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Full text : Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 2. Jahrgang 1905/06

liegen  die  Verhältnisse  dort,  wo  es  sich  nicht  um  Gartengrundstücke ­
  handelt,  sondern  wo  die  grösste  Fläche  des  Terrains  zugebaut ­
  werden  darf,  wie  auf  Abbildungen  S.  234,  235  und  237.
Und  doch  hätte  man  sich  für  etwas  Besseres  so  leicht  Rat  holen
können;  man  hätte  nichts"anderes  gebraucht,  als  einmal  die
zahlreichen  Gartenstrassen-Anlagen  des  XVIII.  und  des  frühen
XIX.  Jahrhunderts  recht  zu  betrachten  und  sich  über  deren
Mittel  klar  zu  werden.  □

ST.  PÖLTEN.
FRIEDHOFEINGANG,  ALT  UND  NEU.
on  kunstsinniger  Seite  werden  uns  die  Bilder  des  alten
und  neuen  Friedhofeinganges  als  Beispiel  und  Gegenbeispiel ­
  übersendet,  die  in  einem  geradezu  schreienden  Kontrast
stehen.  Dazu  wird  bemerkt,  dass  zwar  auch  der  alte  Eingang
durch  den  Ausbruch  der  Fenster  und  die  Anfügung  eines  geschmacklosen ­
  Portales  ziemlich  verunstaltet  und  ausser  Zusammenhang ­
  mit  der  daneben  befindlichen  Kapelle  gebracht  worden  ist,
dass  er  aber  trotzdem  den  „Ort  des  Friedens“  unvergleichlich
würdiger  und  harmonischer  abschliesst  als  das  Gegenbeispiel.
Dieses,  der  Eingang  zum  neuen  Friedhof  mit  der  protzigen
Überschrift,  den  mageren  Torpfeilern,  ist  eines  jener  unerträglichen ­
  Industrieprodukte,  die  als  schlechte  Surrogate  allenthalben
an  Stelle  früherer  einfacher  künstlerischer  Lösungen  auftreten.
Ein  solches  fatales  Produkt  ist  übrigens  auch  der  dazu  gehörige
neue  Friedhof,  der  durchaus  den  Eindruck  eines  geschäftsmässig
systematischen  Grabsteinlagers  macht,  während  der  alte  einem
jetzt  allerdings  ganz  ungepflegten  Garten  gleicht.  □

