daß in den meisten Fällen eine maschinenmäßige Nach'
ahmung und geistlose Anwendung einstiger wertbarer Hand'
arbeit vorliegt. So wie das Wesen der Kunst verkannt wird,
so wird das Wesen der Arbeit, ihr Verhältnis zum Material
und zur menschlichen Kultur verkannt. Scheinkunst dagegen,
ihre geistlose Wiederholung und formlose Anwendung ist
populär, weil sich die Durchschnittsbildung, an Wieder'
holung gewöhnt, dabei was denken kann, d. h. etwas Litera'
risches oder Geschichtliches oder eine Phrase von „Stilart“.
Jeder wohlgeschulte, nicht verrohte und nicht durch Halb'
wissenschaftelei verbildete Arbeiter, vor allem der bessere
Kunsthandwerker, steht dem Wesen der Kunst, soweit es
eine menschliche Beziehung in irgend einem Material zweck'
und sachgerecht verkörpert, vermöge des gleichgearteten oder
verwandten Wesens jeglicher formalen Arbeit von Natur aus
näher als der große Durchschnitt gelehrtenhaft oder literarisch
Gebildeter oder Halbgebildeter, die sich heute als die Kultur'
träger wähnen. Ihr Wissen überwiegt bei weitem ihre leben'
dige Anschauung. Ja, die Fähigkeit der Anschauung ist
meistens in dem Ballast des toten Wissens erstickt, zum
Schaden des gesamten heutigen Kulturbildes. Ein großer
Teil unserer heutigen Kulturschäden oder, besser gesagt,
unserer Unkultur ist auf die Verkümmerung dieser Fähig'
keit zurückzuführen, mit der Sehen und Fühlen, künstlerisch
und menschlich betrachtet, so ziemlich verdorben ist. Der
Deutsche, auf den in allen Lebensäußerungen schroff und
erkältend hervortretenden Mangel der Kultur aufmerksam
gemacht, wird sich in der Regel auf die Geistesbildung, die
Kultur des Denkens berufen. Er wird es immer übersehen,
daß dieser Kultur des Denkens keine Erfüllung in der
Wirklichkeit entspricht. Seine Kultur des Denkens bleibt
Phrase. Das verschuldet sicherlich die heutige Schule, zum
erheblichen Teil wenigstens. Sie entwickelt nicht Fähigkeiten,
sondern sie häuft Wissensstoff auf. Sie gibt mit ihren Zeug'
nissen den Anspruch auf die leitenden oder einflußreichen
Lebensstellungen nicht den schöpferischen Naturen, den
Talenten, sondern jenen, die sich das vorgeschriebene Wissen
angelernt haben, eine Sache, für die zwar Fleiß, aber keines'
wegs unbedingt Talent gehört. Im Gegenteil, die Erfahrung
lehrt, daß die ursprünglichen Begabungen in der Schule
scheitern, und das brave, ausdauernde Untalent mit Vorzug
besteht. Wenn schon in der Schule die Talente nicht ent'
wickelt, sondern unter dem toten Wissenskram eher erstickt
worden sind, in der Praxis sonach werden sie sich juxh
weniger entwickeln, namentlich dann nicht, wenn sie über'
haupt nie vorhanden waren oder vielleicht eine ganz andere
Betätigungsart verlangt hätten.
Die Praxis bedeutet für diesen braven Bildungsdurchschnitt
die Anwendung und Wiederholung des in der Schule Geiern'
ten, und so dürfte man sich eigentlich nicht mehr wundern,
im Leben und in den Anschauungen der gebildeten Welt
soviel Unfreiheit, Verknöcherung, Vorurteile und Schablone
zu finden. Diese Braven sind es, die über das Wesen der
Handarbeit gewöhnlich sehr niedrige Begriffe haben und in
der Kunst alles, was in ihrem mageren Wissen schon a s
bekannt gegeben und dort zu ihrem Tröste wiederholt ist,
als „dekadent“ oder unsittlich in Verruf bringen. Auch die
Freiesten unter ihnen werden, wenn es heißt die Augen zu
gebrauchen, ihre Zuflucht zu ein paar Phrasen ihrer geistigen
„Kultur“ nehmen und anstatt zu sehen, reden. »Eben wo
die Begriffe fehlen...“ Es ist nicht ganz ihre Schuld; sie
haben eben nie gelernt, die Augen zu gebrauchen. ie
Schule hat es an ihnen verabsäumt, sie ist ihnen viel schuldig
geblieben, wovon ein späteres Kapitel handeln wird. Immer
wieder fällt mir die Begegnung bei Tisch mit einem so c er'
art gebildeten Manne, einem Advokaten, ein, der in einer
ethischen Gesellschaft einen großen Vortrag über Ethik ge'
halten hatte. Er aß wie ein Schwein und war, wie aus seinen
Gesprächen hervorging, im Leben ein schnöder Filz. Was
für einen Wert konnte die Ethik haben, die er den Leuten
vorgetragen und die ihm selbst für sein eigenes Leben so
wenig Nutzen gebracht hatte? Die Kultur des Denkens ohne
sichtbare Erfüllung oder Anwendung, ein bloßer Dunst, Worte
und Hirngespinst.
