liegen die Verhältnisse dort, wo es sich nicht um Gartengrundstücke
handelt, sondern wo die grösste Fläche des Terrains zugebaut
werden darf, wie auf Abbildungen S. 234, 235 und 237.
Und doch hätte man sich für etwas Besseres so leicht Rat holen
können; man hätte nichts"anderes gebraucht, als einmal die
zahlreichen Gartenstrassen-Anlagen des XVIII. und des frühen
XIX. Jahrhunderts recht zu betrachten und sich über deren
Mittel klar zu werden. □
ST. PÖLTEN.
FRIEDHOFEINGANG, ALT UND NEU.
on kunstsinniger Seite werden uns die Bilder des alten
und neuen Friedhofeinganges als Beispiel und Gegenbeispiel
übersendet, die in einem geradezu schreienden Kontrast
stehen. Dazu wird bemerkt, dass zwar auch der alte Eingang
durch den Ausbruch der Fenster und die Anfügung eines geschmacklosen
Portales ziemlich verunstaltet und ausser Zusammenhang
mit der daneben befindlichen Kapelle gebracht worden ist,
dass er aber trotzdem den „Ort des Friedens“ unvergleichlich
würdiger und harmonischer abschliesst als das Gegenbeispiel.
Dieses, der Eingang zum neuen Friedhof mit der protzigen
Überschrift, den mageren Torpfeilern, ist eines jener unerträglichen
Industrieprodukte, die als schlechte Surrogate allenthalben
an Stelle früherer einfacher künstlerischer Lösungen auftreten.
Ein solches fatales Produkt ist übrigens auch der dazu gehörige
neue Friedhof, der durchaus den Eindruck eines geschäftsmässig
systematischen Grabsteinlagers macht, während der alte einem
jetzt allerdings ganz ungepflegten Garten gleicht. □
DIE HIMMLISCHE UND IRDISCHE LIEBE.
Aus dem epischen Gedicht „Jesus puër“ von Pater Ceva (J678 J737).
D ie Nacht sank itzo herab. Die Vögel lagen schlummernd
in den zarten Nestern, die Weste auf den Zweigen der
Bäume und die Seen zwischen ihren Ufern. Du hättest
geschworen, diese schliefen fest und die auf ihren Oberflächen
sich malenden Sterne seien ihre allerliebsten Träume. Als die
leichte Fröhlichkeit vom hellgestirnten Himmel mit schnellem
Gefieder wie in einem sanften Regen herabsank, von jenem
Geiste 1 begleitet, der das Blut rege macht und die Brust mit
Entzückung erfüllt. Muntere Bergziegen gaben ihm den Namen,
aber in der Sprache des alten Latiums bleibt er unnennbar.
Er tut den Malern nicht selten, am öftesten aber den Dichtern,
als ein Freund und Liebling der Musen, reichen Vorschub, i
Nun war ein Schäfer mit Namen Didymus, der, schon längstens
in den himmlischen Knaben verliebt, sich vor Ehre hielt, sein
Gespiele zu sein. Er wusste die Winde vorherzusagen und was
jedes auf- oder untergehende Gestirn mit sich bringt, auszulegen.
Fern vom Geräusche der Städte hatte sich seine Jugend allein
um das Haberrohr bekümmert, ohne dem Geringsten der
Sterblichen jemals zu nahe zu treten, beglückt, dass ihn keine
vorsichtige Klugheit wachsender Jahre annoch mit Sorgen
beladen, sein freies und unbesorgtes Gemüt ihm aber Freunde
erworben hatte. Diesem setzte sich, schon spät in der Nacht,
dieser fröhliche Geist auf die Schultern. Lang ging er nachsinnend
dahin, endlich ward er mit Entzückung befallen und
geriet auf den artigen und holden Einfall, ob nicht die Saitenspiele
seiner Freunde unter die Fenster der heiligen Jungfrau
zusammengebracht, ein Lied dazu gesungen und der freundliche
Schlaf vom Himmel auf die ermüdeten, allerliebsten Fremdlinge
gelockt werden könnte. Doch, wie könnte dieses itzo geschehen,
da es recht unhöflich wäre, in dunkler Nachtzeit an ihre stillen
Hütten anzuklopfen und sie zu erschrecken. So dachte er bei
sich selbst und ward von abwechselnden Begierden beunruhigt
und hin und her getrieben, als seine dichterischen Freunde, von
ebendemselben göttlichen Geiste angeweht, ihm entgegenkamen.
Einer hatte eine Zither mit elfenbeinernen Wirbeln, der andere
eine Leier von Ebenholz, dieser einen stählernen Triangel; jeder
dasjenige Instrument, wodurch er den guten Landleuten, wenn
sie ihr mühsames Tagwerk geendigt hatten, ein Vergnügen zu
machen gewohnt war. Kein Vergnügen ist süsser und lebhafter
als das, so ohne Zeitverlust und ohne lange Zurüstungen aufgeboten
und zuwege gebracht wird. Die Schäfer Elpin, Ligus,
Alcino und Montan kamen also einer nach dem anderen herbei,
so wie jeder in seinem Gemüte durch die göttliche
Begeisterung angeregt war. Ihre Häupter waren mit Kränzen
von lebhaftem Mohn oder wohlriechenden Veilchen und Rosen
umwunden. Sie zauderten nicht lange, sondern stimmten, als
sie bei hellem Wetter an die bekannten Türpfosten herankamen,
auf ihre Instrumente herabsehend, leise die Saiten und
forschten mit lauschenden Ohren den rechten Ton, spannten
dieselben stärker an oder liessen sie nach, so wie die lehrende
Flöte es befahl. Als sie jetzt alle zu spielen bereit waren und
jeder aus Höflichkeit den anderen die Ehre, anzufangen, überliess
und die tiefe Stille zu brechen nicht der erste sein wollte,
sprach Didymus: „Da will ich denn allein singen und eurem
1 Capriccio.
EIN MENSCH MUSS SICH, EBENSO WIE EIN BAUM,
NICHT WENIGER IN DIE BREITE ALS IN DIE HÖHE
ENTWICKELN KÖNNEN, WENN ER EINE HARMONISCHE
ERSCHEINUNG WERDEN SOLL. DAZU BEDARF
ER DES RAUMES; UND DARUM IST ES IN
UNSEREN ÜBERVÖLKERTEN STÄDTEN SO SCHWER,
VOLLKOMMEN UND SCHÖN AUSGEBILDETE GEISTIGE
INDIVIDUEN ZU FINDEN.
WERDEN LEUTE VON FREIEM HERZEN SICH ZU
MILLIONEN IN EINE SCHUTTHALDE VON BACKSTEIN
TREIBEN LASSEN? — IHRE STÄDTE WERDEN
NUR SO GROSS SEIN, DASS JEDER DEN KREIS
SEINER MITBÜRGER ÜBERBLICKEN KANN - SOLLTE
ICH EINE ZAHL GEBEN, SO WÜRDE ICH ACHTZIGTAUSEND
ALS DIE ÄUSSERSTE GRENZE BEZEICHNEN.
DER MASSTAB EINER KULTUR IST DIE DAUER,
WELCHE SIE VERSPRICHT. OUCKAMA KNOOP.
239