MAK

Full text: Bugholz, vielschichtig : Thonet und das moderne Möbeldesign

Prototypen und Demonstrationsobjekte 
Fauteuil Armchair 
Entwurf und Ausführung Design and execution: Jean-Joseph Chapuis, Brüssel 
Brussels, 1803/4; Nussbaum, massiv und schichtverleimt, Bronze, Geflecht 
Walnut, solid and laminated, bronze, cane; Privatsammlung Private Collection 
Sessel Nr. 6 Chair No. 6 
Entwurf Design: Michael Thonet, Wien Vienna, um ca. 1850 
Ausführung Execution: Gebrüder Thonet, Wien Vienna, 1850er Jahre 1850s; 
Buche, stab-/schichtverleimt Beech, rod bundles/laminated; Technisches Museum 
Wien Vienna 
Prototypen dienen dazu, einen ersten „echten“ 
Eindruck von einem Objekt zu geben. So ent 
spricht Jean-Joseph Chapuis’ Prototyp des 
Fauteuils für das Palais Laeken in Brüssel zwar 
bereits weitgehend dem späteren Serienmo 
dell, zeigt aber einige konstruktive Besonder 
heiten, die für die Serienfertigung nicht über 
nommen wurden. Der zwischen den Hinterbei 
nen angebrachte U-förmige Bügel, der das 
Kippen des Sitzes verhindern sollte sowie die 
stabilisierende Verbindung zwischen den Vor 
derbeinen wurden beim ausgereiften Modell 
durch unter dem Sitz angebrachte Winkel er 
setzt. Der hier gezeigte Sessel der Gebrüder 
Thonet ist dagegen kein Prototyp im eigentli 
chen Sinne, da das Möbel so niemals gebaut 
werden sollte. Vielmehr handelt es sich um 
eine Art Demonstrationsobjekt, bei dem die 
verschiedenen technischen Möglichkeiten an 
einzelnen Bauteilen durchexerziert wurden. 1 
Es finden sich Variationen von Schicht- und 
Stabverleimung sowie viele Ausbesserungen, 
Reparaturen und Ergänzungen, die wohl den 
unterschiedlichen Zeitständen geschuldet sind. 
Nicht wirklich exakte, provisorische Einschnitte 
in den Sitzring lassen zudem nachvollziehen, 
dass man ursprünglich anders dimensionierte 
Vorderbeine einbauen wollte. Die beiden Mo 
delle machen auch deutlich, dass Entwurf und 
Ausführung bei den Möbeln in dieser Zeit noch 
weitgehend in einer Hand lagen. Allerdings 
wurden die mit besonderen Fähigkeiten aus 
gestatteten Handwerker im Industriezeitalter 
sukzessive durch „Designer“ ersetzt, die vor 
allem für die maschinelle Produktion entwarfen 
und mit der Ausführung der Möbel selbst nicht 
mehr viel zu tun hatten. In diesem Sinne lassen 
sich Prototypen heute oftmals als dreidimen 
sionale Ideenskizzen betrachten, wie der Ent 
wurf für einen „Raumstuhl“, den die Designe- 
rinnengruppe POLKA 2009 im Rahmen der 
von Gregor Eichinger kuratierten MAK-Aus- 
stellung The Shape ofthe Cafe to Come vor 
legte: Das aus billigem und einfach zu verar 
beitendem Schaumstoff hergestellte Modell 
versteht sich als eine experimentelle Weiter 
entwicklung der Nr. 14 von Thonet - dem 
Inbegriff des Kaffeehausstuhls. 
1 Eine ausführliche Beschreibung der Bauart sowie Detailaufnahmen 
finden sich in Thillmann, Schichten, München 2018, 36 ff. 
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