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MAK

Full text : Landhaus und Garten

XII

„gotischen“  Versuchen  absieht,  fast  ausnahmslos  italienisch,  nach  1870  erschien  es  im
Kleide  der  deutschen  Renaissance,  deren  Gestaltungsformen  im  großen  und  ganzen  noch
heute  maßgebend  sind.  Erst  ganz  in  neuester  Zeit  sind  dann  Versuche  gemacht  worden,
die  Fehler  und  die  Hemmungen,  die  beide  Stile  für  die  sachgemäße  Ausreifung  des
Landhauses  im  Gefolge  hatten,  zu  beseitigen.  Man  hat  einerseits  angefangen,  auf  England
zu  blicken,  und  anderseits  ist  man  sich  der  Schönheiten  des  einfachen  heimischen  Bürgerund ­
  Bauernhauses  bewußt  geworden.  Beide  Einflüsse  haben  vor  allem  dazu  beigetragen,
daß  den  Forderungen  nach  größerer  Schlichtheit  und  Sachlichkeit  weiterer  Spielraum
zugestanden  wurde.  Und  es  unterliegt  keinem  Zweifel,  daß  gerade  hier  der  Punkt  gegeben ­
  ist,  an  dem  eine  Reform  zuerst  einsetzen  muß.
Die  Richtung  auf  unsachlichen  Architekturaufputz,  unter  deren  Zeichen  die  heutige
Villa  steht,  ist  mit  der  Deutsch-Renaissancebewegung  gekommen.  War  man  mit  dieser
auch  in  der  richtigen  Erkenntnis,  daß  die  italienische  Bauweise  für  Italien  und  nicht  für
Deutschland  am  Platze  sei,  zu  deutschen  Baumotiven  übergegangen,  so  äußerte  sich  doch
die  Kursänderung  in  der  allgemeinen  architektonischen  Gestaltung,  die  damit  eintrat,
auf  die  Dauer  in  höchst  gefährlicher  Weise.  Macht  man  sich  klar,  was  der  frühere,
mit  italienischen  Kunstzielen  erfüllte  Architekt  wollte,  und  vergleicht  es  mit  dem,  was  nunmehr ­
  der  Deutsch-Renaissance-Architekt  wollte,  so  findet  man,  daß  der  erstere  Ebenmaß
und  Würde,  der  letztere  malerische  Bewegung  anstrebte.  Diese  artete  bald  in  die  Sucht
nach  Gruppierung  aus,  die  von  da  an  dem  deutschen  Villenbau  geradezu  verhängnisvoll
geworden  ist.  Wenn  man  heute  unsere  Vororte  durchstreift,  so  findet  man  Häuser,  an
denen  der  ganze  Motivenschatz  der  Vorbilderliteratur  angebracht  ist.  Giebelchen,
Erkerchen,  Türmchen  drängen  und  schieben  sich  förmlich.  Man  sieht  keine  Wand,  die  nicht
durch  Risalite,  Vorbauten  und  zurückspringende  Teile  unterbrochen  wäre,  und  keinen
Quadratmeter  Fläche,  der  nicht  irgend  ein  Dekorationsmotiv  aufwiese.  In  dem  Streben
nach  Wechsel  sind  am  selben  Bau  alle  Materialien  herangeholt  und  verwendet,  die  der
Baumarkt  bietet,  und  im  allgemeinen  hat  man  den  Eindruck  einer  großen  Narretei.
Es  herrschen  die  Ideale  des  Maskenballs.  Man  hängt  dem  Haus  tausend  bunte  Flicken
und  Fetzen  an  und  freut  sich  desto  mehr,  je  burlesker  die  Gesamterscheinung  geworden ­
  ist.  Wären  wir  nicht  alle  in  den  Gewohnheiten  unsrer  Zeit  befangen,  so  würden
wir  diese  heutige  deutsche  Villa  als  die  Ausgeburt  der  Lächerlichkeit  empfinden.  Sicherlich ­
  wird  eine  Zeit  kommen,  in  der  man  einsehen  wird,  daß  die  deutsche  Hausbaukunst
gerade  in  dieser  ihrer  Periode  den  Gipfel  ihrer  Verbildung  erreicht  hatte,  der  durch
keine  Geschmacklosigkeit  mehr  zu  überbieten  ist.
Zu  der  Maskerade  des  Hauses  paßt  die  Umgebung,  die  ihm  der  Landschaftsgärtner
schafft.  Während  der  Hauskünstler  mit  Architektur-  und  Stilkenntnissen  prahlt,  hat  der
Landschaftsgärtner  das  Ziel  des  „Natürlichen“.  Auf  zwanzig  Quadratruten  Grundfläche
imitiert  er  uns  Berg  und  Tal,  Felsengebirge  und  Wiesengrund.  Eine  zehn  Meter  lange,  mit
Zement  ausgekleidete  Pfütze  ahmt  die  Verzweigungen  des  Vierwaldstätter  Sees  nach.  Sinnlose ­
  Schlängelwege  irren  in  allen  Ecken  umher.  Naturhäuschen  aus  wilden  Ästen,  hier
und  da  ersetzt  durch  Gebilde  aus  Draht,  vervollständigen  das  Bild  von  Geschmacklosigkeit
und  Verkommenheit,  das  wir  im  heutigen  deutschen  Hausgarten  verkörpert  sehen.  Zu
diesem  Bilde  passen  dann  die  tönernen  Hasen  und  Rehe  und  die  glasierten  Gnomen  vortrefflich, ­
  durch  die  der  deutsche  Gartenenthusiast  heute  seinen  Kunstsinn  zu  betätigen  pflegt.
In  der  Kunst  des  heutigen  Villenarchitekten  sowohl  als  in  der  des  Landschaftsgärtners ­
  macht  sich  ein  äußerst  bedenklicher  Zug  unserer  Zeit  geltend:  die  Schulverbildung ­
  zur  Unsachlichkeit.  Der  Architekt  und  der  Landschaftsgärtner  haben
ihre  Weisheit  auf  der  Schule  gelernt  und  sind  weit  davon  entfernt,  die  Richtigkeit  und
            
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