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Full text: Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 2. Jahrgang 1905/06

Kunst verlangt als heute und so laut von ihr gesprochen, 
über die eigentlich als einem stillen und selbstverständlichen 
Geschehen kein Wort zu verlieren wäre. Man verlangt 
allenthalben Kunst als Schmuck und Verschönerung und 
vergißt, daß die Kunst an den Dingen selbst sein sollte, an 
jedem Gegenstände des alltäglichen Gebrauches, an dem 
Hause, an dem Garten, an allem was getan und geschaffen wird. 
Freilich nicht die Kunst als Zierat, als Aufputz, als das Uber-- 
flüssige, sondern als die vollkommenste sachliche und formale 
Erfüllung aller Aufgaben des Lebens, sei es des Alltags oder 
der höchsten seelischen Empfindungen, die nach symbolischer 
Verkörperung drängen, mit einem Wort als eine Art ßau^ 
kunst, die alle Künste, alle Gewerbe, alle Industrien unter 
ihre Führung nimmt, die organischen Bedürfnisse des 
Menschen erforscht, ihnen die angemessene Erfüllung gibt, 
indem sie alle Betätigungszweige zusammenfaßt, ihnen Pro-- 
bleme stellt und sie zu den höchsten, trefflichsten und 
talentiertesten Leistungen anspornt im Dienste der zusammen-- 
fassenden, ordnenden und gestaltenden Absicht, in deren 
Mittelpunkt die Menschheit, der einzelne sowie die Gesamt' 
heit steht. Es ist der Gedanke einer sozialen Kunst, wie die 
der Gotik oder der japanischen Kultur, die die Grundlage 
der Volksarbeit und der Volkswirtschaft bilden wird. 
Wir haben diese Kunst sukzessive mit der verminderten 
Fähigkeit des Verbrauchens verloren; die Kunst im heutigen 
Sinne ist nicht Gebrauchswert, sondern sie ist, wie früher 
schon gesagt, bloßer Tauschwert und wird es bleiben, solange 
die Fähigkeit, Kunst im sozialen Sinne zu gebrauchen, nicht 
entwickelt ist. Diese Entwicklung wird kommen müssen, 
die allgemeine Verelendung des Daseins wird schließlich die 
Sehnsucht nach glücklicheren Umständen hervorrufen und 
die Anstrengungen der Talente, diesen Umschwung herbei- 
zuführen, beschleunigen helfen. Der Bankrott liegt heute 
offen zutage. Der bloße Augenschein auf einer Wanderung 
durch Stadt und Land lehrt es. Was ist aus den schönen 
Städten geworden? Was aus der bäuerlichen Kultur der 
Provinzen? Die Bauernkultur bot ein einheitliches, wohl- 
abgestuftes, künstlerisches Bild vom Feldzaun angefangen bis 
zum Hausbau und zur Dorfanlage, mit allem was dazu ge 
hörte an Hausrat, Werkzeugen, Kostümen, Gewerben und häus 
lichem Kunstfleiß. Und dasselbe gilt von den charakteristischen 
alten Städten, die eine entzückende Bautradition aufweisen, 
mit der die Menschen, ihre Tracht, ihre Erzeugnisse im 
harmonischen Verhältnis standen. Ich will nicht sagen, daß 
man Überlebtes und Vergangenes zurückrufen soll, o, im 
Gegenteil! aber ich will andeuten, was wir, die wir das Ver 
hältnis und Gleichmaß in unserer Kultur verloren haben, an 
dem alten Beispiel hätten lernen sollen. Der Unterschied 
zwischen einst und heute besteht darin, daß damals die Kunst 
das Leben selbst war, während heutzutage diese Einheit ent 
zweit ist, zwei Hälften, die kein Ganzes mehr zu bilden ver 
mögen. Ich meine nicht, daß wir die äußere Form der alten 
Bauten und sonstigen Formen nachahmen sollen, Gott be 
wahre! Nachahmung ist das schlimmste Übel, an dem unsere 
Zeit krankt, ich meine auch nicht, daß die neuen Bauten, 
die in der Nachbarschaft der schönen alten aufgerichtet 
werden, deshalb häßlich sind, weil sie den Stempel anderer 
Bedürfnisse, anderer Technik tragen und daher eine andere 
Form haben; häßlich und schlecht sind sie vielmehr deshalb, 
weil sie nicht mehr mit derselben Gediegenheit und Liebe, 
nicht mit demselben Verständnis für das natürliche und 
menschliche Bedürfnis der Inwohner, also nicht mehr mit 
jener organischen Kunst erbaut sind, wie die alten Häuser, 
die eben darin ein viel zu wenig beachtendes Vorbild geben. 
