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Full text: Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 2. Jahrgang 1905/06

sicht erstaunlich sind. Forschung und Erfindung haben Werte 
zutage gefördert, deren Tragweite unabsehbar ist. Alles dies 
betrachtet, erscheinen früher Epochen armselig im Vergleich 
zu diesen Schöpfungen. Wenn man davon absehen könnte, 
daß ein großer Teil der Menschheit heute trotzdem tiefer in 
Barbarei und Unkultur steckt, als unter viel bescheideneren 
Verhältnissen vor etwa hundert Jahren, müßte man sich 
glücklich fühlen in einer Zeit zu leben, die über einen so 
ergebnisreichen Schaffenstrieb verfügt. Und alle diese bedeut' 
samen Ergebnisse, sind sie nicht Hervorbringungen des 
Talentes? Sind sie nicht die unleugbare Bestätigung dieser 
Erkenntnis, daß das Talent die einzige wertbildende Kraft 
ist, unerschöpflich und unversieglich wie eine elementare 
Naturmacht und selbst dann noch unerhört fruchtbar, da die 
Volkswirtschaft ihrer Entfaltung hemmend wird und von Irr- 
tümern befangen, die Quelle des Wertes überall sucht, im 
Grund und Boden, im Merkantilismus, in der Industrie, im 
Kapitalismus, nur nicht dort, wo sie einzig und allein ist, im 
Menschen und der wertbildenden Kraft seines Talentes? Die 
großen Fabriksbetriebe, im einzelnen das erstaunliche Werk 
erfindungsreicher Ingenieurkunst, entwickelt aus Mathematik 
und Naturwissenschaft, im ganzen technische Kolosse, die 
in den weitaus häufigsten Fällen minderwertige Produkte 
hervorbringen, befinden sich augenscheinlich in schlechten 
Händen. Wem kommt die ungeheure Arbeit zu gute? Den 
Herstellern, das sind die Arbeiter, nicht, und den Käufern, den 
Konsumenten in der Regel auch nicht. Denn, von Ausnahmen 
abgesehen, werden nur schlechte Produkte mit anscheinender 
Billigkeit hergestellt. Der kolossale moderne Erfindungs- 
reichtum wird in den meisten Fällen dazu mißbraucht, 
Billigkeit auf Kosten der Qualität und auf Kosten der ArbeitS' 
kraft zu erzeugen. Der Kapitalismus in der heutigen Unter' 
nehmungsform ist ein schlechter Herr. Er nützt den ErfindungS' 
und Arbeitsgeist, die ArbeitS' und Geisteskraft der Menschheit 
zu einem ganz nichtsnutzigen Geschäft aus, nämlich zu dem 
der eigenen materiellen Bereicherung. Jener unfruchtbare 
Reichtum, der Geld ist, hat die Menschheit zur Verarmung 
gebracht. Die Ausnützung jeglicher Arbeit, geistiger und 
manueller, zu dem Zwecke, Geld anzusammeln, hat die Arbeit 
ihres künstlerischen Gedankens entkleidet und über den 
größten Teil (der Bevölkerung Entbehrung und Barbarei 
gebracht, die zu den großen Fortschritten in einzelnen ArbeitS' 
gebieten im seltsamen Widerspruch steht. Wären alle diese 
Fortschritte, die das XIX. Jahrhundert auszeichnen, zur 
Vervollkommnung des menschlichen Daseins anstatt zur Am 
häufung materieller Reichtümer verwendet worden, dann 
müßte die Kultur im XIX. Jahrhundert eine Blüte erlebt 
haben, die in früheren Zeiten undenkbar war. Dann müßten 
diese Fortschritte vor allem den mitarbeitenden Menschen 
zu gute gekommen sein und das Weltbild würde eine wunder' 
bare Harmonie zeigen. Dann aber würde jegliche Arbeit eine 
Seelenstärkung sein und um ihrer selbst willen getan werden, 
nicht zu dem unfruchtbaren Zweck, Geld in irgend jemandes 
Besitz zu häufen. 
Die nichtswürdigste, geistloseste und gemeinschädlichste 
Tätigkeit, die getan werden kann, ist jene, die auf den 
alleinigen Zweck ausgeht, materielle Reichtümer anzuhäufen. 
Denn diese Tätigkeit setzt voraus, daß die Arbeit nicht um 
ihrer selbst willen getan wird, daß sie nicht im künstlerischen 
Sinne zur Vollendung gebracht wird und eine Seelenstärkung 
für den Urheber und alle Mitgenießenden bedeutet und daß 
sie nicht den Urhebern oder Verfertigern zu gute kommt. 
