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Full text: Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 2. Jahrgang 1905/06

Franziskus, die mehr romantischen Geschichten im „Decameron“ 
und, vielleicht das Köstlichste von allen, „Aucassin et Nicolette“ 
beschert. □ 
Ein besonders bezeichnender Zug dieser mittelalterlichen Kunst 
ist, dass sie keine Jahreszeit kennt ausser dem Frühlingf. Und 
dies ist vielleicht der Grund, dass mich Siena dieses Mal als so 
besonders mittelalterlich frappierte; ich war noch nie zuvor im 
April dort gewesen. □ 
Der Schimmer des jungen Korns, die Zartheit der ersten 
Blättchen, die Obstblüten überall auf den Abhängen zwischen 
Stadtmauern und Türmen liessen mich der zierlichen und 
zierenden Anmut dieser besonderen Gattung besonders bewusst 
werden und zum ersten Male den ganz besonderen Reiz der 
lokalen Sienesischen Malerei voll erkennen. Denn ich gestehe, 
dass gerade der Umstand, der neuere Kritiker so streng über 
die Schule von Siena urteilen lässt, nämlich dass sie niemals 
Zu etwas geführt hat, mich besonders erfreut. □ 
Gewiss war es begrenzt von den Sienesern, dass sie darauf be 
standen, durch die Renaissancezeit hindurch mediäval zu bleiben, 
dass sie dabei beharrten, entzückende Madonnen und innige 
Heilige in wunderbar gestickten Gewändern auf wunderbaren, 
goldgemusterten Hintergründen zu verfertigen, ähnlich denen, 
die Mechthild von Magdeburg in ihren Visionen erblickte; 
dass sie keinen Finger hoben, um das Kommen Michelangelos 
und Leonardos, Tintorettos, Velasquez' und der königlichen 
Akademiker und Hors-Concours unserer Tage zu beschleunigen. 
Ohne Zweifel hätten sie sich ordentlich hinter Anatomie und 
Perspektive und Bewegung hermachen und den modernen Geist 
im allgemeinen studieren sollen, wie die Florentiner, keine vier 
zig Meilen von ihnen entfernt, auf der anderen Seite der Eichen 
wälder und Oliven- und Weinberge des Chianti es taten. Aber 
sie konnten es nicht — oder sie wollten es nicht; und mich 
freut es, dass sie’s nicht taten. In der Kunst, wie im Leben, 
ist Raum für viele Dinge; und neben dem Fortschritt, der 
manchmal gewisse eckige und unliebenswürdige Eigenschaften 
und fast immer eine mauerbrechende Hartköpfigkeit voraus 
setzt, gibt es die Ruhe: der Zauber des Binnenwassers. Diese 
armen Sieneser, welche, wie ihre eigene Stadt, mittelalterlich 
blieben, als das Mittelalter schon überall gründlich ausgespielt 
hatte, haben uns am Ende doch Bilder hinterlassen von ent 
zückendstem Farbenreiz der gestickten Mäntel und durch 
brochenen Heiligenscheine, Lieblichkeit und Reinheit der 
Madonnen und Engelsköpfe, sanften, ernsthaften Anachoreten; 
ein ummauerter Garten mittelalterlicher Einfalt und Anmut, 
mit Blumen, die sowohl Duft für den Geist, als Zauber für das 
Auge besitzen. □ 
Wir wollen jenen dankbar sein, die ihn unberührt zwischen den 
Wällen ihrer einsamen Hügelstadt bewahrten. Die Erde ist gross 
genug, um verschiedenen Menschen zu gestatten, auf verschie 
dene Weise das göttliche Spiel der Kunst zu spielen. Sollte 
unser Verständnis dafür nicht weit genug sein? □ 
Ja, ich schäme mich nicht, es zu gestehen: ich liebe Sano di 
Pietro und Andrea di Vanni, Giovanni die Paolo und Giro- 
lamo di Benvenuto (ihre nebelhaften Geschlechtsnamen sind 
ihre schlimmste Eigenschaft) nicht nur in ihren grossen Werken, 
die mich an Stellen aus Wolframs „Parsifal“ und an „Aucas 
sin et Nicolette“ und die „Fioretti di San Francesco“ erinnern, 
