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Full text: Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 2. Jahrgang 1905/06

czu collen an dem reyne in eyme cleynen kemyrleyne, behald 
dys in geloben und in ganczem trwen by euch/' □ 
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Einen sehr wertvollen und für das Schicksal und Schaffen eines 
ganzen Dichterlebens bedeutsamen Brief habe ich in der Samm 
lung vermisst. Ich bringe ihn im folgenden zum Abdruck, 
damit er bei einer neuen Auflage des Buches in die Sammlung 
aufgenommen werden mag. Es ist Adalbert Stifters Brief an 
seine geliebte Fanny Greipel. Dieser Brief ist der Schlüssel zu 
allen seinen Dichtungen, in denen der zur Resignation abge 
tönte, unverwundene Liebesschmerz nachklingt und der in der 
Verklärung seines „Nachsommers" von einem späten Glück 
der Erfüllung träumt. Wie ein roter Faden zieht durch all sein 
Schaffen diese unerfüllte Liebessehnsucht, deren lebensechtes 
Zeugnis in diesem Ausdruck des ungebrochenen heissen Em 
pfindens vorliegt. □ 
Liebe teure Freundin! 
Oberplan ist mir fürchterlich leer, und nur Du allein beschäf 
tigest immer mein Herz — ein unsägliches Gefühl, halb 
Trauer und halb Seeligkeit, ist seit der Vermählung Schifflers 
mit Marie in mir — zweier Menschen, deren Geschichte so enge 
mit unserer verbunden ist, und deren Glück so hart mit unserem 
Unglück kontrastiert, da ich jenes Gefühls des tiefsten Mitleides mit 
mir selber seit jenem Hochamte zu Christianberg nicht Meister 
werden kann. Seitdem weiss ich es, Du liebest mich noch — ich 
hab' es wohl gesehen, wie Du während der heiligen Handlung etwas 
zurücktratest, um Dich dem Anblicke zu entziehen, und wie Du 
später verweinte Augen hattest; meinem Auge, das nur immer Dich 
suchte, ist es gar nicht entgangen, wie Dein Inneres in schweren, 
traurig-schönen Erinnerungen arbeitete, und mein Herz sagte es 
mir, dass wir uns in diesem Augenblicke in gleichen Gefühlen 
begegnen. Du bist ein Engel, den ich nie verdiente. Du hast 
von Deinen Eltern die unerschöpfliche Herzensgüte geerbet, mein 
heiliger Engel bist Du, so rein und gut — und ich konnte das 
an Dir tun, was ich tat! Seit Du sagtest, Du habest dergleichen 
nicht von mir erwartet UND ICH HABE DIR ERBARMT, 
seither ist ein Schmerz in mir, so heiss und strafend, dass ich 
nichts als die Sehnsucht habe: könnte ich doch an Deinem 
unschuldigen, keuschen Herzen diese Last recht in bitteren 
Tränen ausweinen, ob's nicht doch Linderung gäbe. Als sie 
sagten: du werdest Huber heuraten, fuhr der Geist der Eifer 
sucht in mich, und da wurde der Plan gedacht, Dich und alle 
Vergangenheit zu vergessen, und weil der Schmerz doch zu 
nagen nicht aufhörte, so suchte ich, wie es in derlei Fällen 
immer zu gehen pflegt, in neuer Verbindung das Glück, das 
die alte, erste versagte, und spiegelte dem verwaiseten Gefühle 
vor: nun bist Du ja geliebt und glücklich — — ach und ich 
war es doch nicht. Es gibt nur eine, eine einzige Liebe, und 
nach der keine mehr. Gekränkte Eitelkeit war es — zeigen 
wollt' ich Eurem Hause, dass ich doch ein schönes, wohlha 
bendes und edles Weib zu finden wusste — — ach, ich hatte 
über dem Experimente bald mein Herz gebrochen. Je weiter 
zur Vermählung hin ich es mit Amalien kommen liess, desto 
unruhiger und unglücklicher ward ich. Dein Bild stand so rein 
und mild im Hintergrund vergangener Zeiten, so schön war 
die Erinnerung und so schmerzlich, dass ich, als ich Amalien 
