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Full text : Die Faiencen von Oiron (Henri-Deux) : Vortrag gehalten im k. k. österr. Museum für Kunst und Industrie

Uie  Geschichte  der  Kleinkünste  hat  es  mit  verhältnissmässig  wenig
Persönlichkeiten  zu  thun.  Je  schöpferischer  die  Zeit,  je  allgemeiner  die
Kunstfertigkeit  war,  desto  weniger  fand  es  gemeinhin  der  Meister  nothwendig,
  ein  Werk  seiner  Hände  ausdrücklich  als  solches  zu  beglaubigen.
Und  wo  das  dennoch  geschehen  ist,  da  bleibt  das  eingeschlagene  oder
eingebrannte  Monogramm  für  uns  gewöhnlich  nur  —  Monogramm,  eine
Maske,  welche  wir  nicht  zu  lüften  vermögen.  Anderseits  erhalten  wir
aus  den  jetzt  überall  in  den  Archiven  so  emsig  durchforschten  städtischen
Rechnungen,  Zunftbüchern,  Geburts-,  Trau-  und  Sterberegistern  selten
mehr  als  Verzeichnisse  von  Namen,  selten  Daten,  welche  Aufschluss  über
die  künstlerische  Bedeutung  der  Träger  jener  Namen  geben  könnten.
Und  findet  sich  etwa  in  den  Ausgabenbüchern  kunstliebender  Höfe  oder
Stadtverwaltungen  oder  in  Baurechnungen  der  Kirchen  beides  vereinigt,
so  ist  es  wieder  leider  zu  oft  unmöglich,  die  Denkmäler,  auf  welche  die
Nachweise  sich  beziehen,  mit  Sicherheit  zu  bezeichnen.  Dadurch  entgeht
allerdings  dieser  Zweig  der  Kunstgeschichte  bis  zu  einem  gewissen  Grade
der  Gefahr,  ein  Kampfplatz  der  Meinungen  über  die  Autorschaft  an  ausgezeichneten ­
  Werken  zu  werden,  findet  die  Lust  am  Taufen  und  Umtaufen ­
  von  Kunstschöpfungen  dort  wenig  Ausbeute.  Man  darf  sich  in  der
Regel  begnügen,  die  Zeit  der  Entstehung  und  die  Landschaft,  im  günstigsten ­
  Falle  die  Stadt  zu  bestimmen,  aus  welcher  die  Arbeit  hervorgegangen ­
  sein  möge;  und  in  diesen  Beziehungen  kommen  grosse  Meinungsverschiedenheiten ­
  nicht  gar  häufig  vor.  Wohl  aber  gibt  es  Gruppen
von  Kunstgegenständen,  welche  solchen  Bestimmungen  ganz  ausserordentliche ­
  Hindernisse  bereiten;  Gegenstände,  welche  eine  ganz  abgesonderte
Stellung  einnehmen,  ohne  Vorläufer  und  ohne  Nachfolger  dastehen,  nicht
hinlänglich  ausgeprägt  nationale  oder  locale  Züge  an  sich  tragen  und
selbst  der  Fixirung  der  Zeit  einen  ziemlich  weiten  Spielraum  lassen.  Man
glaubt  sich  den  Erzeugnissen  einer  einzelnen  Werkstatt  oder  eines  einzelnen ­
  Künstlers  gegenüber  zu  sehen,  welcher  seine  Technik,  seinen  Stil
nicht  nur  bei  Lebzeiten  als  sein  persönliches  Eigenthum,  als  sein  Geheimniss
  behandelt,  sondern  auch  mit  sich  ins  Grab  genommen  habe.  Aber
wo?  wann?  der  Meister  gelebt  habe,  darauf  will  uns  nichts  Antwort  ertheilen.
  Ein  solches  Räthsel  geben  uns  jene  Gefässe  auf,  welche  einer
Tradition  zufolge  venezianisches  Email  genannt  werden  und  die  sich  so

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