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Full text : Die Faiencen von Oiron (Henri-Deux) : Vortrag gehalten im k. k. österr. Museum für Kunst und Industrie

I  2

Nehmen  wir  also  an,  die  Ornamentation  der  Flächen  sei  vor  der
Formung  erfolgt,  so  entsteht  die  Frage  nach  dem  Verfahren  bei  der
Herstellung  der  Ornamente.  Da  ist  zu  unterscheiden  zwischen  den  Verzierungen, ­
  welche  aus  Linien  und  feinem  Blattwerk  bestehen,  und  den
breiteren,  bandartigen,  welche  sich  an  den  späteren  Arbeiten  durch  jene
Arabesken  hindurchschlingen.  Die  ersteren  sind  schwärzlich  und  vertieft,
die  Bänder  haben  vertiefte  schwärzliche  Umrisslinien,  zwischen  denen  der
Raum  mit  brauner,  aufgemalter  Farbe  ausgefüllt  ist.  Dass  die  Arabesken
mehr  als  an  irgend  etwas  anderes  an  Buchbinderverzierungen  erinnern,  ist,
wie  erwähnt,  schon  mehrfach  bemerkt,  auch  bereits  die  Vermuthung  geäussert
  worden,  dass  diese  mit  denselben  Werkzeugen,  deren  sich  der  Buchbinder ­
  zum  Aufdrucken  seiner  Verzierungen  bedient,  in  die  noch  weiche
Thonmasse  eingedrückt  sein  möchten  *).  Das  ist  auch  ohne  Zweifel  richtig.
Nur  hat  man  nicht  erst  die  Verzierungen  eingedrückt  und  dann  mit  Farbe
gefüllt,  sondern,  ganz  so  wde  es  der  Buchbinder  macht,  beides  zugleich.
Die  Stempel,  Stanzen  oder  Fileten  wurden  mit  Farbe  bestrichen  und  dem
Thon,  wie  sonst  dem  Leder  auf-  und  eingedrückt.  Die  Bandstreifen
wurden  dann  mit  dem  Pinsel  ausgemalt.  Manche  Details,  für  welche  keine
Stempel  vorhanden  sein  mochten,  Linien,  Embleme,  in  Umriss  gezeichnete
Köpfe  u.  a.  m.  können  mit  einem  in  Farbe  getauchten  Metallstifte  eingegraben ­
  worden  sein  8 ).  Für  die  häufig  vorkommenden,  ein  Kettenornament
bildenden,  kleinen  Kreise  genügte  als  Stempel  ein  Federkiel.  Es  ist  also
keine  Incrustation  in  dem  Sinne,  dass  eine  farbige  Thonmasse  in  die  Vertiefungen ­
  gestrichen  worden  wäre.
Die  Farbe  ist  in  den  allermeisten  Fällen  dunkelbraun  bis  schwarzbraun, ­
  seltener  roth  (Eisenroth);  nur  an  wenigen  Exemplaren  kommen
beide  Farben  zugleich  vor.  Doch  nie  zugleich  an  einem  und  demselben
Bestandtheil.  So  gibt  es  mehrere  Leuchter,  welche  ganz  roth  ornamentirt
sind,  nur  die  Basis  braun,  an  einer  Giesskanne  ist  nur  das  oberste  Halsstück ­
  roth.  Die  Regel  ist,  dass  das  Ornament  farbig  auf  dem  Thongrunde
erscheint.  Doch  fehlt  es  nicht  an  Beispielen,  namentlich  bei  textilen  Mustern, ­
  dass  der  Grund  gefärbt,  die  Zeichnung  ausgespart  ist.  —  Die,Untersuchung, ­
  welcher  Pigmente  man  sich  bedient  hat,  muss  natürlich  der
Chemie  überlassen  bleiben  9 ).
Welcher  Art  waren  nun  die  Formen,  aus  welchen  die  Gefässe  gepresst ­
  wurden?  Wer  war  der  Künstler,  dei:  sie  modellirte?  Unserer  Ueberzeugung
  nach  wurde  die  Mitwirkung  eines  solchen  gar  nicht  in  Anspruch ­
  genommen.  Die  Vergleichung  der  einfachsten  und  complicirtesten
Oirongefässe  führt  nämlich  zu  der  Annahme,  dass  die  Haupttheile  aus
Hohlformen  hervorgegangen  seien,  die  zumeist  in  nichts  anderem  als  Geschirren, ­
  der  Credenz  und  der  Küche  entlehnt,  bestanden  haben.  Betrachten ­
  wir  die  einfachen  Coupen  der  ersten  Periode:  ein  flacher  Napf
dient  zum  Formen  der  Schale,  ein  kleinerer  gibt  den  Fuss,  ein  cylindrisches
  Gefässj,  vielleicht  ein  ordinäres  Glas,  den  Ständer.  Und  falls  man
            
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