Franziskus, die mehr romantischen Geschichten im „Decameron“
und, vielleicht das Köstlichste von allen, „Aucassin et Nicolette“
beschert. □
Ein besonders bezeichnender Zug dieser mittelalterlichen Kunst
ist, dass sie keine Jahreszeit kennt ausser dem Frühlingf. Und
dies ist vielleicht der Grund, dass mich Siena dieses Mal als so
besonders mittelalterlich frappierte; ich war noch nie zuvor im
April dort gewesen. □
Der Schimmer des jungen Korns, die Zartheit der ersten
Blättchen, die Obstblüten überall auf den Abhängen zwischen
Stadtmauern und Türmen liessen mich der zierlichen und
zierenden Anmut dieser besonderen Gattung besonders bewusst
werden und zum ersten Male den ganz besonderen Reiz der
lokalen Sienesischen Malerei voll erkennen. Denn ich gestehe,
dass gerade der Umstand, der neuere Kritiker so streng über
die Schule von Siena urteilen lässt, nämlich dass sie niemals
Zu etwas geführt hat, mich besonders erfreut. □
Gewiss war es begrenzt von den Sienesern, dass sie darauf be
standen, durch die Renaissancezeit hindurch mediäval zu bleiben,
dass sie dabei beharrten, entzückende Madonnen und innige
Heilige in wunderbar gestickten Gewändern auf wunderbaren,
goldgemusterten Hintergründen zu verfertigen, ähnlich denen,
die Mechthild von Magdeburg in ihren Visionen erblickte;
dass sie keinen Finger hoben, um das Kommen Michelangelos
und Leonardos, Tintorettos, Velasquez' und der königlichen
Akademiker und Hors-Concours unserer Tage zu beschleunigen.
Ohne Zweifel hätten sie sich ordentlich hinter Anatomie und
Perspektive und Bewegung hermachen und den modernen Geist
im allgemeinen studieren sollen, wie die Florentiner, keine vier
zig Meilen von ihnen entfernt, auf der anderen Seite der Eichen
wälder und Oliven- und Weinberge des Chianti es taten. Aber
sie konnten es nicht — oder sie wollten es nicht; und mich
freut es, dass sie’s nicht taten. In der Kunst, wie im Leben,
ist Raum für viele Dinge; und neben dem Fortschritt, der
manchmal gewisse eckige und unliebenswürdige Eigenschaften
und fast immer eine mauerbrechende Hartköpfigkeit voraus
setzt, gibt es die Ruhe: der Zauber des Binnenwassers. Diese
armen Sieneser, welche, wie ihre eigene Stadt, mittelalterlich
blieben, als das Mittelalter schon überall gründlich ausgespielt
hatte, haben uns am Ende doch Bilder hinterlassen von ent
zückendstem Farbenreiz der gestickten Mäntel und durch
brochenen Heiligenscheine, Lieblichkeit und Reinheit der
Madonnen und Engelsköpfe, sanften, ernsthaften Anachoreten;
ein ummauerter Garten mittelalterlicher Einfalt und Anmut,
mit Blumen, die sowohl Duft für den Geist, als Zauber für das
Auge besitzen. □
Wir wollen jenen dankbar sein, die ihn unberührt zwischen den
Wällen ihrer einsamen Hügelstadt bewahrten. Die Erde ist gross
genug, um verschiedenen Menschen zu gestatten, auf verschie
dene Weise das göttliche Spiel der Kunst zu spielen. Sollte
unser Verständnis dafür nicht weit genug sein? □
Ja, ich schäme mich nicht, es zu gestehen: ich liebe Sano di
Pietro und Andrea di Vanni, Giovanni die Paolo und Giro-
lamo di Benvenuto (ihre nebelhaften Geschlechtsnamen sind
ihre schlimmste Eigenschaft) nicht nur in ihren grossen Werken,
die mich an Stellen aus Wolframs „Parsifal“ und an „Aucas
sin et Nicolette“ und die „Fioretti di San Francesco“ erinnern,
sondern auch in ihren kindischen Torheiten, die bisweilen wie
Ammenverschen anmuten : wunderbare graue und blaue Felsen
