sicht erstaunlich sind. Forschung und Erfindung haben Werte
zutage gefördert, deren Tragweite unabsehbar ist. Alles dies
betrachtet, erscheinen früher Epochen armselig im Vergleich
zu diesen Schöpfungen. Wenn man davon absehen könnte,
daß ein großer Teil der Menschheit heute trotzdem tiefer in
Barbarei und Unkultur steckt, als unter viel bescheideneren
Verhältnissen vor etwa hundert Jahren, müßte man sich
glücklich fühlen in einer Zeit zu leben, die über einen so
ergebnisreichen Schaffenstrieb verfügt. Und alle diese bedeut'
samen Ergebnisse, sind sie nicht Hervorbringungen des
Talentes? Sind sie nicht die unleugbare Bestätigung dieser
Erkenntnis, daß das Talent die einzige wertbildende Kraft
ist, unerschöpflich und unversieglich wie eine elementare
Naturmacht und selbst dann noch unerhört fruchtbar, da die
Volkswirtschaft ihrer Entfaltung hemmend wird und von Irr-
tümern befangen, die Quelle des Wertes überall sucht, im
Grund und Boden, im Merkantilismus, in der Industrie, im
Kapitalismus, nur nicht dort, wo sie einzig und allein ist, im
Menschen und der wertbildenden Kraft seines Talentes? Die
großen Fabriksbetriebe, im einzelnen das erstaunliche Werk
erfindungsreicher Ingenieurkunst, entwickelt aus Mathematik
und Naturwissenschaft, im ganzen technische Kolosse, die
in den weitaus häufigsten Fällen minderwertige Produkte
hervorbringen, befinden sich augenscheinlich in schlechten
Händen. Wem kommt die ungeheure Arbeit zu gute? Den
Herstellern, das sind die Arbeiter, nicht, und den Käufern, den
Konsumenten in der Regel auch nicht. Denn, von Ausnahmen
abgesehen, werden nur schlechte Produkte mit anscheinender
Billigkeit hergestellt. Der kolossale moderne Erfindungs-
reichtum wird in den meisten Fällen dazu mißbraucht,
Billigkeit auf Kosten der Qualität und auf Kosten der ArbeitS'
kraft zu erzeugen. Der Kapitalismus in der heutigen Unter'
nehmungsform ist ein schlechter Herr. Er nützt den ErfindungS'
und Arbeitsgeist, die ArbeitS' und Geisteskraft der Menschheit
zu einem ganz nichtsnutzigen Geschäft aus, nämlich zu dem
der eigenen materiellen Bereicherung. Jener unfruchtbare
Reichtum, der Geld ist, hat die Menschheit zur Verarmung
gebracht. Die Ausnützung jeglicher Arbeit, geistiger und
manueller, zu dem Zwecke, Geld anzusammeln, hat die Arbeit
ihres künstlerischen Gedankens entkleidet und über den
größten Teil (der Bevölkerung Entbehrung und Barbarei
gebracht, die zu den großen Fortschritten in einzelnen ArbeitS'
gebieten im seltsamen Widerspruch steht. Wären alle diese
Fortschritte, die das XIX. Jahrhundert auszeichnen, zur
Vervollkommnung des menschlichen Daseins anstatt zur Am
häufung materieller Reichtümer verwendet worden, dann
müßte die Kultur im XIX. Jahrhundert eine Blüte erlebt
haben, die in früheren Zeiten undenkbar war. Dann müßten
diese Fortschritte vor allem den mitarbeitenden Menschen
zu gute gekommen sein und das Weltbild würde eine wunder'
bare Harmonie zeigen. Dann aber würde jegliche Arbeit eine
Seelenstärkung sein und um ihrer selbst willen getan werden,
nicht zu dem unfruchtbaren Zweck, Geld in irgend jemandes
Besitz zu häufen.
Die nichtswürdigste, geistloseste und gemeinschädlichste
Tätigkeit, die getan werden kann, ist jene, die auf den
alleinigen Zweck ausgeht, materielle Reichtümer anzuhäufen.
Denn diese Tätigkeit setzt voraus, daß die Arbeit nicht um
ihrer selbst willen getan wird, daß sie nicht im künstlerischen
Sinne zur Vollendung gebracht wird und eine Seelenstärkung
für den Urheber und alle Mitgenießenden bedeutet und daß
sie nicht den Urhebern oder Verfertigern zu gute kommt.
