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Full text : Die Faiencen von Oiron (Henri-Deux) : Vortrag gehalten im k. k. österr. Museum für Kunst und Industrie

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die  Formen  für  dieselben  von  Originalen  im  Besitz  des  Verfertigers  der
Gefasse  gewonnen,  keineswegs  aber  von  Modellen,  welche  eigens  für  diesen
Zweck  wären  gearbeitet  worden.  Damit  fällt  auch  die  NÖthigung  weg,  den
Abdrücken  von  Medaillen  oder  Amuleten,  welche  an  einigen  Gefässen  Vorkommen, ­
  eine  bestimmte  Beziehung  auf  das  Gefäss  oder  den  Verfertiger,
oder  den  Besitzer  beizulegen,  was  bisher  viel  Verlegenheit  bereitet  hat 11 ).
Es  fällt  auch  manches  Bedenken  weg,  welches  dadurch  entstand,  dass  dies
oder  jenes  Beiwerk  nicht  völlig  zum  Charakter  der  Zeit  passen  wollte,  in
welche  man  die  Entstehung  der  Gefässe  setzte.  Wie  früher  erwähnt,
drückten  der  oder  die  Verfertiger  offenbar  in  Thon  ab,  was  ihnen  zur
Hand  war  und  geeignet  erschien.
Fassen  wir  das  besprochene  kurz  zusammen,  so  erhalten  wir  die
folgenden  Sätze:
Die  Oirongefässe  sind  ohne  Anwendung  der  Drehscheibe  oder  der
Stückformen  gebildet;  die  einzelnen  Bestandtheile  gingen  aus  Hohlformen
hervor,  als  welche  wir  uns  in  den  meisten  Fällen  gewöhnliches  Küchengeschirr ­
  denken  können,  oder  wurden  frei  modellirt.  Die  Flächenornamente
wurden  mit  Buchbinderfileten  und  mit  Farbe  auf  die  Thonschwarte  gedruckt, ­
  und  dann  erst  aus  dieser  die  für  das  Formen  erforderlichen  Stücke
geschnitten.
Der  originelle  Aufbau  der  complicirteren  Gefässe  verräth  ein  feines
Formgefühl,  aber  durchaus  nicht  eine  künstlerische  Schulung  des  Auges
und  der  Hand.  Und  sowohl  diese  Art  der  Composition,  als  die  äusserst
mühsame,  viel  Geduld,  peinliche  Genauigkeit  und  geschickte  Finger  voraussetzende ­
  Mosaikarbeit  aus  Thon  machen  es  sehr  wahrscheinlich,  dass
wir  die  Oirongefässe  als  eine  höchst  merkwürdige  Species  weiblicher  Handarbeit ­
  zu  betrachten  haben;  ein  Grund  mehr,  weshalb  wir  gegen  die
Hypothese  nichts  einzuwenden  haben,  nach  welcher  Frau  Helene  de  Hangest-Genlis
  als  die  Urheberin  derselben  zu  gelten  habe.
Den  stricten  Beweis,  dass  sie  oder  irgend  Jemand  sonst  die  vorhandenen ­
  Oirongefässe  wirklich  auf  die  geschilderte  Art  gemacht  habe,
können  wir  allerdings  nicht  führen.  Dass  es  aber  möglich  ist,  auf  jene  Art
Gefässe  herzustellen,  welche  mehr  als  irgend  eine  frühere  Imitation  den
wirklichen  Charakter  der  Oirongefässe  haben,  das  hat  Hr.  Macht  durch
practische  Versuche  dargethan,  durch  welche  allerdings  neuerlich  der
Beweis  geführt  ist,  dass  dieser  Charakter  in  einer  fabriksmässigen  Herstellung ­
  nicht  gewahrt  werden  könnte.
Für  denselben  darf  also  das  Verdienst  in  Anspruch  genommen  werden,
dass  er  in  eine  vieldiscutirte  Frage  Licht  gebracht  und  den  Kreis  von
Arten  der  Kunsttechnik,  welche  durch  Jahrhunderte  der  Vergessenheit  verfallen, ­
  in  der  Gegenwart  zu  neuem  Leben  erweckt  worden  sind,  um  ein
höchst  interessantes  Glied  bereichert  hat 12 ).
            
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