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MAK

Full text : Landhaus und Garten

XXII

Die  Lage  zur  Himmelsrichtung  sollte  der  allererste  Gesichtspunkt  beim  Entwurf
eines  Landhauses  sein.  Das  unterscheidet  ja  eben  das  Landhaus  vom  Stadthause,  daß
es  ein  Organismus  ist,  bei  dem  alle  Vorteile  der  freien  Lage  zur  Wirkung  gebracht
werden  können.  In  der  Stadt  sind  die  Anwohner  einer  von  Osten  nach  Westen
laufenden  Straße  auf  der  einen  Seite  mit  sonniger  Lage  beglückt,  auf  der  andern  Seite
zur  Nordlage  verurteilt.  Beim  Landhause  liegt  jedoch  stets  die  Möglichkeit  vor,  die
Wohnräume  nach  der  Sonne  zu  legen.  Die  Lage  auf  der  Südseite  einer  Ost-Weststraße
ist  hier  sogar  günstig,  indem  sie  gestattet,  die  Wohnräume  zugleich  nach  dem  Garten
und  nach  Süden  zu  legen,  die  nördliche  Straßenfront  aber  für  die  Anlage  des  Einganges, ­
  der  Nebenräume,  der  Küche  usw.  zu  verwenden.  Freilich  widerspricht  das
ganz  den  bisherigen  deutschen  Gepflogenheiten,  denn  man  wohnt  dann  nicht  mehr  nach
der  Straße  hin.  Aber  die  sachgemäße  Weiterentwicklung  der  Landhausanlage  muß
hierin  notwendigerweise  eine  Änderung  herbeiführen.
Darüber,  daß  die  Wohnräume  nach  der  Sonnenseite  liegen  müssen,  kann  billigerweise ­
  keine  Meinungsverschiedenheit  sein.  Bedenkt  man,  daß  schon  im  Italienischen
das  Sprichwort  existiert:  Dove  non  va  il  sole,  va  il  medico,  obgleich  man  in  Italien
doch  mehr  geneigt  wäre,  sich  vor  den  Sonnenstrahlen  zu  schützen,  als  ihnen  Einlaß  ins
Haus  zu  gewähren,  so  muß  die  Forderung  der  Sonnenlage  für  unser  nördliches  Klima
eine  noch  viel  höhere  Bedeutung  erlangen.  Jeder  Mensch  kennt  den  freundlichen,
hellen  und  anheimelnden  Eindruck,  den  ein  sonnenbeschienener  Raum  macht,  und  er  mag
ihn  aus  eigener  Erfahrung  mit  dem  dumpfen,  kalten,  zum  Frösteln  veranlassenden  Eindrücke ­
  eines  Nordraumes  vergleichen.  Hier  ist  der  Eindruck  der  Freude,  dort  der  der
Dumpfheit,  und  daß  dieser  Eindruck  nicht  nur  auf  die  Stimmung  wirkt,  sondern  sich
auch  rein  gesundheitlich  äußern  muß,  liegt  auf  der  Hand.  Wie  wichtig  die  Sonne  für
jedes  Lebewesen  ist,  zeigt  in  markantester  Weise  das  Leben  der  Pflanzenwelt.  Jede
Topfpflanze  kehrt  ihre  Blätter  und  Blüten  nach  dem  Licht  und  der  Sonne,  und  wer
einen  von  Mauern  umgebenen  Garten  hat,  der  kann  beobachten,  wie  an  der  nördlichen
Mauerseite  die  Pflanzen  ein  elendes  Leben  fristen,  dagegen  an  der  sonnigen  Mauer
prachtvoll  gedeihen.
Diese  Verhältnisse  liegen  so  klar  zutage,  daß  man  sich  wundern  muß,  wie  es
überhaupt  möglich  ist,  sie  beim  Bau  des  freiliegenden  Hauses  außer  acht  gelassen  zu
sehen.  Und  doch,  man  durchwandere  unsere  Villenvororte,  und  man  wird  finden,  daß
sie  in  den  weitaus  meisten  Fällen  gänzlich  unbeachtet  geblieben  sind.  Da  ist  ein  Haus,
das  seine  „Fassade“  und  damit  seine  Wohnräume  nach  Norden  gerichtet  zeigt,  Küche
und  Nebenräume  liegen  nach  Osten  und  Süden.  Bei  einem  andern  weist  die  Westfront
die  Wohnräume  auf,  was  sich  für  einen  heißen  Sommer  als  eine  Qual  für  den  Bewohner
herausstellen  muß.  Man  hat  in  beiden  Fällen  gedankenlos  das,  was  in  der  Stadt  ein
unumgängliches  Übel  war,  auf  das  Landhaus  übertragen,  ist  von  dem  Irrtum  ausgegangen, ­
  daß  der  Bewohner  des  Hauses  nach  der  Straße  wohnen  müsse.
Wie  schon  erwähnt,  entspricht  es  dem  Wesen  des  Landhauses  viel  mehr,
daß  sich  die  Wohnräume  auf  den  Garten  erschließen.  Der  Garten  ist  ein  integrierender
Teil  des  Landhauses.  Er  ist  das  Stückchen  Sondernatur,  das  der  Hausbesitzer  hat,  und
die  Verbindung  von  Haus  und  Garten  sollte  daher  der  wichtigste  Gesichtspunkt  in  der
Anlage  des  Hauses  sein.  Was  liegt  also  näher,  als  daß  man  im  Landhause  nach  dem
Garten  wohnt,  sich  täglich  in  den  Genuß  der  Freuden  setzt,  die  der  Garten  gewährt?
Freilich  gehört  dazu  —  um  das  gleich  vorweg  zu  nehmen  —  eine  innigere  Annäherung
in  der  Höhenlage  des  Wohngeschosses  an  den  Garten,  als  sie  die  deutsche  Durchschnittsvilla ­
  hat,  aus  der  man  erst  durch  eine  Art  Hühnerstiege  in  den  Garten  hinabklettern
            
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