OKTOBER.
VON GOLD UND SONNE.
Blauklare Herbst^ und Sonnenherrlichkeit! — Auf den Vor^
Stadthügeln, auf dem fernen großen Walde, in allen Gärten
und Fenstern, in allen Gassen und Plätzen, auf allen Brücken
und Stiegen, auf allen Erkern und Balkons, um alle Gitter
und Springbrunnen, Türme, Drähte und Viadukte! Goldenes
Zittern um die Stundenzahlen und Zeiger der Kirchenuhren,
sonniges Prangen und Lachen auf allen Konzertannoncen!
— Stadtbahnmaschinen atmen Silber und verlieren sich fern
ins Dunkelblau; Blumenauslagen leuchten und spielen in
jubelnden Farben; in jeden, noch so dunklen Lichthof taucht
die Sonnensäule hinein und vergessenste Fenster blitzen aus
irgend einer nebensächlichen Ecke wie verrückt.
Ich habe Vormittag ein Stündchen in der Schule zu tun
und Nachmittag. Dazwischen renne ich nun im Golde dahin
und trinke es — ein goldrauschiger Trunkenbold. Bald schau
ich einem schimmernden Kirchturmzeiger zu, glaube zu sehen,
wie er sich mühen muß, im richtigen Tempo vorzurücken,
weil ihn die Sonne so schwer belastet — lache über mensclv
liches Zeitmaß — bald steh’ ich auf einem Hügel und schau
nach dem großen Walde, bin drunten und droben, lieg’ im
Feldgras, steh’ im Zimmer vor meinem Böcklin, spiegle
mich im kristallnen Tintenzeug, sitz’ an einem Gartenzaun,
denk’ an meine Schüler: an den samtnen Walter mit der
großen Masche unterm Kinn, an den rothaarigen Stichelheim,
an den immer zitternden, schielenden Sperber mit den kind^
liehen Verlegenheitsgebärden, an den Riesen Sonnlöffler mit
der blonden Mähne, an den kranken Tiefling mit den dicken
Augengläsern und der windschiefen Nase, an das Weim
bauernbürschchen Rosner, an den Wiener Spitzbuben Pick'
maier, an den zarten, zum Zerblasen zarten, bleichen Spinnweber,
denk’ an die beiden Geheimnisvollen im Hintergründe,
die immer so nahe beieinander sitzen, als müßte der breit'
schultrige Lauterer mit dem sonngebräunten schmalen, grad'
linigen Gesicht, mit den herben, ernsten, schon fast männ'
liehen Zügen, den feinen Edlen von Aspenang beschützen,
der so ganz das Antlitz eines schönen Mädchens hat, mit
blondlockigem Haar, dunkelbraunen, sehnsüchtigen Augen
und feiner, schmaler Griechennase, denk’ auch an den Tiroler
Tannberger mit dem schwarzen Italienerhaar und den deut'
sehen Blauaugen — — — — alle, alle kenne ich nun schon
den Namen nach und lese in ihren Gesichtern; denn es steht
viel in den Gesichtern der Kinder geschrieben von dem Kraft'
besitztum, welches ihre Ahnen ihnen vererbt haben in den
Herzmuskel und ins Gehirn hinein. Und ich las in aller
Heimlichkeit schon manche freudige Geschichte. —
Ach, Erde, Erde sind sie alle, sprossende, glühende, blühende
Scholle, Erde wie ich, Erde wie der Riesenturm dort im
blauen Dunst, wie diese morsche Zaunlatte hier, Erde wie
drüben am Straßenrand die blauen Skabiosen, Erde, wach'
geküßt durchs Licht, daseinsdürstig, von der Natur gezwungen,
den Traum ihrer Ahnen weiterzuträumen, die Träume ihrer
eigenen Enkel begründen zu helfen. Sonnenlicht, Welt'
Schönheit, Gottesreinheit, ich will ein Lenker sein dieser
jungen Träume, da mich die Natur in dieselben hinein'
geworfen. Hinauf zu dir, sonnenwärts sollen sie träumen
lernen und träumend sollen sie des Gipfelweges so kundig
werden, daß ihre Enkel einst ihn nimmermehr verfehlen
können. — SO will ich Lehrer sein. — Und ich spüre meine
Freude aufperlen wie aus tiefem Meeresschoße an die Ober'
fläche und ich schaue ringsum und finde mich in der Herz'
kammer Gottes, aus der alle Welten aufperlen wie ich;
Klopfen, Pulsieren, Wogenschlag der Ewigkeit. Alle Worte,
alle Namen, die ich einst gewußt, fühl ich jetzt zergehn;
zwei nur halten sich länger, die Wörtchen „Anfang“ und
„Ende“; da kommt eine Goldwelle sachte heran, leuchtend,
lächelnd und schlürft sie auch hinweg.
