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Objekt: Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 1. Jahrgang 1904/05

Wachau. 
Unbeweglichem, als Museum behandelt werden, mit dem 
Unterschiede, daß es nicht abgelebtes, außer Gebrauch ge^ 
setztes Gerümpel enthält, spndern zugleich Gebrauchswert 
und vom Leben durchflutet ist. 
Solcherart würde die ganze Schönheit unserer Provinzen um 
verkümmert erhalten, die gerade zur Zeit der Pflege der SO' 
genannten allgemeinen Bildung zum erheblichen Teil den 
vermeintlichen Utilitätszwecken, angeblichen Verkehrsforde 
rungen, der Fremdenindustrie, dem fälschlichen Fortschritt 
und hundert anderen, wie immer Namen führenden Spekula 
tionen geopfert wurde. 
Der künstlerische Sinn müßte der Schwerpunkt der allgemeinen 
Bildung werden, wenn wir wieder zu einer wahren Kultur 
gelangen sollen. 
Noch ist das alte Kulturbild in der 
DAS ALTE Wachau fast unversehrt geblieben. Die 
KULTURBILD IST Natur hat hier als Künstlerin mit- 
FAST UNVER- gearbeitet. Nicht allein was die wunder- 
SEHRT. vollen atmosphärischen Stimmungen 
zu den verschiedenen Tages- und 
Jahreszeiten betrifft, die am herrlichsten in diesen Frühlings 
tagen sind, da über den Donauauen ein grüner Schimmer 
von schwellenden Knospen liegt und hinter durchsonnten 
Nebelschleiern der glänzende Wasserspiegel, dämmerblaue 
Waldberge und der heitere Kranz von Städten und Dörfern 
den Ufern entlang auftauchen. In bunter Reihe ziehen die 
Orte vorüber, Melk, Aggsbach, Weißenkirchen, Dürnstein, 
Stein, Krems, der kleineren nicht zu gedenken, die barocke 
Pracht der Stifte und ihrer Dome, die mittelalterlichen Giebel 
bauten und Arkadenhäuser, Schlösser, Burgruinen, Wein 
berge, in Terrassen übereinander gebaut, Felsenwände, Obst 
gärten und Bergwälder, alte verfallene Befestigungen, Kapellen 
und Pfarrkirchen. Wie aus dem Felsen herausgemeißelt, auf 
dem sie stehen, wachsen die Häuser und Kirchen der Dörfer 
empor, altersgrau und wie aus einem Gusse mit der um 
liegenden Landschaft, in großen, einfachen Linien und un 
geteilten Wandflächen, vielfach von Reben überklettert und 
um so sichtlicher mit dem Boden verkittet. In diesem Gegen 
wartsbild drängt Altes und Neueres in harmonischer Einheit 
wie auf einer Fläche zusammen. Auf dem Urstock von Felsen 
und darauf errichteter burgenhafter Befestigung erhebt sich 
der Barockbau des stolzen Stiftes Melk mit herrlichen archi 
tektonischen Gartenanlagen, während am Fuße des Felsens 
im Orte eine uralte Hausbautradition mit Giebeldächern und 
offenen Lauben sich unverkümmert forterhalten hat bis in 
die jüngste Gegenwart, wo allerdings der verderbliche Einfluß 
großstädtischen Ungeschmacks dem alten Bestände Gefahr 
bringt. In allen Orten tritt der Niederschlag historischer 
Kulturepochen als Unterschicht hervor, auf der sich das klein 
bürgerliche und bäuerliche Leben in nicht weniger organischen 
natürlichen Formen eingenistet. Hier sind auf den Resten 
eines Kuenringer Raubschlosses Kapelle und Friedhof ent 
standen, dort erhebt sich über einer verfallenen Burgmauer 
ein weitausschauendes Pfarrkirchlein und andernorts bilden 
Felsen, alte Befestigungsteile und darauf entstandene Wohn 
häuser mit Vorgärten und Weinbergterrassen einen unent 
wirrbaren Zusammenhang, malerisch und zugleich archi 
tektonisch interessant. 
Nur an den Endpunkten Melk und 
DIE GEPLANTE Krems mit dem Eisenbahnverkehr in 
ERSCHLIESSUNG Berührung, wird die Verbindung der 
DER WACHAU. Orte in der Wachau durch die Donau 
schiffahrt hergestellt, aber im übrigen 
durch eine verhältnismäßig große Abgeschlossenheit viel 
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