das Wort künftiger Ehe gab, nach Hause ging und auf 
dem Kissen meines Bettes unendlich weinte — UM DICH. Du 
warst ja doch immer trotz meiner vorsätzlichen Selbstverhärtung 
die Braut meiner Seele — Du warst doch immer die Heilige, zu 
der mein besseres Innere betete — und wie oft suchte ich Deine 
Briefe hervor und las sie alle durch. Erst als ich stark genug 
war, das neue Band zu zerreissen und ihr alles zu sagen und 
aus meiner Selbstquälung zu klarem Entschluss zu kommen — 
erst da, als Amalie sagte: Ich danke Ihnen für Ihre Aufrich 
tigkeit und achte Sie, dass Sie Ihrer ersten Liebe treu blieben 
— erst dann kehrte wieder ein unendlich süsser Friede in mein 
Herz, als hättest Du gesagt: Ich liebe Dich ja noch und ver 
kenne Dein gutes Herz nicht. □ 
Ich habe dies alles nicht etwa gesagt, um mich zu rechtfertigen, 
nein, sondern mein Benehmen zu erklären. Hätte ich Dein ein 
faches, schuldloses Gemüt, so hätte ich still geduldet, nicht 
durch Trotz mein Herz herabgewürdigt und einem anderen 
Wesen Kummer verursacht. Freilich sagen die Leute: Du hattest 
nichts gegen sie gefühlt. Euer Vertrag war ja aufgehoben — 
als ob ein Herzensbündnis mit WORTEN zu Null gemacht 
werden könnte!! Wäre es von mir blosse Untreue gewesen, 
warum hätte ich dann plötzlich wieder gebrochen? Als weil 
mir mein Verstand sagte, ich soll nicht mich und sie unglücklich 
machen; denn ich liebte sie nicht, und sollte mir ihr Kuss Wohlge 
fallen sein, so musste ich mir DEINE Lippen dazudenken. — Aber 
gut, alles ist vorüber, und diese Begebenheit hat neuerdings gezeigt, 
wie unbesiegbar meine Liebe zu Dir; sie ist die letzte Ver 
irrung meines Gefühls gewesen und hat aber das Gute bewirkt, 
dass ich nun sanft und stille sein will und in reiner und schöner 
Liebe Dein Bild in mir aufhängen und schmücken werde mit 
der liebreichsten Verehrung immer und immer fort. Ich fühle 
jetzt schon eine solche Zufriedenheit in mir, wie ich sie seit 
Zwei Jahren nicht gehabt habe, und ich fühle, wie sie immer 
steigen wird. □ 
Nun noch eins: wenn Du ein Herz, das so hart von seinem 
wahren Ziele irrte, das aber bereute und umkehrte, nicht ver 
schmähen willst, wenn Deine Güte noch einen Rest alter Liebe 
und Zärtlichkeit aufbewahret, so nimm meine Liebe, die ich 
Dir als eine demütige Gabe anbiete, wieder an und heile meine 
Wehmut mit freundlicher Zärtlichkeit —- ich weiss, was ich Dir 
dann schuldig bin, und nie, so lang ich lebe, soll ein unsanftes 
Wort Dein Herz betrüben oder eine Handlung Dein Gemüt 
verletzen. Kein Mann auf Erden liebt Dich MEHR als ich, 
weil Dich keiner MEHR kennt als ich, und keiner kann Dich 
glücklicher machen. Sagst Du Ja (und Du wirst das, weil Du 
SO gut bist), so werde ich mit Deinen Eltern reden und ihnen 
dartun, dass eine Verbindung zwischen uns ganz und gar nicht 
ungereimt sei, und um ihre Einwilligung bitten. Sagst Du aber, 
Du liebst mich nicht mehr, so will ich es leiden, wie auch das 
Herz wehe tut, und ich will nur allein Dich zur Braut meiner 
Ideen machen und Dich fort lieben, bis an meinen Tod. □ 
Ich schrieb dies alles, weil ich fürchte, dass zu einer Unterredung 
keine Zeit ist. Übrigens will ich keineswegs, dass dieses Blatt 
ein Geheimnis bleibe zwischen uns, im Gegenteil, berate Dich 
mit Deiner Mutter und bitte sie, dass sie mit mir rede. □ 
Lebe wohl, ich bin ewig Dein Dich innigst liebender Freund 
A. Stifter. 
Oberplan, am 20. August 1835. □ 
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