Das Wissen, das gelehrte und das literarische, soll damit
nicht unterschätzt werden. Es ist wichtig und Bestandteil der
Bildung, aber das Wissen allein ist noch nicht alle Bildung.
Der heutige Begriff von allgemeiner Bildung bedarf einer
gründlichen Modifikation. Das Wissen, soweit es angelernt
ist, berechtigt zu keinem Vorzug oder besonderem Anspruch
im Leben; das Wissen, ist bloße Selbstverständlichkeit, eine
Voraussetzung, der jeder zu seinem eigenen Besten zu
genügen hat, die aber als kein Verdienst, sondern als eine
Pflicht aufzufassen ist. Wenn sich nun gar das angelernte
Wissen, die Vielleserei und Vielwisserei zum Ding an sich
erhebt, zu einer „Kultur des Denkens“, die von der Wirk'
lichkeit ausschaltet und Voreingenommenheit züchtet, dann
ist die Sache schier bedenklich. Alle wollen in Goethe
leben, die wenigsten tun es. Alle glauben, das WISSEN um
Goethe, das Wissen um die Dinge tut es; die wenigsten ver'
stehen die Anwendung. Goethes Beispiel ist ein fortwährendes
Anwenden, er bezeichnet in der deutschen Entwicklung einen
Höhepunkt der Kultur. Was ist geistige Kultur, wenn sie
nicht im Leben fruchtbar wird? Wenn man sagen hört, daß
sich um diese oder jene kleine Schreiberstelle vierzig Doktoren
und ungezählte Hunderte von sonstigen studierten Menschen
beworben haben (vielleicht sind es Tausende), oder daß in
Amerika eingewanderte Advokaten als Stiefelputzer oder
Schankknechte ihr Brot verdienen müßten, so sagen die Leute,
daß es ungesunde Zustände sind. Ich glaube vielmehr, daß
diese Zeichen der Zeit einen Umschwung bedeuten, eine
Änderung der sozialen Struktur, die man genau untersuchen
muß. Die Welt will sich von einer veralteten Wahrheit er'
holen, die überlebt und einseitig, als Vorurteil verworfen wird.
Alle überlebten Wahrheiten, die nicht mehr ganz zutreffen,
sind Vorurteile, die wie eine verdorrte Hülle abfallen, wenn
die neue Wahrheit geboren ist. Im ganzen XIX. Jahrhundert,
dem eigentlichen Jahrhundert der Gelehrsamkeit, stand der
Satz als unerschütterliche Lebenswahrheit fest: WISSEN IST
MACHT.
Der ungeheure Jammer des Bildungsproletariats zeigt mit
erschreckender Deutlichkeit die Unzulänglichkeit dieses einst
sieghaften Wahrspruches. Wissen ist längst keine Macht
mehr, es ist das bloß unbedingt Notwendige, das rein Selbst'
verständliche, ein unerläßliches Gemeingut, in jedermanns
Bereich wie Luft und Wasser, dem Durstigen mit um
beschränktem Reichtum zu Gebote, als eine alltägliche Voraus'
Setzung, auf die allein keine Machtansprüche, keine Vorrechte
geltend gemacht werden können. Das Leben hat eine andere
Wahrheit als Königin auf den Thron erhoben, die nach einer
anderen Formel regiert: KÖNNEN IST MACHT.
Aber die entthronte Wahrheit führt ein ketzerisches Regiment
als Vorurteil weiter, dem der blinde Haufe anhängt. Mit Ent'
rüstung pflegen die meisten Eltern, auch der ärmsten Klassen,
die Zumutung zurückzuweisen, die Kinder einem anderen als
einem halbgelehrten Bildungsziel zuzuführen, dessen Schwer'
punkt im dürftigen Wissen liegt, weitab von dem praktischen
Können, gar nicht zu reden von einer handwerklichen Be'
schäftigung, die in den meisten Fällen als eine Art Er'
niedrigung empfunden wird. (Fortsetzung folgt.)
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