MAK

Full text: Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 2. Jahrgang 1905/06

daß in den meisten Fällen eine maschinenmäßige Nach' 
ahmung und geistlose Anwendung einstiger wertbarer Hand' 
arbeit vorliegt. So wie das Wesen der Kunst verkannt wird, 
so wird das Wesen der Arbeit, ihr Verhältnis zum Material 
und zur menschlichen Kultur verkannt. Scheinkunst dagegen, 
ihre geistlose Wiederholung und formlose Anwendung ist 
populär, weil sich die Durchschnittsbildung, an Wieder' 
holung gewöhnt, dabei was denken kann, d. h. etwas Litera' 
risches oder Geschichtliches oder eine Phrase von „Stilart“. 
Jeder wohlgeschulte, nicht verrohte und nicht durch Halb' 
wissenschaftelei verbildete Arbeiter, vor allem der bessere 
Kunsthandwerker, steht dem Wesen der Kunst, soweit es 
eine menschliche Beziehung in irgend einem Material zweck' 
und sachgerecht verkörpert, vermöge des gleichgearteten oder 
verwandten Wesens jeglicher formalen Arbeit von Natur aus 
näher als der große Durchschnitt gelehrtenhaft oder literarisch 
Gebildeter oder Halbgebildeter, die sich heute als die Kultur' 
träger wähnen. Ihr Wissen überwiegt bei weitem ihre leben' 
dige Anschauung. Ja, die Fähigkeit der Anschauung ist 
meistens in dem Ballast des toten Wissens erstickt, zum 
Schaden des gesamten heutigen Kulturbildes. Ein großer 
Teil unserer heutigen Kulturschäden oder, besser gesagt, 
unserer Unkultur ist auf die Verkümmerung dieser Fähig' 
keit zurückzuführen, mit der Sehen und Fühlen, künstlerisch 
und menschlich betrachtet, so ziemlich verdorben ist. Der 
Deutsche, auf den in allen Lebensäußerungen schroff und 
erkältend hervortretenden Mangel der Kultur aufmerksam 
gemacht, wird sich in der Regel auf die Geistesbildung, die 
Kultur des Denkens berufen. Er wird es immer übersehen, 
daß dieser Kultur des Denkens keine Erfüllung in der 
Wirklichkeit entspricht. Seine Kultur des Denkens bleibt 
Phrase. Das verschuldet sicherlich die heutige Schule, zum 
erheblichen Teil wenigstens. Sie entwickelt nicht Fähigkeiten, 
sondern sie häuft Wissensstoff auf. Sie gibt mit ihren Zeug' 
nissen den Anspruch auf die leitenden oder einflußreichen 
Lebensstellungen nicht den schöpferischen Naturen, den 
Talenten, sondern jenen, die sich das vorgeschriebene Wissen 
angelernt haben, eine Sache, für die zwar Fleiß, aber keines' 
wegs unbedingt Talent gehört. Im Gegenteil, die Erfahrung 
lehrt, daß die ursprünglichen Begabungen in der Schule 
scheitern, und das brave, ausdauernde Untalent mit Vorzug 
besteht. Wenn schon in der Schule die Talente nicht ent' 
wickelt, sondern unter dem toten Wissenskram eher erstickt 
worden sind, in der Praxis sonach werden sie sich juxh 
weniger entwickeln, namentlich dann nicht, wenn sie über' 
haupt nie vorhanden waren oder vielleicht eine ganz andere 
Betätigungsart verlangt hätten. 
Die Praxis bedeutet für diesen braven Bildungsdurchschnitt 
die Anwendung und Wiederholung des in der Schule Geiern' 
ten, und so dürfte man sich eigentlich nicht mehr wundern, 
im Leben und in den Anschauungen der gebildeten Welt 
soviel Unfreiheit, Verknöcherung, Vorurteile und Schablone 
zu finden. Diese Braven sind es, die über das Wesen der 
Handarbeit gewöhnlich sehr niedrige Begriffe haben und in 
der Kunst alles, was in ihrem mageren Wissen schon a s 
bekannt gegeben und dort zu ihrem Tröste wiederholt ist, 
als „dekadent“ oder unsittlich in Verruf bringen. Auch die 
Freiesten unter ihnen werden, wenn es heißt die Augen zu 
gebrauchen, ihre Zuflucht zu ein paar Phrasen ihrer geistigen 
„Kultur“ nehmen und anstatt zu sehen, reden. »Eben wo 
die Begriffe fehlen...“ Es ist nicht ganz ihre Schuld; sie 
haben eben nie gelernt, die Augen zu gebrauchen. ie 
Schule hat es an ihnen verabsäumt, sie ist ihnen viel schuldig 
geblieben, wovon ein späteres Kapitel handeln wird. Immer 
wieder fällt mir die Begegnung bei Tisch mit einem so c er' 
art gebildeten Manne, einem Advokaten, ein, der in einer 
ethischen Gesellschaft einen großen Vortrag über Ethik ge' 
halten hatte. Er aß wie ein Schwein und war, wie aus seinen 
Gesprächen hervorging, im Leben ein schnöder Filz. Was 
für einen Wert konnte die Ethik haben, die er den Leuten 
vorgetragen und die ihm selbst für sein eigenes Leben so 
wenig Nutzen gebracht hatte? Die Kultur des Denkens ohne 
sichtbare Erfüllung oder Anwendung, ein bloßer Dunst, Worte 
und Hirngespinst. 
