Kunst verlangt als heute und so laut von ihr gesprochen,
über die eigentlich als einem stillen und selbstverständlichen
Geschehen kein Wort zu verlieren wäre. Man verlangt
allenthalben Kunst als Schmuck und Verschönerung und
vergißt, daß die Kunst an den Dingen selbst sein sollte, an
jedem Gegenstände des alltäglichen Gebrauches, an dem
Hause, an dem Garten, an allem was getan und geschaffen wird.
Freilich nicht die Kunst als Zierat, als Aufputz, als das Uber--
flüssige, sondern als die vollkommenste sachliche und formale
Erfüllung aller Aufgaben des Lebens, sei es des Alltags oder
der höchsten seelischen Empfindungen, die nach symbolischer
Verkörperung drängen, mit einem Wort als eine Art ßau^
kunst, die alle Künste, alle Gewerbe, alle Industrien unter
ihre Führung nimmt, die organischen Bedürfnisse des
Menschen erforscht, ihnen die angemessene Erfüllung gibt,
indem sie alle Betätigungszweige zusammenfaßt, ihnen Pro--
bleme stellt und sie zu den höchsten, trefflichsten und
talentiertesten Leistungen anspornt im Dienste der zusammen--
fassenden, ordnenden und gestaltenden Absicht, in deren
Mittelpunkt die Menschheit, der einzelne sowie die Gesamt'
heit steht. Es ist der Gedanke einer sozialen Kunst, wie die
der Gotik oder der japanischen Kultur, die die Grundlage
der Volksarbeit und der Volkswirtschaft bilden wird.
Wir haben diese Kunst sukzessive mit der verminderten
Fähigkeit des Verbrauchens verloren; die Kunst im heutigen
Sinne ist nicht Gebrauchswert, sondern sie ist, wie früher
schon gesagt, bloßer Tauschwert und wird es bleiben, solange
die Fähigkeit, Kunst im sozialen Sinne zu gebrauchen, nicht
entwickelt ist. Diese Entwicklung wird kommen müssen,
die allgemeine Verelendung des Daseins wird schließlich die
Sehnsucht nach glücklicheren Umständen hervorrufen und
die Anstrengungen der Talente, diesen Umschwung herbei-
zuführen, beschleunigen helfen. Der Bankrott liegt heute
offen zutage. Der bloße Augenschein auf einer Wanderung
durch Stadt und Land lehrt es. Was ist aus den schönen
Städten geworden? Was aus der bäuerlichen Kultur der
Provinzen? Die Bauernkultur bot ein einheitliches, wohl-
abgestuftes, künstlerisches Bild vom Feldzaun angefangen bis
zum Hausbau und zur Dorfanlage, mit allem was dazu ge
hörte an Hausrat, Werkzeugen, Kostümen, Gewerben und häus
lichem Kunstfleiß. Und dasselbe gilt von den charakteristischen
alten Städten, die eine entzückende Bautradition aufweisen,
mit der die Menschen, ihre Tracht, ihre Erzeugnisse im
harmonischen Verhältnis standen. Ich will nicht sagen, daß
man Überlebtes und Vergangenes zurückrufen soll, o, im
Gegenteil! aber ich will andeuten, was wir, die wir das Ver
hältnis und Gleichmaß in unserer Kultur verloren haben, an
dem alten Beispiel hätten lernen sollen. Der Unterschied
zwischen einst und heute besteht darin, daß damals die Kunst
das Leben selbst war, während heutzutage diese Einheit ent
zweit ist, zwei Hälften, die kein Ganzes mehr zu bilden ver
mögen. Ich meine nicht, daß wir die äußere Form der alten
Bauten und sonstigen Formen nachahmen sollen, Gott be
wahre! Nachahmung ist das schlimmste Übel, an dem unsere
Zeit krankt, ich meine auch nicht, daß die neuen Bauten,
die in der Nachbarschaft der schönen alten aufgerichtet
werden, deshalb häßlich sind, weil sie den Stempel anderer
Bedürfnisse, anderer Technik tragen und daher eine andere
Form haben; häßlich und schlecht sind sie vielmehr deshalb,
weil sie nicht mehr mit derselben Gediegenheit und Liebe,
nicht mit demselben Verständnis für das natürliche und
menschliche Bedürfnis der Inwohner, also nicht mehr mit
jener organischen Kunst erbaut sind, wie die alten Häuser,
die eben darin ein viel zu wenig beachtendes Vorbild geben.
