 2. Jahrgang 1905/06

geben; die rhythmische Bewegung, die rhythmische Tonfolge 
und die rhythmisch geordnete Verszeile, alles ist im Rhythmus 
geeinigt. Wie schal und unersprießlich ist dagegen der heutige 
Turnunterricht, der heutige Tanzunterricht! Die Schule hat 
also auch hier das Begonnene bloß zu übernehmen und 
künstlerisch weiterzupflegen: Die tägliche Leibesübung nicht 
als eine Art drückender Gesundheitspflicht, sondern als 
natürliches freudiges Bewegungsspiel zu pflegen, das Gesund' 
heit und Schönheit ist, Natur und Kunst, eine Sache, die das 
Kind a priori besitzt. Im Reigen und Reigenlied ist alles ge' 
geben, den Körper und Geist mittels natürlicher Bewegung und 
Rhythmus harmonisch auszubilden, die Glieder geschmeidig 
zu machen, die Haltung edel, die Bewegung anmutig und 
das nicht nach griechischen oder sonstigen Vorbildern, sondern 
auf ganz natürlicher im Kinderbesitz schon gegebener Grund' 
läge. Wie die Kinder sich zeichnerisch ausdrücken, wie sie 
gut erzählen und meistens auch mit richtigem Ansatz singen, 
so bewegen sie sich frei und anmutig; sorge die Schule nur 
dafür, daß diese edle Unbefangenheit, der Rhythmus der Natür' 
lichkeit nicht verloren gehe, sondern sich befestige und ent' 
wickle und Menschen heranziehe, die das musikalische Gefühl 
des Rhythmus nicht allein in der Bewegung im Tanz und 
Gesang, sondern den edlen Anstand auch in allem Tun und 
Denken wahren werden, als eine natürliche Sittlichkeit, die 
man in den Dingen des Lebens den Takt nennt, eine Sache, 
die in der heutigen Generation durchaus nicht Gemeingut ist. 
Diese Gymnastik auf natürlicher und zugleich künstlerischer 
Grundlage wird vielleicht die Sittlichkeit auch darin zu heben 
vermögen, daß die Menschen sich ihrer Körper nicht mehr 
schämen. Denn diese Spiele werden den Geboten der Hygiene 
zufolge es mit sich bringen, den in Bewegung befindlichen 
Körper möglichst zu entblößen, daß er Luft, Licht, Sonne 
mit allen Poren trinke. In der katholisch oder protestantisch 
orthodoxen Bevölkerung wird das völlige Entkleiden auch 
nur zu Badezwecken als Sünde empfunden, und der Gedanke, 
daß Mädchen und Knaben mit halbentblößten Körpern Be' 
wegungsspiele im Freien ausführen, würde auch heute noch 
selbst die freier Denkenden mit Widerstreben erfüllen. Daß 
Mädchen und Knaben gemeinsam erzogen werden, ist eine 
Forderung, die nur scheinbare, eingebildete Nachteile, dagegen 
unwiderlegbare Vorzüge hat. Und dann: Die Gewöhnung an 
den Anblick des nackten Körpers ist der natürlichen Sitt' 
lichkeit nicht im mindesten gefährlich, dagegen ist das durch 
die äußerliche Zivilisation gezüchtete Schamgefühl eine der 
größten Gefahren für die Sittlichkeit. Die nackte Natürlich' 
keit hat für den unverdorbenen jungen Menschen nichts 
Beschämendes oder Aufreizendes; verderblich sind nur un' 
züchtige Worte und Gebärden, die in den jungen Seelen 
kranke und entartete Phantasien erzeugen, von dem an' 
erzogenen Schamgefühl eher gefördert als gehemmt und die 
in Unzucht und Laster als traurige Alltagserscheinungen aus' 
reifen. 
