Umstand, daß dieselben sich im Laufe langer Jahrhunderte
zu irgend einer bestimmten Form kristallisiert haben, kann
uns die Sicherheit geben, daß dafür irgend eine ganz be^
stimmte Ursache besteht; es folgt also daraus, daß der Ver^
such, die Methoden und Eigenheiten irgend einer entfernten
Gegend zu verwerten, mit Sicherheit den Eindruck von
etwas unbehaglich Exotischem, im geographischen Widern
Spruch Stehenden und von etwas, das an und für sich
vielleicht richtig ist, sich aber am Unrechten Platz befindet,
hervorruft.
Denn ich stelle für die Architekten die Regel auf, daß man
es jedem Gebäude ansehen muß, was es ist. Wie gut hat der
feine alte Architekt George Dance das verstanden, als er das
Gefängnis von Newgate baute! Hat denn nicht jeder intelligente
Mensch das Gefühl einer Dissonanz, wenn ein Gebäude eine
breite Front gleich einem griechischen Tempel hat und man
darin statt der feierlich hinschreitenden Andächtigen in
klassisch drapierten Gewändern und einem Zug blumenge'
schmückter, weißgekleideter Priester und geweihter Opfertiere
wie man zu erwarten berechtigt wäre, eilende Wagen mit
Bergen von Reisegepäck und Fahrrädern auf deren Gipfeln
an trifft!
Wenn doch auch in den Gebäuden nur ein wenig
Wahrheit und Ehrlichkeit enthalten wäre, wie in allem
anderen, was das Auge sieht und was das alltägliche Leben
ausmacht!
Viele meiner Freunde, die wissen, daß ich auf dem Gebiete
der Architektur und der verschiedenen Handwerke herumstümpere,
fragten mich, weshalb ich mein Haus nicht selbst
entworfen habe. Ich habe diese Frage, trotzdem dieselbe gut
und schmeichelhaft gemeint war, energisch verneint. Ein
Amateur, der architektonische Einfälle hat, kann ein Haus
nach seinem Belieben entwerfen und bauen, was ihm und
den Seinigen voraussichtlich sogar in ganz berechtigter und
ehrlicherweise eine Quelle höchster Befriedigung sein wird.
Es werden dem Haus aber die Eigenschaften fehlen, welche
die Wissenschaft und das feste Zugreifen des entwickelteren
Ausdrucksvermögens verleihen. Es werden stümperhafte und
mißlungene Stellen vorhanden sein und es wird innen und
außen an einer behaglichen Einfachheit mangeln. Wenn
irgend etwas angebaut werden soll, wird es an einen ver^
schämten Flick, der auf ein Kleid genäht worden ist, erinnern;
dieser Flick ist sich immer seiner störenden Gegenwart be'
wußt. Dagegen hat ein von einem guten Architekten
entworfener Anbau etwas von jener vornehmen Flickarbeit
an sich, die von genialen Italienern vor zweihundert Jahren
hergestellt wurde. Das Kleid benötigte einen Flick und bekam
einen solchen, statt aber einen plumpen Versuch, ihn zu ver^
bergen zu machen, verherrlichte man ihn, verwandelte ihn in ein
Ornament und eine graziöse Arabeske von Blättern, Blumen
und Ranken, die durch geschicktes Benähen mit Zwirn,
Schnur oder zarter Goldborte entstanden, so daß der unansehnliche
Riß sich unter den geschickten Fingern und dank
den geistreichen Einfällen eines fruchtbaren Hirns in etwas
Schönes und Herzerfreuendes verwandelte.
Als es so weit war, daß die Pläne zu meinem Haus hergestellt
werden sollten — ich hatte schon vor einem oder
zwei Jahren fälschlich angenommen, daß ich mit dem Bau
beginnen könnte — besprach ich mit dem Architekten die
Lage des Hauses und auch mehr oder weniger die Einteilung
der Zimmer. Ich sagte ihm, daß ich ein kleines, aber recht
geräumiges Haus haben wollte — es enthält alles in allem
sieben Schlafzimmer — und daß ich weder kleine, schmale
Gänge noch sonst irgend etwas zu Enges, Zusammengedrängtes
und schlecht Beleuchtetes möchte.