Was ich Nachmittag in der Schule meinen Kindern vor'
schwätze — ich weiß es gar nicht. Was ich von Erhaltung
des Stoffes und der Kraft weiß, flutet mir wie ein Spring'
brunnen in klaren Goldworten aus der Seele — und ich seh’
nur so verschwommen im Taumel, wie sie alle auffangen
und durch die funkelnden Augen hineintrinken — kleinlichste
Dinge aus dem Alltagsleben werden zu Bilderchen mit Gold'
konturen und sind voll Ewigkeit: wie die Sonne sich in
Wein verwandelt, wie die Sonne den \^ald aus der Erde
kitzelt, wie unser ganzes Sein aus der Sonnenheimat stammt
und ins ewige Urlicht zurückstrebt. — — — — — — —
Samstag ist der erste jener geplanten freien Monatsaufsätze.
Ach was! — ich lasse sie ganz frei. — Irgend etwas von Gold
sollen sie schreiben, vom Gold, daß sie zuletzt gesehn, vom
Goldgegenstand, der ihnen am besten gefällt, meinethalben
auch nur von Dukaten. Oder — haben sie nichts von Gold zu
eigen und haben sie nicht einmal noch ein Goldding gesehn,
so mögen sie nach eigenstem Schöpferbelieben irgend etwas
in Gold verwandeln.
OKTOBER. WALTER WOLFGANG.
Als ich heuer bei meiner Großmutter auf dem Lande war,
da sah ich allerlei aus Gold. Zuerst fand ich Gold in dem
Märchen vom Rumpelstilzchen, welches ich am Saume des
Waldes las, wo man auf das ganze Dörfchen hinabsieht. Da
sah ich auch das Fenster des Bezirksgerichts mit dem Gitter,
welches ganz so aussah, als ob es zu jener Kammer gehören
würde, in welcher das arme Mädchen ihren Flachs über Nacht
zu Gold spinnen müßte. Auch die Luft auf dem Märchen'
buch war wie grünliches Gold, weil der Tannenwald und die
Sonne sich vermengten. Zweitens war im Dorfe der Groß'
mutter auch einmal ein Fest und da kam ein Mädchen nach
dem Mittagessen und bat um die Goldspitzhaube. Die Groß'
mutter sperrte im blauen Zimmer den Glaskasten auf und
nahm die Goldspitzhaube heraus. Nach der Jause, als ich
mit der Großmutter zum Feste ging, sah ich das Mädchen mit
der Goldspitzhaube und es tat groß damit, wiewohl dieselbe
nicht ihr gehörte. Drittens war auch das Blashorn unseres
Postkutschers von Gold und ich hörte ihn fast alle Tage in
der Frühe blasen, bevor noch die Gebetglocke läutete. Oft
hüpfte ich aus dem Bette und machte die Fensterladen auf
und sah die goldne Trompete glitzern. Am Ende hat mich
diese Postkutsche zur Bahnstation geführt, wobei der Kutscher
ebenso blies, wie ich es jeden Tag gehört hatte. Als ich
sodann im Eisenbahnzug durch die Felder davonfuhr, welche
mit rotem Klee bewachsen waren, stand ich lange am Fenster
und sah in der Sonne das goldene Horn an der schwarzen
Postkutsche hängen und über den roten Klee zurückfahren
in den Wald, woran das Dorf meiner Großmutter lag und
welcher jetzt aus der Ferne ganz dunkelblau aussah. Ich
mußte weinen. Und als ich im Koffer nachsah, bemerkte
ich, daß ich mein liebes Märchenbuch im Dorf der Groß'
mutter vergessen hatte.
OKTOBER. BRUNSHUBER JOHANN.
Hochgeehrter Herr Professor! — Da ich nicht weiß, was ich
mir am liebsten denken will, so denke ich mir das letzte
Lesestück ganz von Gold, die Pyramiden und alle Häuser in
der Stadt Memphis, sowie auch den Palmenwald und die