Diese Tätigkeit setzt ferner voraus, daß die erzeugte Arbeit 
nicht fruchtbar werde, durch ihr Beispiel, ihre Vollendung, 
ihre Gebrauchsfähigkeit und dadurch andere Kräfte und 
Talente ansporne, entwickle und weiterhin fruchtbar mache, 
sondern daß sie sich in unfruchtbares Geld verwandle, also 
daß sie nicht Gebrauchswert, sondern Tauschwert sei. (Siehe 
Kapitel Sparsamkeit und Verschwendung.) Endlich setzt diese 
Tätigkeit voraus, daß ein großer Teil der Menschheit elend 
und hilflos sei, um sich jedem Zwang zu fügen und für 
geringes Entgelt Arbeit zu tun, die für sie keine Freude 
und keine Seelenstärkung sein kann, sondern nur getan wird, 
ein armes und trauriges Leben zu fristen. Diese Tätigkeit 
setzt schließlich eine Volkswirtschaft voraus, wie wir sie 
heute noch haben und eine Ethik, wie sie in der heutigen 
Gesellschaft herrscht. Der sittliche Gehalt der Gesellschaft 
— und folglich auch der Rechtsanschauung, der Politik und 
der Gesetzgebung — ist wesentlich von jener Tätigkeit 
bestimmt, die auf das Anhäufen, nicht auf das Anwenden 
des Geldes abzielt. Der Mensch gilt in ihren Augen nicht 
nach seiner Arbeit, nach seinem Talent, nach seinem Können, 
sondern nach seinem Vermögen. Dieses allein bestimmt 
seinen Wert in der Gesellschaft. Sie nimmt jeden bereitwillig 
auf, der auf angemessenen materiellen Besitz pochen kann, 
mag auch sein Lebenswandel noch so verwerflich, seine 
Geistes' und Herzensbildung noch so niedrig, die Herkunft 
seines Vermögens noch so makelhaft sein. Diese Gesellschaft 
kennt keine Erniedrigung so tief und entwürdigend, als die 
persönliche Arbeit, das Verdienen des eigenen Lebensunter' 
haltes. Soziale Bildung ist ihr fremd, ebenso wie das Unter' 
scheidungsvermögen zwischen guter und schlechter Arbeit 
und die Fähigkeit des guten Geschmackes, der sich nur aus 
diesem Unterscheidungsvermögen entwickeln kann. Die 
Forderung des guten Geschmackes als eine sittliche Forderung 
gilt für die Gesellschaft nicht, weil es nicht in ihrer sittlichen 
Anschauung liegt, die Arbeit als Selbstzweck, als organische 
Funktion des Volkes zu betrachten und sie nach dem Grade 
der Menschlichkeit und der Seelenfreude, die sie verkörpern 
soll, zu beurteilen, d. h. mit andern W^orten, das künstlerische 
Moment zu suchen, das jeglicher Arbeit zu gründe liegen soll. 
Sie begnügt sich mit Surrogaten und findet diese schön, 
namentlich wenn sie die Formen alter Stile kopieren, darin 
sich ihr Parvenugeist gefällt. Gewohnt, in jeder Arbeit ein 
Ausbeutungsmittel und eine Unternehmersache zu sehen, 
hat sie aufgehört, an ihre äußere Umgebung Ansprüche zu 
stellen, die nur aus einer künstlerischen Auffassung der 
Arbeit und deren hoher sittlicher Bedeutung entwickelt werden 
können. Wie aber die unfruchtbare einseitige Beschäftigung 
des Geldanhäufens statt Anwendens blind macht für die Ent' 
Würdigung der Arbeit und Entwertung der Leistung, so 
macht sie blind für Entwürdigung, d. h. Entsittlichung und 
Erschöpfung des arbeitenden Volkes. Daß der gute Geschmack 
eine sittliche Forderung und Ungeschmack eine Unsittlichkeit 
ist, zeigt sich schon darin, daß die Gesellschaft und mit ihr der 
Staat das Elend in den Arbeiterbezirken und die überhand' 
nehmende Verhäßlichung des allgemeinen Lebensbildes gleich' 
mütig ansehen, ohne alles — auch den unfruchtbaren Reichtum 
— anzuwenden, um eine glückliche Wendung herbeizuführen. 
Wenn der Einfluß im sozialen Leben oder die Anwartschaft 
auf ein Ministerportefeuille, auf Sitz und Stimme in den gesetZ' 
gebenden Körperschaften, die Berufung zum Richteramt oder 
auf die Geschworenenbank von der sozialen Bildung, von der 
praktisch erworbenen Kenntnis der Leiden, Bedürfnisse, Fähig' 
keiten und Leistungen des niederen Volkes abhängig gemacht 
würde, wie wenige, die heute eine entscheidende Rolle spielen, 
dürften es wagen, ihre Stimme zu erheben? Die Gesellschaft 
lebt für sich, sie hat ihre Aufgabe nicht erkannt. In ihren 
Kreisen begegnet man selten dem Künstler, nie dem Arbeiter. 
(Fortsetzung folgt.) 
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