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Full text: Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 2. Jahrgang 1905/06

DSCHIU.DSCHITSU 
DIE QUELLE JAPANISCHER KRAFT.* 
ie edle Kunst der Selbstverteidigung, wie sie bei den 
Japanern geübt wird als System der Körperstählung, 
wird DschiU'Dschitsu genannt, „Siegen durch Nach 
geben“, wie Lafcadio Hearn, der Deuter und Schilderer 
japanischen Wesens, das Wort erklärt. 
Ursprünglich von einer besonderen Kriegerkaste in Japan 
gepflegt, heute dort allgemein gelehrt und geübt, hat Dschiu- 
Dschitsu auch in anderen Ländern, namentlich Amerika 
und England Anerkennung und Eingang gefunden. Die 
deutsche Buchausgabe findet daher auch bei uns verdiente 
Aufnahme. 
Dschiu-Dschitsu nimmt den athletischen und gymnastischen 
Betätigungen des Abendlandes gegenüber eine völlige Sonder 
stellung ein. Weder dem Ringen noch dem Boxen, dem 
Fechten oder Turnen gleich, hat es von jedem etwas. Im 
Enderfolg aber ist es allen diesen Leibeskünsten überlegen: 
es bildet alle Körperteile gleichmäßig aus; es entwickelt 
nicht nur rohe physische Kraft, sondern ebenso, wo nicht 
mehr, Gewandtheit und Gelenkigkeit; es erzieht im höchsten 
Grade zur Geistesgegenwart und zur Fähigkeit, alle Schwächen 
des Gegners auszunutzen, ja, ihn geradezu vermittels seiner 
eigenen Kraft zu besiegen; es lehrt schließlich eine Reihe 
der überraschendsten und wirkungsvollsten, sonst nirgends 
zu findenden Kampfmittel und Kunstgriffe. Eigen ist über 
dies dem Dschiu-Dschitsu der hohe Grad von Selbstbeherr 
schung, den es von seinem Anhänger heischt und den es 
ihm immer mehr anerzieht, sowie die den höchsten hygie 
nischen Anforderungen entsprechende Lebensweise, die es 
vorschreibt. 
Dem geschulten Boxer wird es schwer eingehen, daß seine 
mühsam erworbene Kunst dem Dschiu-Dschitsu gegenüber 
nichts vermögen soll. Aber je eher er diese Tatsache an 
erkennt, um so seltener werden wir Gelegenheit haben, in 
den Zeitungen von Niederlagen zu lesen, die ein englischer 
oder amerikanischer Boxer einem kleinen Japaner gegenüber 
erlitten hat. 
Noch im letzten Herbst konnte man auf der Arena der 
ersten amerikanischen (der Harvard-) Universität das Schau 
spiel genießen, den stärksten Studenten dieser Hochschule 
mit einem zwerghaften Japaner sich im Kampfe messen zu 
sehen. Tyng brachte seinen besten Fußballstoß an und warf 
den Gegner, vermochte ihn dann aber in keiner Weise zu 
fassen und als sie ihre Kunst im Entwinden und Ausweichen 
eine Weile gezeigt hatten, packte der Japaner auf einmal 
den Amerikaner mit blitzschnellem Griff und streckte ihn 
kunstgerecht zu Boden. 
Nicht selten berichten auch amerikanische Blätter von Fällen, 
wo ein Polizist von einem Japaner, den er verhaften wollte, 
überwältigt wurde und der Fremde erst, nachdem dem Mann 
der Gerechtigkeit verschiedene Kollegen zu Hilfe gekommen 
waren, dingfest gemacht werden konnte. 
Anderseits verlautet öfters aus japanischen Häfen, daß dort 
ein einzelner eingeborener Hüter des Gesetzes nicht weniger als 
drei oder vier unruhige Matrosen nach vergeblicher Gegen 
wehr festgenommen habe. Schon die ersten amerikanischen 
Matrosen, die nach Abschluß des japanisch-amerikanischen 
Vertrages (durch Admiral Perry) wieder heimkehrten, erzähl 
ten die wunderbarsten Geschichten. Sie hatten, wie das ja bei 
Matrosen nichts Ungewöhnliches ist, am Lande Händel be- 
* DSCHIU-DSCHITSU, die Quelle japanischer Kraft, methodische Körper 
stählung und athletische Kunstgriffe der Japaner von H. Irving Hancock. 
Verlag von Julius Hoffmann, Stuttgart. Brosch. 5 M., geh. 6 M. 
Der Arm eines ausgebildeten Dschiu-Dschitsu-Schülers. 
Die Japaner fragen nicht viel nach Muskelwülsten am Oberarm; der 
kleine Wulst gerade ober der Ellenbogenbeuge gilt ihnen am meisten. 
Obige Abbildung zeigt ein prächtiges Muster eines Armes, wie ihn 
die DschiU'DschitsU'Übungen erzeugen. Der Mann ist 155 cm hoch 
und wiegt etwa 110 Pfund. 
kommen und sich mit den Eingebornen geboxt. Zu Hause 
berichteten sie dann, das Land da drüben sei von Teufeln 
bevölkert, denen die besten Hiebe nichts anhaben könnten; 
und diese japanischen Teufelskerle waren nicht nur hiebfest, 
sondern nahmen einfach einen Amerikaner nach dem andern 
beim Kragen und warfen ihn ins Meer. 
Neuerdings haben sich wiederholt Kenner des Dschiu-Dschitsu 
in Amerika mit dortigen Boxern gemessen und auf Grund 
der Resultate dieser Kämpfe hat man die Überlegenheit der 
japanischen Athleten allgemein anerkannt. 
Selten gebraucht der Japaner die geballte Faust; das gilt nicht 
als kunstgerecht. Schon seit Jahrhunderten haben die Samurai 
erkannt, daß man mit der Kante der Hand nicht nur einen 
Schlag besser abzuwehren vermag, sondern daß auch ein 
Hieb mit ihr die Muskeln und Knochen des Gegners in einen 
schmerzhaften Zustand versetzt. 
Sehr oft läßt der Boxer seine rechte Hand der linken so schnell 
folgen, daß die beiden Fäuste scheinbar in gleicher Zeit in 
Aktion treten. Aber für diesen Fall ist der japanische Kampf 
künstler gewappnet. Seine beiden Arme fliegen, wie wir auf 
Bild 3 sehen, den Armen des Boxers entgegen und dieser 
letztere ist, von den schnellen Gegenschlägen verwirrt, seiner 
seits in Verlegenheit, wie er den Kampf erfolgreich fortsetzen 
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