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Full text: Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 2. Jahrgang 1905/06

ZUR REFORM DER WEIBLICHEN HANDARBEITEN. 
(Zu den Bildern auf Seite 56). 
Tn den sogenannten Handarbeiten die Schablone, das geistlose Aus- 
1 nä hen vorgedruckter alberner Muster zu verdrängen und die kirnst' 
lerische Selbständigkeit in diesen Dingen zu entwickeln, ist ein An- 
liegen der weiblichen Bildung: Was die Modezeitungen und Haus' 
frauenblättchen als Vorlage für „weibliche Handarbeiten“ liefern, gehört 
fast ausnahmslos in das Gebiet des groben Unfugs. Sie sind zu lächerlich, 
um als Gegenbeispiel gebracht zu werden, der Vergleich stellt sich wohl 
jedem bei Betrachtung der guten Beispiele auf Seite 56 ein, die eine 
Bändchenarbeit von Paula Roth und eine Schnürlarbeit von Mizzi Roth 
aus der Abteilung Prof. Böhm an der Kunstschule für Frauen und 
Mädchen zeigen. Es sind Arbeiten, die in Material empfunden sind, 
Muster, die aus der Technik und den stofflichen Eigenschaften der 
Mittel abgeleitet wurden. Es wird hier nicht zur Nachahmung gegeben, 
sondern als ein Merkziel, auf das die Bestrebungen der künstlerischen 
Bildung ebenfalls gerichtet sein muß: auch in diesem Zweig weiblicher 
Betätigung, von wo zum erheblichen Teil die Kunst im Hause aus- 
geht, das erloschene Verständnis und den guten Geschmack zu beleben. 
Was die „Bauernkunst“ an weiblichen Handarbeiten früher hervor- 
brachte, war ausnahmslos gut; die schweren Hände, die Sonntags die 
Nadel meisterten, schufen fast immer künstlerisch; die Städterin hat 
trotz aller vermeintlichen Kultur nichts Ähnliches aufzuweisen. Hier 
wird das Beispiel einzelner vorangehen und die Reform beginnen; 
die Masse wird folgen. Das Reformkleid wird vielleicht den ent 
scheidenden Anstoß geben: wir werden diesem wie den sonstigen 
Handarbeiten, Stickereien etc. in unseren Heften unausgesetzt unsere 
Sorge widmen. 
DIE AUSSTELLUNG BILLIGER LANDHÄUSER 
(Cheap Cottages Exhibition), die in diesem Sommer auf dem Grund 
stück der ENGLISCHEN GARTENSTADT stattfand, ist nach zwei 
Richtungen als ein großer Erfolg zu bezeichnen. Da die Ausstellung 
in einer aufblühenden Stadt veranstaltet war und gleichzeitig der 
Befriedigung eines sich entwickelnden starken Wohnbedürfnisses dienen 
konnte, so war für die Aussteller kein großes Risiko mit der Ausstellung 
verbunden, und die Häuser konnten für die Dauer erbaut werden. Nach 
den vorliegenden Bildern auf Seite 52 waren über 80 Landhäuser als 
Ein-, Zwei- und Vierfamilienhäuser ausgestellt. Der Ausstellungszweck 
war die Förderung billigen Landhausbaues und die Wettbewerbs 
bedingungen waren Herstellung fünfräumiger Landhäuser unter Ein 
haltung bestimmter Größenmaße für 3000 Mark oder Bau mehrraumiger 
Häuser mit einem Grundpreis von 700 Mark pro Zimmer. Mehr als die 
Hälfte der Häuser entsprach den gestellten Bedingungen. Die Bll ig ei 
der Baupreise erklärt sich zum Teil aus dem gleichmäßigen englischen 
Klima, wo man eines Kellers entraten und das Dachgeschoß für 
Wohnzwecke intensiver ausnutzen kann. Gleichwohl ist alles mögliche 
in bezug auf Wohlfeilheit geleistet worden. Auch in ästhetischer Hin 
sicht liegen beachtenswerte Leistungen vor. Die Ausstellung war von 
über 20.000 Personen besucht und hat wertvolles Material sowie reges 
Interesse für billigen Landhausbau und für die Stadterweiterungsfrage 
gezeitigt. Dies wurde auch ausdrücklich auf einer Versammlung der 
führenden englischen Organisation für Wonungsre orm a _ 
Housing Reform Council), die in der Ausstellung stattfand, anerkann. 
Eine besondere Förderung hat aber die englische Gartenstadtbewegung 
durch die Ausstellung erfahren. Die Idee der Gartensta un 
Verwirklichungsstadium wurde in weitesten Kreisen auc 
Augenschein bekannt und hat ihr große Sympat len gewec 
Deutsche Gartenstadtgesellschaft Schlachtensee, Berlin, sowie unser 
Hohe Warte arbeiten an der Verwirklichung der Gartenstadtidee in 
Deutschland und Österreich. 
KUNST IM BUCHE. 
In der Wiener Wage sagt F. Farga über moderne B uchkunst U . a n 
1 folgendes: „Es gibt eine erlesen feine Spezies in der artenreichen 
Familie der Sammler: die Bibliophilen. Von ihnen gil nie 
scherzhafte Wendung, man brauche, um jemanden zum am 
machen, demselben nur einen alten Kupferstich zu sc en en. 
anlage und echte Begeisterung sind bei ihnen gleicherwetse mit gründ 
lieber Fachkenntnis und einem feinschmeckerhaft ausgebild 
ständnis für ihre Liebhaberei gepaart, und dies Verständnis pflegt 
um so tiefer zu sein, je mehr es sich vor der Außenwelt ängstlich 
verbirgt. 