Das Wissen, das gelehrte und das literarische, soll damit 
nicht unterschätzt werden. Es ist wichtig und Bestandteil der 
Bildung, aber das Wissen allein ist noch nicht alle Bildung. 
Der heutige Begriff von allgemeiner Bildung bedarf einer 
gründlichen Modifikation. Das Wissen, soweit es angelernt 
ist, berechtigt zu keinem Vorzug oder besonderem Anspruch 
im Leben; das Wissen, ist bloße Selbstverständlichkeit, eine 
Voraussetzung, der jeder zu seinem eigenen Besten zu 
genügen hat, die aber als kein Verdienst, sondern als eine 
Pflicht aufzufassen ist. Wenn sich nun gar das angelernte 
Wissen, die Vielleserei und Vielwisserei zum Ding an sich 
erhebt, zu einer „Kultur des Denkens“, die von der Wirk' 
lichkeit ausschaltet und Voreingenommenheit züchtet, dann 
ist die Sache schier bedenklich. Alle wollen in Goethe 
leben, die wenigsten tun es. Alle glauben, das WISSEN um 
Goethe, das Wissen um die Dinge tut es; die wenigsten ver' 
stehen die Anwendung. Goethes Beispiel ist ein fortwährendes 
Anwenden, er bezeichnet in der deutschen Entwicklung einen 
Höhepunkt der Kultur. Was ist geistige Kultur, wenn sie 
nicht im Leben fruchtbar wird? Wenn man sagen hört, daß 
sich um diese oder jene kleine Schreiberstelle vierzig Doktoren 
und ungezählte Hunderte von sonstigen studierten Menschen 
beworben haben (vielleicht sind es Tausende), oder daß in 
Amerika eingewanderte Advokaten als Stiefelputzer oder 
Schankknechte ihr Brot verdienen müßten, so sagen die Leute, 
daß es ungesunde Zustände sind. Ich glaube vielmehr, daß 
diese Zeichen der Zeit einen Umschwung bedeuten, eine 
Änderung der sozialen Struktur, die man genau untersuchen 
muß. Die Welt will sich von einer veralteten Wahrheit er' 
holen, die überlebt und einseitig, als Vorurteil verworfen wird. 
Alle überlebten Wahrheiten, die nicht mehr ganz zutreffen, 
sind Vorurteile, die wie eine verdorrte Hülle abfallen, wenn 
die neue Wahrheit geboren ist. Im ganzen XIX. Jahrhundert, 
dem eigentlichen Jahrhundert der Gelehrsamkeit, stand der 
Satz als unerschütterliche Lebenswahrheit fest: WISSEN IST 
MACHT. 
Der ungeheure Jammer des Bildungsproletariats zeigt mit 
erschreckender Deutlichkeit die Unzulänglichkeit dieses einst 
sieghaften Wahrspruches. Wissen ist längst keine Macht 
mehr, es ist das bloß unbedingt Notwendige, das rein Selbst' 
verständliche, ein unerläßliches Gemeingut, in jedermanns 
Bereich wie Luft und Wasser, dem Durstigen mit um 
beschränktem Reichtum zu Gebote, als eine alltägliche Voraus' 
Setzung, auf die allein keine Machtansprüche, keine Vorrechte 
geltend gemacht werden können. Das Leben hat eine andere 
Wahrheit als Königin auf den Thron erhoben, die nach einer 
anderen Formel regiert: KÖNNEN IST MACHT. 
Aber die entthronte Wahrheit führt ein ketzerisches Regiment 
als Vorurteil weiter, dem der blinde Haufe anhängt. Mit Ent' 
rüstung pflegen die meisten Eltern, auch der ärmsten Klassen, 
die Zumutung zurückzuweisen, die Kinder einem anderen als 
einem halbgelehrten Bildungsziel zuzuführen, dessen Schwer' 
punkt im dürftigen Wissen liegt, weitab von dem praktischen 
Können, gar nicht zu reden von einer handwerklichen Be' 
schäftigung, die in den meisten Fällen als eine Art Er' 
niedrigung empfunden wird. (Fortsetzung folgt.) 
51
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.