czu collen an dem reyne in eyme cleynen kemyrleyne, behald
dys in geloben und in ganczem trwen by euch/' □
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Einen sehr wertvollen und für das Schicksal und Schaffen eines
ganzen Dichterlebens bedeutsamen Brief habe ich in der Samm
lung vermisst. Ich bringe ihn im folgenden zum Abdruck,
damit er bei einer neuen Auflage des Buches in die Sammlung
aufgenommen werden mag. Es ist Adalbert Stifters Brief an
seine geliebte Fanny Greipel. Dieser Brief ist der Schlüssel zu
allen seinen Dichtungen, in denen der zur Resignation abge
tönte, unverwundene Liebesschmerz nachklingt und der in der
Verklärung seines „Nachsommers" von einem späten Glück
der Erfüllung träumt. Wie ein roter Faden zieht durch all sein
Schaffen diese unerfüllte Liebessehnsucht, deren lebensechtes
Zeugnis in diesem Ausdruck des ungebrochenen heissen Em
pfindens vorliegt. □
Liebe teure Freundin!
Oberplan ist mir fürchterlich leer, und nur Du allein beschäf
tigest immer mein Herz — ein unsägliches Gefühl, halb
Trauer und halb Seeligkeit, ist seit der Vermählung Schifflers
mit Marie in mir — zweier Menschen, deren Geschichte so enge
mit unserer verbunden ist, und deren Glück so hart mit unserem
Unglück kontrastiert, da ich jenes Gefühls des tiefsten Mitleides mit
mir selber seit jenem Hochamte zu Christianberg nicht Meister
werden kann. Seitdem weiss ich es, Du liebest mich noch — ich
hab' es wohl gesehen, wie Du während der heiligen Handlung etwas
zurücktratest, um Dich dem Anblicke zu entziehen, und wie Du
später verweinte Augen hattest; meinem Auge, das nur immer Dich
suchte, ist es gar nicht entgangen, wie Dein Inneres in schweren,
traurig-schönen Erinnerungen arbeitete, und mein Herz sagte es
mir, dass wir uns in diesem Augenblicke in gleichen Gefühlen
begegnen. Du bist ein Engel, den ich nie verdiente. Du hast
von Deinen Eltern die unerschöpfliche Herzensgüte geerbet, mein
heiliger Engel bist Du, so rein und gut — und ich konnte das
an Dir tun, was ich tat! Seit Du sagtest, Du habest dergleichen
nicht von mir erwartet UND ICH HABE DIR ERBARMT,
seither ist ein Schmerz in mir, so heiss und strafend, dass ich
nichts als die Sehnsucht habe: könnte ich doch an Deinem
unschuldigen, keuschen Herzen diese Last recht in bitteren
Tränen ausweinen, ob's nicht doch Linderung gäbe. Als sie
sagten: du werdest Huber heuraten, fuhr der Geist der Eifer
sucht in mich, und da wurde der Plan gedacht, Dich und alle
Vergangenheit zu vergessen, und weil der Schmerz doch zu
nagen nicht aufhörte, so suchte ich, wie es in derlei Fällen
immer zu gehen pflegt, in neuer Verbindung das Glück, das
die alte, erste versagte, und spiegelte dem verwaiseten Gefühle
vor: nun bist Du ja geliebt und glücklich — — ach und ich
war es doch nicht. Es gibt nur eine, eine einzige Liebe, und
nach der keine mehr. Gekränkte Eitelkeit war es — zeigen
wollt' ich Eurem Hause, dass ich doch ein schönes, wohlha
bendes und edles Weib zu finden wusste — — ach, ich hatte
über dem Experimente bald mein Herz gebrochen. Je weiter
zur Vermählung hin ich es mit Amalien kommen liess, desto
unruhiger und unglücklicher ward ich. Dein Bild stand so rein
und mild im Hintergrund vergangener Zeiten, so schön war
die Erinnerung und so schmerzlich, dass ich, als ich Amalien
das Wort künftiger Ehe gab, nach Hause ging und auf
