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Full text : Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 2. Jahrgang 1905/06

Klassische  Lyrik  aus  der  Zeit  901—922,  davon  die  folgenden
fünf:
Auf  die  Blumen  der  Astern,
Von  denen  die  einen  in  lichter,
Die  andern  in  satter  Farbe
Erscheinen,  setzet  der  Tau  sich,
Teilend  sein  Herz  zwischen  beiden,

Da  Blütenzweige,
Auf  denen  sitzend  sie  sänge,
Sie  nicht  mehr  findet,
So  ist  die  Nachtigall
Zuletzt  ganz  traurig  worden,

Im  allgemeinen
Mag  ich  den  Mond  nicht  leiden,
Denn  diese  Monde
Sind’s  gerade,  die  sich  häufend
Des  Menschen  Alter  machen.

Des  Bergdorfs  Leute,
Sie  versprachen,  zu  künden.
Wenn  blühn  die  Blüten,
Just  sandten  sie  den  Boten:
Nun  sattelt  mir  schnell  mein  Roß!

Im  dichten  Wald  dort
Nicht  könnt  ich  ihn  erkennen,
Des  Kirschbaums  Wipfel  —,
Jetzt  aber  hat  ihn  endlich
Sein  Blütenschmuck  verraten.

Nacht  überfällt  mich;
So  will  ich  unterm  Baume
Herberge  nehmen,
Und  Kirschbaumblüten  sollen
Für  heute  nacht  mein  Wirt  sein.

*

Aus  Tsurayukis  (930)  Reiseschilderung  (Tagebuchliteratur.)
Ihr  Himmelswinde,
Weht  und  verschließt  die  Straße
Zwischen  den  Wolken,
Um  länger  festzuhalten
Der  Jungfrau’n  Reizgestalten.

Seht,  wie  auf  jedem  Wipfel
Der  Kiefern  dort  am  Strande
Kraniche  nisten,
Befreundet  mit  den  Bäumen
Von  tausend  Menschenaltern!“
Noch  wie  in  alten  Zeiten.

Die  Leute?  Ach,  ich  weiß  nicht,
Was  jetzt  ihr  Herz  erfüllet.
Die  Blüten  aber
Des  Heimatdorfs,  die  duften

„Man  weiß  nicht,  wie  viele  Kiefernbäume  sind,  wie  viele
Tausende  von  Jahren  sie  hinter  sich  haben.  An  jedem  Fuß-'
ende  branden  die  Wogen,  branden  die  Wogen,  von  Zweig
zu  Zweig  fliegen  Kraniche  hin  und  her.  übermannt  von
dem  reizenden  Anblick  dichtete  ein  Mann  auf  dem  Schiffe.

Als  sich  im  Frühling  die  Höflinge  nach  dem  Fluß  Shirakawa
begaben  (Dichter  Fujiwara  no  Kinto  967  1041).
Du  einsam  Bergdorf,
Dem  nur  im  Lenz  die  Leute
Besuch  abstatten:
Die  Blüten  deiner  Bäume
Sind’s,  die  zu  Gaste  laden.

Aus  des  „Langen  Herbstes  Liedersammlung  die  folgenden
drei:
Ach,  auf  der  Welt  ist
Kein  Weg,  wo  ich  dem  Kummer
Der  Welt  entflöhe.
Selbst  in  den  tiefen  Bergen,
Der  Stätte  meiner  Sehnsucht,
Tönt  Klagelaut  der  Hirsche.

Auch  den  volkstümlichen  Kultliedern,  bei  Götterfesten  gesungen, ­
  unseren  älteren  Naturfestspielen  vergleichbar:
Im  tiefen  Gebirg,
Im  tiefen  Gebirg
Scheint  Hagel  gefallen  zu  sein.
Denn  der  Vorgebirgs
Rankende  Wetterpflanzen
Haben  sich  schon  gefärbt,
Haben  sich  schon  gefärbt.

Einem  Schulliederbuch  der  Gegenwart  entnommen;  vom
Priester  Jichin  (1220)  gedichtet:
Wenn  ich  beim  Morgengrauen  im  dritten  Monat  des  Lenzes
Ringsumher  überschaue  die  Berglandschaft  (was  gewahr’  ich?).
Siehe,  da  ist  kein  Gipfel,  wo  weiße  Wolken  nicht  hingen,
Gleich  als  ständen  die  Bäume  der  Berge  in  üppigster  Blüte.
6l
            
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