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Full text : Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 2. Jahrgang 1905/06

machtlos.  Je  mehr  er  sich  auf  alle  Einzelheiten,  die  die  Größe
des  Ganzen  ausmachen,  einlassen  wollte,  desto  kläglicher  und
aussichtsloser  wäre  sein  Beginnen.  Wäre  er  statt  Maler  Gold'
schmied  und  wollte  nur  einen  Zweig  aus  Steinen  und  Edeh
metallen  formen,  so  würde  er  an  der  unerreichbaren  Volk
kommenheit  des  natürlichen  Zweiges  um  so  sicherer  scheitern,
je  mehr  er  sich  auf  die  Imitation  der  Wirklichkeit  einließe,
die  obendrein  meistens  verbunden  ist  mit  einer  furchtbaren
und  nutzlosen  Vergewaltigung  des  Materials.  Die  Natur
selbst  zwingt  den  Künstler  zur  Abstraktion,  zur  Darstellung
des  Unwirklichen.  Er  beschränkt  sich  auf  seine  Ausdrucks'
möglichkeiten  und  gibt  weniger  und  mehr  als  die  Natur.
Jedenfalls  etwas,  das  ihr  entgegengesetzt  ist,  weil  es  anderen
Absichten  entspringt.  Er  verwendet  die  natürlichen  Formen
in  einem  anderen  Geiste  und  in  der  Sprache  eines  anderen
Materials.  Was  ihn  in  dem  Labyrinth  der  unwirklichen  Welt,
die  er  der  wirklichen  entgegensetzt,  leitet  und  vor  dem  Kopf'
stürz  ins  Wahnwitzige  und  Vernunftwidrige  schützt,  ist  die
organische  Idee.  Sie  drückt  aus,  wie  die  Natur  gearbeitet
haben  würde,  hätte  sie  des  Künstlers  Phantasie  und  Mittel.
Der  kühnste  Stilist  ist  der  sorgfältigste  Naturbeobachter.
DER  RHYTHMUS  VON  FORM  UND  FARBE.  Aber  auch
der  bewußte  Naturalist  ist  ein  latenter  Stilist.  Nur  als  solcher
erreicht  er  das  Äußerste  an  Ausdruck.  Die  Natur  selbst,  indem
sie  sich  gegen  Nachahmungen  wehrt,  stößt  ihn  auf  diesen
Weg.  Man  stelle  sich  eine  große  Masse  Menschen  oder  eine
Masse  Häuser  gegen  Sonnenuntergang  vor,  eine  Vielheit  der
unterschiedlichsten  Erscheinungen,  der  interessantesten  Bau'
formen.  Kein  Künstler  wird  sich  nur  einen  Augenblick  lang  bei
der  Absicht  aufhalten  wollen,  die  Physiognomien  dieser  unter'
schiedlichen  Menschen,  die  Details  dieser  Bauformen  in  der
Massenhaftigkeit  dieser  Abenderscheinung  darstellen  zu  wollen.
Der  goldene  Abend  am  Himmel  und  die  dunkle  Masse  auf
der  Erde:  zwei  wunderbare  farbige  Kontraste,  zwei  gegen'
einander  gerichtete  Ströme  von  Licht  und  Farbe,  einander
bekämpfend  und  zugleich  in  wunderbarer  Harmonie  zusammen'
fließend,  das  ist  es,  was  der  Maler  zu  ergreifen  trachtet.
WHISTLER  bildete  daraus  seinen  Stil:  Nokturno  in  Blau
und  Silber,  Nokturno  in  Blau  und  Gold.  Wasser,  Häuser,
Lichter,  Feuerwerk  in  eine  Harmonie  von  Blau  mit  Gold
oder  Silber  aufgelöst,  in  einem  Rhythmus,  den  wir  als  Musik