dem Kissen meines Bettes unendlich weinte — UM DICH. Du
warst ja doch immer trotz meiner vorsätzlichen Selbstverhärtung
die Braut meiner Seele — Du warst doch immer die Heilige, zu
der mein besseres Innere betete — und wie oft suchte ich Deine
Briefe hervor und las sie alle durch. Erst als ich stark genug
war, das neue Band zu zerreissen und ihr alles zu sagen und
aus meiner Selbstquälung zu klarem Entschluss zu kommen —
erst da, als Amalie sagte: Ich danke Ihnen für Ihre Aufrich
tigkeit und achte Sie, dass Sie Ihrer ersten Liebe treu blieben
— erst dann kehrte wieder ein unendlich süsser Friede in mein
Herz, als hättest Du gesagt: Ich liebe Dich ja noch und ver
kenne Dein gutes Herz nicht. □
Ich habe dies alles nicht etwa gesagt, um mich zu rechtfertigen,
nein, sondern mein Benehmen zu erklären. Hätte ich Dein ein
faches, schuldloses Gemüt, so hätte ich still geduldet, nicht
durch Trotz mein Herz herabgewürdigt und einem anderen
Wesen Kummer verursacht. Freilich sagen die Leute: Du hattest
nichts gegen sie gefühlt. Euer Vertrag war ja aufgehoben —
als ob ein Herzensbündnis mit WORTEN zu Null gemacht
werden könnte!! Wäre es von mir blosse Untreue gewesen,
warum hätte ich dann plötzlich wieder gebrochen? Als weil
mir mein Verstand sagte, ich soll nicht mich und sie unglücklich
machen; denn ich liebte sie nicht, und sollte mir ihr Kuss Wohlge
fallen sein, so musste ich mir DEINE Lippen dazudenken. — Aber
gut, alles ist vorüber, und diese Begebenheit hat neuerdings gezeigt,
wie unbesiegbar meine Liebe zu Dir; sie ist die letzte Ver
irrung meines Gefühls gewesen und hat aber das Gute bewirkt,
dass ich nun sanft und stille sein will und in reiner und schöner
Liebe Dein Bild in mir aufhängen und schmücken werde mit
der liebreichsten Verehrung immer und immer fort. Ich fühle
jetzt schon eine solche Zufriedenheit in mir, wie ich sie seit
Zwei Jahren nicht gehabt habe, und ich fühle, wie sie immer
steigen wird. □
Nun noch eins: wenn Du ein Herz, das so hart von seinem
wahren Ziele irrte, das aber bereute und umkehrte, nicht ver
schmähen willst, wenn Deine Güte noch einen Rest alter Liebe
und Zärtlichkeit aufbewahret, so nimm meine Liebe, die ich
Dir als eine demütige Gabe anbiete, wieder an und heile meine
Wehmut mit freundlicher Zärtlichkeit —- ich weiss, was ich Dir
dann schuldig bin, und nie, so lang ich lebe, soll ein unsanftes
Wort Dein Herz betrüben oder eine Handlung Dein Gemüt
verletzen. Kein Mann auf Erden liebt Dich MEHR als ich,
weil Dich keiner MEHR kennt als ich, und keiner kann Dich
glücklicher machen. Sagst Du Ja (und Du wirst das, weil Du
SO gut bist), so werde ich mit Deinen Eltern reden und ihnen
dartun, dass eine Verbindung zwischen uns ganz und gar nicht
ungereimt sei, und um ihre Einwilligung bitten. Sagst Du aber,
Du liebst mich nicht mehr, so will ich es leiden, wie auch das
Herz wehe tut, und ich will nur allein Dich zur Braut meiner
Ideen machen und Dich fort lieben, bis an meinen Tod. □
Ich schrieb dies alles, weil ich fürchte, dass zu einer Unterredung
keine Zeit ist. Übrigens will ich keineswegs, dass dieses Blatt
ein Geheimnis bleibe zwischen uns, im Gegenteil, berate Dich
mit Deiner Mutter und bitte sie, dass sie mit mir rede. □
Lebe wohl, ich bin ewig Dein Dich innigst liebender Freund
A. Stifter.
Oberplan, am 20. August 1835. □
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