Die neuen Häuser, die fast allerortens den Geist der Wohn 
lichkeit, Zweckmäßigkeit und Gediegenheit und somit einer 
echten Baukunst verleugnen, bestätigen die ungeheure Größe 
des Verlustes, den wir alle erlitten haben. Wir werden den 
Umfang des Verlustes erst allmählich gewahr, wenn wir die 
Gebildeten eines Ortes, die Kaufleute, Ärzte, Anwälte etc., 
gehört und von ihnen erfahren haben, daß sie sich in den 
neuen Kasernen sehr wohl fühlen, daß die Pseudoarchitektur 
ihrem Schönheitssinn und die mangelhafte, schablonenmäßige 
Anlage ihrem Bequemlichkeitsbedürfnisse vollständig ge 
nügen, und wenn wir ihre Wohnungen, ihren Hausrat, ihre 
Neigungen, ihre geistigen und künstlerischen Bedürfnisse 
kennen gelernt und gesehen haben, daß das Innere nicht 
besser ist als die verlogene Erbärmlichkeit der Außenseite, 
die heutige Hausbauweise derselben barbarischen Roheit 
und Verkommenheit verfallen ist, wie die Erzeugnisse der 
Industrie und des Handwerkes, die alles übrige für die Not 
durft des Lebens liefern. Und vollends wird der Verlust 
offenbar, wenn wir, was unschwer ist, erkennen, daß diese 
Menschen zu ihrer Umgebung passen, daß auch sie schlechte 
Durchschnittsware sind, aus denselben Schulen, demselben 
Richtmaß hervorgegangen wie die schlechten Hausbauer, er 
zogen zu einer mechanischen und geistlosen Anwendung er 
lernter Regel, unfähig, Talent zu äußern und die Äußerung 
des Talentes zu begehren und zu würdigen, einseitige 
Spezialitäten, die das Streben aufs Ganze verloren oder 
eigentlich nie gekannt haben. 
Dann wundert es einen freilich nicht, daß das Elend, der 
Schmutz, die Roheit und Verkommenheit, die die Arbeits 
stätten unerquicklich und die Arbeit unersprießlich machen, 
ihre Teilnahme nicht wecken können, daß sie die Ver 
nachlässigung und Verwahrlosung, die in allen Städten und 
Provinzen wahrzunehmen sind, als einen durchaus erträglichen 
und nicht beleidigenden Zustand betrachten, und daß sie, 
wenn sie Kunst begehren, sei es ein Denkmal oder einen 
Brunnen oder um irgend einen Gegenstand besonders aus 
zuzeichnen und zu schmücken, nicht das Beste und Kostbarste, 
also nicht die Leistung der Individualität und der besonderen 
Begabung wählen, sondern das Mittelmäßigste und vor allem 
das Billigste, und daß es sie nicht verletzt, als öffentlichen 
Wandbrunnen in einem schönen alten Stadtgebilde eine 
gemeine gußeiserne Schale angebracht zu sehen. Dann kann 
es natürlich auch nicht wundernehmen, die individuelle 
Leistung des Talentes verlacht und verschmäht und die 
abgebrauchtesten und schleuderhaft wiederholten Formen 
bevorzugt zu sehen, weil sie in einer solchen niedrig 
organisierten Welt jedem etwas sagen, und weil sie am 
billigsten zu haben sind. Die Maschine leistet ja alles, sie 
leistet auch Arbeit mit dem Anschein von Handarbeit, die 
in den Augen der unbefähigten Menge dadurch entwertet 
erscheint, obzwar uns gerade die Maschinenarbeit den Wert 
der Handarbeit achten lehren soll. Der Segen, den die 
Maschinenarbeit bedeutet, wird in unserer Kultur- und 
Wirtschaftsverfassung geradezu ein Unheil. Wie alles 
mißbraucht wird, wird auch die Maschine mißbraucht. Eine 
Unzahl Dinge sind notwendig, die mit der Maschine hergestellt 
werden müssen und die schön sind, wenn sie alle Merkmale 
der Maschinenherstellung tragen; noch offenbarer wird der 
Segen der Maschine, wenn man bedenkt, daß sie eine Menge 
von Arbeit zu leisten berufen ist, die dem Menschen wider 
wärtig oder schädlich sein muß. Aber die Maschine, bestimmt 
die Dienerin der Menschheit zu sein, ist heute noch ihre 
Tyrannin. Indem sie das Unmögliche leisten will, den Schein 
der wertvollen persönlichen Handarbeit zu erzeugen, entwertet 
sie in den Augen der ungebildeten Menge die persönliche 
Arbeit und ihre Schönheitsmerkmale und gewährt durch 
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