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Full text: Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 2. Jahrgang 1905/06

Daraus kann man die Bedeutung Olbrichs für Deutschland 
erklären. r ■ 
Die Erde kann jederzeit Hölle sein oder Paradies. Zu schwer 
lastet seelenlose Nüchternheit auf dem Alltag; allzu dringend 
bedarf es der Kraft des Genius, Festlichkeit und Weihe hervor 
zubringen und die Welt von der Unerquicklichkeit der Ver 
allgemeinerungen zu befreien. Die Erlösung muss von der 
Architektur kommen, wenn sie dauernd und weithin sichtbar 
wirken will. Auf den Ausstellungen ist zu sehen, wie die 
Malerei, unfähig, die Kultur zu erneuern, immer mehr in den 
Hintergrund tritt. 
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Inwieweit sich Staat, Städte und Gesellschaft ihrer Aufgabe den 
künstlerisch produktiven Kräften gegenüber bewusst sind, kann 
man in der Dresdner Ausstellung erkennen. Sie ist eine monu 
mentale Kundgebung, an der das ganze Reich beteiligt ist. 
Ein grosser Teil der Werke ist von vornherein bestimmt, in 
praktische Verwendung überzugehen und im Leben weiter zu 
wirken. Die Ausstellung ist nach grossen Gesichtspunkten an 
gelegt; sie stellt Aufgaben, an deren Lösung die Nation beteiligt 
ist. Das Schulwesen, die Wohnungsfürsorge, der Hausbau für 
ländliche Arbeiter sind hier zum Teil in mustergültiger Weise 
vorgebildet und es bedarf nur des teilnehmenden Interesses der 
Bevölkerungskreise und ihrer Machtfaktoren, daran es augen 
scheinlich nicht fehlt, um das Bild der äusseren Kultur gründ 
lich zu reformieren. Ein künstlerisch sozialpolitisches Programm 
findet hier eine ziemlich umfassende Formulierung im Anhang 
an den befruchtenden Ideenstrom, der aus England herüber 
geleitet wurde. Vor mehr als 25 Jahren hat England bereits 
die ausgezeichneten Grundsätze gefunden, die bei der Erhaltung 
heimatlicher Schönheiten leitend sind, und Hand in Hand mit 
den sachgerecht betriebenen Angelegenheiten eines technisch 
ausgebildeten Heimatschutzes die künstlerischen Probleme des 
Neuschaffens gelöst, ohne der Gefahr einer neuen Stilmeierei 
zu erliegen. Deutschland hat in den ländlichen Baufragen einen 
ähnlichen Weg eingeschlagen, und die Modelle der Ausstellung 
sind mehr als ein guter Anfang. Es ist zwar denkbar und 
höchst wahrscheinlich, dass die Haus- und Wohnungsgestaltung 
des modernen Industriearbeiters noch wesentlich andere Formen 
annehmen werden, weil ein gewisser ausschlaggebender Teil 
der Arbeiterschaft sich nicht auf den Lebenszuschnitt des ihm 
gänzlich wesensfremden bäuerlichen Typus zurückschrauben 
lässt und ganz selbständige Voraussetzungen für die ästhetisch 
befriedigende Neubildung seines Wohnwesens mitbringt. Aber 
für den sehr erheblichen Teil des ländlichen Arbeiterkreises 
sind die gegebenen Vorbilder vorzüglich, sowohl was die innere 
Durchbildung, als auch den äusseren Anschluss an landschaft 
liche Überlieferung betrifft. Den Schund der Möbelbazare, der 
in Bürgerwohnungen paradiert, zu verdrängen und durch solides, 
billiges Mobilar zu ersetzen, ist eine wichtige Kulturaufgabe, 
die von der Dresdner Werkstätte (K. Schmidt) sehr erfolgreich 
unternommen wird. Das Maschinenmöbel wird die Aufgabe 
erfüllen. Aber das Ziel geht weiter. Wäre doch schon die Welt 
mit dem ästhetisch befriedigenden Hausrat maschineller Her 
stellung versorgt; fänden wir doch schon in allen Häusern 
dieses anständige Erzeugnis als Beweis für die vorgeschrittene 
Geschmacksbildung des Inwohners, die es erst möglich macht, 
