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Full text : Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 2. Jahrgang 1905/06

Umstand,  daß  dieselben  sich  im  Laufe  langer  Jahrhunderte
zu  irgend  einer  bestimmten  Form  kristallisiert  haben,  kann
uns  die  Sicherheit  geben,  daß  dafür  irgend  eine  ganz  be^
stimmte  Ursache  besteht;  es  folgt  also  daraus,  daß  der  Ver^
such,  die  Methoden  und  Eigenheiten  irgend  einer  entfernten
Gegend  zu  verwerten,  mit  Sicherheit  den  Eindruck  von
etwas  unbehaglich  Exotischem,  im  geographischen  Widern
Spruch  Stehenden  und  von  etwas,  das  an  und  für  sich
vielleicht  richtig  ist,  sich  aber  am  Unrechten  Platz  befindet,
hervorruft.
Denn  ich  stelle  für  die  Architekten  die  Regel  auf,  daß  man
es  jedem  Gebäude  ansehen  muß,  was  es  ist.  Wie  gut  hat  der
feine  alte  Architekt  George  Dance  das  verstanden,  als  er  das
Gefängnis  von  Newgate  baute!  Hat  denn  nicht  jeder  intelligente
Mensch  das  Gefühl  einer  Dissonanz,  wenn  ein  Gebäude  eine
breite  Front  gleich  einem  griechischen  Tempel  hat  und  man
darin  statt  der  feierlich  hinschreitenden  Andächtigen  in
klassisch  drapierten  Gewändern  und  einem  Zug  blumenge'
schmückter,  weißgekleideter  Priester  und  geweihter  Opfertiere
wie  man  zu  erwarten  berechtigt  wäre,  eilende  Wagen  mit
Bergen  von  Reisegepäck  und  Fahrrädern  auf  deren  Gipfeln
an  trifft!
Wenn  doch  auch  in  den  Gebäuden  nur  ein  wenig
Wahrheit  und  Ehrlichkeit  enthalten  wäre,  wie  in  allem
anderen,  was  das  Auge  sieht  und  was  das  alltägliche  Leben
ausmacht!
Viele  meiner  Freunde,  die  wissen,  daß  ich  auf  dem  Gebiete
der  Architektur  und  der  verschiedenen  Handwerke  herumstümpere, ­
  fragten  mich,  weshalb  ich  mein  Haus  nicht  selbst
entworfen  habe.  Ich  habe  diese  Frage,  trotzdem  dieselbe  gut
und  schmeichelhaft  gemeint  war,  energisch  verneint.  Ein
Amateur,  der  architektonische  Einfälle  hat,  kann  ein  Haus
nach  seinem  Belieben  entwerfen  und  bauen,  was  ihm  und
den  Seinigen  voraussichtlich  sogar  in  ganz  berechtigter  und
ehrlicherweise  eine  Quelle  höchster  Befriedigung  sein  wird.
Es  werden  dem  Haus  aber  die  Eigenschaften  fehlen,  welche
die  Wissenschaft  und  das  feste  Zugreifen  des  entwickelteren
Ausdrucksvermögens  verleihen.  Es  werden  stümperhafte  und
mißlungene  Stellen  vorhanden  sein  und  es  wird  innen  und
außen  an  einer  behaglichen  Einfachheit  mangeln.  Wenn
irgend  etwas  angebaut  werden  soll,  wird  es  an  einen  ver^
schämten  Flick,  der  auf  ein  Kleid  genäht  worden  ist,  erinnern;
dieser  Flick  ist  sich  immer  seiner  störenden  Gegenwart  be'
wußt.  Dagegen  hat  ein  von  einem  guten  Architekten
entworfener  Anbau  etwas  von  jener  vornehmen  Flickarbeit
an  sich,  die  von  genialen  Italienern  vor  zweihundert  Jahren
hergestellt  wurde.  Das  Kleid  benötigte  einen  Flick  und  bekam
einen  solchen,  statt  aber  einen  plumpen  Versuch,  ihn  zu  ver^
bergen  zu  machen,  verherrlichte  man  ihn,  verwandelte  ihn  in  ein
Ornament  und  eine  graziöse  Arabeske  von  Blättern,  Blumen
und  Ranken,  die  durch  geschicktes  Benähen  mit  Zwirn,
Schnur  oder  zarter  Goldborte  entstanden,  so  daß  der  unansehnliche ­
  Riß  sich  unter  den  geschickten  Fingern  und  dank
den  geistreichen  Einfällen  eines  fruchtbaren  Hirns  in  etwas
Schönes  und  Herzerfreuendes  verwandelte.
Als  es  so  weit  war,  daß  die  Pläne  zu  meinem  Haus  hergestellt ­
  werden  sollten  —  ich  hatte  schon  vor  einem  oder
zwei  Jahren  fälschlich  angenommen,  daß  ich  mit  dem  Bau
beginnen  könnte  —  besprach  ich  mit  dem  Architekten  die
Lage  des  Hauses  und  auch  mehr  oder  weniger  die  Einteilung
der  Zimmer.  Ich  sagte  ihm,  daß  ich  ein  kleines,  aber  recht
geräumiges  Haus  haben  wollte  —  es  enthält  alles  in  allem
sieben  Schlafzimmer  —  und  daß  ich  weder  kleine,  schmale
Gänge  noch  sonst  irgend  etwas  zu  Enges,  Zusammengedrängtes ­
  und  schlecht  Beleuchtetes  möchte.

