Skip to main content Jump to sidebar
MAK

Full text : Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 2. Jahrgang 1905/06

L:  PERSÖNLICHE  ANSICHTEN  ÜBER  VER,
SCHIEDENE  DINGE.
Die  Wahrheit  reizt  zum  Widerspruch,  weil  sie  gegen  die
Gewohnheit  geht.
Das  „literarische  Theater“  bleibt  notwendigerweise  ein  Papier^
ereignis,  nicht  weil  die  Unternehmer  zu  wenig  literarisch
sind,  sondern  weil  die  Literaten  zu  wenig  künstlerisch  sind.
Die  heutige  Bühne,  wenn  sie  literarischen  Ehrgeiz  hat,  gibt
Tendenzen  statt  Kunst.  Die  zahllosen  sozialen  Mißstände
lassen  ein  Tendenztheater  zeitgemäß  erscheinen,  mit  allerlei
Nützlichkeitsstücken  vier  Wochen  zu  spielen  und  dann  end^
gültig  abzusetzen.  Diese  dramatischen  Tendenzstücke  sind
notwendig  als  Unterstützung  der  sozialen  Tagesarbeit,  trefflich
geeignet,  die  durch  Parlamentsinterpellationen,  Gerichtsver^
handlungen,  Leitartikel,  Feuilletons,  Lokalnachrichten,  sati^
rische  Witzblätter  aufgedeckten  gesellschaftlichen  Schäden
wirksam  zu  illustrieren  und  das  öffentliche  Gewissen  zu
peitschen.  Daß  solche  Stücke  gut  und  lebenswahr  geschrieben
sind,  ist  schriftstellerischer  Anstand.
Aber  das  ist  kein  Grund,  sie  als  Kunst  anzusehen.
Der  Weg  der  Kunst  ist  ein  anderer.
Eines  der  künstlerischen  Zeichen  des  neuen  Dramas  ist,  daß
es  alle  Künste  vor  neue  Aufgaben  stellt.
Es  ist  das  Schlimmste,  was  sich  zu  gunsten  eines  Bildes,
einer  Zeichnung,  eines  Dramas  sagen  läßt,  daß  es  aus  dem
„Mitleid  mit  der  Kreatur“,  aus  der  „Echtheit  des  Mitgefühls“
geschaffen  ist.  Entweder  ist  das  Lob  verlogen  oder  das  Kunst'
werk.  Alle  schlechten  Kunstwerke  werden  in  dieser  lächer'
liehen  Weise  gerechtfertigt.
Es  ist  genau  so  lächerlich,  als  ob  man  sagte,  das  „Mitleid  mit
der  Kreatur“  sei  die  Grundlage  der  Vivisektion.  Oder:  aus
„Mitleid  mit  der  Kreatur“  hat  der  Wolf  das  Lamm  gefressen.
Die  Kunst  hat  mit  dem  Mitleid  genau  so  wenig  zu  tun  wie
die  Natur.
Die  Natur  gestaltet,  indem  sie  mit  unschuldvoller  Grausam'
keit  zerstört;  künstlerisch  gestalten  wird,  wer  frei  von  dem
unterjochenden  Mitleid  ist.
Die  Legende  von  dem  Künstler  ist  bekannt,  der  aus  Mitleid,
den  Heiland  zu  malen,  sein  Modell  ans  Kreuz  schlug.
Die  künstlerischen  Naturen  gehen  immer  über  die  Wünsche
ihrer  Zeit  und  ihrer  Besteller  hinaus.  Hoffnungslose  Hand'
werker  und  gewissenlose  Spekulanten  gehen  nie  über  diese
Wünsche  hinaus;  sie  sind  in  Übereinstimmung  mit  dem
Publikum.  Der  Künstler  ist  nur  in  Übereinstimmung  mit
sich  und  im  Widerspruch  mit  dem  Publikum;  das  sichert
die  Entwicklung.  Sich  einzuleben,  ist  dann  der  Kulturfort'
schritt.  Und  wenn  das  Publikum  dort  angelangt  ist,  wo  der
Künstler  war,  ist  dieser  schon  weit  voraus.
Beethovens  Musik  gleicht  auch  im  stärksten  Ausdruck  mensch'
lieber  Leidenschaften  einer  formedlen  antiken  Plastik,  davon
jedes  kleinste  Bruchstück  die  Schönheit  des  Ganzen  enthält.
Wagners  Musik  ist  ein  gewaltsames  Gebirge,  mit  schroffen
Zacken  und  Abgründen;  im  ganzen  mächtig  und  herrlich,
aber  im  Bruchstück  wie  taubes  Gestein  mit  kristallinischen
Einschlüssen.  Ein  künftiger  Genius  wird  in  dem  Gebirge
einen  Block  suchen,  um  wieder  die  ausdrucksvolle  Einfach'
heit  edler  Plastik  herauszumeißeln.

