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Full text: Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 2. Jahrgang 1905/06

1=1 BÜCHER, DIE MAN LESEN SOLL. = 
BAND XX, BRANDES, ANATOLE FRANCE. Brandes hat 
in der Einleitung zu der von ihm herausgegebenen Sammlung 
„Die Literatur^ in kurzen Zügen die Eigenart des Essais und 
des Essaiisten geschildert; mir kommen seine Sätze jetzt, da 
ich über das France-Buch sprechen soll, in den Sinn i sie scheinen 
mir der beste Weg zum Schriftsteller und seinem Werke. Be 
geisterung und Gegensatz sind die Quellen, aus denen der 
Essaiist schöpft; er will nicht ewig Gültiges niederlegen, nicht 
objektiv sein, geht daher nicht wie — leider zu oft — der 
wissenschaftliche Literat „eine Vernunftehe mit seinem Thema 
ein“, sondern schreibt wie ein Liebender. Etwas von dem Inhalte 
des Buches auszugsweise wiederzugeben, hiesse das wie ein 
Geschmeide gefügtes Kunstwerk zerstören; Dichter und Darsteller 
gehen zu sehr in ein Wesen zusammen. Mein Urteil ist daher 
kurz: Brandes hätte für seine Ausführungen über Essais kein 
besseres Beispiel geben können als dies vorliegende Meisterwerk. 
SERVAES, ALBRECHT DÜRER (R. MUTHER, „DIE 
KUNST“, Bd. 42). Dürer ist uns Streitern von heute ein Führer 
im Kampfe geworden: über eine einseitige Verfechtung der 
künstlerischen Ausdrucksmittel hinaus sehnen wir uns nach dem 
schönen Tonklange von Form und Inhalt; um so mehr Wert 
gewinnt für uns die vorliegende Dürer-Schrift, die nicht eine 
Analyse der Werke, sondern eine scharf umrissene Darstellung 
von Dürers Persönlichkeit bietet. Über die Grenzen seiner Zeit 
und Heimat wächst Dürer zur Ewigkeitserscheinung und reiht 
sich so unseren Grössten an, deren Erkenntnis uns erst heute 
aufzugehen beginnt. Servaes Dürer-Buch ist ein würdiges Gegen 
stück zu seiner Klinger-Monographie („Die Kunst“, Bd. 5). Die 
Vorzüge beider liegen in der Tiefe der Auffassung und in der 
Kraft des Ausdruckes. Von den Abbildungen, die dem Buche 
beigegeben sind, verweise ich besonders auf zwei nach Hand- 
Zeichnungen angefertigte, eine „Ruhe auf der Flucht“ und eine 
„Madonna auf dem Bette“, die uns Dürers Heimlichkeit be 
sonders nahe bringen. □ 
„DIE LITERATUR“, HERAUSGEG. VON G. BRANDES. 
Band XVII, G. Ubell, Die griechische Tragödie. Die meisten 
Kritiker lehnten, wie Beckmesser nur „nach den Regeln“ ein 
lassend, Hofmannsthals „Elektra“ aus Prinzip ab; ein Vergehen 
gegen die ewigen Gesetze der Schönheit sei es, ein Verbrechen, 
ein Werk hellenischer Kunst in den Empfindungskreis unserer 
Tage umzudichten. Dass wir tatsächlich ein Recht darauf haben, 
weist Ubell in der vorliegenden Schrift nach, der er besser den 
Titel „Die Renaissance der griechischen Tragödie“ gegeben 
hätte; er spricht nicht von der Art der Ausführungen der 
Tragödien, die wir uns durch Rückschlüsse von der bildenden 
Kunst (bes. Reliefplastik) vergegenwärtigen können, nicht von 
der Bedeutung der Werke für ihre Entstehungszeit, sondern für 
unsere heutige Zeit, und von den Zeichen, die uns auf eine 
Wiedergeburt der antiken Tragödie schliessen lassen: einem 
Naturgesetze gemäss folgt auf den konsequenten Naturalismus 
die Sehnsucht nach dem durch die Griechen begründeten grossen 
Stile. Wilamowitz' Übersetzungen dringen in weite Kreise, es 
folgt die Neudichtung der „Elektra“ und Aufführungen der 
Originaldramen. Euripides, der unter den Tragikern der heutigen 
Zeit am nächsten steht, wird wieder entdeckt, wir hören von 
seiner wundervollen Bakchendichtung. Am besten wird Ubell 
bei der Analyse der neuen „Elektra“ und bei der Gegenüber 
stellung Euripides—Grillparzer auf Grund der „Medea“; sein 
Ziel — die Verfechtung jenes Rechtes — erreicht er durch den 
Hinweis auf die Stellung der alten Dichter zueinander und zu 
ihren Themen: ihnen wären Neudichtungen der alten Stoffe 
am verständlichsten gewesen; ihr Glück war es, die FORM 
immer mehr zur Reife bringen zu können, denn der GEGEN 
STAND ihrer Dichtungen war Volksgut. Werden wir je soweit 
kommen? □ 
„FÜHRER ZUR KUNST“, HERAUSGEGEBEN VON DR. 
