die nächtlichen Himmelslampen aus. Du aber, o feuchte Nacht,
wirfst deinen Schleier über die heilige Hütte und befiehlst, nach
Hause zu gehen, damit sechs schwarzbelockte Stunden, welche
nette, helfenbeinerne Körbchen in den Armen tragen (in welchen
lauter artige Träume auf Rosen sitzen), ihren leichten Fuss ins
Gemach zu setzen um unseretwillen nicht länger Anstand
nehmen. □
Gehet dann, geschickte Saitenspieler, jeder nach seiner Hütte,
euch, deren süsse Töne meinen schwachen Gesang unterstützet
haben, unterstützet, wenn der Tod sein Blutpanier über euern
sterbenden Teil schwingt, das göttliche Kind. Es stosse euern
Kahn sanft an die himmlischen Ufer, euch dorten unter die
Harfenspieler am Berge Gottes zu stellen, wo ich euch Wieder
sehen werde, euer verklärter Gespiele im Reiche der Un
sterblichkeit.“ □
So sprach er und itzt fiel ein kühler und wohlriechender Regen
vom Firmamente herunter. Jedweder schlug sein Oberkleid über
sein Spiel und floh mit dem Wunschei Gute Nacht! Gute
Nacht! Die engen Gassen und gewölbten Hallen antworteten lauti
GUTE NACHT ! GUTE NACHT! □
KÜNSTLERSINN IST EINFALT IN DER BESTEN BE
DEUTUNG.
DIE KINDERGLEICHE UNSCHULD DES GENIES IST
VIEL ZU REIN, UM VON MORAL ZU WISSEN.
KÜNSTLERISCHE KEUSCHHEIT HALTEN DIE DURCH
SCHNITTSREZENSENTEN FÜR KÜNSTLERISCHE IM
POTENZ.
IN DER KUNST GIBT ES NUR ZWEI DINGE : SCHAF
FEN UND GENIESSEN j WAS DARÜBER IST, DAS IST
VOM ÜBEL. ABER UNSEREN PROFESSOREN ER
SCHEINT IM GRUNDE DIE KUNST ALS EINE WISSEN
SCHAFT.
WAHRHEIT IST DIE MORAL DES DICHTERS, WENN
MAN VON EINER SOLCHEN REDEN WILL. EIN
SCHRIFTSTELLER, DER UM GESELLSCHAFTLICHER
ANSCHAUUNGEN WILLEN DIE AUFRICHTIGKEIT
SEINES SCHAFFENS BEEINTRÄCHTIGT, IST EBENSO
VERÄCHTLICH WIE EIN RICHTER, WELCHER, UM
PERSÖNLICH ZU GEFALLEN, DAS RECHT BEUGT.
OUCKAMA KNOOP.
STÄDTESTUDIUM VOM STANDPUNKTE DER
HEIMATLICHEN KULTUR. 1
X.
BRÜNN.
ine künstlerisch so übelberatene Stadt wie Brünn liefert
unendlich mehr Beispiele der baukünstlerischen Unfähig
keit, als sich in diesem kurzen Überblick zeigen lässt.
Brünn war eine schöne Stadt; wenn sie den Ruf der Hässlich
keit hat, so verdankt sie ihn ihrer heutigen Verschönerungssucht.
Was an Brünn schön ist, sind die Reste einer alten Bauzeit
bis vor 1850, für deren Schätzung den heutigen Brünnern
augenscheinlich das Organ fehlt. Zwar geschieht alle Zerstörung
im Namen des Fortschrittes und des Verkehrsbedürfnisses, also
unter den günstigen Anzeichen einer Entwicklung. □
Ein flüchtiger Blick auf das Gesamtbild von einst und jetzt
lässt erkennen, dass diese äussere Entwicklung der Stadt von
allen guten Geistern so ziemlich verlassen ist. Der formale
Niedergang ist keineswegs eine isolierte Erscheinung, sondern
Ursache und Wirkung anderer Umstände und nicht zuletzt von
Einfluss auf die wirtschaftliche Lage. Das Fehlen einer mittleren
Bevölkerungsschichte, die eine reichere Lebensführung an Ort
und Stelle entfaltet, tritt im Gegensatz zu den früheren Jahr
zehnten heute schon klar zutage; das Fabrikantenwesen einerseits,
die Arbeiterschaft anderseits, der Gegensatz von Arm und
Reich begegnen sich in dieser Stadt mit ziemlicher Schroffheit.
Beide Schichten sind heute noch nicht der Entwicklung eines
mannigfaltigen und reichen Stadtwesens günstig. Das heutige
Stadtbild liefert diesen Beweis. Wie tief stehen die Ansprüche
und Bedürfnisse der heutigen begüterten Leute im Vergleich zu
den aristokratischen Lebenshaltungen, von denen die alten, ver
lassenen Brünner Palais einen verblichenen Abglanz überliefern,
ganz abgesehen davon, dass diese heutigen begüterten Leute es
keineswegs mehr zu ihrer Lebensregel machen, ihre Einkünfte
in der Stadt zu verzehren und über ein gewisses Minimum
materieller Genüsse hinaus Ansprüche zu erheben. Anderseits
sind die kleinen bürgerlichen Klassen insgesamt der Arbeiter
schaft im Zustande ihrer wirtschaftlichen Gebundenheit nicht
berufen, eine hohe Kultur zu entwickeln. Wer Kraft fühlt,
versucht sich ausserhalb der Vaterstadt. □
Man findet also in Brünn als Hauptkontingent der Bevölkerung
Industrielle, Beamte und Arbeiter. Sie bilden den Organismus,
den man Fabriksstadt nennt, wie es andere Stadtorganismen
gibt, die mit Vorliebe Kunsstadt bezeichnet werden. Für das
Ungeheuerliche solcher Erscheinungen ist noch kein Empfinden
erwacht. Eine Stadt, die sich wie Brünn einseitig als Fabriks
stadt entwickelt, gleicht einem Lebewesen niederer Ordnung, das
Zwar mit den Werkzeugen seines Stoffwechsels ausgerüstet ist,
aber alle höher entwickelten Sinnesorgane entbehrt, um die
Schönheit des Himmels und der Erde, der Natur und der
Kunst zu erfassen. □
Die Fortschritte der Industrie und Technik kommen dem Stadt
leben für die harmonische Ausbildung der schöpferischen Kräfte
noch keinesfalls zugute. Ich spreche dem grossen Durchschnitt
der Industrie den Takt und die Fähigkeit ab, ihre Erzeugnisse
der Menschheit in einer Form zu bieten, die sie zur Fort-
1 Fortsetzung der Reihe aus dem I. Jahrg., siehe Seite: 36 f 162» J64, 209» 226» 290» 308»
322» 324» und aus dem II. Jahrg. der »»Hohen Warte“» Seite 120. Q
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