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Full text: Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 2. Jahrgang 1905/06

die nächtlichen Himmelslampen aus. Du aber, o feuchte Nacht, 
wirfst deinen Schleier über die heilige Hütte und befiehlst, nach 
Hause zu gehen, damit sechs schwarzbelockte Stunden, welche 
nette, helfenbeinerne Körbchen in den Armen tragen (in welchen 
lauter artige Träume auf Rosen sitzen), ihren leichten Fuss ins 
Gemach zu setzen um unseretwillen nicht länger Anstand 
nehmen. □ 
Gehet dann, geschickte Saitenspieler, jeder nach seiner Hütte, 
euch, deren süsse Töne meinen schwachen Gesang unterstützet 
haben, unterstützet, wenn der Tod sein Blutpanier über euern 
sterbenden Teil schwingt, das göttliche Kind. Es stosse euern 
Kahn sanft an die himmlischen Ufer, euch dorten unter die 
Harfenspieler am Berge Gottes zu stellen, wo ich euch Wieder 
sehen werde, euer verklärter Gespiele im Reiche der Un 
sterblichkeit.“ □ 
So sprach er und itzt fiel ein kühler und wohlriechender Regen 
vom Firmamente herunter. Jedweder schlug sein Oberkleid über 
sein Spiel und floh mit dem Wunschei Gute Nacht! Gute 
Nacht! Die engen Gassen und gewölbten Hallen antworteten lauti 
GUTE NACHT ! GUTE NACHT! □ 
KÜNSTLERSINN IST EINFALT IN DER BESTEN BE 
DEUTUNG. 
DIE KINDERGLEICHE UNSCHULD DES GENIES IST 
VIEL ZU REIN, UM VON MORAL ZU WISSEN. 
KÜNSTLERISCHE KEUSCHHEIT HALTEN DIE DURCH 
SCHNITTSREZENSENTEN FÜR KÜNSTLERISCHE IM 
POTENZ. 
IN DER KUNST GIBT ES NUR ZWEI DINGE : SCHAF 
FEN UND GENIESSEN j WAS DARÜBER IST, DAS IST 
VOM ÜBEL. ABER UNSEREN PROFESSOREN ER 
SCHEINT IM GRUNDE DIE KUNST ALS EINE WISSEN 
SCHAFT. 
WAHRHEIT IST DIE MORAL DES DICHTERS, WENN 
MAN VON EINER SOLCHEN REDEN WILL. EIN 
SCHRIFTSTELLER, DER UM GESELLSCHAFTLICHER 
ANSCHAUUNGEN WILLEN DIE AUFRICHTIGKEIT 
SEINES SCHAFFENS BEEINTRÄCHTIGT, IST EBENSO 
VERÄCHTLICH WIE EIN RICHTER, WELCHER, UM 
PERSÖNLICH ZU GEFALLEN, DAS RECHT BEUGT. 
OUCKAMA KNOOP. 
STÄDTESTUDIUM VOM STANDPUNKTE DER 
HEIMATLICHEN KULTUR. 1 
X. 
BRÜNN. 
ine künstlerisch so übelberatene Stadt wie Brünn liefert 
unendlich mehr Beispiele der baukünstlerischen Unfähig 
keit, als sich in diesem kurzen Überblick zeigen lässt. 
Brünn war eine schöne Stadt; wenn sie den Ruf der Hässlich 
keit hat, so verdankt sie ihn ihrer heutigen Verschönerungssucht. 
Was an Brünn schön ist, sind die Reste einer alten Bauzeit 
bis vor 1850, für deren Schätzung den heutigen Brünnern 
augenscheinlich das Organ fehlt. Zwar geschieht alle Zerstörung 
im Namen des Fortschrittes und des Verkehrsbedürfnisses, also 
unter den günstigen Anzeichen einer Entwicklung. □ 
Ein flüchtiger Blick auf das Gesamtbild von einst und jetzt 
lässt erkennen, dass diese äussere Entwicklung der Stadt von 
allen guten Geistern so ziemlich verlassen ist. Der formale 
Niedergang ist keineswegs eine isolierte Erscheinung, sondern 
Ursache und Wirkung anderer Umstände und nicht zuletzt von 
Einfluss auf die wirtschaftliche Lage. Das Fehlen einer mittleren 
Bevölkerungsschichte, die eine reichere Lebensführung an Ort 
und Stelle entfaltet, tritt im Gegensatz zu den früheren Jahr 
zehnten heute schon klar zutage; das Fabrikantenwesen einerseits, 
die Arbeiterschaft anderseits, der Gegensatz von Arm und 
Reich begegnen sich in dieser Stadt mit ziemlicher Schroffheit. 
Beide Schichten sind heute noch nicht der Entwicklung eines 
mannigfaltigen und reichen Stadtwesens günstig. Das heutige 
Stadtbild liefert diesen Beweis. Wie tief stehen die Ansprüche 
und Bedürfnisse der heutigen begüterten Leute im Vergleich zu 
den aristokratischen Lebenshaltungen, von denen die alten, ver 
lassenen Brünner Palais einen verblichenen Abglanz überliefern, 
ganz abgesehen davon, dass diese heutigen begüterten Leute es 
keineswegs mehr zu ihrer Lebensregel machen, ihre Einkünfte 
in der Stadt zu verzehren und über ein gewisses Minimum 
materieller Genüsse hinaus Ansprüche zu erheben. Anderseits 
sind die kleinen bürgerlichen Klassen insgesamt der Arbeiter 
schaft im Zustande ihrer wirtschaftlichen Gebundenheit nicht 
berufen, eine hohe Kultur zu entwickeln. Wer Kraft fühlt, 
versucht sich ausserhalb der Vaterstadt. □ 
Man findet also in Brünn als Hauptkontingent der Bevölkerung 
Industrielle, Beamte und Arbeiter. Sie bilden den Organismus, 
den man Fabriksstadt nennt, wie es andere Stadtorganismen 
gibt, die mit Vorliebe Kunsstadt bezeichnet werden. Für das 
Ungeheuerliche solcher Erscheinungen ist noch kein Empfinden 
erwacht. Eine Stadt, die sich wie Brünn einseitig als Fabriks 
stadt entwickelt, gleicht einem Lebewesen niederer Ordnung, das 
Zwar mit den Werkzeugen seines Stoffwechsels ausgerüstet ist, 
aber alle höher entwickelten Sinnesorgane entbehrt, um die 
Schönheit des Himmels und der Erde, der Natur und der 
Kunst zu erfassen. □ 
Die Fortschritte der Industrie und Technik kommen dem Stadt 
leben für die harmonische Ausbildung der schöpferischen Kräfte 
noch keinesfalls zugute. Ich spreche dem grossen Durchschnitt 
der Industrie den Takt und die Fähigkeit ab, ihre Erzeugnisse 
der Menschheit in einer Form zu bieten, die sie zur Fort- 
1 Fortsetzung der Reihe aus dem I. Jahrg., siehe Seite: 36 f 162» J64, 209» 226» 290» 308» 
322» 324» und aus dem II. Jahrg. der »»Hohen Warte“» Seite 120. Q 
24t
	        
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