dass sich Menschen wiederfinden und verstehen! Wie hoch 
würde dann das Gebilde edler künstlerischer Handarbeit im 
Werte steigen! Das ist das verheissungsvolle Ziel, dass wieder 
diese köstliche persönliche Handschöpfung im Gegensatz zum 
Maschinenerzeugnis als neuer Seelenwert Echo weckt. Aber 
vorderhand ist kein besseres Mittel, als die Maschine durch die 
Maschine zu bekämpfen und zu zeigen, dass im Grunde die 
Gesinnung entscheidet. Neben den typischen Kunsterscheinungen 
des Maschinenmöbels und des volkstümlichen Schaffens, nach 
Volksstamm und geschichtlicher Entwicklung unterschieden, samt 
neuen Versuchen der künstlerischen Weiterbildung als Heimatkunst, 
steht die Selbstherrlichkeit schöpferischer Naturen, die allerdings 
das köstlichste Gut der Volkswirtschaft bilden. Von einer 
Charakteristik der einzelnen Erscheinungen kann abgesehen 
werden, weil es von andern hinreichend geschehen ist. Nicht 
alles ist auf gleicher Höhe, natürlich, die Besten sind noch in 
voller Entwicklung, nicht Fertige, sondern Werdende. Es ist 
ein grosses Glück, dass noch so reiche Entfaltungen zu erwarten 
sind. Sie wirken fruchtbar und schöpferisch, indem sie ihre 
Kräfte entwickeln. i n 
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Nur fünf Stunden von Dresden entfernt, aber schon auf öster 
reichischem Boden, war abermals ein grosser Ausstellungsbezirk: 
Reichenberg. Mit ähnlichem Programm wie die Nürnberger. 
Aber ein Abstand! Hausmeistersezession und schlechte Export 
ware. Reichenberg selbst als Stadt trägt nicht das geringste 
Zeichen von dem neuen Geist, der sich in den Städten des 
Deutschen Reiches regt. Ich fand ein trostloses Bild. □ 
Eine blühende Landschaft, schmucke Gehöfte, kunstvoll zu 
nennen, was die alte Zimmermannskonstruktion und den origi 
nellen farbigen Schieferbehang der Wandflächen betrifft, und 
schliesslich die reiche, geldstolze Stadt, abscheuerregend in 
Schmutz und Hässlichkeit. Die Stadt als Kunstwerk ist ein 
Begriff, der den vergangenen Zeiten der Kultur angehört; die 
Vorstellungen, mit denen wir reisen, haben kein Bürgerrecht in 
solch einer „neu ausgebauten« Stadt. Zwar befinden sich hier 
noch einige matronenhafte Häuser aus der Barockzeit und die 
viel älteren Tuchmacherhäuser, weit vornübergeneigt und auf 
freies Gebälk gestützt, fast vermenschlicht und trotz der gren 
zenlosen Verwahrlosung vornehm wie die Physiognomie einer 
edleren Rasse. Drücken die gemeinen Züge, die nun vor 
herrschen, wirklich die Gesinnung des heutigen Stadtgeschlechtes 
aus? Das Architektur ideal dieser Kaufleute und Fabrikanten 
ist die schlechte Fabriksmarke des Zinskasernenstils der Wiener 
Grosstadt. Die Provinzstadt ist der kleine Gernegross, der es 
der grossen Schwester zuvortun möchte und mit tödlicher 
Sicherheit daneben tastet. Hier ist alles Import, von der billigen 
Bazarware bis zu den täuschenden Fassaden. Auch Kunstaus- 
steUungen und Sammlungen gibt es, aber die Kunst ist ein 
loses Glied in dem modernisierten Stadtgefüge. Keinesfalls die 
Grundlage, die die Lebenshaltung bestimmt. Das Kunstinteresse 
ist bestenfalls Heuchelei, so lange den Menschen das Leben in 
schmutzigen, verwahrlosten Wohnungen hinter unechten, abge 
bröckelten Palastarchitekturen genügt. Wenn dieses nicht in 
Ordnung ist, wird nichts in Ordnung sein. Das schlichte 
Bauernhaus kann kunstvoll sein, der protzige Aufwand der 
reichen Provinzstädter wird es schwerlich sein. L. 
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