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Full text: Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 2. Jahrgang 1905/06

KUNSTSCHÄTZE AM RHEIN, MAIN U. NECKAR. 
KÖLN. 
ach. einer glücklichen Rheinfahrt wurden wir in Köln von 
Freunden und Bekannten, ja von Unbekannten mit dem 
frohen Grusse überrascht, dass jenes von Rubens für 
seinen Geburtsort gemalte, die Kreuzigung Petri vorstellende, 
der Kirche dieses Stadtpatrons gewidmete Bild von Paris zu 
rückgebracht werde und nächstens im Triumph zu seiner ehe 
maligen frommen Stelle wieder gelangen solle. Wir freuen uns, 
dass einer zahlreichen Bürgerschaft durch eine einfache grosse 
Handlung das herrliche Gefühl gegeben sei, nunmehr einem 
Fürsten anzugehören, der ihnen in so hohem Sinne Recht zu 
verschaffen und ein schmählich vermisstes Eigentum wieder zu 
erstatten kräftig genug wäre. Nun durfte man mit desto 
froherer Teilnahme Kunstliebhaber besuchen, die sich durch 
ihren wiedererscheinenden Heiligen doppelt getröstet und er 
quickt fühlten und den allgemeinen Gewinn als Unterpfand 
betrachteten, dass ihrer eigensten Neigung Sicherheit und 
Fordernis gelobt sei. □ 
Wenn nämlich im dreizehnten Jahrhundert die bildende Kunst 
am Niederrhein sich zu regen anfing, so schmückte sie vor 
züglich Kirchen, Klöster und öffentliche Gebäude an Mauern 
und Wänden, oft auch auf grossen Tafeln mit frommen und 
heiligen Gegenständen; die neuere Kunst verschaffte dagegen 
auch dem einzelnen Bürger kleinere Bilder, angemessen dem 
Innern der Wohnungen und häuslichen Gefühlen. Mit glän 
zender Sinnlichkeit behandelte sie natürliche, beliebte Gegen 
stände und jedermann konnte in seiner eigenen Wohnung an 
herrlichen Werken ein stilles Behagen empfinden. □ 
Solche kunstreiche Umgebungen gehörten nun zu den Bedürf 
nissen des Bemittelten, zum Anstande des Wohlhabenden. Ein 
heimische Künstler wurden beschäftigt. Ein lebhafter Handel 
mit Brabant und Holland brachte eine Unzahl solcher Kunst 
werke in Umtrieb. Liebhaberei und Gewinn waren zu ver 
binden und Gewinn belebte die Neigung. Handelsleute taten 
sich hervor, welche, in das ferne Ausland wirkend, Kunst und 
Künstler förderten. Unter solchen wird der Name Jabach mit 
Ehrfurcht genannt. Dieser vorzügliche Mann, umgeben von 
seiner wohlgebildeten und wohlhäbigen Familie, wird uns noch 
jetzt lebensgross durch ein Bild von Le Brun vor Augen ge 
stellt. Es ist vollkommen erhalten noch in Köln und verdient 
als eine der ersten Zierden einer bald zu hoffenden öffentlichen 
Anstalt eingeordnet zu werden. □ 
Nun müssen wir aber jener bedeutenden Richtung gedenken, 
welche die Kunstliebe in unseren Tagen genommen. Eine gegen 
das Ende des vergangenen Jahrhunderts vorbereitete, in dem 
gegenwärtigen aber sich mehr entwickelnde Leidenschaft zu den 
Resten der alten Kunst, wie sie sich nach und nach aus dem 
trüben Mittelalter hervortat, erhielt reichliche Nahrung, als Kirchen 
und Klöster aufgehoben wurden; heilige Gemälde und Gerät 
schaften. Nunmehr konnten die schätzbarsten Dinge, welche bisher 
der Gemeine gehörten, in den Besitz des Privatmannes übergehen. 
Mehrere Personen in Köln fühlten sich daher veranlasst, der 
gleichen zu retten und zusammenzuhalten. Die Herren Boisserée 
Gebrüder und Bertram stellten mit Neigung, Kenntnis, Aus 
dauer, Aufwand und Glück eine Reihe solcher Bilder als 
unterrichtenden Kunstschatz zusammen, welcher, gegenwärtig in 
Heidelberg befindlich, in Köln ungern vermisst wird. Hier am 
Ort jedoch besitzen die Herren Walraff, Lieversberg, Fochem 
nebst anderen Personen höchst schätzbare Werte dieser Art. 
