DIE ALLGEMEINHEIT.
lies Gemeine liegt in der Allgemeinheit — wenn Menschen
behaupten, ihr Schaffen und namentlich ihr Kunstschaffen
sei auf die Allgemeinheit gegründet, so sind es Worte, die
Misstrauen und Geringschätzung erregen und in der Regel auch
verdienen. Denn Ähnliches wird ja auch von Komödianten, Po
litikern, Journalisten, Charlatans und allerlei Schwindlern be
hauptet. Was sie tun, tun sie angeblich für das Volk, das Publikum,
die Allgemeinheit. Es ist eine platte Lüge, die eine angenehme
Täuschung enthält und, wie jede Schmeichelei, noch nicht ganz
ihre Wirkung eingebüsst hat. Die Wahrheit ist aber, dass nie
mand imstande ist, in geistiger Abhängigkeit von der All
gemeinheit Gutes hervorzubringen, dass vielmehr jede Art von
Kunst, die aus diesem Geiste geboren ist, notwendigerweise
schlecht und zumeist verwerflich sein muss. Was die All
gemeinheit liebt und was allen gemein ist, sind Formen, die
längst zu Formeln erstarrt sind, Gedanken, die längst gedacht
sind; was sie fürchtet und hasst, ist die neue Idee und die
schöpferische Tat, die das Ungewöhnliche verkörpert. Aus diesem
Grunde kann es keine Kunst geben, die für die Allgemeinheit
da ist, vielmehr ist die Allgemeinheit für die Kunst da. Es ist
vollkommen gleichgültig, ob und wie ein Bild oder ein Gebäude
auf die Allgemeinheit wirkt; es ist nach der Beschaffenheit des
Publikums ein künstlerisch zweifelhafter Erfolg, wenn es ohne
weiteres die allgemeine Zustimmung findet; die Frage ist viel
mehr, wie das Publikum auf das Bild oder das Gebäude reagiert,
und für dieses Publikum kann es kein anderes Geheiss geben
als? Sieh und leb dich hinein! □
Es sind gewisse Schablonenbegriffe im Umlauf, wonach der
Engländer, Japaner und Amerikaner als der Edeltypus eines
Menschen, der Russe, Chinese und Tscheche als Ausbund von
Tücke und Feigheit erscheinen. Nach Shakespeare wirft Cäsars
Volk die schweissigen Nachtmützen in die Höhe und gibt eine
solche Last stinkenden Atems von sich, dass Cäsar fast daran
erstickt wäre. Aber auch die Allgemeinheit der Edelvölker
von Japan, England und Amerika ist dem kreischenden Ge
sindel Roms mit seinen schweissigen Nachtmützen und der Last
stinkenden Atems durchaus ähnlich und unterscheidet sich
wenig von der Allgemeinheit der geringer geachteten Völker
Russlands, Chinas und anderer Länder. Dagegen ist der na
tionale und kulturelle Abstand des Gentlemans in Japan,
Russland, England und China weitaus geringer als die Kluft,
die ihn von der Allgemeinheit des eigenen Volkes trennt. Ein fein
kultivierter Tscheche darf uns lieber sein als ein rülpsender Deutsch
nationaler. Jeder Bauer, gleichgültig welchem Stamm oder wel
cher Nation er angehört, der in der künstlerischen Tradition
seiner Tracht und seines Hausrats lebt, erscheint als Edel
mann, verglichen mit jener Horde Menschen, die auf ihre
städtische Zivilisation pocht und sich an den Heilrufen oder an
einem ähnlichen nationalen Diebswort erkennt. □
In Wahrheit ist die Frage der Nation und des Glaubens un
wichtig, wichtig ist vielmehr das Tun und Anwenden und die
Frage, ob alles auf das beste angewendet ist. Aber das Beste,
dessen wir fähig sind, geschieht nicht aus Liebe zu den andern,
sondern uns selbst zuliebe. Die Werke, die den andern zu
liebe entstanden sind, für die Allgemeinheit, sind schlecht oder
mindestens überflüssig und schädlich; sie sind verlogen, wie
falsche Bekenntnisse, sie ergeben sich nicht aus der reinen
künstlerischen Notwendigkeit, sondern aus den unreinen Ab
sichten der Geldmacherei, der Spekulation und des geduldeten
Betruges. Q
Menschlichkeit und Gerechtigkeit, die Forderungen der Nächsten
liebe, sind Ergebnisse der edlen Selbstsucht, die alles für sich
und nichts für andere tut. Alle Erbärmlichkeit kommt von der
Mutlosigkeit, dieses einzugestehen. Es ist eine Lüge, wenn wir
die niedrige Allgemeinheit zu unserem Genossen erklären; es gibt
keine Genossenschaft zwischen einer hochentwickelten, wahrhaft
schöpferischen Persönlichkeit einerseits und dem blöden Ver
stand und den schweissigen Nachtmützen anderseits. Aber um
der Schönheit willen, die ein persönliches Anliegen ist, müssen
wir wünschen, dass das allgemeine Niveau so hoch als möglich
steige, dass jeder zu seinem Besten gelange, dass Hässlichkeit,
Elend, Gemeinheit schwinde, weil ihr Vorhandensein die Schön
heit stört und das Lebensglück schmälert; um unsertwillen ar
beiten wir dafür und fordern es im Namen der Menschlichkeit
und Gerechtigkeit, jener künstlerischen Gerechtigkeit, die eine
Welt in Harmonie und alle Kräfte in höchster Entwicklung und
Freiheit sehen will. Für das Genie ist die Welt ein Chaos, dem
es die Form zu geben trachtet; seine Werke strahlen jene Ge
rechtigkeit und Menschlichkeit aus, aber sie sind aus eigener Not
wendigkeit entstanden, wie die Werke der Natur, nicht aus
Liebe für die Allgemeinheit, sondern aus Hass gegen diese, aus
dem Trieb, sich abzusondern, zu unterscheiden und das Eigene
zu behaupten. Seine Ideen und Schöpfungen stehen in ur
sprünglicher Reinheit und Fremdheit da, sie verkörpern eine
neue und schönere Welt, die über dem Gemeinen und Allge
meinen steht, und haben keinen anderen Zweck, als ihrem
Schöpfer zu dienen, wenn sie der Menschlichkeit dienen sollen.
Die Anderen, die Einzelnen und allgemach die Allgemeinen,
können nichts besseres tun, als daraus ihre Religion zu machen,
Zu versuchen, dem Beispiel nachzuleben, sich mit ihm in Über
einstimmung zu setzen und ihr Selbst zu finden. Was man die
Sache nennt, ist eigentlich die persönliche Sache eines Einzelnen,
eines Tüchtigen, eines Erschaffenden. Sachlichkeit drückt die
künstlerische Kraft eines Genies aus, alles auf das beste zu ver
wenden, mit Gerechtigkeit gegen die natürlichen Eigenschaften
und Kräfte des Materials, sei es Holz, Leinen, Gold, Stein,