Er entwarf einen Plan und wir waren bald zuerst bezüglich
des Grundrisses und dann bezüglich der Details einig. Jede
Kleinigkeit wurde sorgfältig besprochen und ich muß gestehen,
daß ich in den meisten der wenigen Fälle, da ich den
Architekten zu beeinflussen suchte, seine Ansicht zu gunsten
meiner Wünsche zu ändern, besser daran getan hätte, den
Dingen ihren Lauf zu lassen. Der größte Irrtum, den ich
in dieser Beziehung beging, bestand in der Änderung der
Fensterflügel, d. h. der an Scharnieren auf- und zugehenden
Fensterscheiben. Er hatte in jeder langen Fensterreihe nicht
die untersten, sondern die darüber liegenden Scheiben zum
öffnen bestimmt. Ich glaubte, die untersten würden, besonders
in den Schlafzimmern, infolge der vor den Fenstern befindlichen
ungewöhnlich langen und breiten Toilettentische, die
ich liebe, leichter zu erreichen sein. Die Fensterflügel wurden
meinem Wunsche entsprechend angebracht. Späterhin fand
ich diese Änderung, die das Naßwerden der Vorhänge bei
Regenwetter und das Hin- und Herfliegen des als Rouleau
dienenden dünnen Leinenstoffes verursachte, so unbequem,
daß ich die Fenster noch im Laufe desselben Jahres, wie es
ursprünglich bestimmt war, einrichten ließ. Im Laufe unserer
Besprechungen gab es natürlicherweise oft freundschaftlichen
Streit und ich kann mich nur an einen einzigen Fall
erinnern, da man davon sprechen konnte, daß wir uns „in
den Haaren lagen“. Die Details der in Frage stehenden
Angelegenheit sind mir jetzt entfallen, ich weiß nur, daß es
sich um etwas handelte, das die Ausgaben für die äußere
Ausschmückung erheblich erhöht hätte; ich faßte meine
Entgegnung in folgende Worte zusammen, die ich mit
einigem Eifer sagte: „Mein Haus soll gebaut werden, damit
ich darin wohne und es liebe, es soll aber keine Ausstellung
nutzloser Architektonik sein!“ Ich habe sonst nicht die Gewohnheit,
lange Reden zu halten und während aber diese
durch die Furcht der gesteigerten Unkosten hervorgerufenen
Worte sich gleich einem brausenden Strom ergossen, sah
ich es der gedrückten und etwas erschrockenen Miene des
Architekten an, daß lange Reden manchmal doch von Nutzen
sind und zuweilen als Kampfmittel in der Art der Belagerungsgeschütze
dienen können.
Wie habe ich mich über den ganzen Prozeß des Bauens von
dessen Beginn an gefreut! Ich konnte irgend einem geschickten
Arbeiter stundenlang zuschauen. Selbst das Schaufeln und
Ebnen des Bauplatzes gewährt einen interessanten Anblick,
wenn es aber von einem sehr erfahrenen Arbeiter besorgt
wird, der die Werkzeuge so gebraucht, daß sie ein Teil
seiner selbst geworden zu sein scheinen, ist das Schauspiel
von solchem Reiz, daß ich mich nur schwer zum Fortgehen
entschließen konnte. Welcher Hochgenuß war es, dem Werkführer
beim Bauen der Mauer zuzuschauen! Er war der
Leiter des Bauunternehmens und Maurer vom Beruf, beherrschte
aber anscheinend alle Werkzeuge. Wie schön war
es, ihn bei der Arbeit zu sehen und seine absolute Genauigkeit
und vollkommene Vertrautheit mit dem Werkzeuge und
dem Material zu sehen und die Freude, die er daran hatte,
sein lächelndes Gesicht, die raschen, fast tanzenden Bewegungen
und die überschwengliche, wenn auch gar nicht
affektierte Äußerung seiner flinken Emsigkeit zu beobachten;
die Arbeit selbst erscheint mit kleinen, graziösen Ornamenten
geschmückt, die sich in halbbewußten Berührungen der
Maurerkelle äußern und wie zarte Verzierungen des voll'
endeten Könnens erscheinen, dabei sieht das Ganze so leicht
aus, daß die Tätigkeit des Arbeiters nicht an diejenige eines
sein Tagewerk erledigenden Mannes, sondern an die Lustäußerungen
eines vor lauter Lebensfreude springenden,
kräftigen, jungen Wesens erinnert. (Fortsetzung folgt.)
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