HERM. POPP, Verlag Paul Neff (M. Schreiber), Esslingen. 
Die richtige Würdigung dieser neuen Kunstbücher gewinnen 
wir durch einen Vergleich mit verwandten Erscheinungen, be 
sonders mit Muthers Sammlung „Die Kunst“. Während diese 
Bändchen sich immer mehr einer subjektiven Analyse der 
Künstlerpersönlichkeiten zuwenden, verfolgen die „Führer zur 
Kunst“ den Zweck, das Kunstwerk selbst nach seinen künstle 
rischen Qualitäten dem Leser zu erschliessen oder abgegrenzte 
Gebiete aus der künstlerischen Kultur (künstlerische Wohnungen, 
Hochzeitsfeste der Renaissance, Bildnismalerei etc.) in angemes 
sener Sachlichkeit einem grösseren Leserkreise vorzuführen. Vor 
der Besprechung der bereits erschienenen Bändchen, die nur 
eine beiläufige Information geben will, sei der trotz des billigen 
Preises (I Mark pro Band) guten Ausstattung der Sammlung 
gedacht, der wir in Anbetracht ihrer Vorzüge und ihres wich 
tigen Zweckes eine weite Verbreitung wünschen, □ 
Die einleitende Veröffentlichung stammt aus der Feder TH. 
VOLBEHRS und handelt von der Frage: „GIBT ES KUNST 
GESETZE ?“ Nicht die Gesetze selbst, sondern nur die Wege, 
auf denen man sie zu finden gesucht hat und noch finden wird, 
werden dargelegt; Volbehr geht aus von Lessings und Goethes 
„Laokoon“ als den klassischen Versuchen, aus EINEM Werke 
allgemein gültige Regeln abzuleiten; er berührt Gogarths „Zer 
gliederung der Schönheit“ sowie Zeisings und Göringers Ar 
beiten über den goldenen Schnitt und weist an einer Dürerschen 
Proportionsstudie nach, dass den Resultaten der letzteren die 
Allgültigkeit fehlt, mögen sich auch ihre Beobachtungen über 
weitere Gebiete erstrecken. Die Haltlosigkeit des Gesetzes 
vom „physischen Zusammenhänge der Dinge“ ergibt sich aus 
Studien über das Vorkommen des Mäanders bei den entgegen 
gesetzten Völkerschaften; nach einem Hinweise auf die ver 
schiedenen Erklärungsversuche der ägyptischen Plastik legt der 
Verfasser an der Analyse von Rembrandts „Hochzeit des Simson“ 
dar, wie Taine in seinen Arbeiten den äusseren, kulturellen Ein 
flüssen in der Kunst die im Individuum begründeten Gesetze 
nachstellt. In umgekehrter Reihenfolge kommt nun Volbehrs 
positive Arbeit mit dem Ergebnisse, dass es Kunstgesetze gibt, 
dass sie aber nicht konstruierte, geistreiche Erfindungen gelehrter 
Männer sind, sondern Gesetze des Lebens. NATURGESETZE, 
gegründet auf der Aufnahmefähigkeit und Schaffenskraft, Die 
physiologischen Kunstgesetze findet der Leser in der Schrift 
des Verfassers über „Bau und Leben der bildenden Kunst“ 
(Teubners Sammlung „Aus Natur und Geisteswelt“, Bd. 68). 
Diese beiden Schriften können allen denen, die in die Lebens 
fragen der Kunst eindringen wollen, nicht warm genug em 
pfohlen werden. W. v. S. 
Nächste Sondernummer: Ungarische Volkskunst 
r 
Jahrgang I der „HOHEN WARTE“, I. und II. Halbjahr, ist in einigen 
gebundenen Exemplaren nocli zum alten Preis zu haben. Später 
Preiserhöhung! 
Einbanddecken für den I. Jahrgang werden auf Bestellung nachgeliefert. 
Unregelmässigkeiten in der Zustellung wollen dem Verlag der „HOHEN 
WARTE“ gefälligst sofort bekanntgegeben werden. 
NACHDRUCKVERBOT für sämtliche in den Heften der „Hohen Warte“ 
erscheinenden Artikel und Illustrationen. 
Alle Zuschriften und Sendungen Wien, XIX. Grinzingerstrasse Nr. 57, Telephon D 58. 
Verlag „Hohe Warte“. Für die Redaktion Joseph Aug. Lux. 
Für den österreichischen Buchhandel in Kommission bei: HUGO HELLER, WIEN, 
I. Bauernmarkt 3. 
Druck von Jacques Philipp, vorm. Philipp & Kramer (v. Leiter : M. Bandler), Wien VI. 
228
	        
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