grotten mit kleinen Eremiten in gestreiften Wolldecken, die ihre
spielerige Haushaltung besorgen, mit Spielzeugbrunnen und
hölzernen Tierchen; oder Paradiesgärten, wo Engel und schöne
Damen und junge Gecken mit Faltenröcken und Turbans, wo
prächtige Magnificos und all die armen, ermordeten unschul
digen Kindlein spazieren gehen zwischen faustgrossen Wald
erdbeeren und baumhohen Lilien und Veilchen, in deren
Kelchen sich Kaninchen verstecken. Das alles stimmt zu Siena,
und ich bin froh, dass Siena dazu stimmt. □
Und so wäre ich bei Simon Martini angelangt; denn, wenn
Siena nicht das gewesen wäre, was es war: unfähig, über das
Mittelalter hinaus zu gelangen, so hätte es diesen Maler nicht
hervorgebracht; und, wenn nicht Siena, dann kein anderer Ort
der Welt. □
Simon Martinis Werke sind leider mehr, denn die Werke irgend
eines anderen, verstreut und verdorben; sogar seine eigene
Person ist, jahrhundertelang, hoffnungslos in einem apo
kryphen Simone Memmi aufgegangen, aus welchen ihn erst in
neuerer Zeit die Morellische kritische Schule — nach Aus
schaltung eines mittelmässigen Schülers, Lippo Memmi — her
vorgeschält hat. Seine „Verkündigung“ ist eins der kostbarsten
und lieblichsten Bilder in den Uffizien; Galerie und Seminar
von Pisa enthalten eine Anzahl kleiner Heiligenpaneele von
unbeschreiblicher Zartheit und Farbenreiz; und auf der Wand
des Sitzungssaales zu Siena ist ein zerstörtes Fresko, die thro
nende Maria mit Engeln und Heiligen, welches mit dem Licht
und mit der eigenen Fassungskraft zu kommen und zu schwin
den scheint, eine ungewisse, quälende Vision himmlischer
Pracht. Aber die herrlichsten Werke dieses wunderbaren Mei
sters sind in Assisi; und nicht des historischen Interesses, son
dern des künstlerischen und poetischen Genusses wegen sind
sie es — zusammen mit der Erinnerung an St. Franziskus und
der Wirklichkeit jener Ruinen von rosig-bröckelndem Gestein
— um derentwillen wir nach Assisi gehen sollten. □
Die fremdartige tiefere Kirche des Heiligen brütet ja mit ihrem
abgestumpften Bogen über einigen der denkwürdigsten Werke
der gesamten Kunst: die Fresken Giottos und seiner Schüler,
die ganze Prophezeiung, die ganze Verheissung der Renaissance.
Aber in den Werken Simon Martinis — in der Kapelle, die
mit den Legenden vom heiligen Martin ausgemalt ist, in dem
Heiligenfries um den Hochaltar — ist keine Verkündigung, ist
kein Versprechen; nur vollkommene Erfüllung. Diese Kunst
ist, wie wir sie auch beschreiben mögen, ein Gemisch von ver
späteter antiker Verfeinerung, einer Lieblichkeit, die, im spitz
findigen, hierarchischen Konstantinopel verdünnt, die Pracht
des Ostens — durch persische Schmelzarbeit und syrische
Damaszenierung überliefert — in sich aufgenommen hatte;
tote und ungleiche Elemente, nun aber belebt und verschmolzen
in der Flamme des ritterlichen Westens. □
Ist diese Kunst ein Ausdruck persönlichen Genies oder ein
glücklicher, historischer Zufall ? Sei dem wie ihm sei, mir
scheint, dass die Kunst des Simon Martini — ebenso gleich
gültig gegen Perspektive und Anatomie als unbekümmert um
dramatischen Ausdruck — von der Art ist, die man vollendet,
ENDGÜLTIG nennen muss. Sie entspricht, wenn auch später
entstanden, der aristokratischen, künstlichen Poesie, der spitz
findigen Liebesmetaphysik des frühen Mittelalters, den
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