Michael Thonet vs. Carl Leistier
Sessel Chair für for Palais Liechtenstein
Entwurf Design: Peter Hubert Desvignes / Michael Thonet, Wien Vienna, 1844-47
Ausführung Execution: Michael Thonet, Wien Vienna, Werkstatt Workshop Leistier,
1 844-49; Palisander, stab-/schichtverleimt und massiv, geschnitzt, gepolstert
Rosewood, rod bundles/laminated and solid, carved, upholstered; Fürstliche
Sammlungen The Princely Collections Liechtenstein
Sessel Chair für for Palais Liechtenstein
Entwurf Design: Peter Hubert Desvignes, Wien Vienna, 1843-47
Ausführung Execution: Carl Leistier, Wien Vienna, 1843-47; Mahagoni, geschnitzt,
gepolstert Mahogany, carved, upholstered; MAK LHG 1 638/1 988; Dauerleihgabe
Fürstliche Sammlungen Permanent loan The Princely Collections Liechtenstein
Schon bei der von Peter Hubert Desvignes
Mitte der 1840er Jahre entworfenen Möblie
rung für das Palais Liechtenstein in Wien hatte
sich abgezeichnet, dass Michael Thonet dank
seiner innovativen Biegetechnik dazu in der
Lage war, repräsentative Anforderungen mit
moderner Leichtigkeit und Eleganz zu verbin
den. Im Unterschied zur stilistischen Ausge
wogenheit der Thonet’schen Laufsessel wirken
die von Carl Leistier ausgeführten Stühle aus
dem Palais Liechtenstein geradezu schwerfällig
und unbeholfen. Dies sollte auf der Weltaus
stellung in London 1851 nur umso augenfälli
ger werden: Im Rahmen einer erstmals voll
ständig angebotenen Garnitur präsentierte Mi
chael Thonet einen schlanken Fauteuil als neu
en und preiswerten Möbeltyp und befreite sich
damit völlig von den stilistischen Eskapaden
des Zweiten Rokoko. 1 Carl Leistier wartete auf
der Great Exhibition dagegen mit Exponaten 2
von einer ausladenden Opulenz auf, die dem
hier gezeigten, mächtigen Fauteuil aus dersel
ben Zeit entsprach und deren Eindruck in ei
nem zeitgenössischen Bericht geschildert wur
de: „In den Zimmern, wo Leistier aus Wien sei
ne prächtigen, nur zu reich verzierten Möbel
aufgestellt hat, ist es auch nie leer. Man kann
aber auch nichts reicheres in Holzschnitzerei
sehen, wie sie hier an jedem Stück verschwen
det ist. Nur zu viel, viel zu viel.“ 3 Ganz anders
wurden die Thonet’schen Möbel aufgenommen
- nicht zuletzt aufgrund ihres günstigen Prei
ses: „Die Palisandermöbel von M. Thonet, in
Wien, meistens mit eingelegter Arbeit in Buhl,
Schildpatt, Perlmutter u. dgl. waren ganz vor
trefflich. Ein Palisander-Sopha nebst Lehn
sessel und 6 Stühlen im Preise von 407 Fl.
erschien insbesondere ganz außerordentlich
billig. Die Stühle von Thonet, zum Theil aus ge
bogenem Holz, erfreuten sich einer besonde
ren Aufmerksamkeit von Seiten der Jury.“ 4
1 Vgl. Marianne Zweig, Zweites Rokoko, Wien 1924.
2 Die Leistler'schen Ausstellungsstücke - die Einrichtung eines
Vorzimmers, eines Speisesaals für 36 Personen, einer Bibliothek
und eines Schlafzimmers - hatte der Architekt Bernardo di
Bernardis entworfen.
3 Friedrich Wilhelm Hackländer, „London 1851 - Weltausstellung“,
Kap. 3: Der Kristallpalast, 34, in: Krieg und Frieden, Bd. 2,
Stuttgart 1859, zit. nach http://www.fw-hacklaender.de/pdf/.
4 Amtlicher Bericht über die Industrie-Ausstellung aller Völker zu
London im Jahre 1851, Dritter und letzter Teil, Berlin 1853, 415.
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