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Full text: Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 2. Jahrgang 1905/06

DIE ALLGEMEINHEIT. 
lies Gemeine liegt in der Allgemeinheit — wenn Menschen 
behaupten, ihr Schaffen und namentlich ihr Kunstschaffen 
sei auf die Allgemeinheit gegründet, so sind es Worte, die 
Misstrauen und Geringschätzung erregen und in der Regel auch 
verdienen. Denn Ähnliches wird ja auch von Komödianten, Po 
litikern, Journalisten, Charlatans und allerlei Schwindlern be 
hauptet. Was sie tun, tun sie angeblich für das Volk, das Publikum, 
die Allgemeinheit. Es ist eine platte Lüge, die eine angenehme 
Täuschung enthält und, wie jede Schmeichelei, noch nicht ganz 
ihre Wirkung eingebüsst hat. Die Wahrheit ist aber, dass nie 
mand imstande ist, in geistiger Abhängigkeit von der All 
gemeinheit Gutes hervorzubringen, dass vielmehr jede Art von 
Kunst, die aus diesem Geiste geboren ist, notwendigerweise 
schlecht und zumeist verwerflich sein muss. Was die All 
gemeinheit liebt und was allen gemein ist, sind Formen, die 
längst zu Formeln erstarrt sind, Gedanken, die längst gedacht 
sind; was sie fürchtet und hasst, ist die neue Idee und die 
schöpferische Tat, die das Ungewöhnliche verkörpert. Aus diesem 
Grunde kann es keine Kunst geben, die für die Allgemeinheit 
da ist, vielmehr ist die Allgemeinheit für die Kunst da. Es ist 
vollkommen gleichgültig, ob und wie ein Bild oder ein Gebäude 
auf die Allgemeinheit wirkt; es ist nach der Beschaffenheit des 
Publikums ein künstlerisch zweifelhafter Erfolg, wenn es ohne 
weiteres die allgemeine Zustimmung findet; die Frage ist viel 
mehr, wie das Publikum auf das Bild oder das Gebäude reagiert, 
und für dieses Publikum kann es kein anderes Geheiss geben 
als? Sieh und leb dich hinein! □ 
Es sind gewisse Schablonenbegriffe im Umlauf, wonach der 
Engländer, Japaner und Amerikaner als der Edeltypus eines 
Menschen, der Russe, Chinese und Tscheche als Ausbund von 
Tücke und Feigheit erscheinen. Nach Shakespeare wirft Cäsars 
Volk die schweissigen Nachtmützen in die Höhe und gibt eine 
solche Last stinkenden Atems von sich, dass Cäsar fast daran 
erstickt wäre. Aber auch die Allgemeinheit der Edelvölker 
von Japan, England und Amerika ist dem kreischenden Ge 
sindel Roms mit seinen schweissigen Nachtmützen und der Last 
stinkenden Atems durchaus ähnlich und unterscheidet sich 
wenig von der Allgemeinheit der geringer geachteten Völker 
Russlands, Chinas und anderer Länder. Dagegen ist der na 
tionale und kulturelle Abstand des Gentlemans in Japan, 
Russland, England und China weitaus geringer als die Kluft, 
die ihn von der Allgemeinheit des eigenen Volkes trennt. Ein fein 
kultivierter Tscheche darf uns lieber sein als ein rülpsender Deutsch 
nationaler. Jeder Bauer, gleichgültig welchem Stamm oder wel 
cher Nation er angehört, der in der künstlerischen Tradition 
seiner Tracht und seines Hausrats lebt, erscheint als Edel 
mann, verglichen mit jener Horde Menschen, die auf ihre 
städtische Zivilisation pocht und sich an den Heilrufen oder an 
einem ähnlichen nationalen Diebswort erkennt. □ 
In Wahrheit ist die Frage der Nation und des Glaubens un 
wichtig, wichtig ist vielmehr das Tun und Anwenden und die 
Frage, ob alles auf das beste angewendet ist. Aber das Beste, 
dessen wir fähig sind, geschieht nicht aus Liebe zu den andern, 
sondern uns selbst zuliebe. Die Werke, die den andern zu 
liebe entstanden sind, für die Allgemeinheit, sind schlecht oder 
mindestens überflüssig und schädlich; sie sind verlogen, wie 
falsche Bekenntnisse, sie ergeben sich nicht aus der reinen 
künstlerischen Notwendigkeit, sondern aus den unreinen Ab 
sichten der Geldmacherei, der Spekulation und des geduldeten 
Betruges. Q 
Menschlichkeit und Gerechtigkeit, die Forderungen der Nächsten 
liebe, sind Ergebnisse der edlen Selbstsucht, die alles für sich 
und nichts für andere tut. Alle Erbärmlichkeit kommt von der 
Mutlosigkeit, dieses einzugestehen. Es ist eine Lüge, wenn wir 
die niedrige Allgemeinheit zu unserem Genossen erklären; es gibt 
keine Genossenschaft zwischen einer hochentwickelten, wahrhaft 
schöpferischen Persönlichkeit einerseits und dem blöden Ver 
stand und den schweissigen Nachtmützen anderseits. Aber um 
der Schönheit willen, die ein persönliches Anliegen ist, müssen 
wir wünschen, dass das allgemeine Niveau so hoch als möglich 
steige, dass jeder zu seinem Besten gelange, dass Hässlichkeit, 
Elend, Gemeinheit schwinde, weil ihr Vorhandensein die Schön 
heit stört und das Lebensglück schmälert; um unsertwillen ar 
beiten wir dafür und fordern es im Namen der Menschlichkeit 
und Gerechtigkeit, jener künstlerischen Gerechtigkeit, die eine 
Welt in Harmonie und alle Kräfte in höchster Entwicklung und 
Freiheit sehen will. Für das Genie ist die Welt ein Chaos, dem 
es die Form zu geben trachtet; seine Werke strahlen jene Ge 
rechtigkeit und Menschlichkeit aus, aber sie sind aus eigener Not 
wendigkeit entstanden, wie die Werke der Natur, nicht aus 
Liebe für die Allgemeinheit, sondern aus Hass gegen diese, aus 
dem Trieb, sich abzusondern, zu unterscheiden und das Eigene 
zu behaupten. Seine Ideen und Schöpfungen stehen in ur 
sprünglicher Reinheit und Fremdheit da, sie verkörpern eine 
neue und schönere Welt, die über dem Gemeinen und Allge 
meinen steht, und haben keinen anderen Zweck, als ihrem 
Schöpfer zu dienen, wenn sie der Menschlichkeit dienen sollen. 
Die Anderen, die Einzelnen und allgemach die Allgemeinen, 
können nichts besseres tun, als daraus ihre Religion zu machen, 
Zu versuchen, dem Beispiel nachzuleben, sich mit ihm in Über 
einstimmung zu setzen und ihr Selbst zu finden. Was man die 
Sache nennt, ist eigentlich die persönliche Sache eines Einzelnen, 
eines Tüchtigen, eines Erschaffenden. Sachlichkeit drückt die 
künstlerische Kraft eines Genies aus, alles auf das beste zu ver 
wenden, mit Gerechtigkeit gegen die natürlichen Eigenschaften 
und Kräfte des Materials, sei es Holz, Leinen, Gold, Stein,
	        
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