empfinden  würden,  wäre  es  nicht  Farbe.  Aber  das  Werk
lebt  für  sich  allein  in  dem  Material,  aus  dem  es  geschaffen,
unübersetzbar.  Ein  Bild  ist  gemalt,  weil  Farbe  empfunden
wurde,  eine  Plastik  wird  geschaffen,  weil  Form  empfunden
wurde.  Eine  Zeichnung  entsteht,  weil  das  Bedürfnis  nach
Mitteilung  in  künstlerischer  Form  vorhanden  ist.  Aber  die
Natur  selbst  zeigt  in  ihren  Beispielen,  daß  die  Farbe  der
Form  entgegengesetzt  ist.  Sie  gehorchen  einem  anderen  Gesetz.
Die  Natur  lehrt  den  Stil.  Die  Maler  lieben  die  Nebel  von
Holland,  aber  nicht  um  die  Formen  klarer  zu  sehen,  sondern
um  die  Farbe  klarer  zu  sehen,  den  Stil.
BILD  UND  STUDIE.  Das  Bild  im  Bewußtsein  der  Fläche
strebt  zur  Architektur.  Die  Wand  ist  die  Heimat  des  Bildes.
Selbst  die  Werke  der  niederländischen  Maler  waren  Archi'
tekturteile,  ein  Stück  Malerei  in  den  Lichtkreis  eingesetzt,
der  durch  die  kleinen  aufzuschließenden  Öffnungen  der  großen
geschlossenen  Fensterladen  auf  die  Wand  fiel.  Bilder,  die
nicht  nach  der  Verbindung  mit  der  Architektur  verlangen,
sind  Studien.  Die  meisten  Werke  des  Naturalismus  sind
Studien.  In  dieser  Form  ist  der  Naturalismus  die  Vorstufe
zur  höheren  Einheit  des  Stils.  Der  Stil  ist  die  beziehungS'
reiche  Einheit  der  Künste  untereinander.  Der  Maler  abstra'
hiert  aus  der  Natur  die  Farbe,  nicht  die  Farbe  der  Dinge,
sondern  die  Farbe  der  Wirkung,  als  das  wiedergefundene
Paradies  und  vereinigt  sie  in  der  Fläche  zu  den  Schöpfungen
seiner  Phantasie.  So  unwirklich  diese  Dinge  sind,  so  sind
sie  doch  die  einzige  künstlerische  Wirklichkeit.
DIE  PLASTIK.  Auch  die  Plastik  ist  Teil  der  Architektur.
Niemals  wird  der  Bildhauer  zum  bloßen  Naturabschreiber
herabsinken;  niemals  wird  er  die  verwirrende  Fülle  und
Zufälligkeiten  der  Natur  vortäuschen  wollen,  wenn  er  auf
künstlerische  Wirkung  hält  und  das  Panoptikum  vermeiden
will.  Jede  Plastik  ist  edel,  wenn  sie  den  Schein  der  Wirklich'
keit  vermeidet.  Die  heutige  naturalistische  Denkmalplastik
ist  also  durchaus  unedel.  Je  mehr  sie  sich  an  die  banale
Wirklichkeit  klammert,  desto  mehr  beweist  sie,  daß  der
Künstler  keine  Phantasie  hatte.  Das  Blattwerk  an  den  Kapitälen
und  Hohlkehlen  gotischer  Dome  ist  künstlerisch,  weil  es
jede  Täuschung  vermeidet,  niemals  den  Ausdruck  des  Stein'
materials  vergewaltigt,  ungeachtet  der  organischen  Beziehung
zur  heimatlichen  Flora,  die  als  Erinnerungswert  in  dem
Steingebilde  lebt.  Der  Blumenflor,  der  aus  dem  Steingebilde
hervorblühte,  ist  architektonisch  gegliedert  und  geordnet.
Der  Steinmetz  konnte  nur  jene  Zahl  von  Stengeln,  Blättern,
Blumen  und  Beeren  herausheben,  die  notwendig  waren,  um
das  Werk  zu  überranken,  er  durfte  sie  nur  so  weit  unter'
meißeln,  als  notwendig  war,  die  tote  Fläche  zu  beleben.
Das  Höchste,  was  der  Bildhauer  in  seinen  Gebilden  darstellen
kann,  ist,  daß  Stein  Stein  ist.  Die  Plastiken  alter  Gärten
sind  im  Grunde  Architekturteile,  um  die  räumliche  Einheit
des  Gartens  zu  betonen.  Ihre  Skulptur  ist  Dekoration.
BAUKUNST.  Sie  ist  das  vollkommenste  Beispiel,  wie  die
unwirkliche  menschliche  Illusion  zur  Wirklichkeit  wird.  Die
Abstraktion  aes  räumlichen  Denkens  ist  in  ihr  Sichtbarkeit
geworden.  Alle  Künste  machen  entweder  eine  malerische
oder  eine  körperliche  Abstraktion  sichtbar.  Aber  darin  ist  die
BauKunst  Königin,  daß  sie  die  räumliche  Beziehung  aller
Künste  herstellt.  Ihr  Wesen  ist  die  beste  Anwendung  der
Künste.  Sie  wendet  die  Künste  so  an,  um  sie  in  sichtbaren
oder  fühlbaren  Einklang  mit  dem  Menschen  zu  bringen.  Sie
ist  absolut  Gegensatz  der  Natur,  wie  alle  Künste,  die  ihr,
beziehungsweise  dem  Menschen  dienen.  Die  Natur  kümmert
sich  um  den  Menschen  nicht;  sie  gehorcht  anderen  Gesetzen

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