Er  entwarf  einen  Plan  und  wir  waren  bald  zuerst  bezüglich
des  Grundrisses  und  dann  bezüglich  der  Details  einig.  Jede
Kleinigkeit  wurde  sorgfältig  besprochen  und  ich  muß  gestehen, ­
  daß  ich  in  den  meisten  der  wenigen  Fälle,  da  ich  den
Architekten  zu  beeinflussen  suchte,  seine  Ansicht  zu  gunsten
meiner  Wünsche  zu  ändern,  besser  daran  getan  hätte,  den
Dingen  ihren  Lauf  zu  lassen.  Der  größte  Irrtum,  den  ich
in  dieser  Beziehung  beging,  bestand  in  der  Änderung  der
Fensterflügel,  d.  h.  der  an  Scharnieren  auf-  und  zugehenden
Fensterscheiben.  Er  hatte  in  jeder  langen  Fensterreihe  nicht
die  untersten,  sondern  die  darüber  liegenden  Scheiben  zum
öffnen  bestimmt.  Ich  glaubte,  die  untersten  würden,  besonders
in  den  Schlafzimmern,  infolge  der  vor  den  Fenstern  befindlichen ­
  ungewöhnlich  langen  und  breiten  Toilettentische,  die
ich  liebe,  leichter  zu  erreichen  sein.  Die  Fensterflügel  wurden
meinem  Wunsche  entsprechend  angebracht.  Späterhin  fand
ich  diese  Änderung,  die  das  Naßwerden  der  Vorhänge  bei
Regenwetter  und  das  Hin-  und  Herfliegen  des  als  Rouleau
dienenden  dünnen  Leinenstoffes  verursachte,  so  unbequem,
daß  ich  die  Fenster  noch  im  Laufe  desselben  Jahres,  wie  es
ursprünglich  bestimmt  war,  einrichten  ließ.  Im  Laufe  unserer
Besprechungen  gab  es  natürlicherweise  oft  freundschaftlichen ­
  Streit  und  ich  kann  mich  nur  an  einen  einzigen  Fall
erinnern,  da  man  davon  sprechen  konnte,  daß  wir  uns  „in
den  Haaren  lagen“.  Die  Details  der  in  Frage  stehenden
Angelegenheit  sind  mir  jetzt  entfallen,  ich  weiß  nur,  daß  es
sich  um  etwas  handelte,  das  die  Ausgaben  für  die  äußere
Ausschmückung  erheblich  erhöht  hätte;  ich  faßte  meine
Entgegnung  in  folgende  Worte  zusammen,  die  ich  mit
einigem  Eifer  sagte:  „Mein  Haus  soll  gebaut  werden,  damit
ich  darin  wohne  und  es  liebe,  es  soll  aber  keine  Ausstellung
nutzloser  Architektonik  sein!“  Ich  habe  sonst  nicht  die  Gewohnheit, ­
  lange  Reden  zu  halten  und  während  aber  diese
durch  die  Furcht  der  gesteigerten  Unkosten  hervorgerufenen
Worte  sich  gleich  einem  brausenden  Strom  ergossen,  sah
ich  es  der  gedrückten  und  etwas  erschrockenen  Miene  des
Architekten  an,  daß  lange  Reden  manchmal  doch  von  Nutzen
sind  und  zuweilen  als  Kampfmittel  in  der  Art  der  Belagerungsgeschütze ­
  dienen  können.
Wie  habe  ich  mich  über  den  ganzen  Prozeß  des  Bauens  von
dessen  Beginn  an  gefreut!  Ich  konnte  irgend  einem  geschickten
Arbeiter  stundenlang  zuschauen.  Selbst  das  Schaufeln  und
Ebnen  des  Bauplatzes  gewährt  einen  interessanten  Anblick,
wenn  es  aber  von  einem  sehr  erfahrenen  Arbeiter  besorgt
wird,  der  die  Werkzeuge  so  gebraucht,  daß  sie  ein  Teil
seiner  selbst  geworden  zu  sein  scheinen,  ist  das  Schauspiel
von  solchem  Reiz,  daß  ich  mich  nur  schwer  zum  Fortgehen
entschließen  konnte.  Welcher  Hochgenuß  war  es,  dem  Werkführer ­
  beim  Bauen  der  Mauer  zuzuschauen!  Er  war  der
Leiter  des  Bauunternehmens  und  Maurer  vom  Beruf,  beherrschte ­
  aber  anscheinend  alle  Werkzeuge.  Wie  schön  war
es,  ihn  bei  der  Arbeit  zu  sehen  und  seine  absolute  Genauigkeit
und  vollkommene  Vertrautheit  mit  dem  Werkzeuge  und
dem  Material  zu  sehen  und  die  Freude,  die  er  daran  hatte,
sein  lächelndes  Gesicht,  die  raschen,  fast  tanzenden  Bewegungen ­
  und  die  überschwengliche,  wenn  auch  gar  nicht
affektierte  Äußerung  seiner  flinken  Emsigkeit  zu  beobachten;
die  Arbeit  selbst  erscheint  mit  kleinen,  graziösen  Ornamenten ­
  geschmückt,  die  sich  in  halbbewußten  Berührungen  der
Maurerkelle  äußern  und  wie  zarte  Verzierungen  des  voll'
endeten  Könnens  erscheinen,  dabei  sieht  das  Ganze  so  leicht
aus,  daß  die  Tätigkeit  des  Arbeiters  nicht  an  diejenige  eines
sein  Tagewerk  erledigenden  Mannes,  sondern  an  die  Lustäußerungen ­
  eines  vor  lauter  Lebensfreude  springenden,
kräftigen,  jungen  Wesens  erinnert.  (Fortsetzung  folgt.)

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