Da nun aber fast alle solchen Gemälde von Rauch und Staub 
mussten behutsam gereinigt, schadhafte Stellen sorgfältig aus 
gebessert und der Goldgrund vorsichtig hergestellt werden, so 
bildeten sich Restauratoren, unentbehrliche Personen für jenen 
Ort, wo sich ein lebhafter Kunstverkehr entwickelt. Ein herr 
liches Dokument solcher Bemühungen, wo Liebhaber und 
Künstler patriotisch kunstverständig zusammengewirkt, ist das 
grosse, aus der Ratskapelle in den Dom versetzte Altarbild. 
Die mittlere Tafel stellt die Anbetung der heiligen Drei Könige 
vor, die Seitentafeln zeigen die übrigen Schutzpatrone der 
Stadt, ritterlich und jungfräulich, kühn und bescheiden, fromm 
alle miteinander. Der Künstler lebte zu Anfang des fünfzehnten 
Jahrhunderts. D 
Alle jene, dem Gottesdienst gewidmeten Vorstellungen und 
Zierden aber, welche durch die unruhige, zerstückelnde Zeit 
von ihren geweihten Plätzen entfernt wurden, schienen in 
Privathäusern nicht ganz an der Stelle; daher der heitere, er 
finderische Geist der Besitzer und Künstler an schickliche Um 
gebung dachte, um dem Geschmack zu erstatten, was der 
Frömmigkeit entriss. Man ersann scheinbare Hauskapellen, um 
Kirchenbilder und Gerätschaften in altem Zusammenhang und 
Würde zu bewähren. Man ahmte die bunten Glasscheiben auf 
Leinwand täuschend nach; man wusste an den Wänden teils 
perspektivische, teils halberhobene klösterliche Gegenstände als 
wirklich abzubilden. □ 
Diese anmutige Dekorierkunst blieb jedoch nicht lange im 
Düstern, der muntere Geist der Einwohner führte sie alsbald 
ins freie Tageslicht, wo denn der Künstler auch solchen For 
derungen genug zu tun verstand, indem er den Hintergrund 
enger, an den Seiten mit Pflanzen und Blumen besetzter Höfe 
durch wohlgeratene perspektivische Gemälde ins Unendliche zu 
erweitern glücklich unternahm. Alles dieses und so manches 
andere, welches auf den Fremden höchst angenehm neu und 
bedeutend wirkt, zeugt von einer frohen, frommen, Genuss und 
Erhebung verlangenden Sinnlichkeit, die, wenn sie zu Zeiten 
des Drucks und der Not sich so tätig und heiter bewies, in 
Zeiten der Sicherheit und Ruhe bei zunehmendem Wohlhaben 
neu ermuntert gar bald hervortreten wird. □ 
Betrachtet man also das viele in Köln Verbliebene, Erhaltene, 
Neubelebte mit Aufmerksamkeit, so wird man gewahr, wie 
leicht eine Regierung hier einwirken kann, wenn die Oberen 
und Vorgesetzten zuerst dasjenige freundlich anerkennen, was 
von Einzelnen aus freier Neigung und Liebhaberei bisher ge 
schah, und einen solchen frohen Willen auf alle Weise be 
günstigen. Hiedurch wird den Obgenannten als Kennern und 
Liebhabern nichts unbekannt bleiben, was am Ort von Kunst 
werken befindlich ist, was zu- und abgeht oder den Besitzer 
verändert. Zugleich werden sie, die Tätigkeit des Einzelnen 
fördernd, auf den Fall merken, wo lebenslängliche Bemühung 
eines Privatmannes dem Gemeinwesen auf einmal zugute 
kommt; denn es geschieht nicht selten, dass eine Sammlung 
dem Liebhaber, der sich auf mancherlei Weise beengt fühlt, 
zur Last wird. Mangel an Raum, Wechsel der Wohnung, ver 
ändertes oder abgestumpftes Interesse vermindern oft den Kunst 
wert in den Augen des Besitzers; und hier ist es, wo die
	        
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