DIE  HIMMLISCHE  UND  IRDISCHE  LIEBE.
Aus  dem  epischen  Gedicht  „Jesus  puër“  von  Pater  Ceva  (J678  J737).
D ie  Nacht  sank  itzo  herab.  Die  Vögel  lagen  schlummernd
in  den  zarten  Nestern,  die  Weste  auf  den  Zweigen  der
Bäume  und  die  Seen  zwischen  ihren  Ufern.  Du  hättest
geschworen,  diese  schliefen  fest  und  die  auf  ihren  Oberflächen
sich  malenden  Sterne  seien  ihre  allerliebsten  Träume.  Als  die
leichte  Fröhlichkeit  vom  hellgestirnten  Himmel  mit  schnellem
Gefieder  wie  in  einem  sanften  Regen  herabsank,  von  jenem
Geiste 1  begleitet,  der  das  Blut  rege  macht  und  die  Brust  mit
Entzückung  erfüllt.  Muntere  Bergziegen  gaben  ihm  den  Namen,
aber  in  der  Sprache  des  alten  Latiums  bleibt  er  unnennbar.
Er  tut  den  Malern  nicht  selten,  am  öftesten  aber  den  Dichtern,
als  ein  Freund  und  Liebling  der  Musen,  reichen  Vorschub,  i
Nun  war  ein  Schäfer  mit  Namen  Didymus,  der,  schon  längstens
in  den  himmlischen  Knaben  verliebt,  sich  vor  Ehre  hielt,  sein
Gespiele  zu  sein.  Er  wusste  die  Winde  vorherzusagen  und  was
jedes  auf-  oder  untergehende  Gestirn  mit  sich  bringt,  auszulegen.
Fern  vom  Geräusche  der  Städte  hatte  sich  seine  Jugend  allein
um  das  Haberrohr  bekümmert,  ohne  dem  Geringsten  der
Sterblichen  jemals  zu  nahe  zu  treten,  beglückt,  dass  ihn  keine
vorsichtige  Klugheit  wachsender  Jahre  annoch  mit  Sorgen
beladen,  sein  freies  und  unbesorgtes  Gemüt  ihm  aber  Freunde
erworben  hatte.  Diesem  setzte  sich,  schon  spät  in  der  Nacht,
dieser  fröhliche  Geist  auf  die  Schultern.  Lang  ging  er  nachsinnend ­
  dahin,  endlich  ward  er  mit  Entzückung  befallen  und
geriet  auf  den  artigen  und  holden  Einfall,  ob  nicht  die  Saitenspiele ­
  seiner  Freunde  unter  die  Fenster  der  heiligen  Jungfrau
zusammengebracht,  ein  Lied  dazu  gesungen  und  der  freundliche
Schlaf  vom  Himmel  auf  die  ermüdeten,  allerliebsten  Fremdlinge
gelockt  werden  könnte.  Doch,  wie  könnte  dieses  itzo  geschehen,
da  es  recht  unhöflich  wäre,  in  dunkler  Nachtzeit  an  ihre  stillen
Hütten  anzuklopfen  und  sie  zu  erschrecken.  So  dachte  er  bei
sich  selbst  und  ward  von  abwechselnden  Begierden  beunruhigt
und  hin  und  her  getrieben,  als  seine  dichterischen  Freunde,  von
ebendemselben  göttlichen  Geiste  angeweht,  ihm  entgegenkamen.
Einer  hatte  eine  Zither  mit  elfenbeinernen  Wirbeln,  der  andere
eine  Leier  von  Ebenholz,  dieser  einen  stählernen  Triangel;  jeder
dasjenige  Instrument,  wodurch  er  den  guten  Landleuten,  wenn
sie  ihr  mühsames  Tagwerk  geendigt  hatten,  ein  Vergnügen  zu
machen  gewohnt  war.  Kein  Vergnügen  ist  süsser  und  lebhafter
als  das,  so  ohne  Zeitverlust  und  ohne  lange  Zurüstungen  aufgeboten
  und  zuwege  gebracht  wird.  Die  Schäfer  Elpin,  Ligus,
Alcino  und  Montan  kamen  also  einer  nach  dem  anderen  herbei, ­
  so  wie  jeder  in  seinem  Gemüte  durch  die  göttliche
Begeisterung  angeregt  war.  Ihre  Häupter  waren  mit  Kränzen
von  lebhaftem  Mohn  oder  wohlriechenden  Veilchen  und  Rosen
umwunden.  Sie  zauderten  nicht  lange,  sondern  stimmten,  als
sie  bei  hellem  Wetter  an  die  bekannten  Türpfosten  herankamen, ­
  auf  ihre  Instrumente  herabsehend,  leise  die  Saiten  und
forschten  mit  lauschenden  Ohren  den  rechten  Ton,  spannten
dieselben  stärker  an  oder  liessen  sie  nach,  so  wie  die  lehrende
Flöte  es  befahl.  Als  sie  jetzt  alle  zu  spielen  bereit  waren  und
jeder  aus  Höflichkeit  den  anderen  die  Ehre,  anzufangen,  überliess
  und  die  tiefe  Stille  zu  brechen  nicht  der  erste  sein  wollte,
sprach  Didymus:  „Da  will  ich  denn  allein  singen  und  eurem
1  Capriccio.

EIN  MENSCH  MUSS  SICH,  EBENSO  WIE  EIN  BAUM,
NICHT  WENIGER  IN  DIE  BREITE  ALS  IN  DIE  HÖHE
ENTWICKELN  KÖNNEN,  WENN  ER  EINE  HARMONISCHE ­
  ERSCHEINUNG  WERDEN  SOLL.  DAZU  BEDARF ­
  ER  DES  RAUMES;  UND  DARUM  IST  ES  IN
UNSEREN  ÜBERVÖLKERTEN  STÄDTEN  SO  SCHWER,
VOLLKOMMEN  UND  SCHÖN  AUSGEBILDETE  GEISTIGE ­
  INDIVIDUEN  ZU  FINDEN.

WERDEN  LEUTE  VON  FREIEM  HERZEN  SICH  ZU
MILLIONEN  IN  EINE  SCHUTTHALDE  VON  BACKSTEIN ­
  TREIBEN  LASSEN?  —  IHRE  STÄDTE  WERDEN
NUR  SO  GROSS  SEIN,  DASS  JEDER  DEN  KREIS
SEINER  MITBÜRGER  ÜBERBLICKEN  KANN  -  SOLLTE
ICH  EINE  ZAHL  GEBEN,  SO  WÜRDE  ICH  ACHTZIGTAUSEND ­
  ALS  DIE  ÄUSSERSTE  GRENZE  BEZEICHNEN.

DER  MASSTAB  EINER  KULTUR  IST  DIE  DAUER,
WELCHE  SIE  VERSPRICHT.  OUCKAMA  KNOOP.

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