Es ist selbstverständlich, daß die Bibliophilen bei der bloßen Anhäufung 
alter Bücher nicht stehen bleiben, daß besonders seit dem ungeahnten 
Aufschwünge des Kunstgewerbes die letztmodernen Errungenschaften 
sich mit archaistischen Prinzipien seltsam mischten. J. K. Huysmans 
hat in seinem bizarren Roman ,Gegen den Strich* einen solchen Typ 
geschildert, den Herzog Jean des Esseintes, der sich seine Lieblings 
autoren in besonderen Luxusausgaben anschafft, Bücher, die nur ur 
ihn hergestellt werden. Er läßt aus England und Amerika neue Lettern 
formen kommen und da ihm das bisherige Papier nicht mehr gefallt, 
er der silbernen Chinas, der perlmutterfarbenen und goldigen Japans, 
der Whatmans, Turkeys und Seychal-Mills überdrüssig ist, bestellt er 
eigenartig gestreiftes Papier aus den alten Fabriken von Vire, wo man 
sich noch der Stampfe bedient, dann Ripspapiere aus London und 
auch ein deutsches Preßbalkenpapier, von bläulichem Ton, dessen 
Fasern durch Goldblättchen, wie sie in dem Danziger Goldwasser 
schimmern, ersetzt sind. Die Bücher haben ein ungewöhnliches Format, 
so die Werke von Baudelaire, die Meßbüchern gleichen, mit steilen 
Buchstaben auf japanischem Filz gedruckt. Die Einbände sind von 
Künstlern hergestellt, in alter Seide, in geprägtem Ochsen- und Coy- 
leder, manche mit oxydierten Silberbeschlägen und hellem Emai 
ausgelegt. Diese Einzelerscheinung, so exklusiv sie auch scheinen mag, 
deutet doch die allgemeine Linie an, worauf es bei der modernen 
Buchkunst ankommt.“ 
„KUNST IM HAUSE“ — AM CHRISTKINDLMARKT. 
B ude Nr. 26 am Wiener Christkindlmarkt gehört der Künstler 
vereinigung „Kunst im Hause“, die Arbeiten ihrer Mitglieder dort 
verkauft, sehr niedliche Dinge für Geschenkszwecke, die den Stempel 
künstlerischer Originalerfindung tragen und in Anbetracht dessen 
außerordentlich billig erscheinen. Ich möchte allen Gutgesinnten emp 
fehlen, die Bude Nr. 26, die von dem großen Kram der anderen Buden 
besitzer ein wenig versteckt ist, aufzusuchen und allfallige Christkmdl- 
einkäufe dort zu machen, wo auch in bescheidenen Dingen Kunst 
regungen zu spüren sind. 
Daß sich die jungen Künstlerinnen und Künstler unter den Kramer 
buden installieren mußten, ist nicht allein der Ausfluß heiterer Un 
bekümmertheit und zupackender Frische, die ihre Kunst gleich au 
den Markt, mitten ins Volk stellt. Es ist vielmehr ein Akt schüchterner 
und unzureichender Selbsthilfe, ein Wahrzeichen, wie schwer selbst 
die begabte heutige künstlerische Jugend zu ringen hat. Ich habe sehr 
lebhaft an unser Unterrichtsministerium denken müssen, an die Leute, 
die angeblich organisieren, die Holzbearbeitungs-Fachschulen und 
Heimarbeiter mit schlechten Mustern versorgen und die bei dieser 
destruktiven Beschäftigung ganz darüber vergessen, daß so begabte 
junge Menschen keine Gelegenheit finden, ihr Talent in einer für das 
eigene persönliche und künstlerische Fortkommen und für die Kunst 
industrie fruchtbringenden Art anzuwenden. Die Fachschulen und 
Spielzeug-Heimindustrie mit guten Mustern zu versorgen, geben die 
jungen Künstlerinnen und Künstler Gelegenheit; man kaufe ihre Modelle 
zu anständigen Preisen, lasse sie in den bestehenden Heimindustrie 
bezirken hersteilen und bringe sie im großen auf den Markt zu billigen 
Preisen, was immerhin gut möglich und wobei alle Beteiligten reich 
liches Auskommen haben müßten. Die Sache käme in die Massen, 
Arbeiter und Künstler hätten in gleicher Weise anregende und er 
sprießliche Beschäftigung. Was z. B. den Dresdener Werkstätten mit 
dem Spielzeug gelungen ist, das sollte mit dem großen Vorrat an 
Talent in Arbeitskraft in Österreich nicht gelingen? Wie aber bisher 
die Lage beschaffen ist, fertigen die jungen Entwurfskunstler selbst 
die paar Originale, die sie verkaufen, und die, wie billig sie in 
Anbetracht aller Umstände auch sind, von dem Straßenpublikum aus 
übrigens leicht zu begreifenden Gründen noch immer zu teuer ge 
funden werden. Jedoch die Herren „Organisatoren** im Amte, die an 
geblich Kunst fördern, laufen der Mode nach und fördern in Stickerei, 
Spitzenindustrie Spielsachen etc. das „Gangbare“, anstatt sich an 
schaffende Talente zu halten, Schulen, Werkstätten und Markt mit 
guten Leistungen zu versorgen, um zu zeigen, daß trotz der vermeint 
lichen „Mode“ nichts so gangbar ist als das Gute, wenn es nur richtig 
gepflegt wird.
	        
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