]  BILDERAUSSTELLUNG  [

DIE  „SZTUKA“.
ZUR  AUSSTELLUNG  IN  DER  SEZESSION.
ie  Vereinigung  polnischer  Künstler  „Sztuka“  füllt  einige  Säle  der  Sezession ­
  mit  einer  interessanten  Malerausstellung,  die  allerdings  diesmal ­
  nicht  so  großartig  in  die  Erscheinung  tritt  wie  vor  einigen  Jahren.
Daran  ist  aber  nicht  die  „Sztuka“  schuld.  Sie  hat  die  verständnisvolle
Mitarbeit  entbehren  müssen,  die  früher  im  Hause  behilflich  war.  Es
geht  daher  in  den  Sälen  ein  wenig  „drunter  und  drüber“.  Abgesehen
davon,  ist  das  Auftreten  der  polnischen  Künstler  auch  jetzt  sehr  erfreulich. ­
  Die  „Sztuka“  verkörpert  die  Blüte  der  polnischen  Kunst;
sie  hat  den  Vorzug,  noch  eine  Entwicklung  vor  sich  zu  haben.  Die
meisten  Künstler  als  Maler,  die  ihr  angehören,  haben  in  Paris  den
Schwerpunkt  ihrer  Ausbildung  gesucht;  aber  unter  dem  europäischen
Firnis  glüht  die  angeborne  Farbe  des  nationalen  Temperaments  hervor.
Der  Einfluß  der  mondänen  Gesellschaft  und  ihres  Geschmackes  einerseits, ­
  die  heimliche  Liebe  des  Künstlers  zu  seinem  Land  und  seinem
Volk  anderseits,  bilden  die  tieferliegenden  psychologischen  Elemente
dieses  Schaffens.  Es  ist  aber  ganz  klar,  wohin  die  Resultante  geht.
Die  „Sztuka“  hat  sich  unschätzbare  Verdienste  um  die  Erhaltung  und
Erforschung  der  heimischen  Volkskunst  erworben;  die  Materialienhefte,
die  sie  aus  ihren  Sammlungen  und  Forschungen  herausgibt,  bieten
einen  ganzen  herrlichen  Feldblumenstrauß  naiver  volkstümlicher
nationaler  Kunstschöpfungen,  die  weitaus  interessanter  und  wertvoller
sind  als  der  temperamentlose  mitteleuropäische  Durchschnitt  unserer
gewöhnlichen  Kunstausstellungen.  Die  Ausgrabungen  der  „Sztuka“  sollen
nicht  allein  auf  verschüttete  Quellen  aufmerksam  machen,  auf  die
schlummernden  künstlerischen  Antriebe  des  Volkes,  sondern  auch  auf  die
tektonische  Entwicklung,  und  sind  daher  weit  über  das  ethnographische
Interesse  hinaus  bedeutsam.  Vor  allem  sind  sie  ein  Fingerzeig  und
eine  Warnung  in  betreff  der  unseligen  Wiederbelebungsversuche  durch
bureaukratische  Fachschulreglements.  In  dieser  Beziehung  hat  die
„Sztuka“  mit  dem  ungeheuren  Übergewicht  der  künstlerischen  Überzeugung ­
  eine  ergötzliche  Fehde  gegen  den  Geist  des  Schematismus
geführt.  Eine  umfangreiche  publizistische  Tätigkeit  —  denn  es  galt
nicht  nur  zu  erobern,  sondern  auch  zu  verteidigen  —  entsprang  der
Vielseitigkeit  der  „Sztuka“,  deren  Künstlerkreis  glänzende  Schriftsteller
angehören.  Es  sei  an  die  ausgezeichneten  „Glossen  über  die  Kunst“
von  Jözef  Mehoffer  erinnert  (Ver  sacrum,  Heft  14,  Jahrgang  1903),  die
gegen  den  Grafen  Lanckoronski  gerichtet,  und  um  ein  Restaurierungsattentat
  abzuwenden,  das  Recht  des  Künstlers  in  treffsicheren  Sätzen
geltend  zu  machen  suchen,  wobei  ein  scharfer  Seitenhieb  auch  auf  das
Beuroner  Kirchenhandwerk  fällt,  mit  dem  die  Sezession  den  Ruhm
des  laufenden  Ausstellungsjahres  zu  bestreiten  vermeinte.  Die  unübertrefflichen ­
  Materialienhefte  der  „Sztuka“,  geeignet,  dem  Fachschulund
  Kunstunterrichtswesen  eine  andere  Richtung  zu  geben,  fanden
zunächst  bei  der  Regierung  wenig  Verständnis;  es  bedurfte  einer  ungewöhnlichen ­
  publizistischen  Vehemenz  auch  von  außenstehender  sachfreundlicher
  Seite,  um  Staat  und  Gesellschaft  in  bescheidenstem  Ausmaß
an  dieser  wichtigen  Arbeit  zu  interessieren.  Auch  wegen  geeigneter  Besetzung ­
  von  Lehrstellen  durch  künstlerisch  einwandfreie  Kräfte  führt
die  „Sztuka“  gegen  den  maßgebenden  Unverstand  in  Krakau  einen
heftigen  Krieg;  kurz,  ich  kenne  keine  andere  Künstlervereinigung,  die
außer  ihrer  spezifischen  Tätigkeit  mit  dieser  zupackenden  Frische  und
Überlegenheit  so  weitausgreifende  künstlerische  Interessen  pflegen
würde.  Es  ist  ganz  gewiß,  daß  der  ertragfähige  heimische  Boden  der
Kunst  reichlich  zurückgeben  wird,  was  die  Künstler  und  ihre  Sinnesverwandten,
  die  ihn  bebauen,  an  Arbeitsmühe  verschwenden.
Wenn  auch  der  faszinierende  Einfluß  von  Paris  den  Horizont  der
polnischen  Künstler  überstrahlt,  so  blieb  doch  ihr  Auge  ungeblendet
und  angesichts  der  Kathedrale  auf  dem  Wawel  befähigt,  das  „Geheimnis
des  Malerischen“  solcher  Innenräume,  den  Zauber  solcher  Architekturen,
die  bunte  Farbenfreude  und  den  Reichtum  tektonischer  Künste  des  Volkes
zu  ergreifen.  Die  Urwüchsigkeit  und  elementare  Kraft  des  heimischen
Elementes  setzt  sich  in  dem  Schaffen  der  „Sztuka“  durch,  aber  nicht,
wie  manche  vielleicht  denken,  als  eklektische  Nachbildung  nationaler
Vorbilder,  sondern  als  schöpferische  Eigenart,  die  in  dem  vom  künst-171


            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.