sondern auch in ihren kindischen Torheiten, die bisweilen wie 
Ammenverschen anmuten : wunderbare graue und blaue Felsen 
grotten mit kleinen Eremiten in gestreiften Wolldecken, die ihre 
spielerige Haushaltung besorgen, mit Spielzeugbrunnen und 
hölzernen Tierchen; oder Paradiesgärten, wo Engel und schöne 
Damen und junge Gecken mit Faltenröcken und Turbans, wo 
prächtige Magnificos und all die armen, ermordeten unschul 
digen Kindlein spazieren gehen zwischen faustgrossen Wald 
erdbeeren und baumhohen Lilien und Veilchen, in deren 
Kelchen sich Kaninchen verstecken. Das alles stimmt zu Siena, 
und ich bin froh, dass Siena dazu stimmt. □ 
Und so wäre ich bei Simon Martini angelangt; denn, wenn 
Siena nicht das gewesen wäre, was es war: unfähig, über das 
Mittelalter hinaus zu gelangen, so hätte es diesen Maler nicht 
hervorgebracht; und, wenn nicht Siena, dann kein anderer Ort 
der Welt. □ 
Simon Martinis Werke sind leider mehr, denn die Werke irgend 
eines anderen, verstreut und verdorben; sogar seine eigene 
Person ist, jahrhundertelang, hoffnungslos in einem apo 
kryphen Simone Memmi aufgegangen, aus welchen ihn erst in 
neuerer Zeit die Morellische kritische Schule — nach Aus 
schaltung eines mittelmässigen Schülers, Lippo Memmi — her 
vorgeschält hat. Seine „Verkündigung“ ist eins der kostbarsten 
und lieblichsten Bilder in den Uffizien; Galerie und Seminar 
von Pisa enthalten eine Anzahl kleiner Heiligenpaneele von 
unbeschreiblicher Zartheit und Farbenreiz; und auf der Wand 
des Sitzungssaales zu Siena ist ein zerstörtes Fresko, die thro 
nende Maria mit Engeln und Heiligen, welches mit dem Licht 
und mit der eigenen Fassungskraft zu kommen und zu schwin 
den scheint, eine ungewisse, quälende Vision himmlischer 
Pracht. Aber die herrlichsten Werke dieses wunderbaren Mei 
sters sind in Assisi; und nicht des historischen Interesses, son 
dern des künstlerischen und poetischen Genusses wegen sind 
sie es — zusammen mit der Erinnerung an St. Franziskus und 
der Wirklichkeit jener Ruinen von rosig-bröckelndem Gestein 
— um derentwillen wir nach Assisi gehen sollten. □ 
Die fremdartige tiefere Kirche des Heiligen brütet ja mit ihrem 
abgestumpften Bogen über einigen der denkwürdigsten Werke 
der gesamten Kunst: die Fresken Giottos und seiner Schüler, 
die ganze Prophezeiung, die ganze Verheissung der Renaissance. 
Aber in den Werken Simon Martinis — in der Kapelle, die 
mit den Legenden vom heiligen Martin ausgemalt ist, in dem 
Heiligenfries um den Hochaltar — ist keine Verkündigung, ist 
kein Versprechen; nur vollkommene Erfüllung. Diese Kunst 
ist, wie wir sie auch beschreiben mögen, ein Gemisch von ver 
späteter antiker Verfeinerung, einer Lieblichkeit, die, im spitz 
findigen, hierarchischen Konstantinopel verdünnt, die Pracht 
des Ostens — durch persische Schmelzarbeit und syrische 
Damaszenierung überliefert — in sich aufgenommen hatte; 
tote und ungleiche Elemente, nun aber belebt und verschmolzen 
in der Flamme des ritterlichen Westens. □ 
Ist diese Kunst ein Ausdruck persönlichen Genies oder ein 
glücklicher, historischer Zufall ? Sei dem wie ihm sei, mir 
scheint, dass die Kunst des Simon Martini — ebenso gleich 
gültig gegen Perspektive und Anatomie als unbekümmert um 
dramatischen Ausdruck — von der Art ist, die man vollendet, 
ENDGÜLTIG nennen muss. Sie entspricht, wenn auch später 
entstanden, der aristokratischen, künstlichen Poesie, der spitz 
findigen Liebesmetaphysik des frühen Mittelalters, den 
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