Das falsche Schamgefühl, als eine der allgemeinsten heutigen 
Unsitten, hat der natürlichen Sittlichkeit die gefährlichste 
Falle gelegt durch die Ammenmärchen vom Storch. Wieviel 
Verlegenheit für die Eltern oder Erzieher und wieviel Unglück 
für die reifenden Kinder durch diese Vorspiegelung falscher 
Tatsachen heraufbeschworen wird, ist nicht zu ermessen; wie 
groß aber die Schäden und wie dringend die Verbesserung 
der Moralgesetze geworden sind, bezeugen die Vorschläge zur 
rechtzeitigen Aufklärung der Jugend, die in der Tagesliteratur 
eine stehende Rubrik bilden. Alle Vorschläge sind mehr oder 
weniger lächerlich und erziehlich wertlos, wenn nicht direkt 
gefährlich gewesen, weil alle Vorschläge auf der Voraus' 
Setzung der Lüge von dem Storchmärchen basieren. 
Der neue Erziehungsplan auf künstlerischer Grundlage, den 
ich hier entwickle, wird auch in dieser heiklen Angelegen' 
heit nicht erst die Zuflucht zur Lüge nehmen und darum 
auch nicht in die fatale Notwendigkeit der Aufklärung kommen. 
Was die Eltern in dem neuen Schulkreis, wo das Kind herrscht, 
für ihr eigenes Verhalten zu lernen haben, mag gerade an 
diesem delikaten Fall erkannt werden. 
Ich will keinen Vorschlag machen, der bestritten werden könnte, 
sondern ich will eine wahre Geschichte erzählen, die ein 
Freund erlebte, die ein lehrreiches Beispiel sozusagen aus 
der Praxis liefert. 
Der Freund war bei einer Familie auf einem italienischen 
Landgut zu Besuch. Beim Abschied ließ er sich von den 
Kindern, einem Mädchen von drei Jahren und einem Knaben 
von vier Jahren, einen baldigen Gegenbesuch versprechen. 
„Erst nach drei Monaten," sagte das kleine Mädchen, „bis 
uns Mama ein Schwesterlein geboren haben wird,“ und 
streichelte zärtlich über den Leib der schwangeren Frau. 
„Nein,“ rief das Bübchen, „Mama wird uns ein Brüderlein 
gebären!“ Dann zankten sie sich eine Weile, ob Mama ein 
Brüderchen oder ein Schwesterlein gebären werde. Und waren 
erst beruhigt, als die Mama erklärte und der Papa bestätigte, 
daß sie noch ein viertes Kind gebären (fare) wolle, damit 
jedes sein Brüderlein und sein Schwesterlein habe. 
Die übliche Legende vom Storch kannten diese Kinder nicht; 
sie brauchen keine Aufklärung, weil sie keine Lüge kennen; 
ihre Sittlichkeit aber wird trotzdem und vielleicht deshalb 
auf gesundem Boden stehen, dafür bürgt die Reinlichkeit in 
Wort und Umgang und Gesinnung jenes Hauses. Diese Rein' 
lichkeit muß die Grundlage der Erziehung sein. 
(Fortsetzung folgt.) 
DER UNTERRICHT IST VIEL LEICHTER ALS 
DIE ERZIEHUNG, ZU IHM DARF MAN NUR 
ETWAS WISSEN UND ES MITTEILEN KÖN' 
NEN, ZUR ERZIEHUNG MUSS MAN ETWAS 
SEIN. 
AUSWENDIGLERNEN VON GEGENSTÄN' 
DEN BILDET GAR NICHT, SOLANGE 
NICHT DAS HERZ UND DAS GEMÜT DES 
MENSCHEN SICH DER GEGENSTÄNDE 
LANGSAM BEMÄCHTIGT, SIE VERARBEL 
TET, SIE MENSCHLICH UND SITTLICH 
FRUCHTBAR MACHT. 
ALLE VERANLASSUNG, WODURCH DER 
MENSCH ETWAS LERNT, KANN MAN 
EINESCHULE HEISSEN. SOLCHESCHULEN 
HAT GOTT IN UNERMESSLICHER FÜLLE 
UM UNS HER ÜBERALL AUSGEBREITET, 
TA, DER MENSCH TUT KEINEN SCHRITT, 
WO ER NICHT AN EINE LEHRE STÖSST 
UND AUS DEM ER NICHT NUTZEN SCHÖP' 
FEN KÖNNTE. DIE GANZE WELT UND 
DAS GANZE LEBEN IST VOLL LEHRER 
UND ERMAHNER. ADALBERT STIFTER. 
151
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.