Die neuen Häuser, die fast allerortens den Geist der Wohn
lichkeit, Zweckmäßigkeit und Gediegenheit und somit einer
echten Baukunst verleugnen, bestätigen die ungeheure Größe
des Verlustes, den wir alle erlitten haben. Wir werden den
Umfang des Verlustes erst allmählich gewahr, wenn wir die
Gebildeten eines Ortes, die Kaufleute, Ärzte, Anwälte etc.,
gehört und von ihnen erfahren haben, daß sie sich in den
neuen Kasernen sehr wohl fühlen, daß die Pseudoarchitektur
ihrem Schönheitssinn und die mangelhafte, schablonenmäßige
Anlage ihrem Bequemlichkeitsbedürfnisse vollständig ge
nügen, und wenn wir ihre Wohnungen, ihren Hausrat, ihre
Neigungen, ihre geistigen und künstlerischen Bedürfnisse
kennen gelernt und gesehen haben, daß das Innere nicht
besser ist als die verlogene Erbärmlichkeit der Außenseite,
die heutige Hausbauweise derselben barbarischen Roheit
und Verkommenheit verfallen ist, wie die Erzeugnisse der
Industrie und des Handwerkes, die alles übrige für die Not
durft des Lebens liefern. Und vollends wird der Verlust
offenbar, wenn wir, was unschwer ist, erkennen, daß diese
Menschen zu ihrer Umgebung passen, daß auch sie schlechte
Durchschnittsware sind, aus denselben Schulen, demselben
Richtmaß hervorgegangen wie die schlechten Hausbauer, er
zogen zu einer mechanischen und geistlosen Anwendung er
lernter Regel, unfähig, Talent zu äußern und die Äußerung
des Talentes zu begehren und zu würdigen, einseitige
Spezialitäten, die das Streben aufs Ganze verloren oder
eigentlich nie gekannt haben.
Dann wundert es einen freilich nicht, daß das Elend, der
Schmutz, die Roheit und Verkommenheit, die die Arbeits
stätten unerquicklich und die Arbeit unersprießlich machen,
ihre Teilnahme nicht wecken können, daß sie die Ver
nachlässigung und Verwahrlosung, die in allen Städten und
Provinzen wahrzunehmen sind, als einen durchaus erträglichen
und nicht beleidigenden Zustand betrachten, und daß sie,
wenn sie Kunst begehren, sei es ein Denkmal oder einen
Brunnen oder um irgend einen Gegenstand besonders aus
zuzeichnen und zu schmücken, nicht das Beste und Kostbarste,
also nicht die Leistung der Individualität und der besonderen
Begabung wählen, sondern das Mittelmäßigste und vor allem
das Billigste, und daß es sie nicht verletzt, als öffentlichen
Wandbrunnen in einem schönen alten Stadtgebilde eine
gemeine gußeiserne Schale angebracht zu sehen. Dann kann
es natürlich auch nicht wundernehmen, die individuelle
Leistung des Talentes verlacht und verschmäht und die
abgebrauchtesten und schleuderhaft wiederholten Formen
bevorzugt zu sehen, weil sie in einer solchen niedrig
organisierten Welt jedem etwas sagen, und weil sie am
billigsten zu haben sind. Die Maschine leistet ja alles, sie
leistet auch Arbeit mit dem Anschein von Handarbeit, die
in den Augen der unbefähigten Menge dadurch entwertet
erscheint, obzwar uns gerade die Maschinenarbeit den Wert
der Handarbeit achten lehren soll. Der Segen, den die
Maschinenarbeit bedeutet, wird in unserer Kultur- und
Wirtschaftsverfassung geradezu ein Unheil. Wie alles
mißbraucht wird, wird auch die Maschine mißbraucht. Eine
Unzahl Dinge sind notwendig, die mit der Maschine hergestellt
werden müssen und die schön sind, wenn sie alle Merkmale
der Maschinenherstellung tragen; noch offenbarer wird der
Segen der Maschine, wenn man bedenkt, daß sie eine Menge
von Arbeit zu leisten berufen ist, die dem Menschen wider
wärtig oder schädlich sein muß. Aber die Maschine, bestimmt
die Dienerin der Menschheit zu sein, ist heute noch ihre
Tyrannin. Indem sie das Unmögliche leisten will, den Schein
der wertvollen persönlichen Handarbeit zu erzeugen, entwertet
sie in den Augen der ungebildeten Menge die persönliche
Arbeit und ihre Schönheitsmerkmale und gewährt durch
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