Von der Manufaktur zur Fabrik
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Diese beiden Versionen des Thonet-Sessels
Nr. 2 zeigen beispielhaft die technischen und
formalen Veränderungen, die über einen Zeit
raum von etwa 30 Jahren zur endgültigen und
für die industrielle Fertigung optimierten Aus
prägung des Modells geführt haben. Das
Exemplar ohne Fußring wurde Anfang der
1850er Jahre in der Wiener Werkstatt in Gum-
pendorf gefertigt. Es trägt an der Unterseite
des Sitzrahmens den Prägestempel: „Thonet
Wien Gump. 396“. 1 Bis auf die Vorderbeine
sind alle Bauteile noch schichtverleimt ausge
führt. Das spätere Großserienmodell dagegen
ist vollständig massiv gebogen und zeigt be
reits alle bis Ende der 1870er Jahre eingeführ
ten technischen Verbesserungen hinsichtlich
Stabilität, Praktikabilität und Haltbarkeit: den
ab 1861 verwendeten Fußring, die um 1875
eingeführten Verstärkungswinkel zwischen
Sitzaußenseite und Rückenlehne sowie die
unterseitigen Sitzrahmenerhöhungen (Konso
len, die im Bereich der Vorderbeine längere
Zapfen erlauben und die Kontaktfläche der Hin
terbeine mit dem Sitzring vergrößern). Bei den
Trapezrahmen wurde die seitliche Schäftung
aufgegeben; stattdessen erhielten sie - eben
so wie die kreisrunden Rahmen - ab Mitte der
1870er Jahre die sogenannte Sitzschlusskap
pe: Um die Spannung aus der Rahmenkon
struktion zu nehmen, wurde sie zwischen den
Hinterbeinen aufgetrennt und zwei Drittel der
Breite außen weggeschnitten; außen wurde
dann als „Kappe“ ein passendes Stück Holz
aufgesetzt, das mit dem Rahmen verleimt und
verschraubt wurde. 2
1 Dieser Stempel, den alle für den allgemeinen Verkauf hergestellten
Möbel erhielten, verweist auf den Firmennamen und die Adresse
der im Mai 1849 eingerichteten Werkstatt in Wien: „Gumpendorf,
Hauptstraße Nr. 396". Mit der Protokollierung der Firma Gebrüder
Thonet ab 1854 wurde die Kennzeichnung „GB. THONET Wien“
eingeführt, die bis Anfang der 1860er Jahre in Gebrauch war.
2 Vgl. die Illustration Nr. 3 in: Karl Mang, Thonet Bugholzmöbel,
Wien 1982, 46.
Sessel Nr. 2 Chair No. 2
Entwurf Design: Michael Thonet, Wien Vienna, um ca. 1850
Ausführung Execution: Michael Thonet, Wien Vienna, Werkstatt Workshop Gumpendorf, um ca. 1850;
Buche, schichtverleimt und massiv, Geflecht Beech, laminated and solid, cane; MAK H 3013/1988
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