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Full text: Bugholz, vielschichtig : Thonet und das moderne Möbeldesign

Alessandro Mendini: Re-Design des Thonet-Sessels Nr. 14, 1978, 
Bugholz, Rohrgeflecht, Metall, Kunststoff; Studio Alchimia, Mailand 
Alessandro Mendini: Re-Design of Thonet Chair No. 14, 1978, 
bentwood, caning, metal, plastic; Studio Alchimia, Milan 
Rahmen der Kunst einerseits den Auftakt zu postmoderner Appropriation, 
andererseits den Beginn der Ikonisierung bestimmter Designer und ihrer 
Entwürfe, aus der schließlich auch die Re-Editionen des sich etablierenden 
„Klassikermarkts“ resultierten. 11 Unter der Schirmherrschaft der Kunst - 
und hier ließen sich ebenso plastische Werke von Joan Miro, Jiri Kolär, 
Stefan Wewerka, Bruno Gironcoli, Mario Terzic, Paul Thek, Jannis 
Kounellis, Günther Uecker und Birgit Jürgenssen aus den 1960er und 
70er Jahren anführen - wurde auch die Firma Thonet mit ihren Produkten 
sukzessive in das Pantheon des internationalen Designs eingeführt. 
Die Musealisierung der Bugholzmöbel 
Die Erfolgsgeschichte der Firma Thonet stellt so etwas wie einen Mythos 
der modernen Designgeschichte dar. Mitte des 19. Jahrhunderts war der 
deutsche Tischler Michael Thonet, der sich 1819 in Boppard am Rhein 
selbstständig gemacht und in den 1830er Jahren eine vielversprechende 
Holzbiegetechnik für Möbel entwickelt hatte, aus wirtschaftlichen Gründen 
nach Wien abgewandert: Hier konnte er seine Bugholzmöbel perfektio 
nieren und das wohl größte Möbelimperium seiner Zeit begründen. Mit 
dem ab 1859 produzierten Modell Nr. 14 schuf Thonet zudem eines der 
weltweit meistverkauften Möbelstücke - es gilt heute als einer der „Klas 
siker“ des modernen industriedesigns schlechthin. 
Michael Thonet und seine Söhne - die späteren Gebrüder Thonet - 
waren wohl die ersten, die von der Qualität ihrer Produkte und der Be 
deutung ihres Unternehmens überzeugt waren. Die auf den diversen 
Weltausstellungen seit 1851 erzielten internationalen Preise und die 
wachsenden Verkaufszahlen gaben ihnen recht. 1896 wurde zum 
100. Geburtstag des Firmengründers nicht nur eine Festschrift publiziert, 12 
sondern auf Schloss Wsetin, das die Familie 1890 erworben hatte, auch 
das erste Museum mit historischen Möbeln eingerichtet, die aus dem 
Privatbesitz der Familie in Wien, Koritschan und Groß-Ugrösz stammten. 
Wie Hermann Heller in seiner um 1920 publizierten Monografie über Mi 
chael Thonet berichtet, gelangten die nach einem Brand im Jahr 1915 
noch erhaltenen Stücke dieser ersten Sammlung ins Technische Museum 
in Wien: „Diese Kollektion zeigt uns, daß unser Meister schon im Beginne 
seiner handwerklichen Tätigkeit Hervorragendes geschaffen, daß er Ori 
ginalität und Gediegenheit in besonderem Maße bei seinen Leistungen 
vereinigte. Aber interessanter als jene Tatsache ist der Umstand, daß 
sich aus dieser Kollektion der Werdegang der Thonetschen Industrie 
nachweisen und verfolgen läßt, oder richtiger ließ; bedauerlicherweise 
ist ein Teil dieser Sammlung während eines Schadenfeuers im Wsetiner 
Schlosse vernichtet worden, der Rest wurde dem technologischen 
Museum in Wien einverleibt.“ 13 
Aufschlussreich ist dieser Bericht nicht zuletzt deshalb, weil er zeigt, dass 
damals keineswegs die ästhetischen Aspekte der Bugholzmöbel im 
Mittelpunkt des Interesses standen, sondern vielmehr die technolo 
gisch-wirtschaftliche Entwicklung des Unternehmens. Gottfried Semper 
hatte zwar 1863 im zweiten Band seines Hauptwerks Der Stil die Ansicht 
vertreten, dass sich das Thonet’sche Verfahren das Holz durch Zwang 
dienstbar mache und der Natur des Werkstoffs nicht entspräche, doch 
das Holzbiegen konnte sich schon bald als relevanter Faktor für die wirt 
schaftliche und industrielle Entwicklung der k. & k. Monarchie etablieren. 14 
11 Breuer 2001 (wie Anm. 9), 72 ff. 
12 Vgl. die Festschrift Michael Thonet. Ein Gedenkblatt aus Anlass der hundertsten Wiederkehr seines 
Geburtstages, 2. Juli 1896. Von seinen Söhnen und Enkeln, Wien 1896. 
13 Hermann Heller, Von der kleinen Tischlerwerkstätte zum Weltindustriehaus. Michael Thonet, der 
Erfinder und Begründer der Bugholzmöbel-Industrie. Lebens- und Charakterbild. Für Volk und 
Jugend, Brünn o.J. (um 1920), 10. 
14 Vgl. Gottfried Semper, Der Stil in den technischen und tektonischen Künsten oder praktische 
Ästhetik. Ein Handbuch für Techniker, Künstler und Kunstfreunde (1860/63), 2. Bde., Mittenwald 
1977, Bd. 2, 256. 
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