Diese Tätigkeit setzt ferner voraus, daß die erzeugte Arbeit
nicht fruchtbar werde, durch ihr Beispiel, ihre Vollendung,
ihre Gebrauchsfähigkeit und dadurch andere Kräfte und
Talente ansporne, entwickle und weiterhin fruchtbar mache,
sondern daß sie sich in unfruchtbares Geld verwandle, also
daß sie nicht Gebrauchswert, sondern Tauschwert sei. (Siehe
Kapitel Sparsamkeit und Verschwendung.) Endlich setzt diese
Tätigkeit voraus, daß ein großer Teil der Menschheit elend
und hilflos sei, um sich jedem Zwang zu fügen und für
geringes Entgelt Arbeit zu tun, die für sie keine Freude
und keine Seelenstärkung sein kann, sondern nur getan wird,
ein armes und trauriges Leben zu fristen. Diese Tätigkeit
setzt schließlich eine Volkswirtschaft voraus, wie wir sie
heute noch haben und eine Ethik, wie sie in der heutigen
Gesellschaft herrscht. Der sittliche Gehalt der Gesellschaft
— und folglich auch der Rechtsanschauung, der Politik und
der Gesetzgebung — ist wesentlich von jener Tätigkeit
bestimmt, die auf das Anhäufen, nicht auf das Anwenden
des Geldes abzielt. Der Mensch gilt in ihren Augen nicht
nach seiner Arbeit, nach seinem Talent, nach seinem Können,
sondern nach seinem Vermögen. Dieses allein bestimmt
seinen Wert in der Gesellschaft. Sie nimmt jeden bereitwillig
auf, der auf angemessenen materiellen Besitz pochen kann,
mag auch sein Lebenswandel noch so verwerflich, seine
Geistes' und Herzensbildung noch so niedrig, die Herkunft
seines Vermögens noch so makelhaft sein. Diese Gesellschaft
kennt keine Erniedrigung so tief und entwürdigend, als die
persönliche Arbeit, das Verdienen des eigenen Lebensunter'
haltes. Soziale Bildung ist ihr fremd, ebenso wie das Unter'
scheidungsvermögen zwischen guter und schlechter Arbeit
und die Fähigkeit des guten Geschmackes, der sich nur aus
diesem Unterscheidungsvermögen entwickeln kann. Die
Forderung des guten Geschmackes als eine sittliche Forderung
gilt für die Gesellschaft nicht, weil es nicht in ihrer sittlichen
Anschauung liegt, die Arbeit als Selbstzweck, als organische
Funktion des Volkes zu betrachten und sie nach dem Grade
der Menschlichkeit und der Seelenfreude, die sie verkörpern
soll, zu beurteilen, d. h. mit andern W^orten, das künstlerische
Moment zu suchen, das jeglicher Arbeit zu gründe liegen soll.
Sie begnügt sich mit Surrogaten und findet diese schön,
namentlich wenn sie die Formen alter Stile kopieren, darin
sich ihr Parvenugeist gefällt. Gewohnt, in jeder Arbeit ein
Ausbeutungsmittel und eine Unternehmersache zu sehen,
hat sie aufgehört, an ihre äußere Umgebung Ansprüche zu
stellen, die nur aus einer künstlerischen Auffassung der
Arbeit und deren hoher sittlicher Bedeutung entwickelt werden
können. Wie aber die unfruchtbare einseitige Beschäftigung
des Geldanhäufens statt Anwendens blind macht für die Ent'
Würdigung der Arbeit und Entwertung der Leistung, so
macht sie blind für Entwürdigung, d. h. Entsittlichung und
Erschöpfung des arbeitenden Volkes. Daß der gute Geschmack
eine sittliche Forderung und Ungeschmack eine Unsittlichkeit
ist, zeigt sich schon darin, daß die Gesellschaft und mit ihr der
Staat das Elend in den Arbeiterbezirken und die überhand'
nehmende Verhäßlichung des allgemeinen Lebensbildes gleich'
mütig ansehen, ohne alles — auch den unfruchtbaren Reichtum
— anzuwenden, um eine glückliche Wendung herbeizuführen.
Wenn der Einfluß im sozialen Leben oder die Anwartschaft
auf ein Ministerportefeuille, auf Sitz und Stimme in den gesetZ'
gebenden Körperschaften, die Berufung zum Richteramt oder
auf die Geschworenenbank von der sozialen Bildung, von der
praktisch erworbenen Kenntnis der Leiden, Bedürfnisse, Fähig'
keiten und Leistungen des niederen Volkes abhängig gemacht
würde, wie wenige, die heute eine entscheidende Rolle spielen,
dürften es wagen, ihre Stimme zu erheben? Die Gesellschaft
lebt für sich, sie hat ihre Aufgabe nicht erkannt. In ihren
Kreisen begegnet man selten dem Künstler, nie dem Arbeiter.
(Fortsetzung folgt.)
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