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Full text: Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 2. Jahrgang 1905/06

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Seiten- und Vorderansicht. 
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MORRIS'STUHL IN EINFACHER KONSTRUKTION 
Einfachste 
Konstruktion 
eines Stuhles. 
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Vorder- u. Seitenansicht. 
EINFACHE TISCHLERMOBEL: 
ARMSTÜHLE. 
W er einen Nagel eintreiben, ein Brett sägen kann, 
muß solche Möbel hersteilen können. Man braucht 
dazu Stabholz und als Werkzeug Hacke, Hand 
säge, Hobel und Hobelbank, Meißel, Hammer 
und Bohrer. Es handelt sich um einfach tischlermäßige 
Arbeit, in jedermanns Bereich. Aus Weichholz hergestellt, 
gebeizt oder mit guter und kräftiger Farbe gestrichen, an 
ständig gearbeitet, in angemessener Größe ausgeführt, wird 
das Möbel gut und billig sein. Der Morris-Stuhl, den man 
oft in Ausstellungen gesehen, ist meistens mit Ornamenten 
überladen auf Kosten der Festigkeit und Bequemlichkeit. 
Der Morris-Stuhl in unserer Abbildung aber, ein behagliches 
Möbelstück, erscheint einladend und bequem, auf reichlich 
große Sitzfläche und breiten Armlehnen sich darauf gut zu 
stützen, ist Bedacht genommen. 
Die Seitenteile, untere Latte, senkrechte Stäbe und Stuhl 
arm, werden zuerst zusammengefügt, verzapft und geleimt. 
Die unteren Latten links und rechts bestehen aus zwei auf 
einandergenagelten Brettern, davon das innere tiefer liegt, 
um das Sitzbrett zu halten. Die Seitenteile und die Beine 
alsdann zusammengenagelt, Vorder- und Hinterbrett laut 
Zeichnung in Zapfen eingelassen und geleimt, die Lehne in 
Scharnieren an das Hinterbrett befestigt und beweglich, um 
an den nach rückwärts verlängerten Stuhlarmen in beliebiger 
Ausladung eingestellt zu werden — und ein bequemer ein 
facher Stuhl mit Polstern zu belegen ist fertig. Die Hinter 
beine sollen etwas kürzer sein als die vorderen, was zu 
beachten ist. 
Noch einfacher und von ersichtlich primitiver Konstruktion 
ist der zweite Stuhl; breit angelegt, braucht er nur der 
ergänzenden Kissen, um Behaglichkeit zu gewähren. 
Ländliche Wohnungen, die Möbel des Kleinbürgers, des 
Arbeiters sollen auf diesen Prinzipien, die wir an allen 
Möbeln aufzeigen wollen, aufgebaut werden, jeder Hand 
werker kann sie für seinen Gebrauch selbst zimmern, jeder 
Landtischler nach einfacher Angabe oder Zeichnung ohne- 
weiters hersteilen und für billiges Geld liefern. Es muß 
erwähnt werden, weil diese kleinen Leute mit unbegreiflicher 
Vorliebe die verlumpte Barocke oder Gotik schlechter Möbel 
basare vorziehen. 
Nicht unechter Aufputz macht es aus, sondern zu wissen, 
was das Leben nötig hat und dieses Notwendige schlicht 
und sachlich zu erfüllen. Auch der Reiche, der den Luxus 
sich gönnen will, kann nicht mehr und nichts Besseres haben 
als dieses Organische; das einzige, was er tun kann, besteht 
in der Wahl des Stoffes; er kann kostbares Material ver 
wenden, aber das Konstruktive nicht anders als ebenso 
sachlich und organisch haben wollen, wenn er ein Mensch 
von Vernunft und Geschmack ist. Das Gemeinsame des 
Sachlichen und Organischen ist aber, wie angedeutet, nicht 
so sehr Geldbeutelsache, sondern Kultursache. Es sollte 
Gemeingut sein. Es gilt auch für unsere Tischler und „Fach 
männer“, die immer gern über sich hinaus wollen, anstatt im 
organischen Sinne gute Möbel, lieber schlechte Kunst machen. 
JEDER KNABE, DER DIE WISSENSCHAFTEN 
STUDIERT, SOLLTE DANEBEN EIN HAND 
WERK LERNEN, DAMIT ER SICH DOCH 
AUCH EINMAL GEISTIG BETÄTIGEN 
KANN. OUCKAMA KNOOP. 
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